“1Q84” von Haruki MURAKAMI (1 – 3)

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Was bringt jemanden dazu, einen Roman mit der Gesamt-Hörzeit von 47 Stunden innerhalb von ca. 3 Jahren ein zweites Mal zu hören?
Entweder handelt es sich um eine Stück genialer Literatur oder man unterliegt irgendeiner speziellen Sucht.
Ein wenig süchtig bin ich wirklich nach “meinem” Japaner (dazu auch hier). Aber jetzt soll es um diesen besonderen Roman (von 2012) gehen.

Es ist nicht ganz einfach zu erklären, warum dieser dreiteilige Roman so lang ist. Die Handlung ließe sich sicherlich auf einen mittellangen Band komprimieren. Doch entspräche nicht dem Erzählstil von MURAKAMI.
Der Autor liebt die Redundanz. Er webt und lullt einen geradezu ein in diese sehr besondere Welt des Jahres 1984. Und diese Welt besteht – typisch MURAKAMI – aus zwei Ebenen: einer “realen” und eine irgendwie “mystischen”.

Der Autor liebt das Spiel mit diesen beiden Dimensionen. Er betreibt es auf eine ganz besondere Weise: Er hat einen sehr nüchternen und sachlichen Erzählstil, liebt die Schilderung von Details und schafft durch die fast gebetsmühlenhafte Wiederholung von bestimmten “Kernaussagen” einen vertrauten Rahmen, in dem die Geschichte und der Leser immer wieder ihren Halt finden. Ein bisschen so, wie das wiederholte Aufgreifen von Grundthemen in einem musikalischen Opus.
Das Raffinierte dabei ist, dass er auch die fantastischen, irrealen Aspekte seiner Geschichte so unaufgeregt und selbstverständlich erzählt wie normale Alltagsabläufe. So gewöhnt man sich als Leser auch an abstruse Gegebenheiten bzw. Abläufe und akzeptiert sie als irgendwie “echt”.
Das ist nicht zu vergleichen mit einem “Fantasy”-Stil. Es ist das geradezu lautlose Einschleichen der Irrealität in den ganz normalen Alltag – und der Autor schafft es, dass man jeden Widerstand dagegen unterlässt. Man gibt sich hin – auch weil man durch die Redundanz fast in eine Art meditative Trance verfällt.

Ach so. Worum geht es eigentlich?
Es gibt zwei Protagonisten, zwischen denen ein – fast unerträglich weiter – Spannungsbogen aufgespannt wird.
Der eine ist ein junger Schriftsteller (Autoren lieben es offenbar, über Autoren zu schreiben), der durch seine halb-legale Mitarbeit dazu beiträgt, dass der fantastische Roman eines jungen Mädchens zu einem Bestseller wird.
Die junge Frau ist eine Fitness-Trainerin, die als Nebenjob bestimmte krimineller Handlungen vollzieht – im Dienste einer guten Sache.
Die schon in der Kindheit vorhandene Verbindung zwischen den beiden wird in einem komplexen Plot miteinander verwoben. Und wie das Schicksal so spielt vollzieht sich das mithilfe der – ziemlich abgedrehten – Fantasy-Erzählung des jungen Mädchens, die in die echte Welt hineinsickert.
Man könnte auch sagen: Fiktion wird zur Realität, Realität zur Fiktion. Und dann noch mal kräftig durchschütteln!

Das Gemisch ist irgendwie einzigartig! Man liebt es oder man hasst es.

Wenn man dieses Buch gelesen und genossen hat, unterscheidet man sich von allen anderen  Menschen durch eine Besonderheit: Man weiß, was es bedeutet, einen zweiten Mond am Himmel zu sehen. Er ist das Symbol für die “zweite” Ebene.

1Q84 fordert Ausdauer und Geduld. Es schenkt ein Leseerlebnis der besonderen Art.
(Wenn es mir vergönnt sein sollte, werde ich es vielleicht in zehn Jahren nochmal genießen).

“Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima” von Malena ERNMAN

Ich stand diesem Buch, das die weltweit bekannte Klima-Aktivistin Greta auf dem Umschlag zeigt, zunächst recht skeptisch gegenüber. Sollte da schnelles Geld gemacht werden mit der Berühmtheit von Greta als Erfinderin der Schüler-Streiks – obwohl das Buch ja von ihrer Mutter verfasst wurde und einen Zeitraum schildert, der vor dem Streik liegt? Sollte es sich gar um eine Mogelpackung handeln – schnell zusammengeschustert, um den Hype auszunutzen? Zumal das Buch bei etwas weniger großzügigem Layout durchaus noch mindestens 30 Seiten dünner sein könnte als es die 250 Seiten vorgeben?

Nach dem Lesen komme ich zu einem anderen Urteil. Dieses Buch verdient es durchaus, gelesen zu werden! Man sollte nur wissen, was einen erwartet.

