“Das Café am Rande der Welt” von John Strelecky

Bewertung: 2 von 5.

Neulich ist das Nachfolge-Werk zu dem hier besprochenen Buch veröffentlicht worden. Ich nehme das mal zum Anlass, meine Meinung zu dem ersten Text zu sagen (den ich tatsächlich erst gestern gelesen habe).

Ich muss die Leser/innen dieser Rezension um etwas Geduld und Ausdauer bitten. Um meinen Anspruch – etwas halbwegs Fundiertes zu diesem Buch zu sagen – zu erfüllen, muss ich etwas ausholen.
Es  geht bei einem solchen Buch nämlich um verschiedene Ebenen, die bei der Betrachtung und Bewertung sinnvoller Weise unterschieden werden sollten. Sonst produziert eine solche Rezension – im schlimmsten Fall – nur ein undifferenziertes Gemisch, das weder dem Buch noch dessen – vielfach begeisterten Lesern –  gerecht werden würde.

Grundsätzlich stellt sich bei allen Büchern, die eine inhaltliche Botschaft vermitteln wollen, die Frage, ob man eher den Inhalt oder die schriftstellerische Leistung beurteilt. Je eher es um ein reines Sach-/Fachbuch geht, desto mehr tritt üblicherweise die (künstlerische) Form der Vermittlung in den Hintergrund.
Ich diesem Fall geht es um den Bereich der Lebenshilfe, konkret um grundlegende Sinnfragen, so dass die Ausgangslage sogar noch komplexer ist: Die vermittelte Botschaft ist kein „neutrales“ Wissen, sondern berührt existenzielle Fragen und Sehnsüchte, die natürlicherweise emotional hoch aufgeladen sind. So ein Buch überhaupt mit einem analytischen Blick zu betrachten, könnte daher von Menschen, die sich gerade auf den Weg zu einer „Selbstfindung“ gemacht haben, schon als eine Art Sakrileg empfunden werden.

Warum ich das alles schreibe? Mir ist wichtig, dass meine Meinung zu diesem Buch nicht verwechselt wird mit einer Aussage zu der grundlegenden „Message“ des Autors oder gar mit einer Bewertung der Motive  bzw. Ziele seiner riesigen Leserschaft fast überall auf der Welt.

Das kleine Büchlein, das nicht viel mehr als ein bis zwei Stunden Lesezeit erfordert, verpackt einige wenige „Lebensweisheiten“ in eine übersichtliche Rahmenhandlung. Der Protagonist verirrt sich bei einer Autofahrt in ein „Cafe am Ende der  Welt“ und bekommt dort nicht nur seinen leiblichen, sondern auch seinen spirituellen Hunger gestillt. Mit dem Unterschied, dass ihm seine Bedürfnisse nach Sinnfindung und erfülltem Leben erst durch einige Gesprächspartner in diesem Cafe offenbar werden. Nach einigen Stunden voller Denkanstößen, Selbstreflexion und Sich-Spüren geht er als ein „anderer“ wieder hinaus in sein Leben.

Viele Menschen hat das angesprochen und angerührt. Dieser Text war für sie offenbar der  – vielleicht lange ersehnte  – Anlass, einmal selbst darüber nachzudenken, was der (persönliche) Zweck ihrer Existenz sein könnte und warum diese innere Bestimmung sich nicht stärker auf das tatsächliche Alltagsleben auswirkt. Warum man stattdessen sein kostbares Leben mit sinnentleerter Arbeit oder in einer ewigen Konsumschleife füllt – vielleicht von der Hoffnung getragen, dass das „echte“ Leben dann irgendwann später stattfinden könnte.

Der Autor hatte offenbar ein Händchen dafür,  schwere Themen leicht und locker zu vermitteln. Er führt in geradezu homöopathischen Dosen an diese existentiellen Fragen heran und überwindet so ganz geschickt den Widerstand, den viele Menschen gegenüber potentiell irritierenden Fragestellungen haben. Es geht ganz leise und sanft zu; niemand wird zu etwas gezwungen; es werden nur Fragen gestellt und Anregungen gegeben. Es tut nicht weh – es kribbelt nur ein wenig…

Damit hat der Autor also offenbar alles richtig gemacht.
Also ein tolles Buch, für jedermann/-frau zu empfehlen?

