“Das achte Leben (für Brilka)” von Nino HARATISCHWILI

Wie soll man angemessen eine literarische Hör-Reise beschreiben, die einen durch ca. 44 Std. (das entspricht 1300 Seiten) getragen hat? Das kann nur eine vorsichtige Annäherung sein.

Wir haben es mit mit einer mächtigen Familien-Saga zu tun. Mächtig hinsichtlich der beteiligten Generationen und Personen, mächtig auch bezogen auf die Thematik: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um ein Jahrhundert-Projekt – nämlich die Geschichte der kleinen Nation Georgien und seiner wechselhaften und leidvollen Beziehungen zum großen nördlichen Nachbarn, der UDSSR bzw. Russland. Wobei – hier wird es schon kompliziert – diese Formulierung nicht ganz korrekt ist, denn Georgien war ja lange Zeit ein integraler Bestandteil der UDSSR.

Die erste und entscheidende Frage bzgl. dieses Buches (erschienen 2014) muss also heißen: Warum sollte man sich als Mitteleuropäer im bereits fortgeschrittenen 21. Jahrhundert in diesem Ausmaße auf historische Betrachtungen dieses vermeintlich (für uns) bedeutungsarmen Gebietes einlassen? Woher soll bitteschön die Motivation für 1300 Seiten kommen?
Genau diese Skepsis habe ich auch in mir gespürt, als ich vor der Entscheidung für dieses Hörbuch stand. Ich bin sehr froh, dass ich diese Zweifel überwunden habe!
Im Rest meine Ausführungen will ich darlegen, warum es sich aus meiner Sicht gelohnt hat, diese Zeit zu investieren. Dabei will ich drei Bereiche ansprechen: die Story, die Wissensvermittlung und die Sprache.

Familiengeschichten haben einen enormen Vorteil: In Ihnen kann sich das pralle Leben in allen erdenklichen Facetten spiegeln. Weil das Leben mit all seinen Irrungen und Wirrungen sich ganz automatisch in und um Familien abspielt; in diesem Buch in besonders intensiver Weise.
Diese Familie wird in sechs Generationen angeboten. Damit daraus eine irgendwie konsistente Geschichte wird, werden einige literarische Kunstgriffe angewandt:
– Es gibt ein verbindendes Familien-Thema: das besondere Schokoladen-Rezept des Gründers der “Dynastie”.
– Es gibt einige Hauptpersonen, die als zentrale Verbindungsglieder zwischen den Generationen wirken und dem ganzen Plot – über ihre eigene Generation hinaus – eine nachvollziehbare Struktur geben.
– Es gibt – nicht zuletzt – eine Rahmenhandlung, in der die Erzählerin, die ein Teil der Familie ist, davon berichtet, wie und warum sie die wechselvolle Familiensaga für das jüngste Mitglied (ihre Nichte) aufschreibt.
Bzgl. des Inhalts möchte ich mich auf den Hinweis beschränken, das es in diesem komplexen Familiensystem an Themen nicht mangelt: Loyalität, Verrat, Liebe, Hass, Betrug, Rivalität, Unterdrückung, usw.

Was lernt man über die Welt, in diesem Familien-Epos?
Man lernt viel über Georgien. Aber das würde sicher nicht ausreichen, um aus diesem Roman auch einen historischen Leckerbissen zu machen.
Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Dieses Buch verschafft einen ungewohnt intensiven Einblick in das sowjetische Herrschaftssystem nach der Revolution, also nach der Zarenzeit. Um es noch schärfer zu formulieren: Das gesamte Buch ist eine Abrechnung mit dem Sozialismus/Kommunismus sowjetischer Prägung, insbesondere mit dem stalinistischen Willkür- und Unterdrückungsregime. Ohne dass ihre Namen einmal ausgesprochen würden, sind Stalin und der georgische Geheimdienstchef die beiden historischen Hauptfiguren des Romans, der in weiten Teilen auch in Moskau spielt.
Natürlich hat man es hier nicht mit einer “objektiven” Geschichtsschreibung zu tun; trotzdem fühlte ich mich faktenreich aufgeklärt über die beschämenden Hintergründe eines Systems, das antrat, das Los der unterdrückten Massen zu verbessern.
Die Autorin führt aber nicht nur durch das Sowjet-Imperium von Lenin bis Gorbatschow, sondern spiegelt auch Aspekte der westlichen Welt, insbesondere die Kulturzene der 60iger und 70iger Jahre in London.

Wie schreibt nun diese Autorin, die sich zunächst als Theaterregisseurin einen Namen machte?
Ich war fasziniert von der Intensität ihrer Sprache. Die Autorin ist zweifellos eine Künstlerin hinsichtlich des Ausdrucks von Emotionen, Beziehungsdynamiken und Selbstreflexionen. Sie benutzt starke Bilder, ihre Beschreibungen haben häufig etwas Drängendes, Tiefgründiges und Aufwühlendes. Es wird heftig geliebt, gestritten und gehasst in dieser Familie und ihrer Lebenswelt.
Wer als Leser dadurch erreicht wird, der taucht ein in diese Geschichte und will davon selbst nach 44 Std./1300 S. nicht lassen. Wem das alles zu dolle ist, wird das Buch ziemlich schnell beiseitelegen.

Insgesamt hat mir dieses Buch Empfindungen und Erfahrungen geschenkt, die ich nicht missen möchte. Vielleicht wird es für mich sogar DAS BUCH des Jahres.
Ich würde mich gerne irgendwann mit jemandem austauschen, der/die dieses Buch auch gelesen/gehört hat.
Ich werde jedenfalls das Nachfolge-Buch (“Die Katze und der General”) auch lesen (bzw. hören).

“Wir sind das Klima” von Jonathan Safran FOER

Es gab ein gewisses Zögern: “Muss es wirklich noch ein weiteres Klima-Buch sein?” Und es gab eine gewisse Neugier auf den bekannten und (auch aus eigener Erfahrung) geschätzten Autor. Das hielt sich eine Weile die Waage.

Dann kam der Unternehmer Rossmann ins Fernsehen und verschenkte vor lauter Begeisterung 25.000 Exemplare.
Zwei Tage später begann ich mit dem Hörbuch.

Vordergründig geht es um die Klima-Katastrophe. Wie das Titelbild nahe legt, sieht FOER einen engen Zusammenhang mit der Art, wie wir uns ernähren. Das überrascht den vorinformierten Leser nicht – hat doch FOER mit dem Buch “Tiere essen” sozusagen die Bibel des Fleischverzichts geschrieben.

So kann man auf der Inhalts-Ebene festhalten, dass der Autor seine Leser davon überzeugen will, zugunsten der Klimarettung auf den Konsum von tierischen Nahrungsmitteln zu verzichten. Er tut das – wie es in anderen Klima-Büchern auch passiert – unter Anführung gut belegter Quellen, also entsprechender Statistiken und Hochrechnungen.

An dieser Stelle endet aber die Gemeinsamkeit mit anderen Büchern. Denn es geht FOER nicht um Tatsachen und Argumente. Es geht ihm um den Weg vom “Wissen” zum “Glauben”.

Das bedarf einer Erklärung: Für FOER ist es mit der Ansammlung bzw. Vermittlung von Faktenwissen keineswegs getan; eine solche Beschäftigung könnte sogar der Ablenkung dienen – und damit sinnlos oder sogar schädlich sein. An die Fakten auch zu “glauben” bedeutet für ihn, sie auch als emotionale Gewissheit und damit als unabweisbar handlungsrelevant zu spüren. Er macht mehr als deutlich, dass nachkommende Generationen uns nicht danach beurteilen werden, wie gut wir informiert waren, sondern was wir getan haben, um die so eindeutig absehbare Katastrophe abzuwenden.

Er benutzt u.a. einen historischen Vergleich: Er berichtet von einer einflussreichen amerikanischen Persönlichkeit, dem ein zuverlässiger Vertrauter recht früh die Gräuel der Nazi-KZs schilderte. Er blieb nach dieser Information untätig – nicht weil er davon ausging, belogen worden zu sein, sondern weil er die Inhalte der Botschaft einfach emotional nicht fassen konnte. In diesem – für das tatsächliche Handeln entscheidenden Sinne – glaubte er nicht und blieb passiv.

