02.01.2020

Österreich wird eine schwarz-grüne Regierung bekommen. Das ist zwar nicht mein Traum, aber die mit Abstand erfreulichste Alternative. Dass sich die Grünen mit einem beherzten Klimapaket mitten in der EU an die politische Front begeben, könnte ein positives Aufbruchsignal für ganz Europa werden. Zumal das Kabinett auch noch weiblich und jung erscheint. Ein Zeichen gegen Verkrustung und rückwärtsgewandten Altherren-Populismus.

Ein schöner Start für Europa!

01.01.2020

Szene 1:
In den heute-Nachrichten werden kaleidoskopartig kurze Videos von den Silvesterfeiern in den Hauptstädten der Welt gezeigt. Bunte Raketen, Geknatter, Rauch. Man könnte auch sagen: Feinstaub bis zum Abwinken. London, Paris, New York, Berlin. Es gibt eine Ausnahme: Peking!
Für mich ein faszinierendes Symbol für eine Verschiebung der Verhältnisse. Man überlässt den Chinesen mit ihrer emissionsfreien Lasershow den Vortritt in die Zukunft. Und schluckt dumpf den traditionellen Feinstaub.
Tolle Leistung, alte Welt!

Szene 2:
Nachrichten aus Leipzig. Ein Polizist ist von linksautonomen Silvesterfreunden halbtot geschlagen worden. Eine Sprecherin der Szene dazu (sinngemäß): Man müsse berücksichtigen, dass die Anwohner wegen der Polizeipräsenz etwas dünnhäutig seien.
Ich weiß nicht, ob man das in dem restlichen Jahr an Dummheit und Menschenverachtung noch toppen kann.

Frohes neues Jahr!

“Quichotte” von Salman RUSHDIE

Ich bin schon so etwas wie ein Fan dieses Autors, auch wenn seine Bücher alles andere als eine leichte Lektüre darstellen. Im Gegenteil: Sie sind stets eine Herausforderung.
Das liegt vor allem daran, dass RUSHDIE so etwas wie ein “Welt-Intellektueller” ist. Er ist gleich in mehreren Kulturen so verankert, wie das ansonsten sehr belesene und gebildete Menschen mal gerade in einer (ihrer) Kultur schaffen. Er spielt mit dieser kulturellen Vielfalt und springt wie ein Tausendsassa und mit einer scheinbar nie endenden quirligen Energie zwischen den Welten hin und her.
Manchmal bleibt da auch ein wohlmeinender und motivierter Leser auf der Strecke, weil ihm die Luft ausgeht…

Der aktuelle Roman QUICHOTTE ist in gewisser Weise ein Extrembeispiel für diese Art zu schreiben. Um es schon mal vorweg zu sagen: Auch ich bin diesmal nur noch widerwillig bis zum Ende gefolgt.
Ich will kurz darlegen, warum ich mich so schwer getan habe.

Der Plot des Romans ist schon extrem verschachtelt: Der Autor schreibt über einen Autor, der einen Helden schafft (Quichotte), der wiederum selbst teilweise in einer realen und daneben in einer Fantasiewelt agiert. Er (die Kunstfigur des Autors) schafft dann in seiner Vorstellung eine Person (seinen Sohn), der im Laufe des Romans zu einer echten (realen) Person mutiert.
Man könnte auch sagen: Er arbeitet mit Meta-Meta-Ebenen.
Erzählt wird eine Reise von Quichotte quer durch die USA, die das Ziel hat, einen angebeteten TV-Star zu erobern.
Das soll reichen, weil es auf die Handlung wirklich nicht ankommt.

Was ist nun der Sinn von dem Ganzen?

Augenscheinlich geht es RUSHDIE wohl darum, bestimmte Perversionen der amerikanischen Gesellschaft, speziell der Medien-Kultur zu entlarven. Dabei werden auch Themen wie der Promi-Kult, der Medikamenten-Missbrauch und die Suche nach Alternativ-Welten angesichts eines bevorstehenden Weltuntergangs berührt.
Man könnte auch kurz sagen: “Die spinnen, die Amis!”