Dem würde ich dann doch widersprechen!
Jeder – also wirklich jeder – der sich irgendwann in seinem Leben schon mal mit Sinnfragen beschäftigt und dazu schon einmal etwas gelesen hat, kennt die in diesem Buch gestellten Fragen und auch das eingewebte Gleichnis vom Fischer, der doch eigentlich schon all das hat, was für andere das letztendliche Ziel eines Karriere-Strebens darstellt.
Ein bisschen entzieht sich das wirklich meinem Fassungsvermögen, dass dieser Autor mit diesem Buch einen solchen Erfolg einfahren konnte. So eine Geschichte könnte man im Prinzip in wenigen Tagen niederschreiben; sie erfordert keinen Aufwand bzgl. inhaltlicher Recherche, Ausgestaltung von Figuren oder Entwurf eines Plots. Die vorgestellten Inhalte – so wesentlich und grundlegend sie auch sein möglich – findet man in jedem besinnlichen Kalender oder als Sinnspruch auf diversen Postkarten.

Wenn ihr euch selbst oder einem Mitmenschen mit diesem Buch eine Freude machen wollt, dann stellt euch bitte folgende Frage: „Soll es wirklich um eine erste Annäherung an eine solche Form von Selbstreflexion gehen, also um einen absoluten Einstieg?“
Wenn ihr diese Frage guten Gewissens bejahen könnte, ist das Buch sicher einen Versuch wert. In allen anderen Fällen ist das Risiko einer Unterforderung doch recht hoch!

Auch wenn ich mich sehr wundere, dass dieses Büchlein so erfolgreich war, freue ich mich über und für jeden Menschen, der nach dem Lesen ein etwas bewussteres Leben führt.

25.01.2020

Es ist schon frustrierend:
Auf der einen Seite läuft das Impeachment-Verfahren, bei dem es (den Republikanern) ganz offensichtlich nicht um die politisch-rechtliche Bewertung des Verhaltens eines Präsidenten geht, sondern nur um die Durchsetzung ihrer Mehrheitsverhältnisse im Senat.

Parallel dazu wurde in diesen Tagen mal wieder ein informatives Insider-Buch veröffentlicht, in dem minutiös der chaotische und charakterlose Führungsstil von Trump anhand von zahlreichen Beispielen und von jeder Menge Zeugenaussagen zweifelsfrei belegt wird.

Was bedeutet das alles unterm Strich?
Man hält eine Wiederwahl von Trump für relativ wahrscheinlich.

Wie war das nochmal? Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen – mit Ausnahme aller anderen?
Was der gute Churchill wohl zum gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Demokratie sagen würde, in der eine Wahlkampagne ohne den Einsatz von Hunderten Dollarmillionen (eigenen oder “selbstlos” gespendeten) keine Aussichten auf Erfolg hätte? In der geballte Medienmacht in der Hand einer rechtslastigen Clique von Superreichen liegt?

Ich weiß – ich habe auch keine Alternative. Aber ich bin froh, dass wir noch nicht ganz amerikanische Verhältnisse haben (auch nicht, wenn Gabriel zur Deutschen Bank wechselt).
Und russische oder chinesische Verhältnisse sind sicher nicht die Lösung….

“Schluss mit dem täglichen Weltuntergang” von Maren Urner

Ein nettes, überraschendes Geschenk: Ein modernes Layout schaut mir entgegen, mit einem schon bekannten Titel, der zeitgeistrelevante Kost verspricht. Als ich das Buch selbst mal in der Buchhandlung in der Hand hatte (ja, ich betrete solche traditionellen Refugien noch), spürte ich etwas Skepsis. Sollte es etwa um ein Schönreden unserer Menschheitsprobleme gehen? Sollte mal wieder unsere Lebenssituation mit dem finsteren Mittelalter verglichen werden? Ich hab es dann erstmal weggelegt.

Das populärwissenschaftliche Sachbuch der Wissenschaftlerin, Dozentin und Journalistin befasst sich mit der Art, wie wir alltäglich Nachrichten angeboten bekommen, wahrnehmen und auswerten. Und es stellt die Folgen dar, die all dies für unsere Weltsicht und unsere emotionale Verfassung hat.


Das Buch beinhaltet u.a. folgende Themen bzw. Botschaften:

  • es möchte über einige grundlegenden sozial- und wahrnehmungspsychologische Grundlagen aufklären,
  • es greift dabei zur Veranschaulichung auf bekannte Experimente und selbstgestrickte Übungen zurück,
  • es verbindet die Erkenntnisse – wo immer es sich anbietet – mit Befunden aus den Neurowissenschaften,
  • es beschreibt und kritisiert den Overflow und die einseitig negative Ausrichtung der auf uns pausenlos einströmenden Informationen,
  • es beschreibt Alternativen zu dieser „negativen Überreizung“ und stellt in diesem Zusammenhang ein eigenes Projekt (eine Plattform für „konstruktiven“ Journalismus) vor und
  • es gibt praktische Hinweise auf Selbsthilfe-Möglichkeiten, um den Risiken von Fehlwahrnehmungen vorzubeugen bzw. dem Strudel der permanenten Internet-Berieselung zu widerstehen.