Berichtet wird – wie schon gesagt – aus der Perspektive von Gretas Mutter, einer international bekannten schwedischen Opernsängerin. Sie nennt die anderen drei Familienmitglieder zwar als Mitautorin – wohl aber eher pro forma.
Geboten wird kein zusammenhängender Text, keine chronologische Erzählung, kein Sachbuch. In insgesamt 92 recht kurzen “Szenen” wird episodenhaft aus dem Leben der vierköpfigen Familie (plus Hund) berichtet.
Dabei werden folgende Themen berührt:
– Recht ausführlich wird die recht spektakuläre Krankheitsgeschichte der beiden Mädchen, Greta und Beata, und die damit verbundenen extremen Belastungen der Familie in einem offenbar phasenweise überforderten Gesundheits- und Schulsystem dokumentiert. Bei Greta geht es dabei hauptsächlich um Autismus, bei Beata u.a. um ADHS; in beiden Fällen in sehr spezifischer Ausprägung.
– Es wird dargestellt, wie es Thema “Klima-Wandel” eine zunehmende und letztlich die zentrale Bedeutung für die gesamte Familie gewinnt und letztlich in die Entscheidung Gretas mündet, einen Klima-Schulstreik zu beginnen.
– Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe inhaltliche Statements, die die drohende Klima-Katastrophe selbst darstellen und mit immer wieder neuen Argumenten auf die Notwendigkeit eines sofortigen und radikalen Umsteuerns in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und im Alltagsleben eines jeden Einzelnen hinweisen.

Es handelt sich um einen durch und durch subjektiven Erlebnis- und Überzeugungsbericht! Hier wird nicht nüchtern abgewogen oder diplomatisch formuliert. Hier schreibt sich eine Mutter, Künstlerin und Bürgerin eines reichen und selbstbewussten Landes (Schweden) ihr Leid, ihre Wut, ihre Überforderung und ihre letzte Hoffnung aus dem Herzen. Leidenschaftlich und ungefiltert. Im Laufe des Buches outet sich die Autorin selbst als erwachsene ADHS-lerin.
Sie ist besorgt, enttäuscht, manchmal auch verzweifelt. Über das Chaos in ihrer Familie, über die Defizite im medizinischen Hilfesystem und über Politiker, Wirtschaftsführer und Journalisten, die die Wahrheit über die Klima-Risiken verschweigen oder beschönigen.

Während des Lesens fragt man sich, was das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, also die Krankheiten in der Familie mit der Entwicklung zu einer Familie mit extrem ausgeprägtem Klimakatastrophen-Bewusstsein.
Man kann darüber nur spekulieren. Es könnte sein, dass die “störungsspezifische” Wahrnehmung der Welt und die mit den Krankheiten verbundenen Extremerfahrungen die Familie aus den üblichen Mainstream-Bahnen von Verleugnung und Relativierung geworfen hat. Konfrontiert mit den existentiellen Nöten, die die Familie permanent ans Limit führt, ergeben sich möglicherweise andere Prioritäten.
Muss man vielleicht sogar selbst ein wenig “schräg” sein wie Greta, um die Widersprüche und Verrücktheiten im Umgang mit der Bedrohung unseres Planeten in aller Konsequenz zu erfassen und in Handlung umzusetzen?

Warum nun dieses – eher strubbelige – Buch lesen?
Nun, man bekommt eine Idee, warum eine Greta zu dieser Greta geworden ist. Und man bekommt einen anderen, unmittelbareren Zugang zum Klima-Thema als es durch ein Sachbuch erreicht werden kann. Dieser Zugang ist emotionaler, subjektiver – vermittelt aber auch noch einmal grundlegende Informationen zum Stand der Dinge.
Und natürlich wird man konfrontiert mit der eigenen – viel gemäßigteren – Haltung und den damit verbundenen Inkonsequenzen.

Wer ein Greta-Fanbuch oder eine strukturierte Biografie erwartet, wird enttäuscht werden. In Schweden hat die Autorin Promi-Status; dieses potentielle Motiv für einen Kauf scheidet hier bei uns aus. Einige Ausführungen beziehen sich logischerweise auf spezifisch Schwedische Verhältnisse.

Ich finde das Buch insgesamt anregend und nützlich.
Der Erlös wird natürlich gespendet – wie könnte es bei dieser Familie auch anders sein…

“Abendland” von Michael Köhlmeier

Der – nicht nur vom Umfang – beeindruckende Roman hat schon ca. zehn Jahre auf dem Buckel. Ich bin zufällig in meinem Hörbuch-Account auf die begeisterten Kritiker-Stimmen gestoßen.

Der Autor ist ohne Zweifel ein begnadeter Erzähler. In den Lebensgeschichten der ca. fünf Haupt-Protagonisten und den – in literarischen Seitenarmen – ausgeführten Episoden aus dem Leben einiger weiterer Figuren steckt der Stoff für eine ganze Reihe von eigenständigen Romanen. In gewisser Weise fühlt man sich beim Lesen fast überschüttet von Themen, Perspektiven und Erfahrungen, die in das zeitgeschichtliche Gefüge des letzten Jahrhunderts eingebettet werden.

Erzählt wird aus der Perspektive eines Schriftstellers, der den Auftrag erhält, über das facettenreiche Leben eines recht bekannten, kosmopolitischen und sehr wohlhabenden Mathematikers ein Buch zu schreiben. Da dieser vielschichtige Mann über Jahrzehnte hinweg so etwas wie der “Gönner” seiner eigenen Familie war, handelt dieses Buch auch – und überwiegend – von den Verflechtungen zwischen dem Auftraggeber und der eigenen (Familien-)Biografie des Literaten.
Die Rahmenhandlung wird durch einen letzten Besuch des Ich-Erzählers bei seinem gefühlten “Zweit-Vater” kurz vor dessen Tod definiert. In einer Reihe von langen Sitzungen entsteht durch die Berichte des Alten nach und nach ein Bild der Lebensläufe und Ereignisse – wobei sich einzelne Zeitsegmente wie Puzzlesteine langsam zu einem Gesamtbild zusammensetzen.