Doch dieser Roman lebt letztlich weder von der Handlung noch von der Botschaft. Er lebt von der Vernetzung.
RUSHDIE macht, was er am besten kann: Er spielt virtuos mit unglaublich vielen Bezügen auf alle denkbaren kulturellen Inhalte – von der klassischen Weltliteratur (worauf ja schon der Titel hinweist) bis auf die aktuelle Netflix-Serien-Sucht. Der Autor lässt seine Assoziationen sprießen und der Leser versucht mitzuhalten.
Es wirkt wie ein Spiel: Sag mir, wie gut du dich auskennst – und ich zeige dir, wie sehr du von meinem Buch profitieren kannst!
Um es anderes zu sagen: Der Genuss, den RUSHDIE seinen (bestimmten) Lesern bietet, besteht darin, dass sie ihm weiter folgen können als andere. Je vielfältiger kulturell gebildet ein Leser ist (von der Antike bis zum Silicon-Valley), desto mehr Anspielungen versteht er, desto besser fühlt er sich und gehört damit in die RUSHDIE-Welt der intellektuellen Kosmopoliten.
Alle anderen fühlen sich – mehr oder weniger – ausgeschlossen und fragen sich, was das Ganze denn nun soll.

Ich empfehle diese Buch nicht.
Vermutlich, weil ich mich zu oft ausgeschlossen fühlte. Vielleicht hat es mich auch gestört, dass diese Art der Selbstdarstellung (“was ich alles weiß”) in diesem Roman ein wenig zu sehr zum Selbstzweck wird.
Natürlich ist dieser Mann ein Genie. Sein Gehirn muss zum Platzen voll sein mit Wissen und Ideen. Absolut beeindruckend.
Aber dieses Buch muss man trotzdem nicht lesen (oder hören).
Nehmt lieber den vorherigen Roman.

Das Geschenk der ewigen Jugend

THE WHO veröffentlichen ein neues Album

In meiner Generation entwickelte die Illusion von der nie endenden Jugendlichkeit eine nie gekannte Attraktivität. Sowohl die von den 68igern eingeleiteten gesellschaftliche Wende als auch die Beat- und Popkultur, die vor 50 Jahren in Woodstock ihren Höhepunkt fand, ließen die Grenzen zwischen der Jugend- und Erwachsenenwelt zunehmend verschwimmen. Die Schönheitsindustrie und die Werbewelt weiß das bis heute kommerziell zu nutzen.
Die später in den Wortschatz eingehenden Begriffe “Berufsjugendlicher” oder “Alt-Hippie” weisen exemplarisch auf diesen Trend. Ebenso der verzweifelte Kampf der Kids, sich in den sozialen Medien immer wieder neue, exklusive Plattformen zu schaffen – bevor die Elterngeneration auch in diese Welt erbarmungslos eindringt (wie inzwischen bei Facebook oder Instagram geschehen).

Wer gerne irgendwie jung bleiben möchte und gleichzeitig musik-affin geprägt wurde, lebt aktuell geradezu unter paradiesischen Bedingungen. Wer in unserem Land in einer Metropole oder auch im Ruhrgebiet lebt, kann mindestens zweimal pro Woche auf ein Konzert von Künstlern (bzw. deren Cover-Bands) gehen, deren Namen seit einem halben Jahrhundert geläufig sind. Zusammen mit mehreren Spezial-Musikzeitschriften für die Zeit zwischen 1960 und 1980 und den unglaublich zahlreichen Neuausgaben bzw. De-Luxe-Zusammenstellungen auf CD und Vinyl entsteht geradezu ein eigenes Musikuniversum. Ein bisschen so, als wäre die Welt stehen geblieben…

Meine mit 11 Jahren entdeckte (und seitdem identitätsstiftende) Gruppe THE WHO (bzw. ihre beiden Rest-Mitglieder) gehören – zusammen mit den ROLLING STONES – zu den Musikern, die das Feeling der ewigen Jugend – auf höchstem Bekanntheits- und Qualitätsniveau zelebrieren. Sie touren noch immer (immer wieder) erfolgreich durch die Stadien der Welt und spielen – natürlich – ihre Hits, die in das Weltkulturerbe des 20. Jahrhunderts eingegangen sind.