Der Erfolgs-Autor FOER ist ein Garant für Emotions-Intensivierung. Diesem Ruf wird er auch in diesem Buch absolut gerecht. WIR SIND DAS KLIMA bietet den denkbar subjektivsten, persönlichsten Zugang zu diesem Thema.
Es ist überwiegend ein Buch über seinen eigenen inneren Kampf um das “Glauben” im Sinne des “Handeln-Müssens”.

FOER zieht alle Register. Er nutzt nicht nur historische Beispiele – wie die gesellschaftliche Solidarisierung der Amerikaner beim Krieg gegen Nazi-Deutschland; er holt seine gesamte (jüdische) Familie hinein in dieses Buch. Er spricht von sich als Vater, als Enkel, als Vorfahre zukünftiger Generationen. Er schreibt über tausend kleine Dinge, die menschliches Leben so einzigartig und bedeutsam machen. Sein Blick für die kleinen, aber so überaus anrührenden Situationen und Gesten zeigen ihn als Meister der emotionalen Dichte. FOER ist eben nicht “nur” ein Sachbuch-Autor, er ist ein begnadeter Sprachkünstler.

Er will mit aller Macht, dass wir uns für das (Weiter)Leben auf diesem Planeten entscheiden; jeder von uns, mit seinem konkreten alltäglichen Tun.

So grenzenlos subjektiv ist sein Zugang, dass er seine eigene Schwäche und Inkonsequenz zum Thema macht – selbst bei seinem Lebensthema der fleischlosen Ernährung. Er nimmt in kauf, seine Leser und Fans damit zu irritieren: Warum steht selbst dieser Vorkämpfer nicht über seinen “niederen” Gelüsten bzgl. eines gelegentlichen Sündenfalls, des Genusses eines Burgers?
FOER will den  – ebenfalls nicht perfekten – Leser einfangen, mitnehmen. Er will nicht das Modell des Heiligen sein, sondern des von inneren Widersprüchen zerrissenen Menschen, der sich um das Richtige bemüht. Ernsthaft und immer wieder neu. Der Autor zelebriert seine Ambivalenz in einem langen Dialog mit einem virtuellen Gesprächspartner.

Es wird deutlich, dass die Situation zwar radikale Maßnahmen verlangt, dass aber unvollkommene Schritte in die richtige Richtung besser sind als ein Kapitulieren vor der als zu groß empfundenen Herausforderung.

Was ihm Kritiker tatsächlich vorhalten, thematisiert er in seinem Buch bereits selbst: Das extreme Zuschneiden der Klimafrage auf die persönlichen Entscheidungen, die wir als Bürger treffen. Natürlich betrifft das nicht nur unsere Ernährung, sondern auch die Art unserer Mobilität und unseres Konsums.
Er steht zu diesem Ansatz; in diesem Buch geht es nicht um strukturelle Veränderungen und politische Aktionen. Er will den Einzelnen gewinnen – damit dieser sich dann (hoffentlich) nicht nur um sein eigenes Verhalten sondern auch um die Rahmenbedingungen kümmert.

Kommen wir zur Bewertung:

Ich habe kein Problem mit dem extrem individuellen Ansatz. Ich finde es sehr gewinnbringend und kreativ, ein Sachthema so unglaublich intensiv mit der eigenen Lebens- und Familiengeschichte zu verweben. Ich finde es grandios, die schriftstellerische Kunst, emotionale Sprachbilder zu schaffen, in  den Dienst einer wahrhaft bedeutsamen Sache zu stellen.
Dieses Buch ist wie geschaffen für Menschen, die selber ringen um die Konsequenz, mit der sie auf eine Situation reagieren, die sie intellektuell schon erfasst – aber emotional noch nicht vollständig an sich heran gelassen haben. Wir müssen keine Helden sein – sagt der Autor – aber wir dürfen unter keinen Umständen tatenlos bleiben!
Vielleicht werden Leser, die schon sehr weit in ihren persönlichen Lebensstil-Veränderungen vorangekommen sind, sogar erstaunt sein, dass die Kernforderung (“Keine tierischen Lebensmittel vor der Abendmahlzeit”) so abgewogen und kompromissbereit klingt.

Auch wenn ich diesem Buch möglichst viele Leser wünsche, wäre es nicht redlich, auch meine kritischen Gedanken kurz zu skizzieren: Es war mit an einigen Stellen schlicht zu viel. Zu viel Redundanz bzgl. der Kernaussagen, zu viel Ringen mit den eigenen Widersprüchen, zu viele Wechsel zwischen Sachinformation und Subjektivität. An einigen Stellen habe ich eine leise Stimme in mir gespürt: “Es reicht jetzt!”
Vielleicht war die Art meines Konsums für diese Empfindungen mitverantwortlich. Ich habe mich innerhalb sehr kurzer Zeit durch dieses Buch gehört. Vielleicht sollte man es nicht verschlingen, sondern ihm Zeit geben.
Es ist kein “Klima-Buch”; es ist ein Buch über den Umgang mit sich selbst. Es regt an zur Selbsterfahrung.
Lest (oder hört) es deshalb mit Muße!

“Loyalitäten” von Delphine de VIGAN

Eher ein dünnes Büchlein, so für zwischendurch im Urlaub. Ist es deshalb auch ein oberflächliches Buch? Ich finde: “eindeutig nein”!

Die Autorin erzählt die Geschichte eines 12-jährigen Jungen, der zunächst einmal an dem fehlenden Halt durch seine getrennten Eltern leidet und Erleichterung und Trost im Alkohol findet. Warum aus dieser Krise eine Katastrophe wird, ist das eigentliche Thema des Romanes.

Geschildert wird dieser Prozess aus den wechselnden Perspektiven einiger Bezugspersonenen von Theo. Es sind seine Mutter, seine Lehrerin, sein einziger Freund und dessen Mutter.
Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie alle zwar eindeutige Signale wahrnehmen, aus falsch verstandener oder unbewusst lähmender Loyalität aber nicht aktiv werden. Es wird gezeigt, dass solche Loyalitäten verschiedenen Ursprungs sein können: früh in der Familie geprägt, durch Beziehungserfahrung oder Berufsrollen erworben oder als vermeintliche selbstverständliche Solidarität zwischen Gleichaltrigen.
Die Wirkung kann tragisch sein: Das Eingebundensein in tief empfundene Verpflichtungsnetze verhindert die notwendige Verantwortungsübernahme.
So vergeht wertvolle Zeit, in der ein beherztes Eingreifen noch etwas hatte retten können.

Das Thema ist schon spannend genug.
Die inhaltliche und sprachliche Umsetzung ist sehr bemerkenswert.
Die Autorin macht mit ihren bildereichen und extrem empathischen Formulierungen deutlich, dass ihr emotionale Dynamiken sehr vertraut sind. Insbesondere die Erlebniswelt der beiden Jungen, die gerade den gefährlichen Grad zwischen Kindheit und Jugend beschreiten, wird in einer bewundernswerter Tiefe nachvollziehbar gemacht.

Ein tolles Buch, dessen Ende für mich nicht zu den Highlights gehört (geschenkt!).
Ein Buch, dass auch für ältere Jugendliche geeignet ist. Optimalerweise sollte es im Unterricht behandelt werden oder von einem erwachsenen Gesprächspartner parallel gelesen werden.
Wie oft es wohl diese Chance gibt….?

“Der neue Tugendterror” von Thilo SARRAZIN

Wenn man Sarrazin liest, fragt man sich die ganze Zeit, ob er so etwas wie die intellektuelle Basis der AfD darstellt. Haben viele AfD-Wähler ihn tatsächlich gelesen oder würden sie sich nur einfach bei ihm wiederfinden, wenn sie seine Bücher gelesen hätten bzw. lesen würden?
Natürlich fragt man sich auch, warum dieser Mensch unbedingt in der SPD bleiben will – wo doch kaum eine gemeinsame Grundüberzeugung zu erkennen ist.
Aber dieses Rätsel werde auch ich nicht lösen können…

Sobald vom Kontext der AfD die Rede ist, könnte man es ja “eigentlich” mit einer klaren Abgrenzung bewenden lassen. So leicht wollte ich es mir aber – genauso wenig wie bei der “Feindlichen Übernahme” nicht machen. Gerade jetzt, wo sich die AfD im Osten als Volkspartei zu etablieren scheint, fand ich es lohnend und spannend, ein wenig tiefer und differenzierter einzusteigen. Sarrazin zu lesen lohnt wirklich, wenn man den kulturellen Graben verstehen will, der sich in unserer Gesellschaft aufgetan hat.

