“Der Hase mit den Bernsteinaugen” von Edmund de WAAL

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch fordert seine Leserschaft – es schenkt ihr aber auch eine Leseerlebnis von ungewöhnlicher Intensität.

Erzählt wird die (faktenorientierte) Geschichte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie (Ephrussi), deren Mitglieder – und damit auch deren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss – sich über die Stationen Odessa, Paris, Wien und Tokio ausbreiteten und damit auch ein Spiegelbild bedeutsamer geschichtlicher Epochen und Ereignisse der letzten ca. 150 Jahre wurden.

Die Perspektive, die dabei eingenommen wird, speist sich aus zwei Quellen:
Zunächst durch den Autor und Ich-Erzähler, der dem dokumentarischen Roman dadurch eine autobiografische Note gibt, dass er selbst als Nachkomme der Ephrussi-Dynastie die Familien-Recherche durchführt.
Zum anderen – und da kommen wir auf den Buchtitel – stehen im Mittelpunkt des Erzählfadens eine Sammlung japanischer Miniatur-Schnitzereien (sog. “Netsuke”): Ihr Weg durch die zeitlichen und geografischen Räume eröffnet detailreiche Blicke auf Lebensverhältnisse, Karrieren, Epochen und Katastrophen.

Im ersten Teil des Buches werden wir Zeuge des spektakulären wirtschaftlichen Aufstiegs der Brüder Charles (in Paris) und Ignaz (in Wien).
Der Autor zeichnet nicht nur den – scheinbar unaufhaltsam – wachsenden Wohlstand der Familien, sondern schildert vor allem in diesem Kontext aufblühende großbürgerliche (fast feudale) Lebensart, die sich insbesondere durch die Integration in die “besseren Kreise” und die Sammlung, und Zurschaustellung von Kunstgegenständen aller Art manifestiert.
Der Blick hinter dies Kulissen dieser wirtschaftlichen und kulturellen Oberschicht wird in einer solch geschärften Intensität geworfen, dass hinter jeder zweiten Ecke durch den Schleier der Kultiviertheit eine Ahnung von der fast perversen Übersteigerung dieser Luxuswelt durchscheint.

Diese Gradwanderung zwischen einer Faszination durch die Leidenschaft und Expertise der Kunstliebhaber und dem Bewusstsein hinsichtlich ihrer ungeheuren materiellen Privilegien zieht sich über weite Strecken des Buches. Dabei trägt auch der Autor selbst zu diesem labilen Gleichgewicht bei: Während er gegenüber dem früheren Lebensstil der Ephrussis (und deren Umfeld) durchaus eine innere Distanz zeigt, steht er als Künstler und Kunstexperte mit großer Anteilnahme in der Tradition der internationalen Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte.
Allein die Beschreibung der Herstellung und Eigenschaften der japanischen Miniaturen – um deren Schicksal es ja in dem Buch gehen soll – zeugt von einer Begeisterung und einer geradezu überwältigendem Differenziertheit in der Wahrnehmung und im Sprachausdruck.

Die entscheidende Dynamik des Buches entfaltet sich mit der Machtergreifung der Nazis in Wien: War man bis dahin hin- und hergerissen zwischen Respekt und Befremden gegenüber der in Reichtum schwelgenden Elite, klärt der Kultur- und Zivilisationsbruch die Bewertungen in einer radikalen Eindeutigkeit: Hier werden nicht nur Kunstwerke geraubt und ein gewachsener Lebensstil – im wörtlichsten Sinne – zertrümmert; hier nimmt sich eine barbarische Menschenverachtung Raum, die im denkbar schärfsten Kontrast zu jeder Form der Kultiviertheit steht.

De WAAL schafft durch seine Rahmenhandlung immer wieder eine Distanz zum eigentlichen Geschehen. Er beschreibt auch sein Recherchieren und Dokumentieren, seine Besuche an Originalschauplätzen, Museen und Archiven. Auch das Kunstschaffen selbst bekommt seinen Platz: Die Leser bekommen insbesondere vertiefte Einblicke in eine Epoche des japanischen Kunsthandwerks, aber auch in die Arbeit des Autors an der Töpferscheibe.

Das Einlassen auf diesen Roman kann insgesamt nur gelingen, wenn man bereit ist, sich in einer herausfordernden Intensität und Detailtiefe in die Welt der “schönen Dinge” mitnehmen zu lassen. Zwar werden auch Personen und ihr privates und gesellschaftliches Miteinander beschrieben; all das steht aber in einem permanenten Kontext mit den umgebenden kulturellen Erzeugnissen. Diese sind zwar auch – aber nie nur – Statussymbole und Aushängeschild für die Erlesenheit des eigenen Geschmacks. Sie führen sozusagen ein eigenes Leben…

Dieser sehr besondere Einblick in eine vergangene Epoche ist ohne die besondere Konstellation der Autorenschaft nicht denkbar: Nur die doppelte Beteiligung als Teil der Familiengeschichte und als Kunstschaffender bzw. Kunstexperte konnte dieses Sprachkunstwerk hervorbringen.

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“Hillbilly-Elegie” von J.D. VANCE

Bewertung: 3 von 5.

Wir schreiben das Jahr 2026 und das Erscheinen dieses Buches liegt somit genau 10 Jahre zurück. Der Autor dieses Familien-Biografie ist inzwischen Vizepräsident der USA und einer der ideologisch gefestigtsten Vertreter der aktuellen US-Politik. Viele Beobachter halten VANCE für langfristig einflussreicher als den erratischen und pathologisch-narzisstischen Trump.
Unabhängig von der (literarischen) Qualität dieses Buches erscheint es daher sinnvoll und lohnend, sich mit der Vergangenheit und dem Weltbild dieses Menschen auseinanderzusetzen. Es passiert wohl nicht sehr häufig, dass ein so machtvoller Politiker einen so intimen Einblick in seine persönliche Geschichte freilegt – geschrieben nicht nach, sondern deutlich vor seinem Karriere-Gipfel.
Was läge also näher als der Versuch, aus dem Lebensweg, vor allem aber aus der Bewertung der eigenen Biografie, Hinweise für die Potentiale und Risiken dieses Politikers zu suchen?