Auf diesem Hintergrund lässt eine Neuerscheinung der Veteranen (alle in den mittleren 70igern) natürlich aufhorchen: Das neue Album der WHO wird auch in den Mainstream-Medien wohlwollend erwähnt und durchweg positiv bewertet.
Für mich persönlich beinhaltete einen besonderen Jugendlichkeits-Kick: Konnte ich mich doch noch einmal als richtiger Fan fühlen, gespannt die Vorankündigungen in der Presse verfolgen und nachts um 0 Uhr auf die Freischaltung bei Spotify warten. Kurz danach ein erster Austausch mit meinem Jugend-Freund (Meinolf) – zeitgemäß über WhatsApp.
Mehr aktualisierte Nostalgie geht kaum! Danke an Pete Townshend und Roger Daltrey!

Als ich 1965 “My Generation” in meinem Nordmende-Transistor-Radio hörte (in diesem Jahr waren “Satisfaction” und “Help” meine anderen Favoriten), lag der Gedanke, dass ich 2019 als frisch gebackener Rentner eine neues WHO-Album hören würde, eher fern.
Von mir aus müssen die musikalischen Helden meiner Jugend nicht aufhören.
Ich lebe – zum Glück – nicht überwiegend in einer Vergangenheits-Blase. Eher im Gegenteil. Aber ich möchte diesen Aspekt meiner Gesamt-Identität nicht missen.

Vielleicht wartet ihr ja auf eine Aussage zum Album selbst?
Ja, es ist tatsächlich gute WHO-Musik. Überwiegend klingt es wie früher – mit ein paar kleinen Ausflügen in andere Stilrichtungen. Hörenswert. Deutlich besser als der letzte Versuch von 2006 (Endless Wire).

Wer sich motiviert fühlt, sich einen kleinen, journalistisch aufbereiteten Einblick in die WHO-Welt zu gönnen: Das Magazin ttt hat am 08.12.19 einen Beitrag gesendet. Er wird noch eine Weil hier abrufbar sein.

“Terra Islamica – Auf der Suche nach der Welt meines Vaters” von Aatish TASEER

Ich war sehr neugierig auf dieses Buch. Es schien genau im rechten Moment zu kommen. Hatte ich doch gerade die – sehr einseitige und negativ eingefärbte – Sichtweise von SARRAZIN über den Islam als Religion zu verdauen.
Konnte vielleicht – so hoffte ich – dieses literarische Zeugnis aus dem Innern der moslemischen Welt ein positives Gegengewicht schaffen?!

Es konnte nicht!
Und ich will kurz erklären, warum nicht.

Der Autor unternimmt eine Reise, die ihn durch eine ganze Reihe von islamisch geprägten Ländern führt (vor allem Türkei, Iran, Syrien, Pakistan). Er will dem Islam im Allgemeinen und der Haltung seines Vaters zum Islam auf die Spur kommen.
Er scheut bei diesen Versuch keine Mühen und auch keine Risiken. TASEER, der aus einer sowohl indisch wie pakistanisch geprägten Familie kommt, setzt sich einer Vielzahl von Situationen aus, in die ein “normaler” Reisender niemals gelangen würde. Das hat einerseits damit zu tun, dass er als Journalist und Autor unterwegs ist und auf diesem Hintergrund die “schützende Hand” seines Verlages über sich spürt. Zum anderen ist er als Sohn eines bekannten und sehr wohlhabenden pakistanischen Geschäftsmann und Politiker kein Nobody. Dazu kommt sein Spontaneität und sein Mut; erwirkt oft sie ein Grenzgänger, der offenbar ein Vergnügen daran findet, die Erfahrungsoptionen so weit wie eben möglich auszuloten.

Der Autor ist selbst kein gläubiger Moslem; er wurde überwiegend im Westen sozialisiert. Aber der Islam – und dessen Bedeutung für seinen Vater – ist sein Lebensthema. Er möchte erfahren, erspüren, ob die Religion tatsächlich ein Bindeglied zwischen all den Moslems auf der Welt darstellt. Er möchte erkunden, ob es unter dem Schirm des Islam eher eine religiöse, eine kulturelle oder eine politische Gemeinschaft gibt und ob es eine segensreiche verbindende Identität ist.

