“Unzertrennlich” von Irvin D. YALOM und Marilyn YALOM

Bewertung: 3.5 von 5.

Das Liebes- und Ehepaar YALOM verabschiedet sich. Von einander, von einem großen Freundes- und Bekanntenkreis, von der internationalen Fachwelt, von Millionen treuer Leser und Anhänger. Anlass für diesen Abschied ist eine tödliche Krankheit von Marilyn, deren Verlauf und Folgen zunächst von beiden, nach dem Tod dann von Irving alleine beschrieben und reflektiert werden.
(Ich benutze im Text die Vornamen, weil es zu der extrem persönlichen Grundfärbung des Buches passt).

Der Name Irvin YALOM ist nicht nur in psychotherapeutischen Fachkreisen international bekannt; er hat eine Reihe von Romanen geschrieben, in denen er einem breiten Publikum grundsätzliche Erkenntnisse und Anregungen zu einem erfüllten Leben vermittelt hat.
Marilyn hat als feministisch-orientierte Literaturwissenschaftlerin ebenfalls seit Jahrzehnten eine öffentliche Präsenz.

Das Paar setzt mit diesem Buch in erster Linie der Beziehung selbst ein Denkmal. Hier haben sich zwei kreative und intellektuelle Persönlichkeiten schon im Jugendalter kennen- und lieben gelernt und es geschafft, sich bis ins hohe Alter auf eine Art zu begleiten, zu fördern, zu inspirieren, die für viele Menschen – sowohl im Umfeld als auch in weiten fachlichen und literarischen Kreisen – zu einem Modell einer Idealbeziehung geworden ist.

Das Buch setzt sich aus zahlreichen Facetten zusammen. Es beinhaltet:
– eine Art medizinisches Tagebuch über den Verlauf der Erkrankung, die Wirkung und Folgen der Behandlungsmaßnahmen,
– einen Einblick in die Gestaltung des Zusammenlebens in den letzten gemeinsamen Monaten,
– die Schilderung der Begleitung und Anteilnahme durch die Angehörigen und ein geradezu riesiges soziales Netzwerk,
– Rückblicke auf die Beziehungsgeschichte und Stationen eines extrem erfüllten gemeinsamen Lebens,
– die Darstellung der inneren Ambivalenz Marilyns zwischen dem Kampf um das Weiterleben (zuletzt mehr für Irving als für sich selbst) und ihrer wachsenden Bereitschaft, dem leidvollen und aussichtslosen Krankheitsprozess ein selbstbestimmtes Ende zu setzen,
– eher allgemeine Reflexionen (schwerpunktmäßig von Irvin) über das Alter, die Angst vor dem Tod, die Furcht vor der Einsamkeit des Zurückbleibenden) wobei der Autor zunehmend auch auf eigene frühere Werke zurückgreift),
– den schrittweisen Abschied von Irvin von seiner Berufung als Psychotherapeut (als Teil eines deutlich spürbaren Altersabbaus),
– die Beschreibung (und Reflexion) des Alltagslebens von Iriving in den ersten Monaten als Witwer).
Alle diese Themen sind durchzogen von immer wieder neuen Bekundungen des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Bewunderung und der geradezu unendlichen gegenseitigen Liebe.

Was ließe sich Kritisches sagen zu einem Buch mit solch berührenden, existenziell-bedeutsamen Inhalten? Müsste man nicht einfach nur ergriffen und begeistert sein, weil man an den (Selbst-)Erkenntnissen von solch besonderen Menschen teilhaben darf?
Nun, außerhalb des echten Fan-Kreises (der sich ja stärker um Irvin gebildet hat) könnte man schon zu dem Eindruck kommen, dass es vielleicht doch von allem etwas zu viel ist. Einfach eine Schicht zu dick aufgetragen. So wird aus gelungener Liebe ein einzigartiges Monument, aus einer klugen, fürsorglichen und inspirierenden Frau fast eine Heilige, aus guten Sozialbeziehungen geradezu ein Meer von innigen Freundschaften.
Es gibt Stellen in diesem Buch, die so persönlich und detailliert sind (Medikamente, einzelne Freundschaftsbeziehungen), dass sie doch eher für ein persönliches Umfeld als für die breite Öffentlichkeit eignen.
Die Passagen, in denen Irvin beschreibt, wie hilfreich für ihn das Lesen seiner eigenen literarischen Werke ist, wirkt auch ein wenig selbstverliebt (“wie klug ich doch schon früher war”).

Zusammengefasst: Wer YALOM schon lange für sich als Quelle von tiefen Erkenntnissen oder fachlichen Anregungen entdeckt hat oder Interesse an dieser so fruchtbaren Ausnahmebeziehung hat, wird dieses Buch mit großem Genuss und tief bewegt lesen.
Auch für diejenigen, die sich mit der partnerschaftlichen Gestaltung des Lebensendes auseinandersetzen, bietet das Buch bedeutsame Anregungen (wenn man sich nicht dadurch irritieren lässt, dass alle Rahmenbedingungen bei den YALOMs so unfassbar optimal sind).
Für weniger “betroffene” Leser/innen könnte sicher auch der Eindruck entstehen, dass hier etwas eigentlich sehr Privates sehr öffentlich zelebriert wird.
Über das Ende ein (weitgehend) gemeinsames Buch zu schreiben, passt auf diese Personen und diese Beziehung sicher perfekt. Diese Möglichkeit, eigene Ängste und die eigene Verzweiflung in einer solchen Form – geradezu als Selbsttherapie – zu verarbeiten, steht sicherlich nur wenigen Menschen offen.

“Über Menschen” von Juli ZEH

Bewertung: 3 von 5.