Im Grunde schreibt der Autor zwei Bücher in einem, wobei der Titel die beiden Teile verbindet, nämlich die eher methodisch-strukturelle und die inhaltliche Seite des “Tugendterrors”.
Es geht einmal um die kritische Analyse der Reaktionen auf sein erstes Buch zur Migrationsproblematik. Im zweiten Teil rechnet er in einem großen Rundumschlag mit der “Gleichheitsideologie” des von ihm bekämpften links-grünen Meinungs-Mainstream ab, den er besonders im Bereich Kultur und Medien wahrnimmt.

Ich kann SARRAZIN im ersten Teil seiner Ausführungen eher folgen als im zweiten. Er stellt nachvollziehbar dar, dass viele Rezensionen und journalistische Reaktionen auf seine provozierenden Thesen in “Deutschland schafft sich ab” wenig differenziert und eher selten inhaltlich stichhaltig waren.
Man könnte es auch anders ausdrücken: Viele Kritiker haben sich eher darauf bezogen, was SARRAZIN vermutlich meinte bzw. auslösen wollte als darauf, wie er es genau formuliert hat. In gewisser Weise haben sich manche derjenigen, die den Autor entlarven wollten, in einer geschickt gestellten Falle wiedergefunden: Plötzlich waren sie es – und nicht der vermeintliche “Rassist”, die sich als pauschalisierend, unterstellend und verleumdend anprangert sahen.
Der Denkfehler der SARRAZIN-Kritiker: Wenn jemand eine abgelehnte Gesinnung mit Fakten unterlegt, reicht es nicht, nur die Gesinnung anzugreifen und in der Argumentation an der Oberfläche zu bleiben bzw. das anzugreifen, was man raushört statt das, was gesagt wird.
Der Punkt geht zu einem großen Teil an SARRAZIN. Man hat es ihm zu leicht gemacht – und er weidet sich auf vielen Seiten in der Ungerechtigkeit der linken Meinungswächter.
Manche seiner Gedanken haben eine gewisse intellektuelle Eleganz: Wenn er süffisant herausarbeitet, dass der Begriff “rassistisch” inzwischen so inflationär gebraucht wird, das damit jede Zuschreibung von gruppenspezifischen Merkmalen belegt wird.

Einen längeren Exkurs widmet der Autor dem von ihm aufgedeckten Versuch, Meinungen und moralische Bewertungen durch systematische Eingriffe in sprachliche Regelungen zu verändern. In diesem Kapitel spielt die “political correctness” natürlich eine zentrale Rolle.
Das alles ist einigermaßen bekannt. Und es ist kaum zu bestreiten, dass es auf dem Gebiet der neuen Sprachregelungen, die Diskriminierungen jeglicher Art um jeden Preis vermeiden wollen, einige Verrücktheiten gibt.
Auch hier kann SARRAZIN durchaus Zustimmung einheimsen.

Kommen wir zum letzten Teil des Buches. Hier findet sich die grundlegende, philosophisch-ideologische Botschaft und damit auch die oben angekündigte Verbindung zur Neuen Rechten bzw. zur AfD.
Es geht um die Frage, wo man Gleichheit bzw. Ungleichheit zwischen Menschen (Völkern, gesellschaftlichen Schichten, Ethnien, Geschlechtern, Religionen und Kulturen) wahrnimmt und wie man auf erkannte Ungleichheiten reagiert bzw. ethisch-moralisch reagieren sollte.
SARRAZIN wendet einen interessanten Trick an, um seine Weltsicht möglichst überzeugend darzulegen: Er konstruiert ein Schreckgespenst in Form eines “Gleichheitswahns”, den er in Form von 14 Axiomen zunächst ausbreitet, um diese dann mithilfe von Fakten, Logik und gesundem Menschenverstand zu zerlegen. Nachdem er zunächst diesen “Wahnideen” die “Wirklichkeit” gegenüberstellt, fordert er schließlich am Ende den Leser ganz treudoof auf, sich doch einfach für die Sichtweise zu entscheiden, die ihm vernünftiger vorkommt.
Ganz ehrlich: Wer soll auf so etwas reinfallen?!

SARRAZIN unterbietet hier eindeutig sein eigenes Niveau und seinen intellektuellen
Anspruch. Er formuliert nämlich die vermeintlichen Gleichheitsnormen so extrem, wie sie kaum von einem denkenden Menschen vertreten würden. Wenn ich mich von offensichtlichem Schwachsinn abgrenze, kann ich immer leicht im Recht sein…

Worum geht es inhaltlich?
Ich versuche, das Weltbild von Herrn SARRAZIN mal zusammenzufassen, ohne mich in den 14 Einzelthemen zu verlieren:
“Die durch genetische Ausstattung, Zeit/Ort der Geburt und Lebensumstände definierte Unterschiedlichkeit von Menschen entzieht sich der Möglichkeit und der moralischen Verpflichtung zu einem “Ausgleich”. Unterschiede sind entweder schicksalhaft vorgegeben oder durch Anstrengung/Leistung gerechtfertigt. Spätestens außerhalb der nationalen Grenzen erlischt jegliche Verantwortung für Lebensverhältnisse von anderen Menschen. Eine nennenswerte Mitverantwortung der reichen Länder an der Not der Dritten Welt besteht nicht; es ist die Aufgabe der jeweiligen Bevölkerungen, in ihren Staaten für eine angemessene Ordnung zu sorgen. Allein das Bevölkerungswachstum z.B. in bestimmten afrikanischen Ländern lässt den Gedanken, deren Probleme durch Migration in die entwickelten Teile der Welt zu lösen, völlig absurd erscheinen.
Die Idee, allen notleidenden Menschen die Vorzüge des deutschen Sozialstaates anzubieten, ist völlig unrealistisch.
Unterschiede zwischen Völkern, Kulturen und Religionen sind erhaltenswert. Die Idee, alle Menschen irgendwann in eine “Weltgemeinschaft” ohne nationale Identität aufgehen zu lassen, ist strikt abzulehnen. Jede Nation hat das Recht, nationale Eigenarten zu verteidigen und die Zuwanderung im eigenen Interesse zu begrenzen und an eigenen wirtschaftlichen Interessen auszurichten. Es ist für die Zukunft eines Staates bedeutsam, dass sich ihre Nachkommen nicht überwiegend aus Bevölkerungsgruppen hervorgehen, die – statistisch betrachtet – eher weniger optimale genetische und kulturelle Ressourcen einbringen.
Auch Geschlechterunterschiede sollten nicht der Gleichmacherei ausgeliefert werden.”

Wie diese – zugegeben verkürzte – Darstellung zeigt, mischen sich vernünftige, diskussionswürdige, bedenkliche und völlig abwegige Aussagen. SARRAZIN tut dabei so, als ginge es darum, das Ganze als Gesamtpaket annehmen oder ablehnen zu müssen. Auch das ist natürlich eine Art Trick, mit dem auch die schwerer verdauliche Inhalte “verkauft” werden sollen.
Jedenfalls ist der vermeintlich drohende allumfassende “Gleichmachungsterror” ein Popanz, auf den man wunderbar einschlagen kann.

Nutzbar für die AfD ist vor allem die Rechtfertigung für nationalen Egoismus, die positive Konnotation von nationaler Identität und die (nachvollziehbare) Erkenntnis, dass man die Not und Ungerechtigkeit der Welt nicht durch Eingliederung ins deutsche Sozialsystem lösen kann.
Die besondere Warnung vor muslimischer Unterwanderung/Überfremdung ist dabei ein zentrales Kernthema, das sich durch alle drei Bücher dieser Serie zieht.

Resümee: Ja, man versteht die AfD(-Wähler) besser, wenn man SARRAZIN gelesen hat. Man versteht auch die Fehler seiner Gegner (der “links-grünen Meinungs- und Tugendtyrannei”) besser.
Weil sie durch Weggucken, Schönrederei, übertriebener Diskriminierungsangst und unrealistischen Forderungen einen Anteil an der Dynamik hatten und haben.
Auch wenn SARRAZIN immer wieder die Logik auf seine Seite hat: In diesem Buch zeigt sich der Autor ganz eindeutig als Demagoge.
Seiner Fans gefällt es.
Es wird nicht reichen, ihn nur zu ignorieren, zu beschimpfen oder auszugrenzen. Das wird ihn und seine Anhänger nur selbstgewisser machen.