Was der Autor zur Beantwortung der Fragen bietet ist ein verwirrendes Kaleidoskop von Eindrücken aus einer – für meine mitteleuropäischen Maßstäbe – überwiegend chaotischen, zerrissenen, gewalttätigen und korrupten Welt. In dieser Welt zählen persönliche Loyalitäten, die auf (familiäre oder gruppenspezifische) Zugehörigkeiten, finanzielle Abhängigkeiten oder Macht bzw. Unterdrückung beruhen, alles. Und das gesicherte Bürgerrecht des Einzelnen zählt fast nichts.

Diese Welt, in der sich TASEER auf seiner Reise bewegt, bringt mich dem Islam nicht näher; sie bekräftigt meine Distanz und Skepsis.
Wenn diese “Terra Islamica” das Gegenmodell zum amerikanischen “CocaCola-Imperialismus” sein soll – dann gute Nacht Weltgemeinschaft!

Selbst der wohlmeinende Autor fand sie nicht, die verbindende und heilende Kraft des Islam. Er sieht eher Tendenzen der oberflächlichen Solidarisierung/Ausgrenzung und des politischen Missbrauchs.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass das Buch bereits im Jahre 2010 erschienen ist und damit wichtige Ereignisse – auch in der islamischen Welt – gar nicht mehr berücksichtigen konnte. Ich glaube kaum, dass seine Bilanz ein paar Jahre später besser ausgefallen wäre.

Zum Schluss noch ein Blick auf zwei andere Aspekte:
Die leidvolle Geschichte der Aufteilung des indischen Subkontinents – und damit die Spannung zwischen Indien und Pakistan – stellen ein zweites großes Thema des Buches dar. Wenn man sich für eine sehr persönliche Perspektive dieses – noch immer brandgefährlichen – Konfliktes interessiert, findet man sicher einige Anregungen und Details.
Die Vater/Sohn-Dynamik hat mich nicht gefesselt; ich konnte dem psychologisch kaum etwas abgewinnen.

Insgesamt war das Buch für mich nicht lohnend und ich würde es nicht weiterempfehlen. Letztlich habe ich es nur zu Ende gelesen, weil ich es dann auch rezensieren konnte.

“Das achte Leben (für Brilka)” von Nino HARATISCHWILI

Wie soll man angemessen eine literarische Hör-Reise beschreiben, die einen durch ca. 44 Std. (das entspricht 1300 Seiten) getragen hat? Das kann nur eine vorsichtige Annäherung sein.

Wir haben es mit mit einer mächtigen Familien-Saga zu tun. Mächtig hinsichtlich der beteiligten Generationen und Personen, mächtig auch bezogen auf die Thematik: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um ein Jahrhundert-Projekt – nämlich die Geschichte der kleinen Nation Georgien und seiner wechselhaften und leidvollen Beziehungen zum großen nördlichen Nachbarn, der UDSSR bzw. Russland. Wobei – hier wird es schon kompliziert – diese Formulierung nicht ganz korrekt ist, denn Georgien war ja lange Zeit ein integraler Bestandteil der UDSSR.

Die erste und entscheidende Frage bzgl. dieses Buches (erschienen 2014) muss also heißen: Warum sollte man sich als Mitteleuropäer im bereits fortgeschrittenen 21. Jahrhundert in diesem Ausmaße auf historische Betrachtungen dieses vermeintlich (für uns) bedeutungsarmen Gebietes einlassen? Woher soll bitteschön die Motivation für 1300 Seiten kommen?
Genau diese Skepsis habe ich auch in mir gespürt, als ich vor der Entscheidung für dieses Hörbuch stand. Ich bin sehr froh, dass ich diese Zweifel überwunden habe!
Im Rest meine Ausführungen will ich darlegen, warum es sich aus meiner Sicht gelohnt hat, diese Zeit zu investieren. Dabei will ich drei Bereiche ansprechen: die Story, die Wissensvermittlung und die Sprache.