Ein neuer Roman von ZEH ist sowieso schon ein literarisches Ereignis (auf jeden Fall hinsichtlich der erwartbaren Verkaufszahlen). Hangelt sich ein solches Werk hautnah am Puls der Zeit entlang, bekommt es den Charakter eines politischen Statements. Das ist um so unvermeidbarer, als sich die Autorin auch auf anderen Kanälen in den gesellschaftlichen Diskurs offensiv einbringt.
Es geht daher im Folgenden um ein Buch und um die darin lancierten Botschaften.

ZEH beschreibt die Erlebnisse einer jungen – und bis dahin erfolgreichen – Werbetexterin, die sich im Rahmen einer Beziehungskrise aus dem quirligen und überdrehten Berlin in das ländliche brandenburgische Umfeld zurückzieht.
Sie trifft dort (erwartungsgemäß) auf extrem ungewohnte und irritierende Strukturen, nicht nur räumliche, sondern vor allem soziale bzw. menschliche (daher auch der Titel, der natürlich auch noch ein Wortspiel enthält).

Was dann erzählt wird, kann am ehesten als eine Art modernes Märchen beschrieben werden: Trotz ungünstigster Ausgangsbedingungen entwickeln sich Bezüge und Beziehungen, weil sich – wer hätte das gedacht – hinter den Zuschreibungen, Selbstinszenierungen und Klischees echte Menschen verbergen.
Damit diese Grundbotschaft auf jeden Fall verstanden wird, trägt die Autorin ziemlich dick auf: Statt Risse in den Selbst- und Fremdbildern zu beleuchten, wird gleich eine wundersame Gegenrealität aufgespannt.
Konkret heißt das: Der wahre Kern des vermeintlich Bösen und Abstoßenden ist nicht nur freundlich und hilfsbereit, sondern auch verletzlich und sensibel. Damit das auch ausreichend emotional aufgeladen wird, geht es auch um ein zugleich vernachlässigtes und geliebtes Kind, um unheilbare Krankheiten, einen Über-Vater und eine süße Hündin mit einem Männernamen.
Alles ein bisschen dolle…

Während ZEH also die mitgebrachten Vorurteile der Protagonistin Schritt für Schritt zerlegt und damit eine Lanze für die missverstandenen und abgewerteten Provinzler bricht, rechnet sie auf der anderen (urbanen) Seite geradezu unbarmherzig mit der maßlos überdrehten Klima- und Coronawelt ab.
Hier lugen die persönlichen Einstellungen der Autorin wohl am deutlichsten hervor: Greta Thunberg hat aus dem Partner der geflüchteten Kreativen endgültig einen zwanghaften Klima-Irren gemacht; die Corona-Einschränkungen gilt es in erster Linie als bürokratischen Schwachsinn zu belächeln. Holzhammer, ich hör dich sausen…

Auch die Figur der Protagonistin machte mich als Leser ratlos. Sie wirkt – angesichts ihrer beruflichen Karriere – oft irritierend naiv. Gut, solche inneren Widersprüche können ja eine Romanfigur durchaus interessant machen.
Als absolut überfordernd habe ich aber wahrgenommen, dass die aus grün-links-liberalen Milieu stammende Medienfrau ihre Verbrüderung mit der archaischen Landbevölkerung vorrangig durch gemeinsames Rauchen (gemeint sind wirklich normale Zigaretten), Biertrinken, Herumfahren in Diesel-Pickups und Grillen ganzer Fleischberge zelebriert.
Juli ZEH badet ganz offensichtlich in ihrem Anti-Mainstream-Bedürfnis. Man könnte auch sagen: Ihr – lobenswertes – Verständnis für den bodenständigen Teil unserer Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer unkritischen Anbiederung.

Zum Schluss ein Wort zur Sprache. Auch in diesem Roman schafft ZEH wunderschöne Sprachbilder. Das kann sie. Hier stellt sich spontan Lesevergnügen ein.
Ein paar Zeilen weiter ist man nicht mehr ganz sicher, ob nicht einige Warnschilder übersehen wurden, auf denen stand “Vorsicht Kitsch”.

ZEH legt einen Roman vor, mit dem sie auf der einen Seite Türen öffnet (und damit aufklärerisch und verbindend wirkt); auf der anderen Seite rechnet sie ab – und kappt dadurch die Fäden, die ja eigentlich die Gesellschaft zusammenhalten sollten.
Warum tut sie das?

Die Hörbuchfassung des Romans ist gut gelungen und empfehlenswert. Die Stimme von Anna Schudt passt sehr gut zu dem inneren Bild, das man sich von der Erzählerin macht.


“Ideen um das Ende der Welt zu vertagen” von Ailton KRENAK

Bewertung: 4 von 5.

Alles an diesem Buch ist ungewöhnlich: der Titel, der Autor, der Inhalt.
Die Verbindung zu den aktuellen Mainstream-Publikationen besteht darin, dass es in dieser Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen im weiteren Sinne auch um Nachhaltigkeit und Klimawandel geht.
Die Perspektive könnte aber unterschiedlicher kaum sein.

Möglich wird dieses Buch dadurch, dass hier eine Person (der Autor) sich in zwei parallelen Welten bewegt und auskennt, zwischen denen es in der Regel kaum einen Austausch gibt.
KRENAK ist Teil einer indigenen Völkergemeinschaft, die in abgelegenen Ecken Brasiliens eine weitgehend ursprüngliche Lebensweise pflegt. Er kennt das Selbst- und Welterleben solcher “Naturvölker” aus unmittelbarer Anschauung und fühlt sich ihr bis heute verbunden und zugehörig.
Gleichzeitig kennt der Autor das, was wir “Zivilisation” nennen. Er kennt die Themen, die Ideologien, die Wirtschaftsweise, die Medien. Man bekommt sehr schnell das sichere Gefühl, dass KRENAK jederzeit wechseln könnte – z.B. in das stylisches Büro eines alternativen Verlagshauses oder in das Management einer Non-Profit-Organisation. Er kennt die Spielregeln, er könnte jederzeit mitspielen.