Einige Themen dominieren diesen Roman und machen ihn damit für die entsprechenden Interessenten besonders lohnend: Der erzählende Schriftsteller stammt aus einer Wiener Musiker-Familie; dabei geht es – nach einem Start in der Volksmusik – insbesondere um Jazz. Im Zentrum steht die kurvenreiche und letztlich tragische Karriere seines Vaters, eines begnadeten  – aber auch alkoholabhängigen – Gitarristen, der zwischenzeitlich mit den amerikanischen Jazz-Giganten zusammenspielt.
Das Leben des Auftraggebers selbst spielte sich u.a. zwischen Wien, Lissabon, Deutschland und New York ab. Da er – trotz eines frühen Reichtums und einer bemerkenswerten Wissenschafts-Karriere – nie das ganz große Genie wurde, war sein Leben immer wieder darauf bezogen, die Fäden zu ziehen und Einfluss zu nehmen auf andere, vermeintlich “echtere” Genies. Er wirkte im Hintergrund durch sein Geld uns seinen Einfluss und hatte ansonsten durchaus komplizierte Beziehungen zu einigen Frauen.
Das alles erfährt man sehr genau – und erfährt damit auch eine ganze Menge über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im 20. Jahrhundert.

Der eigentliche Grund, dieses anspruchsvolle Buch zu lesen, sollte aber die Begeisterung für das Kunstmittel “Sprache” sein. Letztlich kommt es auf die Inhalt, auf den Plot gar nicht so sehr an – beeindruckend ist, wie vor den Augen des Lesers die Protagonisten zum Leben erweckt werden. Nach diesen 700 Seiten kennt man die Figuren, man sieht sie plastisch vor sich, man hat an ihren Leben und Leiden teilgenommen. Aus den Buchstaben und Wörtern ist ein fassbarer und fühlbarer Ausschnitt der Welt entstanden. Toll!
So etwas muss man können – und Köhlmeier kann es!

Kritik? Ja, bei 700 Seiten gibt es auch Längen. Nicht alles hätte ich so detailverliebt gebraucht.
Aber ich würde es jederzeit wieder lesen. Echte Literatur muss wohl zwangsläufig ein wenig herausfordernd sein. Das unterscheidet sie von Romanen zur Unterhaltung bzw. zum Zeitvertreib (gegen die natürlich nichts einzuwenden ist).

“Allein gegen die Schwerkraft – Einstein 1914 – 1918” von Thomas De PADOVA

Ich gebe es zu: Es war ein Spontankauf vom Wühltisch.
Aber der Vollständigkeit halber soll das Buch in meiner Liste doch kurz Erwähnung finden.

Der Autor verfolgt das Ziel, die bahnbrechenden Beiträge des mathematischen Genies Albert Einstein zur theoretischen Physik in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang des ersten Weltkrieges zu stellen.
Zu diesem Zweck beschreibt er seine Schaffensjahre in Berlin, wo man dem aus er Schweiz stammenden Gelehrten optimale Bedingungen für seine Arbeit in Aussicht gestellt hatte.
Mit großer Gründlichkeit beschreibt der Autor die Verflechtung folgender Ebenen:
– die schrittweise und an Umwegen reiche Ausarbeitung der Allgemeinen Relativitätstheorie
– die privaten Lebens- und Beziehungsverhältnisse von Einstein (zwischen zwei Frauen)
– die komplizierten Beziehungen zu den prägenden Vertretern der Berliner wissenschaftlichen Community
– den Einfluss des Kriegsereignisse auf die Gelehrten-Szene und auf Einstein selbst

Was hatte ich nun davon, mich auf ungefähr 280 Seiten mit dieser – nicht unbedingt alltagsnahen – Thematik zu befassen?
Nun – zuallererst ist mir Einstein als (zeitgeschichtliche) Person näher gekommen und sympathischer geworden. Er war nicht nur ein genialer Denker (ähnlich wie der kürzlich verstorbene Stephen Hawking), sondern auch ein prinzipiengesteuerter, unabhängiger kritischer Bürger, der mit seiner pazifistischen und humanistischen Haltung der – leider auch in Gelehrtenkreisen verbreiteten – nationalistischen Kriegseuphorie dauerhaft widerstand.
Auch einige Facetten der Relativitätstheorie sind mir nun vertrauter als vorher – wobei dankenswerter Weise die Bezüge zum aktuellen Forschungsstand (insbesondere in der Astro-Physik) immer wieder mal verdeutlicht werden (Stichworte: “Schwarze Löcher” und “Gravitationswellen”).

Ich will aber nicht verhehlen, dass für einen “Normalverbraucher” wie mich die Detailtiefe der Ausführungen – insbesondere was die privaten und beruflichen Beziehungen Einsteins zu seinem Umfeld angeht – oft weit über die tatsächliche Bedürfnislage hinausgeht. So genau muss das alles wohl kaum jemand wissen, der sich nicht gerade hauptberuflich oder hobby-leidenschaftlich mit den angesprochenen Themen auseinandersetzt.

So kann ich dieses Buch wohl nur Menschen empfehlen, die gerne intensiv in zeitgeschichtliche  Zusammenhänge eintauchen und nicht darüber nachdenken (müssen), ob sie die dafür investierte Zeit wirklich “über” haben.
Für diese Leser trägt dieses Buch sicher ein Stück zum Weltverständnis bei.
(Im Nachhinein bin ich nicht ganz sicher, ob ich wirklich zu der Zielgruppe gehöre).

“Die große Transformation” von Uwe Schneidewind

Der Titel könnte auch einen Science-Fiktion-Roman schmücken – aber es ist (mal wieder) ein reales Zukunftsbuch.
Was unterscheidet es von den vielen anderen Büchern dieser Art, von denen einige auch in diesem Blog schon besprochen wurden (1, 2, 3, 4)?