Familiengeschichten haben einen enormen Vorteil: In Ihnen kann sich das pralle Leben in allen erdenklichen Facetten spiegeln. Weil das Leben mit all seinen Irrungen und Wirrungen sich ganz automatisch in und um Familien abspielt; in diesem Buch in besonders intensiver Weise.
Diese Familie wird in sechs Generationen angeboten. Damit daraus eine irgendwie konsistente Geschichte wird, werden einige literarische Kunstgriffe angewandt:
– Es gibt ein verbindendes Familien-Thema: das besondere Schokoladen-Rezept des Gründers der “Dynastie”.
– Es gibt einige Hauptpersonen, die als zentrale Verbindungsglieder zwischen den Generationen wirken und dem ganzen Plot – über ihre eigene Generation hinaus – eine nachvollziehbare Struktur geben.
– Es gibt – nicht zuletzt – eine Rahmenhandlung, in der die Erzählerin, die ein Teil der Familie ist, davon berichtet, wie und warum sie die wechselvolle Familiensaga für das jüngste Mitglied (ihre Nichte) aufschreibt.
Bzgl. des Inhalts möchte ich mich auf den Hinweis beschränken, das es in diesem komplexen Familiensystem an Themen nicht mangelt: Loyalität, Verrat, Liebe, Hass, Betrug, Rivalität, Unterdrückung, usw.

Was lernt man über die Welt, in diesem Familien-Epos?
Man lernt viel über Georgien. Aber das würde sicher nicht ausreichen, um aus diesem Roman auch einen historischen Leckerbissen zu machen.
Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Dieses Buch verschafft einen ungewohnt intensiven Einblick in das sowjetische Herrschaftssystem nach der Revolution, also nach der Zarenzeit. Um es noch schärfer zu formulieren: Das gesamte Buch ist eine Abrechnung mit dem Sozialismus/Kommunismus sowjetischer Prägung, insbesondere mit dem stalinistischen Willkür- und Unterdrückungsregime. Ohne dass ihre Namen einmal ausgesprochen würden, sind Stalin und der georgische Geheimdienstchef die beiden historischen Hauptfiguren des Romans, der in weiten Teilen auch in Moskau spielt.
Natürlich hat man es hier nicht mit einer “objektiven” Geschichtsschreibung zu tun; trotzdem fühlte ich mich faktenreich aufgeklärt über die beschämenden Hintergründe eines Systems, das antrat, das Los der unterdrückten Massen zu verbessern.
Die Autorin führt aber nicht nur durch das Sowjet-Imperium von Lenin bis Gorbatschow, sondern spiegelt auch Aspekte der westlichen Welt, insbesondere die Kulturzene der 60iger und 70iger Jahre in London.

Wie schreibt nun diese Autorin, die sich zunächst als Theaterregisseurin einen Namen machte?
Ich war fasziniert von der Intensität ihrer Sprache. Die Autorin ist zweifellos eine Künstlerin hinsichtlich des Ausdrucks von Emotionen, Beziehungsdynamiken und Selbstreflexionen. Sie benutzt starke Bilder, ihre Beschreibungen haben häufig etwas Drängendes, Tiefgründiges und Aufwühlendes. Es wird heftig geliebt, gestritten und gehasst in dieser Familie und ihrer Lebenswelt.
Wer als Leser dadurch erreicht wird, der taucht ein in diese Geschichte und will davon selbst nach 44 Std./1300 S. nicht lassen. Wem das alles zu dolle ist, wird das Buch ziemlich schnell beiseitelegen.

Insgesamt hat mir dieses Buch Empfindungen und Erfahrungen geschenkt, die ich nicht missen möchte. Vielleicht wird es für mich sogar DAS BUCH des Jahres.
Ich würde mich gerne irgendwann mit jemandem austauschen, der/die dieses Buch auch gelesen/gehört hat.
Ich werde jedenfalls das Nachfolge-Buch (“Die Katze und der General”) auch lesen (bzw. hören).

Impressionen aus Nord-Zypern

Muss man Nord-Zypern gesehen haben?
Muss man nicht!
Sowieso muss man in Zeiten der drohenden Klimakatastrophe auch den Umgang mit touristischen Reisezielen neu denken und bewerten.
Aber unabhängig davon: Es ist kein Traum-Ziel, ich rate euch nach meinem kleinen Einblick nicht, Nord-Zypern ganz nach oben auf eure Liste zu setzen.

Warum war ich da?
Einerseits stand tatsächlich Zypern seit Jahrzehnten auf meinem persönlichen Plan (“da wollte ich immer mal hin”); zum anderen war diese Reise ein Geschenk und ein gemeinsames Event.

Warum waren/sind so viele andere dort?
– Es gibt eine Reihe von besonderen historischen Stätten
– Die Insel hat mildes/sommerliches Klima bis weit in den Herbst
– Es werden Reisen mit einem sehr guten Preis/Leistungs-Verhältnis angeboten.