Der Autor will aber nicht mitspielen. Denn er ist sicher, dass WIR das falsche Leben führen.
Er will uns zwar aufklären, aber nicht missionieren. Sein Ziel (bzw. sein Anspruch) ist es nicht, die Welt zugunsten seiner Überzeugungen zu verändern.
KRENAK ist bescheiden: Es würde ihm reichen, wenn man die paar übriggebliebenen Restbestände einer naturnahen Lebensweise schlicht und einfach in Ruhe lassen würde.
Das wären wir – seiner Überzeugung nach – nicht nur den betroffenen Menschen schuldig, sondern es wäre auch ein Geschenk an die gesamte Menschheit. So wie es dumm und leichtsinnig ist, dem großen Artensterben bei Pflanzen und Tieren tatenlos zuzuschauen, so würde mit dem endgültigen Untergang einer alternativen Lebensweise ein großer Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen für immer verloren gehen.

Was ist das für ein Schatz, dessen Erhaltung der Autor sein Leben gewidmet hat?
Beschrieben wird er als eine Form des Eingebundenseins in die Natur, die in fundamentalem Gegensatz zur all dem steht, was wir als wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt bezeichnen.
Konkret bedeutet das z.B., dass nicht nur Mitgeschöpfe, sondern die gesamte Natur (auch Berge, Flüsse, die Erde insgesamt) als lebendige und beseelte Einheiten gesehen und erlebt werden. Der Gegensatz “hier der Mensch, dort die Natur” ist nicht nur gedanklich, sondern auch im emotionalen Empfinden vollständig aufgelöst.
Ziele wie Naturbeherrschung, Eigentum oder Reichtum werden nicht etwa abgelehnt – sie sind einfach völlig unbekannt. Es geht nicht um Entwicklung irgendwo hin, sondern um schlichtes, ursprüngliches Sein. Tanzen statt Konsum.

Natürlich müssen wohl letztlich alle Versuche scheitern, diese Weltsicht in unsere Sprache zu übersetzen. Aber dieses Buch stellt einen ernsthaften Versuch dar, genau dies zu tun.
Das ist informativ und anregend. Es ist auch dann ein Geschenk an uns “Westler”, wenn schnell klar wird, dass hier kein Modell für die anstehende Transformation zur Nachhaltigkeit ausgebreitet wird. Zu diesem Naturerleben, zu dieser archaischen Lebensweise können wir nicht mehr zurück. Wollen wir auch nicht. Müssen wir auch nicht.
Aber dieser Blick auf ein ganz anderes Menschsein könnte dabei helfen, bestimmte Blockaden zu überwinden, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen.
Angesichts dieses hier gezeigten Gegenpols erscheinen die Auseinandersetzung darüber, ob zur Schonung unserer Umwelt tatsächlich Fleisch, Autofahren und Flugreisen teuer werden dürfen als hirnlose Banalitäten.

Ein Denkanstoß aus einer unbekannten Welt.

“Die Natur auf der Flucht” von Benjamin von BRACKEL

Bewertung: 4 von 5.

Man kann sich der Klimakrise auf verschiedenen Wegen literarisch nähern. Viele davon sind in den letzten Jahren beschritten worden. Es wäre wohl nicht übertrieben, inzwischen von einer gewissen Sättigung des Buchmarktes zu sprechen.
Daher ist die Frage nach einem Neuigkeitswert oder einem Alleinstellungsmarkmal bei jeder weiteren Veröffentlichung durchaus berechtigt.
BRACKEL wählt den Weg der Spezialisierung. Er untersucht nur einen spezifischen Teilaspekt des Geschehens, aber das tut er mit aller Gründlichkeit.

Mit dem Begriff “Artensterben” sind wir alle seit einiger Zeit vertraut. Man denke nur an den “Insektenschwund”, insbesondere an die Sorge um die Bienen.
Der Journalist BRACKEL betrachtet die Auswirkungen des Klimawandels auf Tiere und Pflanzen aber noch eine Ebene grundsätzlicher: Vor dem Aussterben kommt nämlich in der Regel der Versuch einer Anpassung durch das Erschließen neuer Lebensräume.
Genau hier gräbt sich der Autor regelrecht ins Thema ein und liefert eine geradezu erschlagende Vielfalt von Erkenntnissen und Fakten.

Inhaltlich wird an zahlreichen Einzelbeispielen beschrieben, wie Arten infolge der Erwärmung allmählich in Zonen “wandern” (bzw. zu wandern versuchen), in denen sie passende Klimabedingungen vorfinden. Es wird betrachtet, wodurch solche Prozesse erleichtert bzw. erschwert werden, welche Folgen das für die bereits vorhandenen Populationen hat und wo die Grenzen der “Flucht” liegen. Auch die Auswirkungen auf die menschlichen Lebensräume und Wirtschaftsprozesse werden ausführlich betrachtet.
Anders gesagt: es geht um Bäume, Fische, Korallen, Insekten, usw.

Das Thema ist komplex. So werden z.B. unterschiedliche Konzepte von Schutzräumen für die Natur diskutiert: Wer käme z.B. schon von selbst darauf, dass bisherige Naturreservate dazu beitragen könnten, die notwendigen Anpassungsprozesse eher zu erschweren? Wer hat schon mal von dem erbitterten Streit darüber gehört, ob man bestimmte Arten planmäßig in einer neue Umgebung einbringen darf (um sie zu retten)?

Als Leser/in bewegt man sich permanent zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite geht es in biologische, klimatische und geografische Details, die einen interessierten Laien gerne auch mal überfordern; auf der anderen Seite werden die Detailbefunde immer wieder in größere Zusammenhänge gestellt und damit nachvollziehbar.
Der Gefahr, die Leser/innen durch Faktenfülle zu erschlagen, versucht der Autor vor allem mit einer Methode entgegenzuwirken: Er erzählt Geschichten, die das Ganze konkretisieren und personalisieren. Es werden Namen und Begebenheiten genannt, so dass die wissenschaftlichen Arbeit immer wieder ein menschliches Antlitz erfährt.