Es geht in diesem Buch nicht um das Relativieren von realen Problemen und Risiken, sondern um eine andere Form der Berichterstattung. Es geht um „positiven Journalismus“; einen Journalismus, der nicht nur Missstände oder Bedrohungen beschreibt, sondern auch über Lösungsmöglichkeiten informiert, insbesondere über bereits bestehende Initiativen und Aktivitäten. Ziel ist es, nicht ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Resignation entstehen zu lassen, sondern eher Mut zu machen und Perspektiven zu schaffen.

Urner befasst sich mit diesem modernen Thema, in moderner Form. Sie duzt ihre – wohl als überwiegend gleichaltrig eingeschätzte – Leserschaft; man ist ein wenig unter sich. Der Schreibstil ist entsprechend locker und persönlich; das Buch ist leicht zu lesen.

Hört sich doch alles gut an. Gibt’s was zu meckern?
Vielleicht gibt am ehesten – ich trau mich mal, persönlich zu werden – so eine Art Autoren-Neid.
Maren Urner hat offenbar Glück gehabt: Sie hat einen renommierten Verlag gefunden, der ihr Thema für „angesagt“ hielt. Man hat einen etwas reißerischen Titel und ein peppiges Layout spendiert und der jungen Autorin gleich noch die Möglichkeit gegeben, in einem Sachbuch ein eigenes Projekt in aller Ausführlichkeit zu promoten. Gut gelaufen; diese Chance erhält nicht jede/r Autor/in.
Natürlich sei ihr das gegönnt.

Frau Urner hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie reklamiert den Einbezug von Erkenntnissen gleich aus mehreren Fachgebieten. Man sollte vielleicht kurz darauf hinweisen, dass der wissenschaftliche Tiefgang sich in Grenzen hält. Der Schwerpunkt liegt auf Allgemeinverständlichkeit und Lesbarkeit. Das soll kein Vorwurf sein; nur eine kleine Relativierung.

Wer sich ohne fachwissenschaftlichen Anspruch mit dem Thema befassen möchte, findet einen motivierenden und niederschwelligen Zugang und fühlt sich vermutlich am Ende unterhaltsam informiert.

Ich hätte am liebsten 3,5 (von 5) Sterne gegeben, wollte dann aber nicht kleinlich sein. Ich fand, dass Urner an einigen Stellen ein bisschen dick aufgetragen hat und sich ein bisschen viel Raum für eine Art Erlebnisaufsatz über das Entstehen ihres Web-Projektes genommen hat.

Aber vielleicht ist da ja auch mal wieder ein älterer Mann ein wenig neidisch auf den Erfolg einer jungen Frau (s.o.)…

“Maschinen wie ich” von Ian McEvan

Ich dachte: “Ein Geschenk des Himmels!” (was für mich bedeutet: “ein toller Zufall”).
Dieses Buch begegnete mir, als ich mich – in einem ganz anderen Kontext – gerade mit der spannenden Frage nach dem Zusammenhang zwischen neurologischen Prozessen im Gehirn und dem “Ich-Bewusstsein” beschäftigte. Für mich ist das übrigens eine der grundsätzlichsten und aufregendsten Fragen überhaupt.

Nun also ein Roman genau zu diesem Thema! Die Motivation konnte kaum größer sein.

McEvan (von dem ich schon den Roman “Kindeswohl” gelesen hatte) setzt sich mit der Bewusstseinsfähigkeit von KI (Künstlicher Intelligenz) auseinander. Praktischerweise hat diese KI die Form eines ersten Super-Roboters angenommen, der nach seiner Betriebsaufnahme schon bald nicht mehr von einem normalen Menschen zu unterscheiden ist (wäre da nicht diesen Aufladekabel am Bauch…).

Ich sollte erwähnen, dass der Roman eine recht wilde Mischung von Genres beinhaltet: ein bisschen Science-Fiktion, ein bisschen Wissenschaftsbuch, ein bisschen Liebesroman, ein bisschen Satire, ein bisschen Gesellschaftskritik, ein bisschen Zeitgeschichte, …
Dieser Facettenreichtum macht sowohl die Beschreibung als auch die Bewertung des Textes ein wenig kompliziert.