Persönlich sonnt sich dieser – sicherlich hochintelligente – Mensch in seiner Rolle des unverstandenen Querdenkers, der gegen jeden Widerstand der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet bleibt. Deshalb braucht er auch den Rahmen SPD, um eine maximale Alleinstellung auskosten zu können.

“Feindliche Übernahme” von Thilo SARRAZIN

Nehmt euch etwas Zeit; es ist die längste Rezension, die ich jemals geschrieben habe.

Ich stelle mir gerade vor, wie ihr vielleicht diesen Link aus Protest erst gar nicht geöffnet habt, euch möglicherweise verwundert die Augen reibt (Fehlwahrnehmung?) oder ihr euch schon mit einer gewissen Vorfreude auf einen vernichtenden Verriss dieses Buches einstellt.
Wie anders sollte man denn umgehen mit diesem viel-verschmähten Autor, der mit seinem ersten provokanten Buch (“Deutschland schafft sich ab”) zur Galionsfigur für das “Abschotten” gegenüber einer vermeintlich bedrohlichen Migrationswelle geworden ist. Schließlich versucht die SPD seit Jahren, dieses unbequeme Mitglied loszuwerden, weil seine Thesen insbesondere bei den politischen Gegnern am rechten Rand als hochwillkommene argumentative Munition genutzt werden.

Ich werde in dieser Rezension solchen Erwartungen nicht entsprechen und gehe damit ein gewisses Risiko ein – insbesondere das Risiko, Unverständnis, Ablehnung und vielleicht sogar Besorgnis auszulösen. Macht sich da – so könnte sich mancher fragen – jemand ganz allmählich auf den Weg zu anderen politischen Gefilden? Driftet Frank – zusammen mit dem Mainstream der Gesellschaft – langsam nach rechts?

Das Schreiben dieser Buchbesprechung ist tatsächlich eine kleines persönliches Abenteuer – auf vermintem Gelände. Ich bin selber gespannt, bei welchen Formulierungen ich letztlich landen werde. Was ich mich traue, unmissverständlich auszusprechen; was ich lieber gut verpackt darbiete; was ich alles unternehme, um Missverständnissen vorzubeugen…
Man könnte auch fragen: Wie stark empfinde ich den Druck der political correctness und in welchem Ausmaß lasse ich mich dadurch beeinflussen?
Jedenfalls spüre ich: Der einige sichere Weg wäre es, diese Rezension einfach sein zu lassen. Doch irgendwas in mir wehrt sich dagegen: Sollen etwa durch eine solche Selbstzensur diejenigen Recht bekommen, die dauernd lamentieren, dass der “linke Gesinnungsterror” eine offene gesellschaftliche Auseinandersetzung verhindere?!

Der Zufall hat mich zu diesem Buch geführt: Ich habe es bei einer Haushaltsauflösung in die Hände bekommen. Es hat mich etwas neugierig gemacht, ich hab es mitgenommen, weil es so aktuell war. “Einfach mal reingucken und die eigene Meinung bestätigen”, habe ich gedacht – und es dann innerhalb von drei Tagen gelesen.
Während der Lektüre war ich mit drei Ebenen gleichzeitig beschäftigt: mit dem Inhalt, mit der Auswirkung auf mein Weltbild und mit dem Gedanken an die bevorstehende Herausforderung, eine Rezension zu schreiben.
Insgesamt eine intensive Erfahrung!

Exkurs:
Warum schreibe ich so viel über mich, wenn ich angeblich ein Buch besprechen möchte?
Nun, mein Motiv ist es grundsätzlich nicht, rein sachlich-neutrale Rezensionen zu schreiben. Davon gibt es genug (z.B. bei Amazon); außerdem können das andere besser. Für mich ist die “Interaktion” zwischen dem Buch und mir das spannende Thema: Was macht das Buch mit mir? Warum bereichert es mich – gerade an diesem Punkt meiner persönlichen Entwicklung? Warum regt es mich so auf?
Ich gehe davon aus, dass die paar treuen Leser, die ich habe, genau daran auch ein gewisses Interesse haben. Wenn ihr nicht auch einen Gewinn darin sehen würdet, mit jeder Rezension auch ein wenig von mir zu erfahren, hättet ihr schon längst aufgehört, die Links auf die Beiträge zu öffnen, oder….?

Jetzt fange ich an:
Die Kern-Aussage des Buches lässt sich leicht zusammenfassen: “Der Islam ist vom Grundsatz her (Ausnahmen bestätigen die Regel) eine rückständige, bildungs- und fortschrittsfeindliche, intolerante, frauenverachtende, demokratieferne, integrationsunfähige und auf militante Machterweiterung ausgelegte Religion. Da Muslime auch noch (weltweit und konstant) eine deutlich höhere Geburtenrate haben als andere Gruppen, ist es falsch und gefährlich, der Einwanderung von muslimischen Migranten keine engen Grenzen zu setzen. Wenn man das nämlich nicht tut, lebt man über kurz oder lang in einem anderen Land, weil die Hoffnungen auf eine echte Eingliederung in unsere Gesellschaft und deren Grundwerte bisher nicht aufgegangen sind .”

Natürlich würden solche – aus dem Zusammenhang gerissene – Aussagen berechtigten Widerspruch hervorrufen. Je nach Geschmack könnte man solche Thesen als “einseitig”, “zugespitzt”, “polemisch”, “undifferenziert”, “übertrieben”, “verleumderisch”, “fremdenfeindlich”, “rechtsradikal”, “rassistisch” oder “menschenverachtend” brandmarken.
An all diesen Vorwürfen wäre sich auch etwas dran.

Was aber – und jetzt wird es eine Stufe komplizierter – wenn der Urheber solcher provokanten Thesen auf knapp 500 Seiten unaufhörlich – auf den ersten Blick plausible – Belege für seine Analysen bzw. Behauptungen anführt?
Sollte oder müsste man sich – wenn man seine Schlussfolgerungen so spontan ablehnt – überhaupt noch mit diesem Material auseinandersetzten? Sind auch solche Fakten relevant, die zu ungeliebten Konsequenzen führen könnten? Muss man nicht den Anfängen wehren – selbst wenn sie erstmal auf faktenbasierten Recherchen beruhen?

Auch wenn man SARRAZIN nicht mag – auch ich finde ihn sehr unsympathisch – muss man zunächst zugestehen, dass er in seinem Buch sehr gründlich und systematisch vorgeht. Es ist ein extrem faktenreiches Buch, vollgespickt mit Quellenangaben, Statistiken, Tabellen und Zitaten.

Die Systematik des Vorgehens spiegelt sich schon in der Gliederung:
SARRAZIN startet – nur so ist es konsequent – mit dem Koran. Natürlich hat er ihn (angeblich) ganz gelesen. Seine – von zahlreichen Zitaten unterlegte – Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Auslegungsversuche, die in der “heiligen Offenbarung” der Moslems Hinweise auf eine friedliche, menschenfreundliche und tolerante religöse Botschaft zu finden glauben, insgesamt einer realistischen Grundlage entbehrten. Einzelnen Textstellen, die sich so interpretieren ließen, stände eine überbordende Vielzahl von Aussagen entgegen, die den kämpferischen Alleinanspruch der Heilslehre unter Beweis stellten.
Der Autor wendet sich als nächstes der Entstehungs- und Ausbreitungsgeschichte des Islams zu, um dann einen Überblick über die islamisch geprägten Regionen der Gegenwart zu geben – in Hinblick auf deren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Besonderheiten. Das alles passiert nicht in einem oberflächlichen Schnelldurchgang, sondern auf ca. 50 informationsintensiven Seiten.
Auf den nächsten ca. 100 Seiten fast SARAZIN dann seine Resümee bzgl. der typischen “Problemzonen” islamischer Gesellschaften zusammen, wobei insbesondere der Widerspruch zwischen der islamisch geprägten Kultur und den Ansprüchen und Vorzügen der Moderne (aufgeklärtes Weltverständnis, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Freiheit des Denkens, Freude an Wissen und Bildung, Trennung von Religion und Staat, usw.) herausgearbeitet wird.
Bis hierhin ist das Buch mehr eine – sicher einseitige und pointierte – Analyse von äußeren Gegebenheiten, über die man unter Experten zwar trefflich streiten könnte, die aber keinen großen Staub aufwirbeln würde.
Auf den nächsten knapp 200 Seiten wird es dann hochpolitisch: Dann ab jetzt geht es um die Situation der Muslime in den Staaten, in denen sie durch Einwanderung (und später auch durch Flucht) zu einer mehr oder weniger bedeutsamen Minderheit geworden sind. Auch hier werden erstmal jede Menge Zahlen (über religöse Haltungen, Bildung, politische Einstellungen, Geburtenraten und Kriminalität) zusammengetragen, deren Bewertung – im Sinne von Fehlentwicklung und Risiken – jedoch immer eindringlicher formuliert wird.
Das Buch gipfelt dann in Schlussfolgerungen und Forderungen, die man angesichts des “offiziellen” politischen Diskurses nur als “radikal” einordnen kann – was nicht automatisch heißt, dass sie sich alle einer inneren Logik und einer Nachvollziehbarkeit völlig entzögen. Letztlich geht es SARRAZIN – und da schließt sich die Verbindung zum Umfeld der AfD – um die Verhinderung einer “feindlichen Übernahme” durch eine mehr und mehr islamisch geprägte gesellschaftliche Gruppe. Da ist sie auf einmal – die drohende “Überfremdung”. Diesmal nicht als rechter Kampfbegriff, sondern als – scheinbar logisches – Ergebnis von 500 Seiten Weltanalyse.