Als Resümee bedeutet das: Hier wird ein extrem faktenreiches Buch vorgelegt, das die Leser/innen mit einem großen Sprung in ein spannendes Umweltthema bringt. Soviel kompaktes Wissen ist bemerkenswert.
Aber trotz aller journalistischen Kunst: Der Text setzt ein überdurchschnittliches Interesse an den Feinheiten biologischer Prozesse voraus. Man muss z.B. schon bereit sein, sich auch mal mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Hummel-Arten vertraut machen zu lassen.
Ich hätte es nicht an jeder Stelle so genau wissen müssen. Aber das ist – natürlich – ein subjektiver Eindruck.

“Vorausschauend durchs Leben” von Christian SCHOLL

Bewertung: 3 von 5.

Dies ist keine hochprofessionelle Publikation eines etablierten Verlages, sondern eher das persönliches Projekt eines engagierten Selfpublishers. Der Autor hat mir freundlicherweise seinen Text zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt.

SCHOLL hat in diesem Buch eine Menge zusammengetragen: Informationen, Meinungen bzw. Ratschläge verschiedenster Experten und persönliche Erfahrungen, Einschätzungen und Überzeugungen.
Die Inhalte betreffen Themenkomplexe, die sich vielleicht unter dem Titel “bewusste Lebensführung” zusammenfassen ließen; es geht um Gesundheit, Zufriedenheit, Nachhaltigkeit, Work/Life-Balance, Altersvorsorge und letztlich auch um die Frage nach dem persönlichen Lebenssinn.
Das Buch ist in drei Abschnitte aufgeteilt, die sich jeweils einem Lebensabschnitt widmen.

Im ersten Teil geht es mit den biologischen Ausgangsbedingungen des Menschen los: Dieser startet bekannterweise sehr unfertig und bedarf länger als alle anderen Lebewesen intensiver Pflege und Fürsorge. Der Autor kommt aber dann rasch auf grundsätzliche Fragen zu langfristigen Zielsetzungen: Er möchte schon im ersten Lebensdrittel ein Bewusstsein dafür wecken, worauf es im Leben ankommt. Dabei stellt er die Fixierung auf ein rein materielles Streben in Frage und gibt – z.T. recht konkrete – Hinweise auf Möglichkeiten einer nachhaltigen Lebensführung.

Auch der zweite Teil wirft einen kurzen Blick auf die körperlichen Bedingungen; diesmal geht es um das allmähliche Einsetzen der Alterungsprozesse. SCHOLL rät dringend davon ab, Gesundheit und Lebensqualität einer Orientierung an Karriere-Zielen unterzuordnen. Er verweist auf die Notwendigkeit, sich bewusst Prioritäten zu setzen, erinnert an soziale und emotionale Bedürfnisse und gibt Anregungen z.B. in Richtung Meditation und Entspannung.

Der Trend zu konkreten Anleitungen setzt sich im dritten Teil des Buches weiter fort. Hier geht es nun endgültig um das gesunde und erfüllte Älterwerden. Dabei stehen Ernährungstipps im Vordergrund (sogar mit detaillierten Rezepten); die Rede ist aber auch von Bewegung, Schlaf, altersgerechter Wohnumgebung und technischen Hilfsmitteln.
Doch es dreht sich nicht alles um den Einzelnen: Der Autor vergisst nicht zu erwähnen, dass (ehrenamtliches) Engagement für andere bzw. für die Gesellschaft allen zugute kommt, letztlich auch durch persönliche Sinnstiftung.

Stellenweise liest sich SCHOLLs Buch wie ein sorgfältig recherchiertes Sachbuch – das übrigens mit jeder Menge detaillierten Quellenangaben aufwarten kann. An anderen Stellen hat man eher den Eindruck, dass ein nachdenklicher und gut informierter Mensch seine ganz persönlichen Lebensweisheiten weitergeben möchte.
Vielleicht ist es diese Uneinheitlichkeit des Stils, die den Text immer mal wieder ein wenig brüchig erscheinen lässt. Man ist doch als Leser manchmal überrascht, wenn neben Zitaten und Bezügen von bekannten Autoren (z.B. Precht, Harari) plötzlich eine Anleitung zum Yoga oder zur Herstellung eines Nasensprays angeboten wird.

Wem kann ich dieses Buch empfehlen?
Nun, es gibt bestimmt eine Gruppe von Lesern, die von den Ideen und Anregungen dieses Textes profitieren können. Das könnten m.E. insbesondere Menschen sein, die bisher nicht die Muße (oder das Geld) hatten, sich Informationen zu den angesprochenen Themen aus den verschiedenen Originalquellen zu verschaffen.
SCHOLL bietet mit diesem Text einen niederschwelligen Einstieg in die Selbstreflexion über Lebensziele und Lebensführung. Für manche Leser/innen könnte gerade der sehr persönliche Stil – mit seinen Ecken und kleinen Ungereimtheiten – der passende Zugang sein.

“Lieben heißt wollen” von Holger KUNTZE

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Paartherapeut KUNTZE verfolgt mit seinem Buch eine Mission. Er kämpft für die – oft übersehene oder als langweilig belächelte – Alltagsliebe.
Ich möchte mich zuerst dem – schon etwas ungewöhnlichen – Aufbau des Buches zuwenden, um mich dann in einem zweiten Schritt bestimmten Inhalten zuzuwenden.

Doch vorweg etwas zum Stil des Textes: Der Autor positioniert sich ganz nahe am Leser bzw. an der Leserin, spricht ihn/sie immer wieder direkt an, motiviert und appelliert.
Es ist ein Ratgeber-Buch – und genau so versteht KUNTZE auch seine Rolle. Sprachlich wechselt er zwischen der direkten Ansprache und dem solidarischen “Wir”; zwischendurch übernimmt er dann die Funktion des Informationsvermittlers und Erklärers.