In beeindruckender Klarheit und Direktheit schildert VANCE eine Kindheit und Jugend, die es nach halbwegs zeitgemäßen pädagogischen Maßstäben – zumindest in Deutschland – so in den letzten Jahrzehnten gar nicht hätte geben dürfen. Jedes denkbare Jugendamt hätte früher oder später in diese absolut desolaten Familienverhältnisse eingegriffen und die Kinder einer anderen (privaten oder öffentlichen) Betreuung zugeführt. Das Besondere an den vom Autor geschilderten Verhältnisse ist dabei, dass VANCE seine Erfahrungen nicht als tragisches Einzelschicksal beschreibt, sondern als typisch bzw. exemplarisch für eine breite gesellschaftliche Entwicklung, die durch wirtschaftlichen Wandel hervorgerufen wurde.

Hintergrund ist eine langfristige Struktur-Krise der amerikanischen Kohle- und Stahlindustrie in dem ländlich geprägter, strukturschwacher Teil der Appalachen (u. a. Ost-Kentucky/West Virginia) samt dem angrenzenden Rust-Belt-Gürtel im Mittleren Westen (z.B. in Ohio). Diese Region ist geprägt von Abwanderung und dem Niedergang klassischer Industrie- und Bergbaujobs. Das Ergebnis waren prekäre Erwerbsbiografien und eine zerbrechende Alltagsstabilität: Wohnen, Familie, Bildung, Zukunftsplanung – und damit die soziale Selbststeuerung der Gemeinden. In dem Umfeld von sinkender Kaufkraft und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit wuchsen soziale, familiäre und individuelle Belastungen und Konflikte wie Sucht, Depression und Kriminalität.
Auch wenn man nicht alle psychischen Auffälligkeiten der Menschen, unter denen VANCE aufgewachsen sind, unmittelbar mit diesen Faktoren in Verbindung bringen kann, bilden diese die Basis für die individuellen Schicksale.

Während VANCE sich zunächst sehr viel Zeit nimmt, den Ablauf seiner familiären Odyssee in allen Verästelungen zu beschreiben, versucht er im zweiten (kürzeren) Teil des Buches seinen persönlichen Ausweg bzw. Aufstieg nachvollziehbar zu machen. Hier spielen – neben der einen zuverlässigen Bindungsperson (Großmutter) – zwei Faktoren eine Hauptrolle: Die Armee als korrigierende “pädagogische” Kraft, die Defizite der familiären Sozialisation auszugleichen vermag (Struktur, Härte und Disziplin), und die prägenden Einflüsse einer akademischen Eliteausbildung, die vormals verschlossene Türen öffnen kann.

Wie wird nun ein Mensch mit diesem biografischen Hintergrund ein strammer Trump-Anhänger mit einem durch und durch konservativen und individualistischen Menschenbild?
Schon in “Hillbilly-Elegie” wird deutlich, dass der Autor zwar die erschwerenden und belastenden (wirtschaftlichen) Rahmenbedingungen sieht, letztlich aber das kollektive und individuelle Versagen (z.B. in Form von Faulheit und selbstschädigendem Verhalten) für entscheidend hält.
VANCE argumentiert etwa so: „Ja, die Bedingungen sind schrecklich (Struktur), aber die Entscheidung, morgens nicht zur Arbeit zu gehen oder die Kinder zu vernachlässigen, ist eine Entscheidung des Einzelnen (Selbstverantwortung).“
Hier ignoriert er die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen von chronischen Belastungen und Armut auf die Funktionen des Gehirns, die für Stressregulation und Selbststeuerung zuständig sind. Vance wertet das Unvermögen, unter extremem Druck „rational“ und „leistungsorientiert“ zu handeln, als moralisches Versagen oder kulturelles Defizit ab.
Dabei spielt natürlich auch die typische “Aufsteiger-Logik” eine Rolle: “Wenn man es selbst geschafft hat, prekäre Bedingungen hinter sich zu lassen, ist damit ja der Beweis erbracht, dass dieser Weg auch allen anderen offenstände.” Das ist nicht logisch, aber trotzdem ein mächtiges Narrativ.

Vance nutzt seine Biografie also eher als Begründung für Härte, nicht für Empathie im Sinne einer Systemänderung. Er sieht sich als Beweis dafür, dass das System funktioniert, sofern man sich den „richtigen“ Werten verschreibt. Damit wird seine Analyse zu einer Rechtfertigung genau jener meritokratischen (leistungsbezogenen) Ideale, die er oberflächlich kritisiert, wenn er gegen „die Eliten“ wettert.

Zurück zum Buch:
Betrachtet man diese Autobiografie einmal unabhängig von den politischen Zusammenhängen, dann findet man eine beeindruckende Milieustudie einer extrem dysfunktionalen Familie in einem kulturell desolaten Umfeld. Dem Autor gelingt es durchaus, einem gesellschaftlichen Problem ein sehr persönliches Gesicht zu geben. In der Art seiner Schilderung drückt sich Verständnis und Empathie für die beteiligten Personen aus, die er – zumindest auch – als Opfer ihrer Lebensumstände wahrnehmen kann.
Dieses Buch hat im ersten Teil ohne Zweifel die Kraft, seine Leser emotional anzusprechen und anzurühren. Dabei entsteht zunehmend auch Unverständnis und Wut über die Rahmenbedingungen, die das alles zugelassen haben.
Diese unmittelbare Wirkung kann die folgende Geschichte des persönlichen Aufstiegs nicht mehr entfalten: Hier finden sich eher die Klischees der “Erziehung durch Härte” (Armee) und “Beziehungen sind alles” (Elite-Uni) wieder.
Zweifellos erhellend ist der tiefe Einblick in die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die – auch außerhalb der Slums der Großstädte – in einer Gesellschaft entstehen konnten, die sich gerade auf wirtschaftlicher Ebene als Vorbild für die gesamte Welt gehalten hat.