Ich bin nicht in der Lage zu beurteilen, ob all diese aufgeführten Informationsquellen einseitig und “unfair” ausgesucht sind; ich kann nur auf die pure Quantität hinweisen.
Der Autor hat ein klares Anliegen; er macht durchaus offen, dass er von etwas überzeugt ist und mit diesem Buch überzeugen will. Das ist zumindest transparent.
SARRAZIN bemüht sich immer wieder, einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, indem er darauf hinweist, dass die Daten eine bestimmte Interpretation nicht beweisen – aber eben aus seiner Sicht sehr nahe legen. Er spricht an, dass korrelative Zusammenhänge keine Ursachen belegen, dass andere Deutungen möglich wären.
Der Autor versucht permanent, zu erwartenden Einwänden zuvor zu kommen. Er räumt ein, dass es Ausnahmen gibt (z.B. was die eher orthodoxe Interpretation des Koran und das Fehlen einer “islamischen Aufklärung” angeht), macht aber unmissverständlich (und jeweils begründet) deutlich, dass dadurch die “Regel” nicht außer Kraft gesetzt wird.

Vom Stil agiert hier nicht ein wutschäumender Polemiker, sondern ein Überzeugter, der offenbar in aller Ruhe seinen Argumentationsstrang entfalten kann, weil er die erdrückende Macht der Fakten auf seiner Seite spürt.
Etwas kritischer formuliert könnte man auch sagen: SARRAZIN lullt den Leser erstmal auf vielen, vielen Seiten mit faktenbasierten Analysen ein, um dann sehr weitgehende Schlussfolgerungen und politische Forderungen zu formulieren, die vor diesem Hintergrund dann den Heiligenschein der wissenschaftlichen Seriosität bekommen.
Tatsächlich würden die gleichen Forderungen (z.B. “Rückführung von Flüchtlingen ohne Bleiberecht in aufnahmeunwillige Herkunftsstaaten unter militärischer Begleitung”) in einem Parteiprogramm oder in einer Talkshow eine Protestwelle hervorrufen.
Hier ist einer konsequent bis über die Schmerzgrenze hinaus. Das kann man mögen (und irgendwie “ehrlich” finden), man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass sich da jemand aus einem ernsthaften Diskurs verabschiedet. Nur: Wenn man sich – aus guten Gründen – für die zweite Alternative entscheidet, dann ist man damit nicht aus der Pflicht, andere – und möglichst realistische – Lösungsvorschläge zu machen.

Kann es sein – so wird sich der aufmerksame Leser fragen -, dass dieser Autor mir an manchen Stellen “sogar aus dem Herzen” spricht?
Tatsächlich, auch das kommt vor. Ich teile seine Kritik an und der Ablehnung von religiösem Eifer und Fundamentalismus. Auch ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der faktenbasierte Entscheidungen getroffen und Wahrheiten nicht in der buchstabengetreuen Auslegung uralter Texte gesucht werden. Ich möchte keinen Einfluss ausländischer Staatsführer über den Schleichweg der Religion. Ich möchte statt einem staatlich kontrollierten Islam-Unterricht an unseren Schulen eine überkonfessionelle Wertevermittlung, die natürlich auch den Respekt vor Religionen beinhaltet.
Ich möchte in einer Kultur leben, die zwar nicht dem uferlosen Egozentrismus und einem pervertierten Materialismus nachjagt, die aber dem Denken keine von anderen kontrollierten Fesseln anlegt und zur kritiklosen Unterordnung unter vormittelalterlichen Prinzipien erzieht.
Tatsächlich kann ich nach dem Lesen dieses Buches mit noch einem sichereren Gefühl als vorher sagen: Ich möchte auch zukünftig nicht in einer maßgeblich vom Islam geprägten Gesellschaft leben!
Die entscheidende Frage ist für mich allerdings offen: Wie realistisch sind die beschriebenen Trends wirklich und wie weit müssen demnach “Gegenmaßnahmen” gehen? Und welche Gefahren wären wiederum damit verbunden?

Gibt es sowas wie ein persönliches Resümee?
Für mich ist es entscheidend, die Themen auseinander zu halten.
Für mich macht es einen Unterschied, ob ich mich über humanitäre Hilfe, also die Verantwortung für Menschen in Not, unterhalte oder über die Kriterien für eine geplante Einwanderungspolitik. Es ist für mich nicht dasselbe, einzelnen Muslimen Respekt vor Ihrer religiösen Überzeugung zu zollen (selbstverständlich!) oder mir Gedanken über die Begrenzung des Einflusses des Islam in unserer Gesellschaft zu machen (durchaus legitim).
Das Wichtigste ist aber: Wie kann man auf die Idee kommen, aus Sorge vor Überfremdung, finanzieller Überforderung oder Kriminalität die Achtung vor Leib und Leben realer Menschen in Frage zu stellen?! Hier muss es unverrückbare Stoppschilder geben! Und zwar von jedem, der sich zu dieser Thematik äußert!
Und wenn man – ein durchaus berechtigtes – Interesse daran hat, sich im “eigenen” Land nicht fremd zu fühlen und sich nicht berufen fühlt, die Not anderer Menschen dadurch zu mildern, dass am ihnen einen Platz in Deutschland einräumt, dann steht man in der Verantwortung, realistische Alternativen dafür zu entwickeln.
Dabei räume ich gerne ein, dass auch der deutsche Wohlstand nicht die ganze Welt retten kann und nicht alle bedrohten und notleidenden Menschen bei uns Platz haben. Aber die deutsche Politik könnte wesentlich dazu beitragen, dass der ungeheure Reichtum auf dieser Welt, der sich immer stärker in den Händen weniger Konzerne und Superreichen konzentriert, für die menschheitsrelevanten Ziele eingesetzt wird.
Wir haben die Ressourcen, diese Welt wesentlich besser zu machen; wir nutzen sie nur nicht.
Zu diesen Fragen finden sich im Buch von SARRAZIN nur einige läppische Sätze, die mehr oder weniger eindeutig auf die Selbstverantwortung der Staaten und ihrer Bevölkerung hinweisen, aus denen Flüchtlinge kommen. Das ist zu billig, Herr SARRAZIN!

Dieses Buch ist ohne Zweifel wichtig. Nicht, weil es “gut” wäre oder “zutreffend” – sondern weil es die theoretische und intellektuelle Basis für eine gesellschaftliche Bewegung darstellt, die inzwischen zu einem realen politischen Machtfaktor geworden ist. Wenn die hier dargelegte Argumentation stichhaltig wäre, dann hätten auf einmal Leute “Recht”, die man sonst (für sich) als unaufgeklärt, verirrt und insgesamt irrelevant aussortiert hat.
Die Thesen und Schlussfolgerungen dieses Buches zu ignorieren oder einfach pauschal als “rechtsradikal” abzutun, wäre dumm und gefährlich. Weil es der anderen Seite das Feld überlassen würde, weil es Wahrnehmungen von Denk- bzw. Sprechverboten stärken würde, weil es zu einer Verfestigung der Spaltung beitragen würde und weil es vielleicht auch die eigenen blinden Flecken pflegen würde.
Aber: Dieses Buch ist auch gefährlich. Weil es zu wenig die Grenzen markiert, die es zwischen einer abstrakten Betrachtung von Tendenzen/Risiken und den Umgang mit konkreten Menschen geben müsste. Weil es keine echte Verantwortung für die Herausforderungen übernimmt, die außerhalb unseres Landes bestehen.
Dieses Buch baut ein Bedrohungsszenario auf, das zwar in Einzelaspekten einer offenen Diskussion bedurfte, dass aber in seiner Massivität durchaus als Basis für “Notwehrmaßnahmen” missbraucht werden kann und missbraucht wird. Es deshalb zu ignorieren, ist m.E. nicht die Lösung.