Es überrascht, wenn ein Ratgeber von ca. 230 Seiten die ersten 70 Seiten für Abgrenzungsfragen benutzt. KUNTZE (er)klärt nämlich zunächst die Bedingungen, die für das eigentliche Arbeiten mit diesem Buch vorliegen sollten:
– Der Partner sollte kein Suchtproblem haben, keine Störung der emotionalen Impulskontrolle haben, nicht passiv-aggressiv und kein Narzist sein.
– Die Partner sollten biographische Ausgangslagen bzw. grundlegende Beziehungsziele haben, die grundsätzlich miteinander kompatibel sind.
– Sie sollten miteinander zu vereinbarende Vorstellung von Nähe/Autonomie und Stabilität haben.
Was KUNTZE aber – sozusagen als Motto oder Warnung – über alles stellt: Wer auf der Suche nach der ewigen Verliebtheit ist, den immer neuen rauschhaften Kick sucht und all das mit Hilfe dieses Buches in seine Dauerbeziehung integrieren möchte, der/die braucht erst gar nicht zu beginnen; das Scheitern wäre unvermeidlich.

Im eigentlichen Arbeitsteil des Buches geht es um die Veränderung von Einstellungen, die Bewusstmachung von Zielen bzw. Werten und das Ermutigen zu neuen Verhaltensoptionen. Kurz gesagt: Der Autor will sein Publikum zu kompetenteren Beziehungspartnern machen – was dann wiederum zu einer höheren Zufriedenheit führen soll.
Auf dem Weg dahin werden Teilaspekte von Liebesbeziehungen (Leidenschaft, Gemeinschaft, Freundschaft) besprochen, die verschiedenen Ebenen der Begegnung (Körper, Handlung, Sprache) erklärt, eindrücklich auf die Normalität von Unterschiedlichkeit zwischen den Partnern hingewiesen. In den Abschlusskapiteln geht es um Kommunikation und Sexualität.
Der Autor bietet zu allen relevanten Punkten Übungen an, die insbesondere in Form von Selbstreflexion (als Antwort auf bestimmte Fragen) stattfinden. Immer dann, wenn es um das Finden von verschiedenen Möglichkeiten geht , stellt er eine bemerkenswerte Zahl von Beispiel-Alternativen zur Verfügung.

Dieser Beziehungs-Ratgeber kann vor allem den Paaren Mut machen und sie aktivieren, die sich angesichts ihres unspektakulären Alltags eher auf der Verliererseite fühlen. Beim Lesen dieses Buches muss man sich nicht mit den Traumpaaren aus Hollywood messen. KUNTZE macht die leisen und beständigen Dinge groß: Verlässlichkeit, stabile Zuwendung bzw. Unterstützung und vor allem ein tiefes freundschaftliches Interesse am Wohlergehen und am Wachstum des/der anderen. Der Autor traut sich, Verzicht und Selbstbeschränkung als Tugenden zu benennen und einzufordern. Klingt nicht besonders modern, ist aber sicher nicht verkehrt.

Mir ging – um den wichtigsten Kritikpunkt anzusprechen – die Abgrenzung zwischen “Verliebtheit” (als Gefühl) und “Liebe” (als Entscheidung) ein wenig zu weit. Zwischendurch beschlich mich beim Lesen das Gefühl, dass kaum noch zwischen “Beständigkeit” und “Liebe” unterschieden wird. Nicht jeder “ruhige Fluss” ist auch ein Strom der Liebe, und die Sehnsucht nach mehr Intensität ist nicht immer eine naive Illusion in Richtung ewiger Verliebtheit. Da gibt es noch ein paar Zwischentöne…
Der Autor formuliert außerdem manchmal etwas sehr bestimmt. Er liebt Struktur und Klarheit und erweckt hin und wieder den Eindruck, als ob seine Kategorien Wahrheitsrang besäßen. Eine Prise Selbstbescheidenheit könnte da helfen…

Das ändert nichts daran, dass KUNTZE hier einen hilfreichen und sensibel geschriebenen Ratgeber vorlegt, der sich auf eine angenehme Art dem Optimierungswahn widersetzt. Gerade Partnerschaften, die schon “in die Jahre” gekommen sind, können sich aufgewertet fühlen und finden jede Menge Anregung, die Paar-Zufriedenheit zu vergrößern.

“Pubertät ist voll nice – nur blöd, dass wir jetzt die Eltern sind” von Silke NEUMAYER

Bewertung: 3 von 5.

Nichts spricht dagegen, locker-leichte Bücher über die Tücken des Familienlebens zu schreiben. Humor ist eine bewährte Methode, Dinge zu verarbeiten oder zu ertragen, die man doch nicht ändern kann. Man lacht eben trotzdem – und es fühlt sich dadurch schon ein wenig erträglicher an. Das hat damit zu tun, dass Humor ein wenig Distanz zum Geschehen schafft; Abstand wiederum ist der erste Schritt hin zu einem Gefühl von Kontrolle.

Ohne Zweifel ist die Phase der Pubertät eine der größten Herausforderungen, die das Zusammenleben zweier Generationen zu bieten hat. Das gilt nicht für alle, aber doch für die Mehrzahl der Familien. Somit greift die Kommunikationswissenschaftlerin NEUMAYER, als deren inhaltliche Qualifikation “Fachfrau fürs Leben” genannt wird, ein dankbares und ergiebiges Thema auf.