Dass J.D. VANCE aus seinen persönlichen Erfahrungen die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat, kann schon innerhalb des Buches bezweifelt werden; aus jetziger Perspektive wohl um so mehr…

(Transparenzhinweis: In zwei Abschnitte dieses Textes sind auch KI-generierte Formulierungen eingeflossen).

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“Die Auferstehung” von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 3.5 von 5.

Es ist sicher ein gelungener Marketing-Gag, mit einem aktuellen Krimi an die legendäre “Drei-Fragezeichen-Reihe” anzuknüpfen. Nicht, dass ausgerechnet Andreas ESCHBACH das nötig hätte – aber kommerziell schaden tut es ganz sicher nicht…

Die Transformation der drei Jugend-Detektive in ihr mittleres Erwachsenenalter ist in diesem Buch alles andere als eine Nebensache: Der Bezug zur gemeinsamen Vergangenheit, der dramatische Beziehungsabbruch als junge Twens, seine langfristigen Auswirkungen und die verwickelte Wiederannäherung im Kontext des aktuellen “Falls” stellen die erzählerische Grundlage der Kriminalgeschichte dar.

Die zweite Ebene ist dann der Recherche-Auftrag selbst. Es handelt sich um das mysteriöse Wiederauftauchen einer im brasilianischen Regenwald verschollenen (und totgeglaubten) jungen Frau nach 7 Jahren. Das gleichzeitig eine beträchtliche Erbschaft wartet, lässt die ein oder andere Frage aufkommen.

Wie Zufall und Schicksal (oder der Plot des Autors) es wollen: Die drei Fragezeichen werden – auf völlig unterschiedlichen Wegen – in die Dynamik der Geschehnisse und damit in die Klärung des Falles hineingezogen.

Das alles ist ganz geschickt konstruiert und mit professioneller Erzählroutine beschrieben. Halbwegs niveauvolle Unterhaltung, wenn man mal von der völlig überflüssigen Figur eines Schamanen absieht.

Letztlich handelt es sich um eine eher unspektakulär Story, die davon lebt, dass die 3 Fragezeichen wieder zusammenfinden. Damit bekommt der Titel des Romans eine doppelte Bedeutung…

Wenn man keinen Bezug zu den Vorläufer-Geschichten hat, kann man diesen Krimi ohne großen Verlust ignorieren. Für einen echten (früheren) Fan ist es sicher ein gelungenes Nostalgie-Erlebnis.

“Szenario” von Florence GAUB

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Titel des Buches ist Programm: Es geht nicht nur inhaltlich um geopolitische Szenarien, sondern um ein komplettes Leseerlebnis in einer Szenarien-Struktur.
Das ist nicht nur eine originelle Idee, sondern schafft eine zweite Erfahrungs- bzw. Lernebene. Als Zukunftsforscherin transportiert GAUB damit ihre Basis-Botschaft: Die Entwicklung der Dinge verläuft weder determiniert, noch zufällig: Sie hängt von konkreten Entscheidungen konkreter Menschen ab.
In dem Plot dieser Hybrid-Publikation (zwischen Reality-Roman und Sachbuch) wird diese Entscheidungs-Option nicht auf der Ebene von mächtigen Staatenlenkern ausgetragen, sondern durch einen wissenschaftlich, politisch und journalistisch extrem gut vernetzten Berater. Diese facettenreiche Figur wird von der Autorin nicht nur als Identifikationsperson angeboten, sondern als “Alter-Ego” des Lesers/der Leserin eingesetzt: Man soll in dem gesamten Buch als diese Figur handeln, und zwar auf selbstgewählten Wegen, die immer wieder als Alternativen angeboten werden. Der Clou: Die eigenen Entscheidung bestimmen den weiteren Ablauf des Geschehens – führen also ganz praktisch jeweils zu unterschiedlichen Stellen im Buch.

Doch jetzt zum Inhalt:
Zwar hat GAUB die beschriebenen Handlungen und Ereignisse in paar Jahre in die Zukunft verlagert (auf Anfang der 30iger Jahre); es wird aber schnell deutlich, dass die Autorin uns auf die Herausforderungen und Entscheidungsnotwendigkeiten der Gegenwart aufmerksam machen will. Ihre Szenarien drehen sich rund um Entwicklungstrends und Konfliktfelder, die sich für informierte und aufmerksame Beobachter heue schon klar abzeichnen: Dazu gehören beispielsweise die – sich bereits abzeichnenden – Verschiebungen der großen geopolitischen Machtverhältnisse (zugunsten Chinas), die zukünftige Bedeutung der Seewege durch durch arktische Gewässer (als Folge des Klimawandels) und die Rolle der KI-unterstützten elektronischen Kriegsführung (speziell auch hinsichtlich der verletzlichen Satelliten-Infrastruktur).