Die folgenden Impressionen bieten eine sehr subjektive Auswahl aus einer einwöchigen Rundreise und einer Relax-Woche.
Ich verzichte auf Ortsangaben oder vertiefende Informationen.
Es sind ja sowieso alle Infos im Netz verfügbar.
Wer möchte kann gerne noch ein paar Bilder mehr in systematischer Form bei mir persönlich sehen.

Danke für dein Interesse!

“Wir sind das Klima” von Jonathan Safran FOER

Es gab ein gewisses Zögern: “Muss es wirklich noch ein weiteres Klima-Buch sein?” Und es gab eine gewisse Neugier auf den bekannten und (auch aus eigener Erfahrung) geschätzten Autor. Das hielt sich eine Weile die Waage.

Dann kam der Unternehmer Rossmann ins Fernsehen und verschenkte vor lauter Begeisterung 25.000 Exemplare.
Zwei Tage später begann ich mit dem Hörbuch.

Vordergründig geht es um die Klima-Katastrophe. Wie das Titelbild nahe legt, sieht FOER einen engen Zusammenhang mit der Art, wie wir uns ernähren. Das überrascht den vorinformierten Leser nicht – hat doch FOER mit dem Buch “Tiere essen” sozusagen die Bibel des Fleischverzichts geschrieben.

So kann man auf der Inhalts-Ebene festhalten, dass der Autor seine Leser davon überzeugen will, zugunsten der Klimarettung auf den Konsum von tierischen Nahrungsmitteln zu verzichten. Er tut das – wie es in anderen Klima-Büchern auch passiert – unter Anführung gut belegter Quellen, also entsprechender Statistiken und Hochrechnungen.

An dieser Stelle endet aber die Gemeinsamkeit mit anderen Büchern. Denn es geht FOER nicht um Tatsachen und Argumente. Es geht ihm um den Weg vom “Wissen” zum “Glauben”.

Das bedarf einer Erklärung: Für FOER ist es mit der Ansammlung bzw. Vermittlung von Faktenwissen keineswegs getan; eine solche Beschäftigung könnte sogar der Ablenkung dienen – und damit sinnlos oder sogar schädlich sein. An die Fakten auch zu “glauben” bedeutet für ihn, sie auch als emotionale Gewissheit und damit als unabweisbar handlungsrelevant zu spüren. Er macht mehr als deutlich, dass nachkommende Generationen uns nicht danach beurteilen werden, wie gut wir informiert waren, sondern was wir getan haben, um die so eindeutig absehbare Katastrophe abzuwenden.

Er benutzt u.a. einen historischen Vergleich: Er berichtet von einer einflussreichen amerikanischen Persönlichkeit, dem ein zuverlässiger Vertrauter recht früh die Gräuel der Nazi-KZs schilderte. Er blieb nach dieser Information untätig – nicht weil er davon ausging, belogen worden zu sein, sondern weil er die Inhalte der Botschaft einfach emotional nicht fassen konnte. In diesem – für das tatsächliche Handeln entscheidenden Sinne – glaubte er nicht und blieb passiv.

Der Erfolgs-Autor FOER ist ein Garant für Emotions-Intensivierung. Diesem Ruf wird er auch in diesem Buch absolut gerecht. WIR SIND DAS KLIMA bietet den denkbar subjektivsten, persönlichsten Zugang zu diesem Thema.
Es ist überwiegend ein Buch über seinen eigenen inneren Kampf um das “Glauben” im Sinne des “Handeln-Müssens”.

FOER zieht alle Register. Er nutzt nicht nur historische Beispiele – wie die gesellschaftliche Solidarisierung der Amerikaner beim Krieg gegen Nazi-Deutschland; er holt seine gesamte (jüdische) Familie hinein in dieses Buch. Er spricht von sich als Vater, als Enkel, als Vorfahre zukünftiger Generationen. Er schreibt über tausend kleine Dinge, die menschliches Leben so einzigartig und bedeutsam machen. Sein Blick für die kleinen, aber so überaus anrührenden Situationen und Gesten zeigen ihn als Meister der emotionalen Dichte. FOER ist eben nicht “nur” ein Sachbuch-Autor, er ist ein begnadeter Sprachkünstler.