Das lässt sich relativ einfach erklären: Während die anderen Bücher Fakten und Trends zusammentragen und die Notwendigkeit aufzeigen, sich auf die anstehenden Risiken und Herausforderungen (Digitalisierung, Klimawandel, usw.) möglichst bald einzustellen, macht das Buch von Schneidewind (und seinem Wuppertaler Institut) den Weg und die Prozesse der Umsteuerung zum Thema. Die Ausgangslage und die Ziele werden also weitgehend vorausgesetzt, es geht um die Umsetzung.

Damit ist auch die Zielgruppe für dieses Handbuch definiert: Es richtet sich weniger an den einzelnen Bürger und Konsumenten, sondern an die (potentiellen) Gestalter der Veränderungsprozesse, die als unvermeidlich bzw. ethisch geboten angesehen werden. Also an Muliplikatoren, Sozialwissenschaftlicher, Politiker, Aktivisten, Verbände, usw.
Es geht nicht um Faktenwissen, sondern um System- und Veränderungswissen.
Um es kurz zu sagen: Das Buch analysiert und beschreibt – sozusagen auf der Meta-Ebene – Wege und Methoden, wie die als dringend notwendig erachtete “Zukunftskunst” vermittelt und erworben werden kann. Eine solche Zukunftskunst wäre ein Potpourri an Kompetenzen, Einstellungen und Verhaltensmustern, das den einzelnen und die ganze Gesellschaft befähigen könnte, die anstehenden Aufgaben der Transformation zu leisten.

Es gibt eine zentrale Zielsetzung, die als Vorgabe über dem gesamten Buch schwebt: Die Autoren verschreiben sich (Achtung: Wortspiel) mit vollem Engagement einem moralischen Anspruch: Die Erde soll für (alle!) demnächst ca. 10 Milliarden Menschen ein Ort werden, in dem ein menschenwürdiges Dasein möglich ist. Also ein Leben, in dem die Grundbedürfnisse und Menschenrechte gesichert sind. Und zwar – und jetzt kommt sozusagen der zusätzliche Anspruch – auch für künftige Generationen!
Es geht also um Gerechtigkeit UND Nachhaltigkeit.

Wie gesagt: Es wird nicht für dieses Ziel geworben, es wird vorausgesetzt. Dem kann ich gut folgen; ich wüsste keinen logischen oder ethischen Grund, der gegen dieses Ziel sprechen könnte.
Das Besondere ist nun, dass die Lösung nicht einer politischen oder ideologischen Heilslehre, nicht in einem gesellschaftlichen Umsturz und nicht in einer bloßen idealistischen Utopie gesehen wird. Statt dessen geht es ganz systematisch in kleinen, realistischen und zum Teil schon erprobten Schritte ans Arbeiten. Gucken, was es gibt, was schon funktioniert, welche Kräfte man bündeln könnte, welche Akteure bereit stehen, welche Institutionen man nutzen kann, usw.
Nach und nach entsteht so ein Netzwerk von Ideen, Prozessen und Beteiligten, die an ganz unterschiedlichen Stellschrauben drehen – auf ein gemeinsames Ziel hin.

Man wird fragen: Wo um Himmels willen soll denn bitte die Einsicht und Bereitschaft der Menschen herkommen, auf lieb gewonnene Gewohnheiten und ererbte Privilegien zu verzichten, zum Wohle des Ganzen?
Nun, genau um diesen kulturellen Wandel, um die Veränderung von Vorstellungen über ein “gutes” Leben geht es auch in diesem Buch. Prioritäten können sich ändern; man kann diesen Prozess anstoßen, begleiten erleichtern.
Beispiel: Wenn Städte in Zukunft menschen- und nicht mehr autogerecht sein sollen, dann müssen Stadtplaner, Mobilitätsmanager und Wirtschaftsfachleute zusammenarbeiten. Und gleichzeitig muss es “schick” werden, eben kein eigenes Auto mehr zu besitzen – so wie es in den urbanen Zentren von der jungen Generation schon vorgelebt wird. Solche Trends können Wege in die Nachhaltigkeits-Lebensweise weisen.

Es wird vielleicht schon an meinem Schreibstil der Rezension deutlich: Es geht um eine insgesamt eher trockene, abstrakte Materie. Es wird strukturiert und systematisiert, es gibt Listen und Schaubilder, Zusammenhänge werden beschrieben. Es gibt eine gewisse Redundanz und ein großes Bedürfnis nach Vollständigkeit. Nicht jede/r wird mit so einer Lektüre die kostbare Freizeit füllen wollen.
Aber es gibt Alternativen zum Durcharbeiten eines solchen Fachbuches.
So gibt es eine Internetseite, ein informatives Video in Kurz– und Langfassung und ein Podcast aus der Reihe “Philosophisches Radio” von WDR 5.
Ich empfehle insbesondere den Podcast: In ca. 50 Minuten bekommt man einen guten Eindruck von der gesamten Thematik – auf recht unterhaltsame Weise.

“Triffst du Buddha, töte ihn! Ein Selbstversuch” von Andreas Altmann

Ich bin sehr dankbar, dass ich manchmal Bücher empfohlen bzw. ausgeliehen bekomme, die mir selbst wohl nicht begegnet wären. Besonders freue ich mich natürlich, wenn man sich dann noch für meine Meinung interessiert. Beim “Buddha”-Buch war das der Fall. Da ich meine Meinung schon persönlich übermittelt habe, erfolgt hier nur eine Kurz-Rezension der Vollständigkeit halber.