Ungelöst bleibt letztlich die Frage, wie man differenzierte Sichtweisen in ein politisches Klima einbringen kann, das auf polemische Zuspitzungen gebürstet ist.
Kann und darf man damit das eigene Profil aufweichen, das doch auch die Grundlage von Sicherheit und Solidarität in einer definierten Bezugsgruppe darstellt?
Darf man Probleme und Risiken einräumen, die andere zu unakzeptablen Haltungen und menschenfeindlichen Reaktionen treiben? Oder basiert diese abstoßende und gefährliche Zuspitzung vielleicht gerade darauf, dass man abwägende Haltungen so stark ausgrenzt, dass sie sich nur noch in einem hässlichen Umfeld beheimatet fühlen?
Reicht es wirklich auf Dauer, eindeutig anti-rassistisch, weltoffen und solidarisch zu sein? Wird man damit auch in Zukunft jede Diskussion um das Management von Flüchtlingsströmen bestehen?

Für mich sind das offene Fragen. Wenn dieser Artikel jetzt vor einem größeren Publikum erscheinen würde, bekäme ich schnell eine Rückmeldung dazu. Vermutlich würde sich ganz schnell der übliche Schlagabtausch radikaler Meinungen ergeben.
Auf eure – sicher differenzierteren – Meinungen bin ich gespannt.

(Ich habe auch diese Rezension geschrieben, ohne mir vorher eine einzige andere Bewertung des Buches anzuschauen. Ich werde das jetzt nachholen und bin darauf sehr gespannt).

Nachtrag:
Ich habe jetzt in die Amazon-Leserrezensionen geschaut.
Es ist ein Phänomen!
Bei kontroversen Themen ist es meist so, dass die Bewertungen weit auseinander gehen – je nach Einstellung der Leser.
Für SARRAZIN gibt es fast ausschließlich gute Bewertungen.
Für mich ist das eine Bestätigung, dass diese Bücher von Andersdenkenden tatsächlich nicht gelesen werden, sie werden boykottiert.
Tatsächlich drückt sich die Spaltung der Gesellschaft auch an diesem Punkt aus.
Wenn man diese Spaltung verstehen – und vielleicht sogar ansatzweise überwinden will – ist es aus meiner Sicht durchaus sinnvoll und lohnend, sich mal auf die andere Perspektive einzulassen, auch mal intensiver.

“Das Institut” von Stephen KING

Nein – ich war nicht im zweiten Teil der Neuverfilmung von “ES”. Der erste Teil hat mir gereicht….

Aber ich habe KINGs neuen Roman gehört. Habe mal wieder etliche Stunden für einen Schriftsteller aufgewandt, dem ich hoch-ambivalent gegenüberstehe und von dem ich doch nicht lassen kann.

Es geht um eine recht abstruse Geschichte rund um ein geheimes Projekt, in dem Kinder mit besonderen (paranormalen) Fähigkeiten gegen ihren Willen dazu benutzt werden, bestimmte Effekte in der realen Welt zu bewirken. Der Roman beschreibt den Aufenthalt des 12-jährigen Protagonisten in diesem besonderen Institut, das von einer Truppe mehr oder weniger sadistisch veranlagten Aufseher, Betreuer und Ärzten betrieben wird.
Mehr Handlung soll nicht verraten werden.

KING schreibt schon seit Jahrzehnten wie ein Besessener. Er wird wohl zu Lebzeiten damit nicht aufhören. Er kann erzählen, kann Figuren entstehen lassen und Spannung erzeugen – damit hat er inzwischen viele Millionen verdient.
Auch diese Geschichte ist spannend – wenn man sich einmal eingelassen hat. Irgendwann beschließt man einfach, dass Hintergrund und Inhalt der Story eigentlich unwichtig sind. Man wird in die Geschichte gesogen und will wissen, wie sie ausgeht.
Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Der Gewalt- bzw. Horrorfaktor ist diesmal wirklich sehr dezent ausgefallen. Das habe ich sehr begrüßt. Allerdings nimmt die Erzählung einen recht gradlinigen und irgendwie vorhersehbaren Verlauf. Das könnte für KING-Fans etwas enttäuschend sein.

So ein Buch hinterlässt bei mir keinen Nachhall. Fertig ist fertig. Es geht um Unterhaltung und ein wenig Nervenkitzel. So ein Buch hat nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Das finde ich schade – wo es doch so unendlich viele Alternativen gäbe, aus denen Erkenntnisse, Anregungen oder tiefes emotionales Berührtwerden gewonnen werden könnten.

Vielleicht war es doch der letzte KING – bis zum nächsten ….


“Der Gesang der Flusskrebse” von Delia OWENS

Ich stelle einen aktuellen amerikanischen Südstaaten-Roman vor.
Er erzählt die Geschichte einer sehr besonderen jungen Frau, die schon als recht junges Kind nach und nach von ihren Familienmitgliedern verlassen wurde und in weitgehender Isolation und eingebettet in unberührte Natur in einem Marschland an der Küste von South Carolina aufgewachsen ist.

Es geht zunächst um die Entwicklung dieses Mädchens zur jungen Frau unter Bedingungen, die man sich als verwöhnter Mitteleuropäer nicht ansatzweise vorzustellen vermag. Ihr Überleben beruht letztlich auf ein tiefes Eingebundensein in die umgebende Natur, deren ausführliche und emotionale Beschreibung einen Schwerpunkt der Darstellung bildet.

Zu den ganz wenigen Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, gehören irgendwann zwei männliche Wesen, die im weiteren Verlauf viel mit ihrem Glück bzw. Unglück zu tun haben. Hier wird wird der Entwicklungs- bzw. Naturroman zum Liebesroman.

Wegen einem dieser Männer landet sie als Erwachsene schließlich vor Gericht, was dazu führt, dass diese Story sich – ziemlich überraschend – letztlich noch in Richtung eines Kriminal- bzw. Gerichtsromans entwickelt.

Soweit – in aller Kürze – die Fakten.
Ist es ein lesenswertes Buch?

Aus meiner Sicht eindeutig “ja”!
Die Autorin schafft es wirklich gut, ihre Leser in eine extrem fremde Welt eintauchen zu lassen. Wobei sich diese Fremdheit auf ganz verschiedene Ebenen bezieht: auf die sehr besondere Landschaft, auf die intensive Einbettung in die Natur und auf die geradezu unfassbaren Sozialisationsbedingungen eines jungen Menschen und deren psychischen Folgen.
Die bildreiche und emotionale Sprache spielt bei diesem “Einfangen” des Lesers sicher eine große Rolle. Wer sich davon – und den z.T. auch ausschweifenden Naturschilderungen – nicht abschrecken lässt, bekommt als Gegenwert einen echten Ausstieg aus dem bundesdeutschen Norm-Alltag.
Es ist eine echte Perspektiverweiterung.

Gibt es auch was zu meckern?
Ich war ein wenig überrascht (und vielleicht auch minimal enttäuscht), dass sich der Charakter des Buches in der zweiten Hälfte spürbar veränderte: Ging es zunächst scheinbar um eine ruhige und intensive Milieustudie über ein berührendes Einzelschicksal, mutierte der Roman dann doch eine wenig in “gewöhnlichere” Formen – bis hin zu einem eher krimitypischen Knaller am Ende.

Trotzdem: für mich ein besonderes Lese- bzw. Hörerlebnis!

“Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch” von Abbas KHIDER

Es gibt nette Menschen, die schenken mir – ohne jeden Anlass – zwischendurch ein Buch, weil sie denken, dass es mich interessieren könnte.
Über so ein Buch schreibe ich jetzt, weil ich es – so zwischendurch – gestern Abend und heute früh gelesen habe.