Er will mit aller Macht, dass wir uns für das (Weiter)Leben auf diesem Planeten entscheiden; jeder von uns, mit seinem konkreten alltäglichen Tun.

So grenzenlos subjektiv ist sein Zugang, dass er seine eigene Schwäche und Inkonsequenz zum Thema macht – selbst bei seinem Lebensthema der fleischlosen Ernährung. Er nimmt in kauf, seine Leser und Fans damit zu irritieren: Warum steht selbst dieser Vorkämpfer nicht über seinen “niederen” Gelüsten bzgl. eines gelegentlichen Sündenfalls, des Genusses eines Burgers?
FOER will den  – ebenfalls nicht perfekten – Leser einfangen, mitnehmen. Er will nicht das Modell des Heiligen sein, sondern des von inneren Widersprüchen zerrissenen Menschen, der sich um das Richtige bemüht. Ernsthaft und immer wieder neu. Der Autor zelebriert seine Ambivalenz in einem langen Dialog mit einem virtuellen Gesprächspartner.

Es wird deutlich, dass die Situation zwar radikale Maßnahmen verlangt, dass aber unvollkommene Schritte in die richtige Richtung besser sind als ein Kapitulieren vor der als zu groß empfundenen Herausforderung.

Was ihm Kritiker tatsächlich vorhalten, thematisiert er in seinem Buch bereits selbst: Das extreme Zuschneiden der Klimafrage auf die persönlichen Entscheidungen, die wir als Bürger treffen. Natürlich betrifft das nicht nur unsere Ernährung, sondern auch die Art unserer Mobilität und unseres Konsums.
Er steht zu diesem Ansatz; in diesem Buch geht es nicht um strukturelle Veränderungen und politische Aktionen. Er will den Einzelnen gewinnen – damit dieser sich dann (hoffentlich) nicht nur um sein eigenes Verhalten sondern auch um die Rahmenbedingungen kümmert.

Kommen wir zur Bewertung:

Ich habe kein Problem mit dem extrem individuellen Ansatz. Ich finde es sehr gewinnbringend und kreativ, ein Sachthema so unglaublich intensiv mit der eigenen Lebens- und Familiengeschichte zu verweben. Ich finde es grandios, die schriftstellerische Kunst, emotionale Sprachbilder zu schaffen, in  den Dienst einer wahrhaft bedeutsamen Sache zu stellen.
Dieses Buch ist wie geschaffen für Menschen, die selber ringen um die Konsequenz, mit der sie auf eine Situation reagieren, die sie intellektuell schon erfasst – aber emotional noch nicht vollständig an sich heran gelassen haben. Wir müssen keine Helden sein – sagt der Autor – aber wir dürfen unter keinen Umständen tatenlos bleiben!
Vielleicht werden Leser, die schon sehr weit in ihren persönlichen Lebensstil-Veränderungen vorangekommen sind, sogar erstaunt sein, dass die Kernforderung (“Keine tierischen Lebensmittel vor der Abendmahlzeit”) so abgewogen und kompromissbereit klingt.

Auch wenn ich diesem Buch möglichst viele Leser wünsche, wäre es nicht redlich, auch meine kritischen Gedanken kurz zu skizzieren: Es war mit an einigen Stellen schlicht zu viel. Zu viel Redundanz bzgl. der Kernaussagen, zu viel Ringen mit den eigenen Widersprüchen, zu viele Wechsel zwischen Sachinformation und Subjektivität. An einigen Stellen habe ich eine leise Stimme in mir gespürt: “Es reicht jetzt!”
Vielleicht war die Art meines Konsums für diese Empfindungen mitverantwortlich. Ich habe mich innerhalb sehr kurzer Zeit durch dieses Buch gehört. Vielleicht sollte man es nicht verschlingen, sondern ihm Zeit geben.
Es ist kein “Klima-Buch”; es ist ein Buch über den Umgang mit sich selbst. Es regt an zur Selbsterfahrung.
Lest (oder hört) es deshalb mit Muße!

Thüringen-Wahl und ihre Folgen

Im Moment verschwimmen die Gewissheiten in einem atemberaubenden Tempo.