Es gibt für all das eine Rahmenhandlung. Die hat mit einem jungen Paar zu tun, das Anfang der 80-iger Jahre in London lebt. Der IT-Mann ist ausgestiegen, hält sich mit kleinen Börsenspekulationen über Wasser und investiert seine Erbschaft in einen der ersten Maschinen-Menschen.
Von da an wird das Leben auf mehreren Ebenen komplex und aufregend. Das kann eben passieren, wenn das einprogrammierte Bewusstsein des Androiden mit der realen Welt der Menschen konfrontiert wird…

In dem Roman steckt ein ganzes Potpourri von kreativen und amüsanten Ideen. Man wird ohne Zweifel niveauvoll unterhalten.
Geboten wird aber auch echte Technikgeschichte – insbesondere durch das Zusammentreffen mit dem PC-Pionier Alan Turing (von dessen Erfindungen man eine Menge erfährt).
Ein besonderer Gag liegt auch noch darin, dass zwar Ereignisse der Zeitgeschichte erwähnt werden, die Abläufe und Ergebnisse aber in entscheidenden Punkten auf den Kopf gestellt werden.
Damit das alles in die Zeit passt, wird die IT-Entwicklung einfach um ein paar Jahrzehnte vorverlegt (man ist damals also etwa auf dem Stand, den man vielleicht 2035 erwarten kann).

Was vielleicht deutlich wird: Es warten viele ganz unterschiedliche Aspekte und Themen – wobei ich die eigentliche Handlung ja noch gar nicht erwähnt habe…

Das Beste wäre wohl, mit möglichst wenig konkreten Erwartungen an dieses Buch heranzugehen. Vor allem nicht mit der Erwartung, ein irgendwie geschlossenes und kohärentes Ganzes vorzufinden.
Vor allem sollte man auf keinen Fall ein – auch nur in Ansätzen – befriedigendes Ende erhoffen.

Mit dieser Gelassenheit ausgestattet kann man dieses Buch tatsächlich genießen. Es ist lustig, anregend, tiefsinnig.
Und dann schiebt man einfach den Gedanken zur Seite, dass McEwan all diese tollen Ideen vielleicht sogar noch zu einem besseren Buch hätte verarbeiten können.
Er hat nun mal dieses geschrieben.
Und es lohnt sich, es zu lesen.

“Die Gesellschaft der Singularitäten” von Andreas Reckwitz

Bewertung: 5 von 5.

Ich will nicht lange darum herumreden: Es handelt sich um ein – nicht gerade leicht verdauliches – soziologisches Fachbuch. Für (allgemeingebildete) Laien zwar prinzipiell verständlich, aber gedanklich und sprachlich anspruchsvoll. Also für die meisten Menschen keine entspannende Freizeitlektüre.

Bevor ich erläutere, welchen Gewinn das Lesen eines solchen Buches im Allgemeinen und dieses Textes im Besonderen bringen kann, gehe ich kurz auf den Inhalt ein.

Der Autor beobachtet und analysiert den Übergang von der “modernen” zur “spätmodernen” Gesellschaft. Er tut das mit einem sehr breiten Blick (wie mit einem Weitwinkelobjektiv), sodass eine Vielzahl von Bereichen und Phänomenen erfasst wird. Es geht z.B. um die Arbeitswelt, die Wirtschaft, das Wohnen, die Ernährung, die Bildung, die Kultur, die Freizeit, das Beziehungsleben, die Digitalisierung und die Politik). Irgendwie um alles. Natürlich wechselt RECKWITZ bei der Detailbetrachtung das Objektiv: Dann ist das Tele dran (heute würde man sagen: er zoomt herein).

Die eigentliche Leistung dieses Buches besteht darin, für nahezu alle Tendenzen und Entwicklungen eine gemeinsame Matrix zu finden. Der Autor liefert eine Schablone, mit deren Hilfe die – in ihrer Vielfältigkeit zunächst chaotisch anmutende – Wirklichkeit strukturiert, geordnet und verstehbar erscheint. Bleiben wir beim Fotografieren und stellen wir uns einen Filter vor, der sowohl Dunst, als auch Farbstiche, Reflexionen und Unschärfen beseitigt.
Dieser Filter heißt bei RECKWITZ “Singularitäten”.

Die Tendenz zu und die positive Bewertung von Singularitäten (also “anders sein”, “besonders sein”, einmalig sein”) ist nach seiner Analyse die entscheidende Dimension, in der sich die Spätmoderne von der auf Standardisierung und Angleichung ausgerichtete Moderne (die von der Industrialisierung bis ca. 1980 reicht) unterscheidet.

Nun denkt man vielleicht: So eine These mag ja ganz interessant sein; man könnte sie vielleicht in einem kleinen Essay mal auf 20 Seiten darstellen. Aber 450 Seiten!?
Genau das habe ich auch gedacht, als ich die Einleitung gelesen hatte. “Was soll jetzt noch kommen?”
Es kam noch unglaublich viel – und ich möchte kaum eine Seite missen.

Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass der Denk- und Analyseansatz von RECKWITZ nicht auf der Beschreibungsebene verbleibt. Der Autor zieht am Ende auch einige gesellschaftlich relevante Schlussfolgerungen.
Von ganz aktueller Bedeutung sind beispielsweise seine Ausführungen zu den populistischen und rechten Strömungen, die als Antwort der “Singularitätsverlierer” angesehen werden können.

Was ist nun der Gewinn?
Ich habe nach der Lektüre das eindeutige Gefühl, die Welt um mich klarer zu sehen. Ich habe ein hilfreiches Bezugssystem gewonnen, meine Perspektive erweitert. Alles wirkt ein wenig klarer, transparenter, konturierter. (Ich bin schon wieder beim Fotografieren).
Dieses Buch hat mein Weltverständnis erweitert. Nicht, weil es eine neue “Wahrheit” verkündet, sondern weil es eine hilfreiche Meta-Ebene aufspannt.
Zumindest mir war das die Mühe wert, mich durch einen manchmal anstrengenden Text zu arbeiten. Hilfreich war dabei, die klare Strukturierung der Gedankengänge und das sehr systematische Vorgehen.

Ich habe begonnen, mich und meine Umgebung durch die Singularitäts-Schablone zu betrachten. Ein Ergebnis: Was ich hier gerade tue – eine Rezension zu posten – ist ein Ausdruck meiner Bedürfnisse, “besonders” zu sein und etwas “Unverwechselbares” zu schaffen.
Wie fast jedes wirklich gute Buch, hält auch dieses Buch seinen Lesern einen Spiegel vor.

(Hier geht es zum Nachfolge-Buch).

“Lindenberg! Mach dein Ding”

Ein Spielfilm ist keine Dokumentation – auch wenn die Vorlage ein echtes Leben eines echten Menschen ist. Über den Menschen Udo Lindenberg gab es auch im Vorfeld schon viele Informationen und zahlreiche Legenden, die sich zu individuellen Bildern manifestiert haben. Mit solchen Bildern muss jetzt dieser Film über den Vorlauf und die Anfänge von Udos Karriere konkurrieren.
Vermutlich fällt die Bewertung des Filmes daher besonders subjektiv aus.
Vielleicht gilt ja die Regel: Je weniger vorgefertigte Schablonen der Kinobesucher mitbringt, desto ungestörter kann sich die filmische Bildersprache entfalten.

Dieser Film ist eine Mischung, ein Kompromiss. Er versucht sich einerseits an biografischen Zusammenhängen und damit auch an Erklärungen – andererseits schwelgt er in langen Szenen, in denen es wohl nur um Atmosphäre gehen soll.
Wer mit eindeutigen Erwartungen in diesen Film geht, kann daher so oder so enttäuscht werden.

Es geht um die Person Udo und seine ersten Lieben, es geht um zeitgeschichtliche (spießig-verlogene und hedonistisch-abgedrehte) Lebensgefühle, es geht um Kunst (Popmusik) und Kommerz. Und es geht – in ausnahmslos allen gezeigten Milieus – um massiven Alkoholmissbrauch (das Ganze “Konsum” zu nennen, wäre ein abstruse Untertreibung).
Der Alkohol ist so präsent, dass sich nach einiger Zeit eine natürliche Abwehr entwickelt und man es einfach nicht mehr sehen möchte. Und man kann es – bei allem Verständnis für jugendliche und szenebedingte Besonderheiten – auch irgendwann nicht mehr verstehen.
(Das ging mir übrigens bei der Autobiografie genauso).

Der Film zelebriert “Sex and Drugs and Rock’n Roll” überwiegend in der speziellen Ausprägung des Hamburger Reeperbahn-Milieus. Der junge Trommler (ja, Udo war zunächst ein – ganz erfolgreicher – Schlagzeuger) schlägt sich in der halbseidenen Welt von Sex und Musik so durch und wird von der diffusen Idee getragen, irgendwann sein großes DING zu machen.
Dieses DING ist natürlich die Rockmusik mit authentischen deutschen Texten – jenseits von Herzschmerz.
Der Film endet an der Stelle, wo ihm diese Idee einen Plattenvertrag über 1 Million einbringt.

Gestört hat mich, dass es einige Lücken in der Darstellung seiner Biografie gab: So ist zwar das Kind Udo zu sehen, kaum aber der Jugendliche, der langsam in die Welt der Kneipen-Musik hineinstößt. Gefehlt hat mir auch die Zusammenarbeit mit dem Jazzer Klaus Doldinger (Passport), die ja schon einiges Renommee einbrachte.
Die Beziehungsdynamik in seinem Familiensystem im spießigen Gronau war dagegen ganz gut nachvollziehbar.