Manchmal sagt ja die Einschätzung (“Das Buch könnte was für dich sein”) ja  – etwas aus über die Bilder, die jemand über den potentiellen Leser im Kopf hat. Bei ALTMANN betraf das den Punkt der Religionskritik: Wenn dieser Autor doch so eindeutig und leidenschaftlich die traditionellen monotheistischen Offenbarungsreligionen ablehnt – so der Gedanke – dann könnte doch Sympathie oder Solidarität für sein Gesamtkonzept entstehen…

Nun – das hat nicht geklappt. Hier kurz die Begründung:

Der alternativ-orientierte Weltenbummler und Journalist ALTMANN treibt sich gerade in Indien  herum. Auf der Suche nach irgendwie intensiven Erfahrungen. Er will sich spüren, etwas Extremes erleben. Wie offenbar schon oft in seinem rastlosen Leben und auf seinen zahlreichen Reisen, die man wohl – leicht untertrieben – als “anti-touristisch” bezeichnen kann. Es sucht das wahre Leben, er taucht ein, bis es weh tut: Auf der Suche nach Authentizität und Intensität gibt es wohl kaum etwas, was er nicht tun oder essen, wo er nicht schlafen, wen oder was er nicht an sich heranlassen würde.

In diesem Buch geht es um das Durchleben und Durchleiden eines buddhistischen Meditations-Marathons in einem abgelegenen Camp. Es geht um viele Tage mit unglaublich vielen langen Stunden, in denen nur still gesessen und geatmet wird. Jede Form von Kommunikation in der Gruppe ist verboten. Input kommt nur vom Meditations-Lehrer.
ALTMANN nimmt uns mit in seine inneren Prozesse und Kämpfe, beschreibt seine Schmerzen, seine Zweifel und sein Durchhalten. Es geht um Selbstüberwindung, um das Überschreiten von riesengroßen Stopp-Schildern – nach dem Motto: Was kommt hinter dem Schmerz, hinter dem Gefühl von endlos und zäh fließender Zeit, hinter den unaufhörlich rotierenden Gedanken, hinter der Leere?

ALTMANN mutet sich Unglaubliches zu; sein Motiv, innere Grenzen zu überwinden muss nahezu grenzenlos sein. Er will wissen, wie viel Weisheit und Selbsterkenntnis die Power-Meditation ihm bringen kann.
Dabei setzt er sich nicht nur von den – als naiv empfundenen – Glücks- und Jenseitsversprechungen der Ein-Gott-Religionen ab, sondern räumt bei dieser Gelegenheit gleich die Erleuchtungs-Ansprüche der buddhistischen Gurus mit ab. Er will und sucht keine Abwendung vom Ich und vom Alltag; er will sein Ego und seinen Intellekt nicht auflösen im Einssein mit dem Kosmos. Er will sich nicht von prallen Leben abwenden. Dafür ist ALTMANN viel zu lebensgierig. Hinter seiner Extrem-Askese lauert letztlich der Genuss-Mensch.

Mir kommt das so vor, dass hier jemand mit einer – für mich schon etwas pathologisch zwanghaft anmutenden – Konsequenz letztlich eine weitere Extremerfahrung konsumiert. Für mich ist der Autor ein Getriebener, dem schon der Gedanke an ein etwas normaleres Leben ein wohl geradezu körperlich schmerzhaftes Grauen verursacht.

Nein. Mich verbindet kaum etwas mit diesem Menschen.
Meditieren finde ich übrigens lohnend und sinnvoll. Aber es gibt sicher viele motivierendere Einladungen dazu.

“Die Macht der Affäre” von Esther Perel

Im privaten Leben lässt man sich von Büchern häufig in unbekannte Welten führen – seien es nun Lebenswelten anderer Personen oder anregende Sachthemen. Eine Ausnahme bildet dabei die Ratgeber-Literatur: Diese sucht man sich doch meist aufgrund einer persönlichen Nähe zum Thema aus, meist in der Rolle des Laien, der auf das Wissen und die Erfahrung von Experten vertraut.

Meine Ausgangslage hinsichtlich des hier besprochenen Buches ist noch einmal sehr besonders: Ich bin nicht nur Betroffener, sondern als jemand, der selbst (zusammen mit einer Co-Autorin) seit über drei Jahren zum Thema “Liebes- und Nebenbeziehungen” schreibt, auch so etwas wie ein Experte. Ich habe Hunderte von Stunden nachgedacht, gelesen, geschrieben, diskutiert, Theorien und Systematiken entworfen, Fragebogen entwickelt. In all dieser Zeit habe ich eine ganze Menge der angesprochenen Punkte auch hautnah durchlebt und durchlitten.
Was ich damit sagen will: Dies ist vielleicht die fundierstete Rezension, die ich jemals geschrieben habe – oder überhaupt schreiben könnte. Ich kenne mich tatsächlich ein wenig aus in der Materie (was natürlich nicht bedeutet, dass ich privat vor Fehlern oder Fallstricken gefeit wäre).

Diese Vorrede sollte jetzt wohl ausreicht haben, um Aufmerksamkeit für dieses Buch und meine Meinung dazu aufzubauen.

Das schlechteste an diesem Buch ist der deutsche Titel. Das Original heißt: “The State of Affairs: Rethinking Infidelity” (Also z.B. : “Der Sachstand: Untreue überdenken”). Dieses Buch mit dem reißerischen Begriff “Affäre” auszustatten, ist geradezu eine Beleidigung – oder sogar eine bewusste Täuschung.