Diese großen Trends werden in einer kaum vorstellbaren Akribie in extrem konkrete Abläufe übersetzt. So lernt man ein ganzes Potpourri an internationalen Think-Tanks, Ministerien. Teilbereiche der EU-Bürokratie, Planungsstäbe und militärische Strategie-Einheiten – sozusagen von innen – kennen. Das ist in dieser Detailtiefe schon bemerkenswert und ziemlich interessant.
Zwischendurch kann man sich – in der zugewiesenen Rolle – auch als Sachbuchautor, Leiter einer Forschungsgruppe oder Leitartikler großer Zeitungshäuser betätigen. All das führt dann jeweils zu bestimmten Ergebnissen – und manchmal eben auch in eine Sackgasse.

Der entscheidende Mehrwert dieses Buches ist aber der pure Informationsgewinn:
Am Ende des Textes beschleicht einen das – möglicherweise gar nicht so unberechtigte -Gefühl, vielleicht gerade einen Wissenstand über realistische Zukunfts-Szenarien erworben zu haben, der weit oberhalb eines durchschnittlichen (politischen) Entscheidungsträgers liegt.
Die Ausführungen der Autorin sind zwar im Detail fiktiv, beruehen aber ganz offensichtlich auf extrem profunden Erkenntnissen. Anders gesagt: GAUB schreibt als Expertin über ihr ureigenes Spezialgebiet.

Eine politische Botschaft steckt auch in dem Buch: Wir brauchen gute Informationen, weitsichtige Perspektiven (also ein Denken in Szenarien), einen Anschluss an modernste Technologie, ausreichende und modernste militärische Ausrüstung und kluge Diplomatie, die auf einer realistischen Kenntnis der inneren Sicht- und Denkweisen der geopolitischen Mitspielen und Gegner beruht. Wenn in diese Kette in Glied fehlt, werden wir nicht nur (politisch, wirtschaftlich und militärisch) extrem gefährdet sein, sondern vielleicht sogar untergehen.

Es gab wohl selten eine so einladende und gelungene Gelegenheit, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu werden!

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“Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz” von Oliver HOFFMANN

Bewertung: 2 von 5.

“Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz” von Oliver Hoffmann ist ein Buch, bei dem sich sehr früh Fragen stellen, die deutlich über die üblichen Kriterien einer Sachbuchrezension hinausgehen. Es geht nicht primär um Stilfragen, nicht um Detailkritik einzelner Argumente und nicht einmal um die fachliche Qualifikation des Autors – die zumindest vom akademischen Grad unbestritten ist. Es geht um die irritierende Tatsache, dass ein etablierter Wissenschaftsverlag eine Publikation vorlegt, deren formale und inhaltliche Anlage das Lesen in einer Weise erschwert, die man als Zumutung bezeichnen muss.

Der zentrale strukturelle Eindruck dieses Buches ist Redundanz – und zwar in einem Ausmaß, das alle anderen Beurteilungskriterien überlagert. Argumente, Formulierungen und Thesen werden nahezu unverändert wiederholt, nicht nur zwischen Kapiteln, sondern innerhalb von Abschnitten und sogar von einzelnen Seiten. Bestimmte Formulierungen (“Die modernen KIs können große Datenmengen analysieren und sehr gut Muster erkennen”) kann man als Lesender nach wenigen Seiten nicht nur auswendig herbeten, sondern sogar mit großer Sicherheit für den nächsten Abschnitt vorhersagen.
Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Leser oder eine Leserin ohne die Verpflichtung zur Rezension dieses Buch tatsächlich vollständig und aufmerksam liest, ohne irgendwann in ein bloßes Querlesen oder selektives Überfliegen zu verfallen. Redundanz kann, richtig eingesetzt, der Präzisierung dienen oder komplexe Argumente absichern. Hier jedoch erreicht sie ein groteskes Niveau, das den Text strukturell lähmt.

Dabei ist die Grundintention des Autors ausdrücklich ernst zu nehmen. Hoffmann verfolgt eine klare Mission: Er möchte dafür sensibilisieren, dass spezifisch menschliche Kompetenzen – Autonomie, Selbstreflexion, Empathie, moralische Verantwortung, Werteorientierung – nicht vorschnell einem technologischen Fortschrittsnarrativ geopfert werden. Er plädiert für eine nüchterne, kritische Einschätzung von KI-Systemen, warnt vor Überhöhung, vor einem naiven KI-Hype und vor der Illusion, maschineller Output könne menschliches Verstehen, Erleben und soziale Beziehung tatsächlich ersetzen. Diese Stoßrichtung ist legitim, wichtig und gesellschaftlich relevant. Man spürt zudem deutlich, dass der Autor auch persönlich von diesem Anliegen getragen ist.

Das Problem beginnt dort, wo Überzeugung mit Wiederholung verwechselt wird. Die zentralen Thesen dieses Buches ließen sich ohne Substanzverlust auf wenige Seiten verdichten. Die Ausweitung auf fast 300 Seiten wäre nur dann gerechtfertigt, wenn sie durch empirische Befunde, differenzierende Beispiele, Gegenargumente oder neue Perspektiven getragen würde. Genau das geschieht jedoch nicht. Stattdessen werden Behauptungen wiederholt, Fragen gestellt, um sie mit inhaltsgleichen Antworten wieder zu schließen, und Argumentationsschleifen erzeugt, die keinen zusätzlichen Erklärungswert liefern.

Besonders irritierend ist dabei die wissenschaftliche Anlage. Hoffmann zitiert außerordentlich fleißig – fast inflationär. Doch sämtliche Literaturverweise stammen aus der Zeit vor der Revolution generativer KI. Keine einzige Quelle bezieht sich auf Entwicklungen nach 2020, geschweige denn auf die Umbrüche seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022. Für ein Buch, das 2025 erschienen ist und sich explizit mit dem Verhältnis von Psychologie und KI befasst, ist diese Leerstelle nicht plausibel zu erklären. Produktionsverzögerungen reichen als Begründung nicht aus. Hier wird Aktualität nicht nur verfehlt, sondern systematisch ausgeblendet – ein Umstand, der weniger dem Autor allein als vielmehr dem Verlag angelastet werden muss.