Eines leistet dieser Bericht aus dem Innenleben eines Pubertäts-Haushaltes ohne Zweifel: Es nimmt – durch amüsante Übertreibungen und witzige Anekdoten – dem stressigen Thema die verbissene Ernsthaftigkeit. Bekannte Aspekte der Teenager-Jahre (z.B. Stimmungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, Risikobereitschaft, Handysucht und Modewahn) werden so zu unvermeidbaren Absurditäten und Verrücktheiten umdefiniert. Die Botschaft “Regt euch nicht auf, da muss man einfach durch!” Wenn man dann in der Darstellung noch eine Schüppe drauflegt, erscheint die Realität schon fast harmlos. Und tatsächlich – wie ein Beispiel aus einer anderen Familie zeigt – es könnte ja alles noch viel schlimmer sein…

Selbst wenn man sich auf all das einlässt – und nicht mehr erwartet – gibt es doch etwas anzumerken: Es scheint in dieser Familie (die Autorin hat eine 16-jährige Tochter) absolut keine realen Grenzen für jugendliche Bedürfnisse und Vorstellungen zu geben. Ressourcen, vor allem materielle, stehen offenbar unbegrenzt zur Verfügung.
Das entspannt natürlich den ein oder anderen Konfliktbereich.

Wer in diesem Buch als Mutter oder Vater tatsächlich Hinweise oder ernsthafte Anregungen für den schwierigen Weg zwischen Begleitung, Loslassen, Aushalten, Beeinflussen und Begrenzen sucht, wird leer ausgehen. Es gibt dieses Abwägen schlichtweg nicht. Die einzige Ausnahme betrifft die Ambivalenz hinsichtlich der ersten Jungen-Übernachtung; auch diese wurde natürlich überwunden.
Pubertät ist in der Lesart von NEUMAYER eine Art Krankheit, für die es keine Behandlung gibt – schließlich wird ja bekanntermaßen das Gehirn umgebaut. Über Reste von Erziehung nachzudenken, scheint völlig abwegig zu sein. In dem gesamten Buch gibt es ein einziges Beispiel für eine versuchte Grenzsetzung; ansonsten liegt die Macht zu 100 % beim Jugendlichen. Als Rechtfertigung für diese Kapitulation wird abwechselnd die Unabänderlichkeit des Geschehens und die Erinnerung an die eigene Jugend angeführt – wobei unterschlagen wird, dass die eigenen “Eskapaden” vermutlich gegen einen gewissen Widerstand erkämpft wurden.

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Es ist ein amüsant geschriebener Einblick in den Alltag einer gutsituierten und liberalen Mutter, die eine offenbar ziemlich selbstbewusste und durchsetzungsfähige Tochter hat (das ist sicherlich kein Zufall).
So eine Lektüre kann ohne Zweifel gut tun. Der ein oder andere festgefahrene Konflikt kann vielleicht relativiert werden. Auf jeden Fall fühlt man sich in seinem Alltags-Wahnsinn nicht mehr alleine.
Hilfreich ist das Buch sicher für Eltern, die alles ein wenig zu verbissen sehen. Wer sowieso schon aufgegeben hat, fühlt sich möglicherweise in seiner Ohnmacht bestätigt. Ob das so positiv wäre, wage ich zu bezweifeln.

“Das Leben ist einfach, wenn du verstehts, warum es so schwierig ist” von Holger KUNTZE

Bewertung: 5 von 5.

Ein psychologisches Selbsthilfe-Buch zu schreiben, ist immer eine Herausforderung und vor allem eine Gradwanderung: Wie findet man den schmalen Weg zwischen niederschwelliger Ansprache und fachlicher Seriosität?
Um es vorweg zu sagen: KUNTZE ist da tatsächlich so etwas wie ein “großer Wurf” gelungen.
Aber um ehrlich zu sein: Der Autor hatte es bei mir anfangs nicht ganz leicht, weil ich ich gegenüber einer psychotherapeutischen Qualifikation auf Heilpraktiker-Basis eine gewisse Skepsis habe. Bei der Beurteilung des Buches verlor dieser Aspekt aber rasch an Bedeutung.

Das Buch hat ein klares Ziel: Es soll Menschen bei der Überwindung von Krisen helfen. Der Autor stellt sich auf diese Ausgangssituation in geradezu vorbildlicher Weise ein, indem er – diese Floskel sein erlaubt – die Leser/innen dort abholt, wo sie gerade stehen.
Gefühlt 50% des gesamten Textes bestehen darin, den Leser/die Leserin motivierend einzufangen. Der Mann weiß offensichtlich, welche Hemmschwellen und Vermeidungsstrukturen krisengeschüttelte Menschen haben. Es scheint kaum ein Einwand gegen das aktive Einlassen auf die Anregungen dieses Buches denkbar, der von KUNTZE nicht gesehen, thematisiert und argumentativ entkräftet wird. Es ist ohne Zweifel eine Hauptstärke dieses Autors, die “andere Seite” (die Bedürftigkeit, die Mutlosigkeit und den Zweifel der Betroffenen) mitzufühlen und mitzudenken.
KUNTZE wirbt unaufhörlich für sein Krisenbewältigungs-Angebot. Er ist ohne Zweifel überzeugt davon, etwas bieten zu können, was Hoffnung und Zuversicht verdient. Er versucht, fast ein persönliches Vertrauensverhältnis zu etablieren; dabei sind ihm – glücklicherweise – Guru-Allüren gänzlich fremd. Basis für das Vertrauen soll sein inhaltliches Konzept sein, für das er sowohl einen fachlich-wissenschaftlichen Hintergrund als auch seinen Erfahrungsschatz als Therapeut in die Waagschale wirft.