Die Bilanz: Wenn man seine biografische Selbstdarstellung kennt, braucht man diesen Film nicht – zumindest nicht als Informationsquelle.
Dass ein Stück Zeitgeschichte gekonnt in Szene gesetzt wurde, kann man sicher begrüßen.
Begeisterung hat dieser Film bei mir letztlich nicht ausgelöst – aber auch keinen wirklichen Frust. Vielleicht ein wenig Enttäuschung – wegen der vielen eigenen Bilder….

(Tut mir leid, dass ich nichts übe die cineastischen Qualitäten des Filmes gesagt habe. Da fehlt mir einfach der fachliche Hintergrund…).

17.01.2020

Putin lässt gerade das gesamte russische Regierungs- und Verfassungssystem umbauen – offenbar um eine Grundlage dafür zu schaffen, seine Macht zeitlich unbegrenzt abzusichern.

Warum lässt er sich nicht einfach zu einem Zaren auf Lebenszeit krönen? Das wäre doch viel klarer und effizienter…

“Woodstock” von Michael LANG

Nun ist es doch noch auf deutsch erschienen – das Woodstock-Buch des Festival-Machers. Zehn Jahre nach seinem Erscheinen in den USA.
Wann – wenn nicht jetzt zum 50. Jubiläum – kann man das noch vermarkten?!

WOODSTOCK ist ein zeitgeschichtliches Phänomen – ähnlich wie die erste Mondlandung, die im gleichen Jahr stattfand. Welchem Ereignis man mehr Bedeutung zumisst, das hängt auch in meiner Generation von den persönlichen Prägungen ab.
Es wird wohl niemanden überraschen, dass ich wohl eher auf die Apollo-Mission als auf das legendäre Festival der “Gegenkultur” verzichten wollte…

Man kann das Festival und seine Bedeutung auf ganz unterschiedlichen Ebenen betrachten, analysieren und bewerten. Welchen Blickwinkel man auch immer auswählt: Man hat es immer mit einem Mythos, einer Projektionsfläche, einem ganzen Bedeutungskonglomerat zu tun.
Der Begriff steht nie ganz nüchtern für die drei Tage im August 1969; er ist aufgeladen mit Sehnsüchten, Illusionen, Wehmut, Unverständnis, Ablehnung, usw.

Mal kurz zum Buch:
Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht nach 50 Jahren all die Details, all die Namen von beteiligten Personen, all die Konflikte und Abläufe. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich auf fast 400 Seiten darin vertiefen würde.
Vermutlich wusste das auch der Autor. Er hat diese akribische Darstellung der Planung, des Vorlaufes und der Durchführung dieses Mammut-Events trotzdem geschaffen. Vermutlich, weil er mit Hilfe all dieser Einzelheiten einen authentischen Einblick in die Atmosphäre dieser Zeit geben wollte. Und sicherlich auch, weil er seine Innensicht abheben wollte von den vielen anderen Versuchen, dieses Festival und seine Zeit zu dokumentieren. Hier spricht der wahre Insider, der Macher selbst. Er hat sozusagen das letzte Wort; wer wollte ihm widersprechen?!

Was wird nun in diesem Buch deutlich, das nicht besser und schneller durch den grandiosen Film über das WOODSTOCK-Festival dokumentiert, hörbar und sehbar gemacht wird?
Nun: Es ist mit heutigen Maßstäben kaum vorstellbar, mit welch bescheidenen Ausgangsmitteln dieses Event geplant und vorbereitet wurde. Es ist absolut unglaublich, wie oft das ganze Unternehmen an irgendeinem seidenen Faden hing, der jederzeit zerreißen konnte. Es erscheint kaum fassbar, in welchem Umfang die beteiligten Personen unter einem mehr oder weniger kontinuierlichen Drogeneinfluss standen – und trotzdem irre Sachen auf die Beine gestellt haben.
Wenn irgendwas deutlich wird, dann das kreative Chaos hinter diesem Ereignis.

Mich haben ein Leben lang zwei Dinge an WOODSTOCK fasziniert:
Einmal die grandiosen Auftritte einiger Weltstars der Rockgeschichte (Santana, Joe Cocker, Jimi Hendrix, The Who, Ten Years After, ….); für mich beim Hören und Sehen immer wieder hochemotional besetzt.
Zum anderen die Erfahrung bzw. Botschaft, dass es tatsächlich eine im Kern friedliebende und solidarische Subkultur war, die das Motto “Love & Peace” mit Inhalt gefüllt hat. Ich war – sozusagen persönlich – stolz darauf, dass diese riesige Menschenmenge unter solch chaotischen Bedingungen ein Vorbild an Geduld und Rücksichtnahme war. Nicht zufällig, sondern auf der Basis einer Lebenseinstellung.
Auch das wird natürlich in diesem Buch groß gemacht.