Es geht mal nicht um Nachhaltigkeit oder Literatur. Es geht um die Sprache selbst. Explizit um die deutsche Sprache. Und zwar aus Sicht eines aus dem Irak stammenden Intellektuellen, der sich zunächst als betroffener Fremdling, dann als Profi (Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Deutschland) mit den Besonderheiten des Deutschen auseinandergesetzt hat.

Das Ergebnis ist ein kleines Juwel.
Mit dem Lesen gewinnt man ein anderes (tieferes) Verständnis der eigenen Sprache, einen Einblick in die Mühen, Deutsch als Fremdsprache zu lernen und ein Gefühl dafür, wie man sich als hochintelligenter und gebildeter Mensch ausländischer Abstammung in diesem unseren Lande fühlt.
Lehrreich, amüsant und auch ein wenig verstörend.

Die – sehr kreative Grundidee: Der Autor schlägt eine recht durchgreifende Vereinfachung der grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache vor. Aber nicht so ganz allgemein, sondern ganz konkret. Er liefert nicht weniger als eine neue Grammatik, die das Erlernen (und die Anwendung) dieser Sprache enorm vereinfachen würde.
Er tut das mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit – wohl wissend, dass seine Anregungen ganz sicher nicht umgesetzt werden. Es ist also eine augenzwinkernde Ernsthaftigkeit. Er entwickelt so etwas wie eine sprachliche Utopie, die aus dem “Monster” (deutsche Sprache) eine bezwingbare Herausforderung machen könnte.

Es geht um Deklinationen, um Pronomen, um Adjektive, um Satzstellungen, um Verbformen.
KHIDER analysiert die unlogischen Kompliziertheiten und macht Alternativvorschläge. Das hört sich sehr trocken und nur mäßig relevant an – wie ein rein theoretischer Beitrag zur Germanistik.

Es gibt jedoch – wie schon angedeutet – zwei Mehrwerte (angeblich gibt es den Plural nicht; ich benutzte ihn trotzdem; Sprache muss sich auch entwickeln…):

1.  Natürlich verfolgt der Autor ein verstecktes Ziel – so denke ich wenigstens. Dadurch, dass er die Ungereimtheiten unserer Sprache entlarvt (um sie vermeintlich zu beseitigen), erklärt er die geltende Grammatik auf eine unterhaltsame Weise. Sozusagen über Bande gespielt. Er legt die Strukturen unter ein Vergrößerungsglas und macht sie so bewusst – auch den Lesern, die sich an ihre letzte Deutschstunde nur mit Mühe erinnern können.

2.  KHIDER versteht es, seine sprachanalytischen Betrachtungen mit seinen Erlebnisse als Neuankömmling bzw. als inzwischen längst integrierter “Fremderscheinender” in humoristischer Weise zu vermischen. Man bekommt einen Eindruck, wie ein Mensch, der (ca.) 95% der ihm begegnenden Deutschen intellektuell weit überlegen ist, sich in diesen Interaktionen fühlt. Dabei fällt kein böses Wort. Der Autor liebt die sanfte, ironische Darstellung – selbst wenn es um Rechtsradikale geht.

Also: Ein Büchlein, das man mit Genuss liest, wenn man Sprache mag und einen ungewohnten Blick auf den holprigen Weg der Integration werfen will.

“Die smarte Diktatur” von Harald WELZER

Ist es wirklich sinnvoll, immer mehr von PRECHT, HÜBL, HARARI, LESCH, YOGESHWAR oder eben WELZER zu lesen? Also immer genauer zu erfahren, welche Trends und Risiken unsere nahe und fernere Zukunft bereithält?
Ich weiß nicht ob es sinnvoll ist; mir bringt es immer wieder auch Vergnügen (neben den Bedrohungsgefühlen, die auch ausgelöst werden): Ich kann meine eigenen Positionen ausdifferenzieren und meine Argument schärfen. Neue Teilperspektiven runden das Bild ab.
Offen bleibt, wie weit solche verfestigten Überzeugungen zum Handeln führen (ein paar Klima-Demos waren es immerhin inzwischen).

Was bietet nun WELZER in diesem Buch (aus dem Jahre 2016)?

Nun, wie der Titel nahelegt, konzentriert er sich auf einen Aspekt der vieldiskutierten Mega-Trends: die Digitalisierung.
Er tut das in einer sehr pointierten Weise: Er nimmt ganz eindeutig Partei und besetzt die Rolle des Mahners und Warners. Er will noch mehr: WELZER will auch aufrütteln, aktivieren, zum Widerstand mobilisieren. Weil er konkrete Gefahren erkennt – nicht in einer nahen oder fernen Zukunft, sondern aktuell, hier und heute.
Diese Gefahren umfassend zu beschreiben, ist sein Ziel; dafür zieht er alle ihm zur Verfügung stehenden Register. Das zu lesen – die Bewertung schon mal vorweg – war für mich äußerst anregend und gewinnbringend, und zwar mehr als ich das (bei diesem Thema) ursprünglich erwartet hatte.

Für Menschen wie mich (und das gilt wohl für mein gesamtes Umfeld) ist WELZER einer von den Guten: überzeugter Demokrat, weltoffen und liberal, solidarisch und umweltbewusst. Er ist auf der einen Seite Kind eines antiautoritären Zeitgeistes (Jahrgang 1958, natürlich ein bisschen spät für die 68iger), sieht aber in handlungsfähigen staatlichen Institutionen (einschließlich der Sicherheitsdienste) eine notwendige Voraussetzung zum Erhalt von persönlicher Freiheit.
So weit, so “richtig”!
Er bringt nur eine Eigenschaft mit, die mir den Zugang zu seinen Überlegungen potentiell hätte erschweren können: Er hat keinerlei persönliche Affinitäten zu der digitalen “Wunderwelt”. Er kennt also nicht den speziellen Reiz, den digitale Hilfsmittel – insbesondere konzentriert in den aktuellen Smartphones – ausüben können. Er ist nicht fasziniert vom Funktionieren. Für ihn kann zwar digitale Technik nützlich und dienlich sein, sie besitzen aber keinen “Eigenwert”. WELZER guckt lieber seinem Kater beim autonomen Leben zu als auf das Display eines Google- oder Applegerätes.
Diese Kröte hatte ich also zu schlucken: Ich musste mich jemandem argumentativ anvertrauen, der die eigenen Ambivalenzen nicht teilt.

Hut ab! WELZER hat mich “eingefangen”. Auf der Überzeugungsebene, nicht auf der Handlungsebene. Ich werde mein Smartphone nicht abschaffen und auch nicht fast alle Apps deinstallieren. Aber ich werde bewusster beobachten, mich und andere.

Komische Rezension! Man weiß immer noch nicht, was eigentlich in dem Buch steht.
Ihr habt ja Recht!

Ich will motivieren, dieses Buch zu lesen; gleichzeitig weiß ich, dass nur die wenigsten dazu kommen werden. Deshalb hier ein paar Grundthesen:

  1. Die vermeintlich so innovativen und fortschrittlichen Digital-Konzerne bzw. ihre Gründer und Propheten lösen ihre Versprechen nicht ein: Statt der immer perfekteren neuen Welt (mit immer “unbegrenzteren” Möglichkeiten) bieten sie eine neue Extremvariante hinsichtlich der Konzentration von Reichtum und Macht (letztlich auch politischer) in sehr wenigen Händen.
  2. Die angeblich so “smarte” digitale Welt verbraucht nicht nur selbst ungeheure Mengen an Ressourcen und Energie, sondern hält steht fast ausnahmslos im Dienste einer weiter ungebremsten Wachstums- und Konsummaschinerie. Sie ist damit nicht die Lösung für die großen Menschheitsaufgaben (z.B. Klima), sondern ein Teil des Problems.
  3. Die von den Nutzern der digitalen Angebote (also Suchmaschinen, Internetshopping, Vergleichs- und Bewertungsportale, Facebook & Co, …) freiwillig gelieferten Daten schaffen eine zutiefst antidemokratische Macht in den Händen der Datensammler und -auswerter.
  4. Die digitale Glitzerwelt der immer ausgefalleneren Gadgets verschleiert den Blick dafür, dass die wesentliche Dinge  des Lebens (Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Wohnen, Gemeinschaft und Liebe) hoffnungslos analog sind – und bleiben werden.
  5. Die (freiwillige) Offenlegung der ganz persönlichen Vorlieben, Wünsche und Ziele (z.B. bei Amazon) greift langfristig auf eine kaum zu überschätzende Art die Privatheit eines jeden Menschen an. Dinge für sich oder in einem vertrauten Kreis zu halten, kommt unmerklich völlig aus der Mode.
  6. Während bei uns (z.B. in Europa) die digitale Revolution mit alle ihren Kontroll- und Überwachungsoptionen auf eine entwickelte Zivilgesellschaft stößt, in der es zumindest einen Basis-Schutz durch Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung gibt, ergeben sich für die noch (oder wieder) autokratisch regierten Staaten unglaubliche Möglichkeiten, von denen frühere Diktaturen nicht zu träumen wagten.