Woraus besteht nun das Selbsthilfe-Paket? Ist es ein Wundermittel oder alter Wein in neuen Schläuchen?
KUNTZE bietet einen roten Faden, ein Baukastensystem, das auf einer inneren Logik basiert. Das schafft schonmal eine konzeptionelle Kohärenz; der Autor will keine blinde Gefolgschaft, sondern aufgeklärte Anwender/innen, die Zusammenhänge verstehen.
Schauen wir uns die wichtigsten Bestandteile kurz an:
– Am Anfang steht so etwas wie ein Theorieteil. KUNTZE schafft einen Bezugsrahmen für die später folgenden praktischen Schritte. Im Kern erklärt er auf der Basis von evolutionären bzw. biologischen Prägungen und unter Einbeziehung der Funktionen unseres Gehirns, warum der Mensch konstitutionell dazu neigt, sich so stark auf Gefahren und Bedrohungen zu fixieren. Er macht deutlich, warum der tief verankerte “Gefahrenmodus” so schlecht dazu geeignet ist, die Heraus- und Überforderungen unseres modernen Lebens zu bewältigen.
Hier reicht es noch aus, dem Autor lesend zu folgen; es ist die Ruhe vor dem Sturm…
– In einem zweiten Teil werden therapeutische Erkenntnisse und Interventionen eingeführt, die Eingang in den Alltag des Fühlens, Denkens und Handelns finden sollen. Hier werden keine esoterischen Heilsbotschaften oder der platte “Everything-goes-Optimismus” der “Positiven Psychologie” verkauft. Zurückgegriffen wird auf – locker gemischte – Bausteine, die ihre Herkunft aus modernen verhaltenstherapeutischen Ansätzen und aus den humanistischen Therapien haben.
Spannend und kreativ wird das vor allem dadurch, dass KUNTZE ein Händchen dafür hat, therapeutische Wirkfaktoren derart geschickt in verdauliche Häppchen zu verpacken, dass man kaum merkt, was man alles schon intus hat. So bietet er z.B. mal eben in einem Kästchen zehn Akut-Interventionen an oder verpackt ein weitgehendes kognitives Umsteuern in 20 harmlose Begriffspaare.
Immer geht es darum, Erstarrung und Pessimismus hinter sich zu lassen, Denkblockaden zu lösen und auf die Seite des Tuns, der Aktivität und der Möglichkeiten zu gehen.
– Der letzte Teil des Buches ist dann endgültig ein Arbeits- und Übungsbereich. Hier dient das Lesen nur noch der Vorbereitung des Tuns. Aber KUNTZE wäre nicht KUNTZE, wenn er nicht auch diesen Teil akribisch und liebevoll vorbereitet hätte. Egal, ob es um Abschied, Ressourcen, Dankbarkeit oder Werte geht – es steht immer eine extrem breite Palette von Beispielen und Alternativen zur Auswahl. Hier findet sich wirklich jede/r wieder.

Wo bleibt das Aber?
Es ist nicht zu übersehen: Natürlich ist es ein Selbsthilfe-BUCH! Alles, was hier passiert (und passieren kann) ist über das Medium Sprache vermittelt. Viele (sehr viele) Übungen beinhalten verbale Differenzierungen oder Ausdrucksformen. Man kann es kurz halten: Wem der Umgang mit Sprache nicht vertraut ist oder schwer fällt, der sollte schlichtweg andere Wege der Hilfestellung suchen.
Anzumerken (nicht zu kritisieren!) ist auch, dass der Autor keine störungsspezifischen Hilfen anbietet. Der Gegenstand seiner “Behandlung” ist nicht eine gestörte (oder gar psychisch kranke) Person, sondern die Bewältigung von Krisensituationen – wie sie jedem Menschen im Laufe des Lebens widerfahren können (und es in der Regel auch tun).
Auch ist richtig , dass das Buch nicht alle sinnvollen und nützlichen psychologischen bzw. therapeutischen Ansätze aufzeigt oder gar nutzt. Ein solcher Anspruch könnte niemand ernsthaft erheben – und das liegt auch KUNTZE fern.

Meine Gesamtbewertung des Buches weist einen – bedeutsamen – Mangel auf: Ich habe es nur gelesen und nicht durchgearbeitet. Eine Wirksamkeit des angebotenen Weges kann ich deshalb weder bestätigen noch in Zweifel ziehen.
Bescheinigen kann ich diesem Buch jedoch einen vorbildlichen Zielgruppen-Bezug und eine sehr angenehme Form der persönlichen Ansprache und Motivierung. Mir erscheint das Vorgehen fachlich plausibel und seriös vermittelt. Es werden keine übertriebenen Erwartungen geweckt und keine Interventionen vorgeschlagen, die zu unerwünschten Nebenwirkungen führen könnten. Angenehm ist auch, dass hier kein “Trainer” auf Tempo und Konsequenz trimmt. Selbstfürsorge wird groß geschrieben; niemand muss perfekt sein oder werden.
Ein gelungenes Buch, dem ich vielleicht doch einen anderen Titel gewünscht hätte…

Warum ich jetzt ein GRÜNER bin

Ich bin zum ersten mal in meinem Leben Mitglied einer Partei.
Das bedarf einer kurzen Begründung. Warum jetzt noch, in dieser eher fortgeschrittenen Lebensphase?
Politisch interessiert und (ganz gut) informiert war ich mein gesamtes erwachsenes Leben. Mit einem nächsten Schritt, des Bekenntnisses, der Zugehörigkeit oder des aktiven Engagements habe ich mich immer schwer getan. Es gab ja immer irgendetwas, was dagegen sprach. Neben den Allroundern (Zeit, Geld, Bequemlichkeit) spielte sicher auch die Frage eine Rolle, in welchem Umfang ich mich denn von einer bestimmten Gruppierung tatsächlich vertreten fühlte. Gerade in diesem Punkt bin ich mir im Moment sehr sicher.
Doch der Reihe nach:

  1. Klima und Nachhaltigkeit
    Der Schutz von Umwelt und Klima ist für mich seit einiger Zeit das zentrale Thema.
    Die Nachdrücklichkeit, wie die GRÜNEN diese Zielsetzungen verfolgen hebt sie von allen anderen Parteien deutlich ab. Die Kritik an einem “zu wenig radikalen” Kurs halte ich für unberechtigt, solange die Forderungen deutlich über das hinausgehen, was in irgendwelchen Koalitionen umsetzbar wäre.
  2. Gesellschaftspolitische Ziele
    Mir sind die Vorstellungen von einer solidarischen und gemeinwohlorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sehr sympathisch. Auch mit dem neuen Wahlprogramm verbinde ich das Gefühl, dass ich in einer solchen Gesellschaft gerne leben würde.
  3. Politikstil / Parteiführung
    Ich finde es sehr angenehm und vertrauensbildend, dass das Führungsduo Baerbock/Habeck eine politische und kommunikative Kultur vorlebt, die im Einklang mit den gesellschaftlichen Zielen liegt. Es ist für mich ein Gegenprogramm zum ideologischen Eifer oder zur Ellbogenkonkurrenz.
  4. Außenpolitik/Europa
    Die GRÜNEN verfolgen aus meiner Sicht alle für mich wichtigen Ziele. Europäische Themen haben für sie eine hohe Wertigkeit; sie vertreten einen verantwortungsvollen Umgang mit globalen Fragestellungen (einschließlich Abrüstung und ziviler Sicherheitspolitik).