Das beste an dem Buch ist der Rest, der Inhalt!
Es geht – zum Glück – nicht nur um Affären. Es geht um alle Formen von Untreue, von Verletzung traditioneller Grenzen von monogamen Beziehungen. Wer auch immer auf diesem Gebiet persönliche Erfahrungen haben sollte – auf welcher Seite des Geschehens auch immer – wird sich in diesem Buch wiederfinden. Nicht nur gesehen, sondern auch verstanden.

Das ist nicht von Anfang an so klar ersichtlich. So entsteht angesichts des grenzenlosen Verständnisses für die Verstörung, den Schmerz und die Trauer des/der “Betrogenen” zunächst der Eindruck, dass PEREL von einer klar strukturierten Täter/Opfer-Welt ausgeht, in der kein Platz für Zwischentöne ist. Auch bekommt man in den ersten Kapiteln des Buches sehr stark das Gefühl, dass entstandene Nebenbeziehungen überhaupt keine eigene Bedeutung haben – also ausschließlich danach beurteilt werden, was sie in der Basisbeziehung angerichtet haben und bewirken könnten.
Dieses – nicht immer gut auszuhaltende – Leseerlebnis hat damit zu tun, das die Autorin “schön der Reihe nach” vorgeht. Und dabei bekommt jede Perspektive die volle Aufmerksamkeit – so wie es auch in ihrer therapeutischen Arbeit passiert. Und dieser Aufbau und diese Differenzierung von Perspektiven ist nicht zufällig gewählt, sondern entspricht den emotionalen Prozessen und Erfordernissen bei der Bewältigung einer – bisher verheimlichten – Nebenbeziehung.

So langsam wird es deutlich: Ich bin wirklich begeistert von diesem Buch!
Es ist einfühlsam, niveauvoll, gründlich, facettenreich und fachlich fundiert. PEREL schafft es, in scheinbar unversöhnlich gegenüberstehenden Standpunkten, Erlebensweisen, Sehnsüchten und Zielen etwas gemeinsames zu sehen: die urmenschliche Suche nach Glück und Erfüllung.
Dabei ist sie nicht völlig wertfrei: Bei Gewalt, Erniedrigung, dem Ausnutzen von Abhängigkeiten und Machtmissbrauch kennt sie kein Pardon. Aber hinsichtlich der Möglichkeiten, Liebesleben auf der Basis gleichberechtigter Absprachen zu gestalten, ist sie absolut offen und frei von Vorurteilen.
Natürlich kristallisieren sich mit der Zeit einige Grundhaltungen der Autorin heraus. Sie steht erstmal auf der Seite der Ausgangsbeziehung und ihrer “Rettung” nach der Krise. Und sie ist überzeugt von der großen Bedeutung der Erotik als Basiskraft einer jeden Liebesbeziehung. Es ist ihr daher auch ein großes Anliegen, nach Veränderungsmöglichkeiten auch in langjährigen Beziehungen Ausschau zu halten.

Mir fällt es schwer, hier nicht seitenlang all die Facetten aufzuführen, die dieses Buch zu einer Schatztruhe für Betroffene und Interessierte macht. Dieses Buch hat den Charakter eines Kompendiums. Man findet letztlich alle Varianten und Konstellationen. Natürlich wird auch – so ganz nebenbei – eine historische und gesellschaftliche Einordnung von Ehe und Liebesbeziehungen geliefert.

Wo bleibt die kritische Einschätzung?
Nun – es wird vielleicht einige wundern: Am Ende ist es sogar die scheinbar grenzenlose Toleranz gegenüber allen denkbaren Überschreitungen von monogamen Grenzen, die mich befremdet hat. Zwar werden diese Grenzverletzungen jetzt gemeinsam beschlossen bzw. verwaltet und bieten so eine positive Alternative zum Klassiker des “Betruges”. Aber es wird mir dann doch etwas zu dolle. Am Ende entsteht ein wenig der Eindruck, als ob ein monogames Beziehungsglück gar nicht mehr denkbar wäre – und statt dessen jede exzentrische Verrücktheit eine Überlegung wert.
Um es positiv auszudrücken: Welch ein riesiger Bogen, der da aufgemacht wird in diesem Buch, zwischen der Verzweifelung des Opfers über eine “harmlose” Affäre und den Experimenten einer “neuen Monogamie”.

Es bleibt dabei: in der Gesamtheit für mich ein konkurrenzloses Buch!

“Der Distelfink” von Donna Tartt

Dieser 2013 erschienene Roman ist nicht einfach nur ein gutes Buch; er ist ein literarisches Ereignis! Das finde nicht nur ich, sondern auch die Juroren, die ihm den Pulitzer-Preis zuerkannt haben.
Ich habe den Roman gerade zum zweiten Mal als Hörbuch gehört und währenddessen zufällig erfahren, dass seine Verfilmung im Herbst in die Kinos kommt. Kaum vorstellbar, dass man dieser Vorlage wirklich auf der Leinwand gerecht werden kann…

Diese Geschichte, diese Sprache, diese Intensität nimmt einen nicht nur mit, sie reißt einen mit.

Aber erstmal kurz zum Inhalt: Es ist die Geschichte eines zum Mann reifenden Jungen und es ist die Geschichte eines berühmten (realen) Gemäldes. Oder, noch besser: Es ist die Geschichte der Verbindung dieser beiden Geschichten.