Auch inhaltlich zeigt sich eine problematische Vereinfachung. Das dem Buch zugrunde liegende Menschenbild operiert mit einem erstaunlich unkritischen Autonomiebegriff. Implizit wird suggeriert, menschliches Handeln sei vor der KI primär das Ergebnis freier, innerer Abwägungen gewesen, während nun erstmals die Gefahr der Fremdbestimmung drohe. Historische, soziale, kulturelle und psychologische Prägungen menschlichen Verhaltens werden dabei weitgehend ignoriert. Das Ergebnis ist ein überzeichnetes Schwarz-Weiß-Schema: hier die autonome, selbstbestimmte Menschheit, dort die drohende Entfremdung durch KI-Maschinen. Eine solche Vereinfachung ist analytisch unhaltbar – und eines Psychologie-Professors nicht würdig.

Ähnlich problematisch ist der Umgang mit der Frage nach der praktischen Wirksamkeit von KI-gestützten Interaktionen. Dass KI kein Bewusstsein, kein Selbsterleben und keine emotionale Tiefe besitzt, ist korrekt – und unstrittig. Doch die entscheidende Frage lautet: Kann der simulierte soziale Output dennoch hilfreich, unterstützend oder wirksam sein? Diese Frage wird zwar gelegentlich gestellt, aber nie ernsthaft beantwortet. Stattdessen verweist der Autor immer wieder auf das fehlende Selbsterleben der Maschine – ein argumentativer Kurzschluss. Empirische Studien, die die Wirkung von KI-Dialogen auf emotionale Befindlichkeit, Verhalten oder subjektive Unterstützung untersuchen, existieren. Sie werden jedoch nicht herangezogen. Ein akademisch hochqualifizierter Autor stellt relevante Fragen, verzichtet aber auf die wissenschaftlichen Methoden, die seine Disziplin zur Beantwortung bereithält. Unerklärlich!

So bleibt am Ende ein Buch mit ehrenwertem Anliegen, aber gravierenden Schwächen: formal überladen, inhaltlich redundant, methodisch erstaunlich unscharf und wissenschaftlich unzeitgemäß. Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz verteidigt das Menschliche mit großem Pathos – unterminiert dieses Anliegen jedoch durch argumentative Vereinfachung und verlegerische Nachlässigkeit. Für ein Sachbuch aus einem renommierten Wissenschaftsverlag ist das nicht nur zu wenig, sondern völlig unakzeptabel.

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“Was wir wissen können” von Ian McEwan

Bewertung: 3.5 von 5.

Der bekannte britische Autor ist für psychologisch ausgefeilte Geschichten bekannt, die sich oft die Grenzen von gesellschaftlichen und moralischen Fragestellungen heranwagen. Es werden dabei immer wieder in kreativer und mutiger Form Entwicklungen zu ende gedacht und es wird dabei gerne auch an üblichen Tabugrenzen gerüttelt.

Mit dem aktuellen Roman nimmt McEwan eine extrem ungewöhnliche Perspektive ein:
Er schaut aus dem Jahre 2119 auf unsere (gegenwärtige) Epoche zurück und betrachtet eine private Episode aus dem britischen Künstlermilieu mit einer Akribie, die noch über Detailverliebtheit hinausgeht: Es ist Detailversessenheit!
Der Autor schafft dafür eine Rahmenhandlung, in der der junge Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe aus 200jährigen Distanz das Schaffen des Dichters Francis Blundy erforscht. Insbesondere geht es dabei um ein verschollenes und mythenumwobenes Gedicht, das der berühmte Poet seine Frau Vivien gewidmet und geschenkt hat.
In diesem Zusammenhang führt die Auswertung von Archivmaterial (insbesondere von Tagebucheinträgen und Briefen) dazu, dass nicht nur einzelne Begebenheiten rund um das Gedicht minutiös rekonstruiert werden, sondern auch sehr intime Beziehungsgeschichten des Künstlerehepaares ans Tageslicht kommen.

Die Stärke dieses Romans liegt für mich eindeutig in seiner Perspektive: Die Entscheidung, eine zerstörte Zukunft auf unsere Gegenwart zurückblicken zu lassen, eröffnet einen ungewohnten Blick auf das Hier und Jetzt. Die Archivsuche in der Rahmenhandlung, die Rekonstruktion einer fast „mythischen“ Vergangenheit und die Frage, was von unserem Leben, unseren Debatten und Eitelkeiten überhaupt bleibt, ist konzeptionell reizvoll. Gerade diese Metaebene – wie sich Geschichte über Dokumente, Fragmente und blinde Flecken erzählt – sorgt zunächst für ein hohes Maß an intellektueller Faszination.

Gleichzeitig ist genau hier das Problem: Die Materialfülle, mit der der Roman seine Figuren, ihre Biografien, die literarischen Bezüge und vor allem den berühmten Sonettenkranz ausleuchtet, wirkt zunehmend erdrückend. Was anfangs wie eine detailreiche, lustvoll komponierte Textwelt beginnt, kippt im Verlauf in eine beinahe groteske Konzentration auf Einzelheiten. Man fragt sich als Leser: Wozu diese Überfülle? Was ist der übergeordnete Sinn all dieser minutiös ausgeleuchteten Szenen und Informationen – außer der demonstrativen Gelehrsamkeit der Konstruktion selbst?