Aus heutiger Perspektive und erst recht nach Lektüre dieses Buches gäbe es natürlich reichlich Grund zu Relativierungen. Zwischen den Machern gab es jede Menge Zoff und Konflikte, viele letztlich gelingende Umstände waren letztlich wohl doch auf Glück und Zufall zurückzuführen.
Das größte ABER: die Drogen!
Egal ob Organisatoren, Arbeiter, Publikum oder Musiker: Ohne massiven Gebrauch von Drogen lief offensichtlich kaum etwas. Mit Drogen ist dabei keineswegs das – damals noch wesentlich sanftere – Cannabis gemeint. Es geht um alle möglichen bewusstseinserweiternde Pillen, insbesondere um LSD.
Vermutlich darf man das wirklich nicht mit heutige Maßstäben betrachten; es war eine andere Zeit…

Manchmal musste ich zwischenzeitlich daran denken, dass all die spießigen Widersacher, die sich gegen die Veranstaltung zu wehren versucht haben, eigentlich ja Recht behielten: Es war nicht gut vorbereitet, es ist aus dem Ruder gelaufen, es wurden riesige Mengen Drogen verkauft und konsumiert, es bestanden erhebliche Risiken für Leib und Leben..

Aber die (Zeit-)Geschichte hat das alles untergepflügt.
WOODSTOCK wurde und blieb ein Symbol für eine friedliche Gegenbewegung zum reaktionären, rassistischen und kriegerischen – zum hässlichen – Amerika.
WOODSTOCK hat eine Legende geschaffen, ein Narrativ für einen Teil der Generation, die jetzt zwischen 65 und 75 ist.
Ich bin jedenfalls froh, dass meine Identität eher von dieser Facette des Zeitgeistes als von Kriegserlebnissen geprägt wurde.

Mein kleines persönliches WOODSTOCK fand im gleichen Jahr (1969) in der Gruga-Halle in Essen statt. In einer Nacht konnte ich – neben vielen anderen – Pink Floyd und Deep Purple live sehen. Ohne die Spur einer Droge, ohne eine Minute Schlaf. Hellwach und konzentriert.
So hätte ich es wohl auch in WOODSTOCK gehalten…

“Der kleine Gehirnversteher” von Karine und Lionel NACCACHE

Ein niedlicher Titel, ein niedliches Cover.
Ein niedliches Buch?

Ich finde nicht!
Das französische Ehepaar legt eine Einführung in den aktuellen Wissensstand über unser Gehirn vor, die durchaus ernst zu nehmen ist und eine Besprechung wert ist.

Die NACCACHEs wenden sich ganz eindeutig an ein breites Publikum. Sie setzen die Eingangsschwelle betont niedrig an und laden den interessierten Laien in einem sympathischen Plauderton zu einem Spaziergang durch die Welt unserer grauen Zellen ein. Das bedeutet aber nicht, dass sie auf dem Niveau eines Schulbuches für die Mittelstufe verbleiben.

Die angebotenen Informationen haben durchaus eine beträchtliche Tiefe und lassen ein schon recht differenziertes Bild über den Stand der Hirnforschung und ihrer Methoden entstehen – bis hin zu den spannenden aktuellen Fragen über die Geheimnisse des Ich-Bewusstseins.

Sie verfolgen dabei eine klare Didaktik: Es werden praktisch keine Vorkenntnisse vorausgesetzt und alles wird schön systematisch aufeinander aufgebaut. Wie häufig in populärwissenschaftlichen Büchern werden Bezüge zu den jeweiligen themenrelevanten Wissenschaftlern eingestreut – damit es nicht ganz so trocken und theoretisch bleibt.
Ein ganz klein bisschen schleicht sich bei der Lektüre (beim Hören) der Eindruck ein, dass die Gehirnforschung eine typisch französische Domäne ist (aber das ist sicherlich nicht beabsichtigt …).

Ein nettes (kein niedliches) Büchlein. Informativ, unterhaltsam, aktuell.
Das menschliche Gehirn ist absolut faszinierend; es gibt keine vergleichbar komplexe Struktur in dem für uns zugänglichen Universum!
Wie schön, dass dieses Buch das auch für ganz normale Leser nachvollziehbar macht!