Bei einem Terroranschlag auf ein Museum verliert der 13-jährige Theo seine Mutter und “gewinnt” das besagte Gemälde, den Distelfinken. Beide Ereignisse prägen sein weiteres Leben in einem kaum zu übertreffenden Ausmaß.
Der Lebenslauf des Jungen wird aus der Bahn gerissen; die damit verbundenen Traumatisierungen wird er nie überwinden. Der Leser begleitet ihn in seinem kurvenreichen und zum Teil selbst-gefährdenden Weg durch eine zerbrochene Welt, der zunächst zu einer “Ersatzfamilie” im vertrauten New York, später in das halbseidene Milieu seines Vaters in Las Vegas und letztlich zurück nach New York führt. Drei zentrale Figuren begleiten ihn über die Jahre: Ein Mädchen, das auch Opfer des Anschlages war; ein gleichaltriger Freund, der auch – mutterlos – seinem haltlosen Vater ausgeliefert war und ein väterlicher Mentor, der ihn in die Welt der Antiquitäten einführt. Allein die facettenreiche und in ihrer lebensgierigen Radikalität provozierende Figur des Freundes Boris fordert einen auf eine Art heraus, dass es alleine für ein ganzes Buch reichen würde.
Der Versuch, in wenigen Sätzen anzudeuten, was alles rund um Theo, das Gemälde und die genannten Personen passiert, wäre zum Scheitern verurteilt. Da hilft nur eins: lesen!
Man kann dabei sicher sein, dass so viele menschliche bzw. existenzielle Grundfragen berührt werden, dass da niemand etwas vermissen wird.

Man könnte sich selbst dann in die Sprachkunst der Autorin verlieben, wenn es keine Story, keinen Spannungsbogen gäbe. Sie schildert Situationen, und Atmosphären mit einer Dichte, die – meiner bescheidenden Meinung nach – die Grenzen von dem markiert, was man mit Sprache überhaupt ausdrücken kann. Manchmal möchte man vor stiller Bewunderung förmlich den Hut ziehen oder ehrfürchtig  auf die Knie fallen.

Gibt es über dieses Buch noch etwas anders zu sagen als diese Schwärmereien?
Ja, gibt es. In einigen Momenten wird vielleicht die große Stärke der Autorin – so total hemmungslos eintauchen zu können in ein bestimmtes Milieu oder eine bestimmte Szenerie, sie mit allen Facetten auszumalen, dabei auch dick aufzutragen – fast zu einer kleinen Schwäche. Manchmal erschien es mir des “Guten” zu viel. Ich hätte z.B. auf den einen oder anderen Drogen-Exzess zusammen mit dem schillernden und selbstzerstörerischen Freund Boris verzichten können.
Doch das sind eher kleine Nuancen eines beeindruckenden Gesamt-Kunstwerkes.

Inzwischen gibt es dieses Buch zum Taschenbuch-Preis. Das erscheint fast ein wenig unwürdig für so ein Werk.
Zurückhaltung bei diesem Buch empfehle ich nur dann, wenn man dem Thema Kunst und Antiquitäten so gar nichts abgewinnen kann und es ganz gerne hat, wenn sich eine Geschichte zielstrebig fortentwickelt.
Bei diesem Roman ist ganz eindeutig der Weg das Ziel.

“Diese gottverdammten Träume” von Richard Russo

Es hat einige Jahre gedauert, bis dieser 2001 erschienene Roman ins Deutsche übersetzt wurde – obwohl er den angesehenen Pulitzer-Preis erhalten hat.
Mich hat er neugierig gemacht, weil ich schon immer einen gewissen Drang hatte, die amerikanische Denk- und Lebensweise zu ergründen. Und genau das sollte angeblich in diesem Werk geschehen.

Erzählt wird die Geschichte einer US-Kleinstadt in Neuengland, also an der Ostküste. Das Hintergrund-Thema ist der allmähliche wirtschaftliche Niedergang einer ehemals prosperierenden Gemeinde, der aus zwei Perspektiven persönlich in den Fokus genommen wird: Aus der Sicht der prägenden Unternehmer-Dynastie, deren Fabriken einst entscheidend für den Wohlstand der ganzen Stadt waren, und durch das Alltagsleben einer Familie, die sich in dem typischen Kleinstadt-Milieu mit ganz privaten Problemen befassen muss.

Der Handlungsverlauf – der durchaus einen gewissen Spannungsbogen aufmacht – speist sich aus den Querbezügen zwischen den beiden Familien-Systemen, die es sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene gibt.

Was macht diesen Roman lesenswert (hörenswert)?
– Die ca. 10 Hauptfiguren sind differenziert und insgesamt psychologisch sehr stimmig gezeichnet. Man lernt sie wirklich gut kennen und wird Schritt für Schritt mit in ihr Leben mitgenommen. Der Autor lässt sich Zeit dafür, beschreibt Situationen und Interaktionen mit einer ausgeprägten Liebe zum Detail und zu atmosphärischen Feinheiten.
– Die Themen decken ein weites Spektrum dessen ab, was Menschen umtreibt: Konflikte zwischen den Generationen, Liebe und Trennung, Schuld und Wiedergutmachung, Geheimnisse und deren Langzeitfolgen, usw..
– In weiten Teilen des Buches geht es nicht um spektakuläre Ereignisse, sondern um den Alltag – der allerdings scharfsinnig und aufmerksam ausgeleuchtet wird.
– Durch die eher ruhige, unaufgeregte  Erzählstruktur schafft es der Roman, den Leser immer weiter eintauchen zu lassen in den beschriebenen Ausschnitt des amerikanischen Seins. Wenn man durchhält, entsteht irgendwann so ein Gefühl, wie wir alle es aus guten Büchern kennen: Man wird ein Teil des Geschehens und merkt am Ende, dass man sich fast ein wenig eingerichtet hat in dieser anderen Welt…

Was ist schwierig?
– In gewisser Weise ist das Buch eben sehr amerikanisch. Wer sich für die Alltagskultur der USA nicht interessiert, der könnte Überdruss empfinden – angesichts der wiederkehrenden Schilderungen typischer Gewohnheiten.
– Detailverliebtheit kann auch zu Längen führen. Davon ist dieser Roman sicher nicht ganz frei.
– Einige wenige Figuren sind vielleicht ein wenig zu eindimensional geraten. So kann man wirklich nur mühsam nachvollziehen, warum die Ehefrau der Hauptperson der Geschichte an diesen neuen Partner (und dann auch Ehemann) gerät – der so offensichtlich gar nichts zu bieten hat.