Besonders interessant ist die Zeichnung des intellektuell-künstlerischen Milieus, in dem sich die zentrale Figurenkonstellation bewegt. Die Liebesaffären, heimlichen Neigungen und Parallelleben werden nicht als bloß oberflächliche Eskapaden geschildert, sondern als ernsthafte, teils geistig grundierte Beziehungen. Zugleich bleibt dieses Milieu deutlich vom „normalen Leben“ abgehoben: eine Oberschicht aus Dichtern, Intellektuellen und Kunstschaffenden, die sehr mit sich selbst, ihren Projekten und Befindlichkeiten beschäftigt ist. Der Dichter Francis erscheint dabei als narzisstische Figur, die sich und ihre Kunst zum Zentrum der Welt erklärt – eine Figur, die ebenso kritisch wie glaubwürdig gezeichnet ist, zugleich aber den Eindruck verstärkt, dass sich der Roman sehr stark um sich selbst und seine eigene Künstlichkeit dreht.

Die politische und ökologische Dimension ist klar markiert: Die erzählte Zukunft ist das Resultat mehrfacher Katastrophen – Klimadesaster, Kriege, ein begrenzter Atomschlag –, und die Zivilisation erreicht nie wieder den Stand unserer Gegenwart. Dass Francis als naiver, ignoranten Klimawandelleugner inszeniert wird, ist dabei kaum subtil: Hier wird deutlich, wie sehr dem Text die drohende Klimakatastrophe als moralischer und politischer Bezugspunkt am Herzen liegt. Der Konflikt zwischen ihm und seiner Frau Vivien erhält dadurch eine zusätzliche Schärfe: Es prallen nicht nur Charaktere, sondern auch Haltungen zur Realität, Verantwortung und Zukunft aufeinander.

Erzählerisch ist der späte Perspektivwechsel hin zu Vivien einer der interessantesten Züge des Buches. Wenn ihre Aufzeichnungen auftauchen und der Leser die Ereignisse noch einmal aus ihrem Blickwinkel erlebt, entsteht ein produktiver Kontrapunkt zur vorher stark auf Francis fokussierten Darstellung. Plötzlich verschiebt sich der Fokus, die vermeintlichen Gewissheiten werden relativiert, und man ahnt, wie brüchig das ist, „was wir wissen können“. Umso bedauerlicher ist, dass diese neue Perspektive in der Rahmenhandlung nicht wirklich weiterverarbeitet wird und der Roman in einem relativ abrupten Schluss endet, der eher Ratlosigkeit erzeugt als einen starken, nachhallenden Schlusspunkt.

Im letzten Teil, in dem die Erzählung zunehmend in Richtung einer Kriminalgeschichte kippt, verstärkt sich der Eindruck einer gewissen Unwucht: Die Mischung aus dystopischer Zukunftsvision, Milieustudie der intellektuellen Oberschicht, Liebesgeschichte(n), poetologischem Spiel um den Sonettenkranz und Krimimomenten bleibt zwar originell, aber nicht wirklich aus einem Guss. Zurück bleibt ein Leseeindruck, der zwischen Bewunderung für die Konstruktion und Ermüdung durch die Detailversessenheit schwankt. Die kreative Anlage, die ungewöhnliche Perspektive und die thematische Ambition sind unbestreitbar; doch der Roman wirkt in seiner Gesamtdramaturgie unfertig und unrund.

Fazit: Was wir wissen können ist ein anspruchsvoller, ideenreicher Roman, der Leserinnen und Leser anspricht, die Lust auf komplexe Erzählarchitekturen, literarische Spiegelungen und ein stark intellektualisiertes Milieu haben – und die bereit sind, sich durch eine sehr hohe Dichte an Informationen zu arbeiten. Wer hingegen eine klar fokussierte, erzählerisch geschlossene Geschichte erwartet, wird sich von der Detailfülle, der Überpräsenz des Sonettenkranzes und dem abrupt wirkenden Schluss eher überfordert und ein wenig unbefriedigt zurückgelassen fühlen.

(Transparenzhinweis: Der Bewertungsteil der Rezension wurde auf der Grundlage eines diktierten Basistextes mit Hilfe einer KI ausformuliert).

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“Die elfte Stunde” von Salman RUSHDIE

Bewertung: 4 von 5.

Nachdem der große Erzähler sich nach dem – beinahe tödlichen – Attentat auf sich zunächst mit dieser traumatischen Erfahrung auseinandergesetzt hat, legt er jetzt einen Band mit 5 Erzählungen vor. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Länge, Stil und Inhalt, weisen aber auch Gemeinsamkeiten aus, die sich im Titel des Buches widerspiegeln: In Elfte Stunde spannt RUSHDIE einen Bogen über fünf sehr unterschiedliche Geschichten, die alle um späte Lebensphasen, Bedrohung und das Ringen um ein letztes Maß an Freiheit kreisen. Es treten alte Männer, Künstlerfiguren und Schriftsteller als Protagonisten auf; es geht um Tod, Erinnerung, Rache und Sprache.

In „Im Süden“ sitzt dieser späte Moment in einem Mietshaus einer südindischen Großstadt: Zwei sehr alte Nachbarn, Junior und Senior, hängen in einer jahrzehntelangen Hassliebe aneinander fest, während im Hintergrund eine nationale Katastrophe heraufzieht. Die Geschichte ist eher bedächtig, beinahe klassisch-realistisch erzählt, mit leiser Ironie und einem genauen Blick auf Routinen, kleine Bosheiten und die komische Seite der Vergänglichkeit – ein eher zurückgenommener Rushdie, der seine Figuren empathisch über Dialoge und Alltagsdetails ausleuchtet.