Zunächst habe ich gedacht, man müsste an die Vernunft und den Anstand von enttäuschten konservativen CDU-Anhängern appellieren. Ihnen erklären, dass die Abgrenzung vom hässlichen rechten Rand wichtiger sein muss, als das Bedürfnis, ihren Protest gegen einen links-grün-liberalen Mainstream auszudrücken.

Dann hat man geduldig  – aber leider vergeblich – darauf gewartet, dass die “bürgerliche” Fraktion der AfD eine Trennung von dem Rechtsaußen-Flügel hinbekommt.

Jetzt diskutieren Teil der Thüringer CDU über Gespräche mit der AfD, um eventuelle eine geduldete Minderheitsregierung hinzubekommen. Das heißt: Die Volks- und Regierungspartei CDU muss im Jahre 2019 tatsächlich darum ringen, dass ihr eigener Landesverband sich nicht mit der radikalen Höcke-AfD auf ein Bündnis einlässt. Und das, obwohl es einen allseits respektierten Ministerpräsidenten gibt, der die Wahl auch noch gewonnen hat. Da er aber ein Linker ist, eignet er sich für diese Leute offenbar eher als Schreckgespenst als dieser radikale Höcke (den selbst die AfD schon loswerden wollte).

Wie soll man bitte in Zukunft Wählern erklären, dass sie den rechten Demagogen nicht auf den Leim gehen sollten, wenn genau diese von der bürgerlichen Mitte als Bündnispartner geadelt wird?

Unfassbar!

Diese Entwicklung ist im Grunde bedenklicher und gefährlicher als die Stimmenzuwächse selbst. So höhlt sich die Demokratie von innen aus.

Wenn die CDU Teile des AfD-Programms für sich akzeptabel findet, dann sollte sie den Mut haben, diese Teile in das eigene Programm zu übernehmen und so denn entsprechenden Wählern eine Heimat zu schaffen. Das Problem dadurch zu lösen, dass sie mit dieser Partei (in ihrer jetzigen Aufstellung) zusammenarbeitet, ist völlig unakzeptabel.

“Loyalitäten” von Delphine de VIGAN

Eher ein dünnes Büchlein, so für zwischendurch im Urlaub. Ist es deshalb auch ein oberflächliches Buch? Ich finde: “eindeutig nein”!

Die Autorin erzählt die Geschichte eines 12-jährigen Jungen, der zunächst einmal an dem fehlenden Halt durch seine getrennten Eltern leidet und Erleichterung und Trost im Alkohol findet. Warum aus dieser Krise eine Katastrophe wird, ist das eigentliche Thema des Romanes.

Geschildert wird dieser Prozess aus den wechselnden Perspektiven einiger Bezugspersonenen von Theo. Es sind seine Mutter, seine Lehrerin, sein einziger Freund und dessen Mutter.
Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie alle zwar eindeutige Signale wahrnehmen, aus falsch verstandener oder unbewusst lähmender Loyalität aber nicht aktiv werden. Es wird gezeigt, dass solche Loyalitäten verschiedenen Ursprungs sein können: früh in der Familie geprägt, durch Beziehungserfahrung oder Berufsrollen erworben oder als vermeintliche selbstverständliche Solidarität zwischen Gleichaltrigen.
Die Wirkung kann tragisch sein: Das Eingebundensein in tief empfundene Verpflichtungsnetze verhindert die notwendige Verantwortungsübernahme.
So vergeht wertvolle Zeit, in der ein beherztes Eingreifen noch etwas hatte retten können.

Das Thema ist schon spannend genug.
Die inhaltliche und sprachliche Umsetzung ist sehr bemerkenswert.
Die Autorin macht mit ihren bildereichen und extrem empathischen Formulierungen deutlich, dass ihr emotionale Dynamiken sehr vertraut sind. Insbesondere die Erlebniswelt der beiden Jungen, die gerade den gefährlichen Grad zwischen Kindheit und Jugend beschreiten, wird in einer bewundernswerter Tiefe nachvollziehbar gemacht.

Ein tolles Buch, dessen Ende für mich nicht zu den Highlights gehört (geschenkt!).
Ein Buch, dass auch für ältere Jugendliche geeignet ist. Optimalerweise sollte es im Unterricht behandelt werden oder von einem erwachsenen Gesprächspartner parallel gelesen werden.
Wie oft es wohl diese Chance gibt….?