Nachtrag:
Mir ist inzwischen klar geworden, dass ich bereits ein Buch gelesen und besprochen habe, das als direkte Konkurrenz zu dem Gehirnversteher betrachtet werden kann: “The Brain – Die Geschichte von dir”.
Für mich ist die Wertung klar: The Brain hat die Nase vorn! Insbesondere, wenn man sich speziell für die Fragen von Bewusstsein und Ich-Erfahrungen interessiert.
Der Gehirnversteher ist eine eher allgemeine Einführung, The Brain ein spannendes, faszinierendes Sachbuch über das Gehirn als Basis des Menschseins.

“Quichotte” von Salman RUSHDIE

Ich bin schon so etwas wie ein Fan dieses Autors, auch wenn seine Bücher alles andere als eine leichte Lektüre darstellen. Im Gegenteil: Sie sind stets eine Herausforderung.
Das liegt vor allem daran, dass RUSHDIE so etwas wie ein “Welt-Intellektueller” ist. Er ist gleich in mehreren Kulturen so verankert, wie das ansonsten sehr belesene und gebildete Menschen mal gerade in einer (ihrer) Kultur schaffen. Er spielt mit dieser kulturellen Vielfalt und springt wie ein Tausendsassa und mit einer scheinbar nie endenden quirligen Energie zwischen den Welten hin und her.
Manchmal bleibt da auch ein wohlmeinender und motivierter Leser auf der Strecke, weil ihm die Luft ausgeht…

Der aktuelle Roman QUICHOTTE ist in gewisser Weise ein Extrembeispiel für diese Art zu schreiben. Um es schon mal vorweg zu sagen: Auch ich bin diesmal nur noch widerwillig bis zum Ende gefolgt.
Ich will kurz darlegen, warum ich mich so schwer getan habe.

Der Plot des Romans ist schon extrem verschachtelt: Der Autor schreibt über einen Autor, der einen Helden schafft (Quichotte), der wiederum selbst teilweise in einer realen und daneben in einer Fantasiewelt agiert. Er (die Kunstfigur des Autors) schafft dann in seiner Vorstellung eine Person (seinen Sohn), der im Laufe des Romans zu einer echten (realen) Person mutiert.
Man könnte auch sagen: Er arbeitet mit Meta-Meta-Ebenen.
Erzählt wird eine Reise von Quichotte quer durch die USA, die das Ziel hat, einen angebeteten TV-Star zu erobern.
Das soll reichen, weil es auf die Handlung wirklich nicht ankommt.

Was ist nun der Sinn von dem Ganzen?

Augenscheinlich geht es RUSHDIE wohl darum, bestimmte Perversionen der amerikanischen Gesellschaft, speziell der Medien-Kultur zu entlarven. Dabei werden auch Themen wie der Promi-Kult, der Medikamenten-Missbrauch und die Suche nach Alternativ-Welten angesichts eines bevorstehenden Weltuntergangs berührt.
Man könnte auch kurz sagen: “Die spinnen, die Amis!”

Doch dieser Roman lebt letztlich weder von der Handlung noch von der Botschaft. Er lebt von der Vernetzung.
RUSHDIE macht, was er am besten kann: Er spielt virtuos mit unglaublich vielen Bezügen auf alle denkbaren kulturellen Inhalte – von der klassischen Weltliteratur (worauf ja schon der Titel hinweist) bis auf die aktuelle Netflix-Serien-Sucht. Der Autor lässt seine Assoziationen sprießen und der Leser versucht mitzuhalten.
Es wirkt wie ein Spiel: Sag mir, wie gut du dich auskennst – und ich zeige dir, wie sehr du von meinem Buch profitieren kannst!
Um es anderes zu sagen: Der Genuss, den RUSHDIE seinen (bestimmten) Lesern bietet, besteht darin, dass sie ihm weiter folgen können als andere. Je vielfältiger kulturell gebildet ein Leser ist (von der Antike bis zum Silicon-Valley), desto mehr Anspielungen versteht er, desto besser fühlt er sich und gehört damit in die RUSHDIE-Welt der intellektuellen Kosmopoliten.
Alle anderen fühlen sich – mehr oder weniger – ausgeschlossen und fragen sich, was das Ganze denn nun soll.

Ich empfehle diese Buch nicht.
Vermutlich, weil ich mich zu oft ausgeschlossen fühlte. Vielleicht hat es mich auch gestört, dass diese Art der Selbstdarstellung (“was ich alles weiß”) in diesem Roman ein wenig zu sehr zum Selbstzweck wird.
Natürlich ist dieser Mann ein Genie. Sein Gehirn muss zum Platzen voll sein mit Wissen und Ideen. Absolut beeindruckend.
Aber dieses Buch muss man trotzdem nicht lesen (oder hören).
Nehmt lieber den vorherigen Roman.