„Die Musikerin von Kahani“ führt nach Mumbai in die Welt der Superreichen, der Gurus und der Kunst. Im Zentrum steht Chandni, ein musikalisches Wunderkind, dessen Talent von einem patriarchal geprägten Umfeld vereinnahmt und deformiert wird: von einem Milliardärsclan, der in ihr vor allem eine „Gebärmaschine“ sieht. Stilistisch schlägt Rushdie hier deutlich magisch-realistische Töne an – die Musik scheint in die Wirklichkeit einzugreifen –, gleichzeitig arbeitet er mit satirischen Überzeichnungen, grellen Bildern und scharfen Kontrasten zwischen Luxus, religiöser Pose und innerer Verwüstung.

„Saumselig“ verlegt die „elfte Stunde“ in ein traditionsreiches englisches College, das sofort Assoziationen an Oxford oder Cambridge weckt. S. M. Arthur, ein verstorbener Gelehrter, erwacht als Geist und spukt durch die altehrwürdigen Gemäuer; nur eine junge indische Studentin kann ihn sehen und hören. Hinter dieser Geistergeschichte steht jedoch ein sehr diesseitiges Thema: die lebenslange Verdrängung und gesellschaftliche Ächtung von Homosexualität. Arthurs Biografie erscheint als Protokoll einer existenziellen Beschädigung durch homophobe Normen und institutionelle Heuchelei. Stilistisch verbindet der Text klassische Campus-Atmosphäre mit Elementen der Spukgeschichte und einem feinen, melancholischen Humor, der durchaus auch überraschende Wendungen ermölgicht.

„Oklahoma“ verschiebt die Perspektive stärker in den literarische Kosmos. Ein Schriftsteller sucht in den USA nach Wahrheit und Legende rund um einen älteren Mentor, dessen vermeintlichen Selbstmord und mögliche zweite Existenz. Berichte, Manuskripte und Erinnerungen widersprechen einander, Anspielungen auf Kafka und die Literaturgeschichte öffnen immer neue Ebenen. Die Erzählung ist komplex und findet auf mehreren Dimensionen statt: teils Roadmovie, teils Detektivgeschichte, teils Reflexion über Autorschaft und Identität. Der Stil ist entsprechend: fragmentarisch, selbstreflexiv, immer wieder durchsetzt von literarischen Bezügen. Nicht ganz so glatt zu lesen…

„Der alte Mann auf der Piazza“ schließlich spielt in einem mediterranen Umfeld: Ein alter Mann sitzt Tag für Tag auf der Piazza, während um ihn herum Aktivisten, moralische Wächter und mediale Stimmen über Sprache, Schuld und Grenzen des Sagbaren streiten. Im Zentrum stehen Redefreiheit, Cancel-Kultur und die Frage, was vom öffentlichen Gespräch übrig bleibt, wenn Sprache permanent überwacht und sanktioniert wird. Stilistisch nähert sich Rushdie hier der Parabel an: verdichtet, symbolisch, mit erkennbarer Tendenz zur Zuspitzung.

So ergeben die fünf Texte zusammen ein Mosaik spätester Lebensmomente – alte Körper, späte Wahrheiten, bedrohte oder unterdrückte Existenzen.

Im Vergleich zu den großen, opulenten Romanen Rushdies wirkt Elfte Stunde fast überraschend zugänglich. Vor allem die ersten drei Geschichten sind – für seine Verhältnisse – geradezu schlicht erzählt: weitgehend frei von dem überbordenden Arsenal an Anspielungen auf Kulturen, historische Ereignisse, Kunstwerke und politische Konstellationen, das frühere Texte für manche Leser schwer verdaulich gemacht hat. Rushdie verzichtet hier weitgehend auf das barocke Ausstellen seines immensen kulturellen, historischen und theologischen Wissens. Die Geschichten lassen sich wie „normale“ Kurzgeschichten lesen: linearer, konzentrierter, weniger verspielt. Dadurch verlieren sie zwar einen Teil jener ausschweifenden, funkelnden Überfülle, die man mit seinem Werk verbindet, gewinnen aber deutlich an Zugänglichkeit.
Dieser stilistische Rückbau bedeutet allerdings keine Einbuße an literarischer Qualität. Im Gegenteil: Gerade in der reduzierteren Form tritt die Souveränität des Erzählers umso klarer hervor. In jeder Geschichte spürt man das sprachliche Können, die Variationsbreite seiner Tonlagen und die Lust am Spiel mit Erzählperspektiven und Strukturen. Elfte Stunde ist daher weniger ein „abgespeckter“ Rushdie als ein disziplinierterer – ein Autor, der seine Mittel kennt und sie bewusst dosiert, ohne seine Handschrift zu verleugnen.
Speziell in den beiden letzten Geschichten verlangt der Autor von seinem Publikum dann doch etwas ab – aber RUSHDIE-Fans werden das gerne in kauf nehmen.

(Transparenz-Hinweis: An der Ausformulierung dieser Rezension war eine KI beteiligt; natürlich sind meine Bewertungen davon nicht betroffen).

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“Origin” von Andreas BRANDHORST

Bewertung: 3.5 von 5.

Andreas BRANDHORST (*1956) ist einer der prägenden deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren. Seine Romane verbinden oft große Zukunftsvisionen mit technik- und gesellschaftskritische Perspektiven.

Im ersten Band der „Origin“-Trilogie (Origin – Die Entdeckung) versetzt BRANDHORST die Leser ins 23. Jahrhundert: Die Erde ist durch Umweltzerstörung weitgehend unbewohnbar; Eliten auf dem verbliebenen Festland ringen mit den Bewohnern schwimmender Inseln um die letzten Ressourcen. Ein Kolonistenschiff soll der Menschheit einen Neuanfang in den Sternen ermöglichen. Dann wird es kompliziert: eine Sonde entdeckt im Kuipergürtel ein fremdes Artefakt, in dem ein humanoides Wesen seit Millionen Jahren im Kryoschlaf liegt.
Die – zur Identifikation einladennde – Paläontologin Lea Lehora untersucht mithilfe einer hochentwickelten Quantenintelligenz dieses Fundstück und stößt auf ein Rätsel, das eng mit dem Ursprung der Menschheit verknüpft ist – und mit darüber entscheidet, ob es überhaupt noch eine Zukunft für sie gibt.
Natürlich gibt es einen wissenschaftlichen Widersacher, der nur sein seinen persönlichen Ruhm und Einfluss im Kopf hat und die – eigentlich angeordnete – Zusammenarbeit torpediert. Das hat weitreichende Folgen.
Auf der Erde selbst sieht es alles andere als rosig aus. Diese Zukunftsprognose ist wohl eher “Science” statt “Fiction”. Die Ausgestaltung dieser Dystopie ist durchaus kreativ.