Und die Bilanz:
Für mich war es lohnend. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich so ein Buch mal eben zwischendurch “weghören” kann, ohne gleich mehrere kostbare Wochenenden oder einen halben Jahresurlaub darauf verwenden zu müssen. Wenn man im Jahr nur fünf Bücher schafft, dann würde ich nicht unbedingt diesen Roman auf die Liste setzen. Wenn man die Muße hat, sich immer mal wieder in andere Lebenszusammenhänge hineinzulesen, ist er durchaus eine Empfehlung.

“Eine bessere Welt – Die Abnormen 2” von Marcus Sakey

Eigentlich lese ich ja keine Thriller. Ich verstehe nicht so recht, warum so viele Autoren und Leser daran Interesse haben, interessante Geschichten bzw. anregend ausgestaltete Figuren immer wieder in einen Kontext von Kriminalität, Gewalt oder Horror zu stellen. Warum selbst so begnadete Erzähler wie Stephen King einfach von diesem Genre nicht lassen können.
Es ist mir übrigens genauso schleierhaft, warum ausgerechtet die TATORT-Serie seit Jahrzehnten als ein gelungenes Spiegelbild unser gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachtet wird. Als ob es ohne einen Mord als Auftakt keine treffenden und unterhaltsamen Einblicke in unser Leben gäbe. Als ob verschiedene Teams von Sozialarbeitern oder Reportern sich nicht mindestens genauso gut dafür anböten, gesellschaftliche Trends und komplexe Persönlichkeiten bzw. deren Beziehungskisten abzubilden.

Diesmal geht es aber tatsächlich um einen Thriller. Er hat mich thematisch angesprochen und er hat mich beim Lesen so gepackt, dass ich das Nachfolgebuch gleich hinterher gelesen habe.
Wie konnte das passieren?

Zuerst zum Thema:
Es geht um den Konflikt zwischen den Normal-Menschen und einer kleinen Gruppe von „Genialen“. Seit einem bestimmten Zeitpunkt – so der Rahmen der Geschichte – werden ca. 10 % der Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten geboren. Diese „Genialen“ unterscheiden sich dann nochmal in dem Ausprägungsgrad ihrer extrem erweiterten Kompetenzen im Bereich Wahrnehmung, Intelligenz, Kreativität, Körperbeherrschung, usw..
Erzählt wird, wie sich aus ersten gesellschaftlichen Spannungen allmählich ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft wird. Wobei diese Zuspitzung nicht nur aus der Ausgangslage hervorgeht, sondern von machtgierigen Einzelpersonen befeuert wird.
Mich reizte an dieser Thematik die Nähe zu der Diskussion um Transhumanismus, also um die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten mit Hilfe von Gen-Technologie und digitaler Mensch-Maschine-Systemen. Viele Forscher sind ja ernsthaft der Meinung, dass schon in 20 bis 30 Jahren eine Elite von genmanipulierten Super-Wesen entstehen könnte, die den „Homo Sapiens“ hinter sich lassen und eine neue Gattung bilden könnten. Über die moralischen und politischen Implikationen einer solchen Entwicklung wird schon eifrig diskutiert – nicht nur von vermeintlich durchgeknallten Silicon-Valley-Phantasten, sondern auch von ganz seriösen Philosophen.
Also erschien mir das Szenario dieses Buches vielversprechend: Ein Science-Fiction-Thriller zum Thema „Übermenschen“ – warum nicht?!.

Und die Umsetzung?
Ich muss zugeben: Da bin ich letztlich dem ganz normalen Strickmuster einer Heldengeschichte „Gut gegen Böse“ verfallen. Ja – es gibt jede Menge Klischees aus dem Standard-Baukasten der konventionellen Spannungs-Literatur (wenn man diesen Begriff wirklich benutzen will). Und es gibt auch jede Menge Gewalt: „böse“ und „gute“ Gewalt.
Alles wie immer: Man identifiziert sich mit dem Helden und seinen Liebsten; wundert sich, was einzelne Menschen alles leisten können und ist immer wieder überrascht, welche vielfältigen Komplikationen einem guten Ausgang entgegenstehen können. Und wie böse die Bösen sein können.
Kurz gesagt: Wenn man sich einmal eingelassen hat, ist es einfach spannend.
Der Autor ist ohne Zweifel ein Profi; er versteht sein Handwerk.

Für mich war das Lesen dieser beiden Bücher (das erste Buch der Trilogie habe ich ausgelassen; man bekommt den Inhalt ausführlich genug erzählt) eine gute Erfahrung. Ich habe mich drei Tage gut unterhalten gefühlt und konnte meine manchmal etwas hochnäsige Haltung gegenüber den „Thriller-Süchtigen“ mal ein wenig relativieren: Es darf tatsächlich auch mal was anderes als seriöse Belletristik oder ein Sachbuch sein.