Insgesamt ist es wohl der “werteorientierte Pragmatismus” der aktuellen Parteilinie, der mich zunehmend überzeugt hat. Ich sehe das echte Bemühen, einen Aufbruch zu wagen, der einen großen Teil von wohlmeinenden und aufgeklärten Menschen mitnehmen kann und will.

Und die Kröten?
Erstaunlich wenige! Ein paar Gender- und Antidiskriminierungsinitiativen gehen mir persönlich zu weit. Manchmal sehe ich die Gefahr, dass vor lauter Minderheitenschutz die brave und leise Mehrheitsgesellschaft ein wenig aus dem Blick gerät.
Aber auch das sehe ich bei der aktuellen Parteiführung in guten Händen.

Warum sollte ich also einer Partei, mit der ich so viel Übereinstimmung empfinde, nicht beitreten?

Mein Ziel für die Bundestagswahl: Lasst uns aus “Schwarz/Grün” “Grün/Schwarz” machen (oder eine andere von den GRÜNEN geführte Koalition)!

“CO2 – Welt ohne Morgen” von Tom ROTH

Bewertung: 3 von 5.

Man wird reichlich durchgeschüttelt auf diesem kurvenreichen Parcours durch die Hintergründe eines spektakulären Falls von Öko-Terrorismus. In welchem Zustand man sich als Leser/in am Ende dieses Trips befindet, hängt wohl stark von den eigenen Ansprüchen und Erwartungen ab.

Eine recht verwickelte Story mit unerwarteten Wendungen – da kann man sich schnell des Spoilens schuldig machen. Deshalb nur ein paar Worte zum Inhalt: Eine Gruppe jugendlicher Klima-Aktivisten wird bei ihrem Aufenthalt in einem australischen Camp gekidnappt. Von den Entführern geht die eindeutige Botschaft an die Welt: Sollte es nicht zu den geforderten radikalen Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe kommen, werden im Wochenabstand alle 13 Kids vor laufenden Webcams getötet.
Natürlich ist die Welt in Aufruhr, insbesondere natürlich die Medien, die betroffenen Regierungen und die Sicherheitskräfte.

Im Fokus des Romans steht das Schicksal der 15-jährigen Hannah und ihrer Angehörigen in Deutschland; aber auch die deutsche Kanzlerin bekommt ihren Auftritt. Insbesondere Hannahs Onkel, ein bekannter Kriegsreporter, wird zum zentralen Protagonisten bei der Aufklärung des Geschehens.
Schnell stellt sich heraus: Das Ganze ist doch ziemlich verworren und komplex. Spuren führen u.a. nach Schweden und nach Uganda.

Dass der Autor versucht, den (oder die) Spannungsbogen bis zum Ende reichen zu lassen, ist bei einem Thriller sicherlich keine Überraschung; ebenso wenig die Erkenntnis, dass manchmal der Schein trügt.
Aber macht das schon ein gutes Buch aus? Und vor allem einen gelungenen Öko-Thriller?

Sicher darf man einem Thriller erstmal nicht vorwerfen, dass seine Story ziemlich konstruiert wirkt. Schließlich geht es um Unterhaltung. Für mein Empfinden leidet aber die Qualität eines Romans doch irgendwann, wenn es auf der Plausibilitätsskala mit Karacho abwärts geht. Für meinen Geschmack gibt es einfach ein paar “zufällige” Querverbindungen und Zusammentreffen zu viel, um sie noch als dichterische Freiheit gelten zu lassen: Da ist dann die Begleiterin passender Weise auch eine Pilotin und der Böse hat ein vollgetanktes Flugzeug zur gefälligen Benutzung bereitgestellt. Und wer da mit wem alles zufällig bekannt und verwandt ist, unglaublich…
Auch mit gängigen Klischees und Emotions-Schablonen hält sich ROTH nicht gerade vornehm zurück; da beschleicht mich zwischendurch das Gefühl, eine Mustersammlung für “anrührende” Situationen zu lesen.

Kommen wir zum Öko-Aspekt. Es werden Motive junger Menschen dargestellt, die Dramatik der Ausgangslage beschrieben und die Hintergründe der Forderungen an die Weltgemeinschaft mit Fakten hinterlegt. So weit, so öko.
Trotzdem gelingt es – meiner Meinung nach – dem Autor nicht, der Klima- und Umweltthema den ersten Platz einzuräumen. Dazu ist er zu verliebt in seine verschachtelte Story.
Natürlich darf das so sein; man darf auch einen Thriller schreiben, der vielleicht eher “zufällig” vor dem Hintergrund des Klimawandels spielt. Mich überzeugt eher der umgekehrte Ansatz – dass man seine ökologische Botschaft in die Form eines Romans oder Thrillers packt. Beispiele dafür bieten “Der neunte Arm des Octopus“, “Klima” oder “Das Meer“.

Insgesamt ist hat mich dieses Buch nicht wirklich erreicht. Für mich hatte die Achterbahnfahrt ein paar Kurven zu viel (aber ich steh auch nicht so auf die Fliehkraft-Extreme).