Das mag als Kostprobe reichen. Man merkt: Es geht um den drohenden Verlust unserer Identität als autonome Bürger mit einer geschützten Privatheit. Es geht um die freiwillige Aufgabe der so hart erkämpften Freiheitsrechte im Tausch gegen eine letztlich belanglose Konsum- und Spielwelt, die kaum ein wirklich menschheitsrelevantes Problem zu lösen vermag.

Noch ein paar Worte zu den Konsequenzen:
Prinzipiell ganz einfach: WELZER will gerne die digitale Technik nutzen. Er will nur vorher (demokratisch) entscheiden, was denn bitte die angestrebten Ziele sind. Er glaubt nicht daran, dass sich schon die richtigen Ziele herausbilden, wenn man nur der Technik den ungebremsten Raum gibt.
WELZER will und anregen, weniger Daten zu liefern (und wenn, dann eher systemverstörende).
Der Autor denkt, dass es Zeit ist, schon jetzt aktiv zu werden. Er hat eine Sympathie für Aktionen, die mit Spaß und etwas Anarchie für eine Gegenwelt eintreten. Er möchte, dass der Prozess des Engagierens schon ein Teil der Lösung ist.

Schlusswort:
Das Buch konnte “Fridays for Future” nicht mehr berücksichtigen. WELZER hätte diese Bewegung sicher als bespielhaft gewürdigt (auch wenn es hier nicht um das Digitale geht).
Ich bin nicht in allen Aspekten ganz seiner Meinung. Ich sehe nicht in jeder Überwachungskamera auf Bahnhöfen eine Gefahr für die Demokratie. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob es wirklich antisolidarisch ist, wenn sich ein bestimmtes Risikoverhalten auf Krankenkassenbeiträge auswirkt.
Solche Details wären sicher zu diskutieren.
Genauso wie die Tatsache, dass bestimmte technische Möglichkeiten nicht nur Spaß machen, sondern auch schöpferische und kreative Möglichkeiten wecken. Nicht jeder muss Freude daran finden, seinen Kater zu beobachten.

“Die aufgeregte Gesellschaft” von Philipp Hübl

Schon wieder ein Sachbuch!
Warum tue ich mir das an, statt – zumindest auf Reisen – mal Zerstreuung in einem gut geschriebenen Krimi zu suchen?
Nun, ich habe das gelegentlich versucht, dann eher mit Science-Fiktion als mit Krimis. Einige davon sind in anderen Blogbeiträgen auch besprochen.
Aber meine Erfahrung ist: Für mich ist nichts anregender oder spannender als durch ein didaktisch gelungenes Sachbuch neue Perspektiven auf die Welt geöffnet zu bekommen und diese damit wieder ein kleines Stück besser verstehen zu können. Mit diesem Genuss können die üblichen Unterhaltungsliteratur-Genres nur in Ausnahmefällen mithalten.

In diesem Sinne und nach diesem Anspruch ist das hier besprochene Buch ein “großer Wurf”!
Es verbindet in einer – für mich beeindruckenden Weise – psychologische, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse zu einem griffigen Modell, das einen erstaunlich breiten Erklärungswert aufweist und dabei insbesondere auf brandaktuelle Themen fokussiert wird.

Das größte Problem an diesem Buch ist der Titel. Er gibt nur einen minimalen  Hinweis auf die tatsächlich behandelten Themen. Er täuscht den potentiellen Käufer/Leser – allerdings nicht, weil er zu viel, sondern weil er zu wenig verspricht.
Mein Vorschlag würde z.B. lauten: “Wie Moralpsychologie und
-philosophie politische und gesellschaftliche Trends erklären können”.
(Dann erübrigt sich natürlich der Untertitel).

Genau darum geht es nämlich. Der Autor entwickelt – auf der Basis der “Moralwissenschaften” ein Schema bzw. eine Schablone, die sich ziemlich gut dazu eignet, – auf den ersten Blick – ganz unterschiedliche Phänomene zu verstehen.

Bzgl. der Grundfrage, ob Moral (und die daraus abgeleiteten politischen Überzeugungen) ihre Basis eher in den Emotionen oder in vernunftbasierten Abwägungen haben, schlägt sich HÜBL zunächst ganz klar auf die Seite der gefühlsmäßigen Reaktionen bzw. Bewertungen.
Er identifiziert insgesamt sechs relevante emotional verankerte Grundtendenzen. Drei davon (Fürsorge, Fairness und Freiheit) ordnet eher einem “progressiven” Weltbild, die drei anderen (Autorität, Loyalität und Reinheit) sind für ihn Ausdruck einer konservativen Grundeinstellung.
Das hört sich vielleicht (zu)  einfach an, entwickelt sich aber  im Laufe des Buches zu einem extrem hilfreichen, facettenreichen  und plausiblen Ordnungsprinzip.

Der Autor schaffte es tatsächlich, mit diesen Grundfarben einen erstaunlich großen Ausschnitt der  – so komplexen und unübersichtlichen – Welt so zu kolorieren, dass sich neue und gut strukturierte Bilder abzeichnen.  Immer wieder denkt man: “Ja, das ist stimmig; genau so könnte man das sehen!”

Ich muss mich bremsen! Am liebsten würde ich hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Argumentationsstränge darbieten. Aber das wäre schade!
Ich will zum Lesen dieses Buches motivieren und keineswegs den Eindruck erwecken, dies hätte sich durch eine ausführlichen Rezension erübrigt.
Vielleicht beispielhaft nur eine Facette: Spannend sind die – für mich überraschenden – Zusammenhänge zwischen dem Gefühl “Ekel” und bestimmten moralischen Regeln und Haltungen (diskutiert unter der Überschrift “Reinheit”).

Das Selber-Lesen lohnt sich auf deshalb unbedingt, weil der Autor auch ein guter Didaktiker ist. Er schreibt wie ein erfahrener Wissenschafts-Journalist, strukturiert, stellt Zusammenhänge her, fasst zusammen.
Einfach toll!

Ja, ein persönliches Anliegen treibt den Autor auch um. Besser gesagt, zwei.

Einmal holt HÜBL die zu Beginn etwas in den Hintergrund gedrängte Vernunft und die darauf basierenden “autonomen” Entscheidungsmöglichkeiten des Menschen am Ende in sein Gesamtbild hinein. Das stimmt ihn letztlich hoffnungsvoll, weil es Weiterentwicklung ermöglicht – individuell und gesellschaftlich.

Etwas konkreter – und aus meiner Sicht geradezu in perfekter Weise – macht der Autor im Schlussteil deutlich, dass er die verschiedenen moralischen Grundreaktionen keineswegs nur mit wissenschaftlicher Neutralität betrachtet. Seine Sympathie für eine offene, freiheitliche und von der Tendenz eher “weibliche” Zukunftsperspektive wird aber natürlich auch nachvollziehbar aus den Befunden abgeleitet.
Und es ist geradezu ein Genuss, die Zusammenhänge zwischen autoritären bzw. rechtslastigen Einstellungen und eines stark auf emotionale Reaktionen reduzierten moralischen Urteils so überzeugend dargeboten zu bekommen.
Hier wird das, was man schon immer dazu gefühlt und gedacht hat, wirklich toll zusammengefasst. Unideologisch und nachvollziehbar.
Wer etwas nachdenkt (nachdenken kann), landet nicht im rechts-autoritären Sumpf! (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ach ja; ein guter Rezensent findet immer etwas Kritisches.
Nun: Wie jedes Ordnungsschema ist auch das von HÜBL nicht perfekt oder gar “wahr”. Manches wird vielleicht zu schnell “passend” gemacht. Geschenkt!
Ich würde sofort gerne ein besseres und überzeugendes Buch über diese Thematik lesen, wenn es das denn gäbe.
Ich bitte um Hinweise!

Übrigens: Den Zugang zu dem Buch hat mir der Auftritt des Autors im “Philosophischen Radio” bei WDR 5 geschaffen.