Die Geschichte ist ausreichend verzwickt konstruiert, so dass Abwechslung und Spannung geboten wird. Es gelingt dem Autor recht souverän, die Leserschaft mit in seine Zukunftswelt zu entführen.
Die mit einem wissenschaftsaffinen Background ausgestattete Theorie über die Entstehung irdischen bzw. menschlichen Lebens erscheint doch ein wenig hakelig – in deutlichem Kampf mit der Logik.
Natürlich ist der “Böse” wirklich sehr böse – aber das muss wohl so sein…

Letztlich liefert BRANDHORST mit diesem Werk eine solide Science-Fiction-Ware ab.
Neue oder besonders bemerkenswerte literarische oder technische Welten tun sich dabei nicht auf. Der Roman ist sicher kein “Muss”.

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“No Way HOME” von T.C. BOYLE

Bewertung: 4 von 5.

T. C. BOYLE gehört zu den Gegenwartsautoren, die es schaffen, gesellschaftlich brisante Themen in erzählerisch dichte, sprachlich kraftvolle Literatur zu verwandeln. Sein Stil ist unverkennbar: ironisch unterlegt, mit hohem Tempo, bildstarker Sprache und einem sicheren Gespür für das Abgründige im Alltäglichen. Immer wieder widmet er sich Figuren, die am Rand der Gesellschaft stehen oder an ihren eigenen Idealen scheitern – getrieben, widersprüchlich, oft zugleich lächerlich und berührend. Auch No Way Home reiht sich hier ein: ein psychologisch vielschichtiger Roman, der existenzielle Fragen aufwirft – mit einer erzählerischen Kraft, für die BOYLE seit Jahrzehnten geschätzt wird.

Erzählt wird von drei jungen Leuten, die durch eine herausfordernde Konstellation miteinander verbunden sind. Im Mittelpunkt steht eine schillernde Frau (Bethany), die sowohl das Leben des Assistenzarztes Terry durcheinanderbringt, als auch bei ihrem EX-Freund Jesse so tiefe Spuren hinterlassen hat, dass dieser sie einfach nicht aufgeben will.
Eigentlich lebt und arbeitet Terry in Los Angeles, muss sich aber nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter um das geerbte Haus in Boulder City kümmern – einer vergleichsweise provinziellen Stadt am berühmten Hoover-Stausee im Umfeld von Las Vegas. Bethany und Jesse verbringen dort ein eher oberflächliches Mainstream-Leben zwischen Job und (möglichst vielen) Vergnügungen. Natürlich spielen dabei Alkohol, Drogen und Sex eine wesentliche Rolle.
Der Plot dreht sich um die beziehungsmäßigen Komplikationen zwischen den drei Protagonisten, die im Laufe von einigen Monaten eine unheilvolle Dynamik zu entwickeln scheinen…

Der Autor macht es einem mit der Auslegung seiner Figuren nicht ganz leicht: Während Terry (zumindest zunächst) einen halbwegs konsistenten Charakter aufweist, zeigen sich Jesse und Bethany eher zerrissen: Beide decken ein erstaunliches Spektrum an Empfindungen und Verhaltensweisen ab, das – insbesondere bei Jesse (der immerhin als Pädagoge arbeitet) – weit in ein „kriminelles“ Bereich hineinragt. Die beiden geraten immer wieder in Situationen, die sie „eigentlich“ so nicht wollten. Sie haben ihre Impulse nicht gut im Griff, werden von ihren momentanen Bedürfnissen getrieben – nicht von Prinzipien oder längerfristigen Zielen. Es ist auf Dauer ein wenig anstrengend, immer wieder dabei zuzuschauen, dass gute Vorsätze nur eine minimale Halbwertszeit haben.
Schließlich gerät auch Terry in einen Strudel, der seiner ursprünglich stabile bürgerlich-geradlinige Welt ins Wanken bringt.

Die Story kann als eine Art Milieustudie für das Leben in der modernen amerikanischen Freizeitgesellschaft betrachtet werden, wie es sich irgendwo zwischen urbanem und ländlichen Ambiente abspielt. Es gibt keine Werte oder Ziele neben Konsum und Vergnügen; man geht aus, trinkt, solange das Geld reicht und dreht sich letztlich nur um sich selbst. Moralische Maßstäbe sind entweder nicht vorhanden oder schnell vergessen – und die Grenzen zu kriminellen Handlungen ist fließend.

BOYLE gibt seinen Figuren viel Raum, lässt die Dinge eskalieren, urteilt nicht. Er lässt durchblicken, dass hinter all den Schwächen und Gleichgültigkeiten doch so etwas wie „echte“ Bedürfnisse verborgen sind: der Wunsch nach Anerkennung und Liebe, nach tieferer Bindung, vielleicht sogar nach Sinn.  

So bietet BOYLE zumindest denjenigen ein lohnende Leseerlebnis, die sich weder durch die vermeintliche Oberflächlichkeit von Handlungen und Personen, noch von den manchmal nur schwer verdaulichen Verhaltensextremen abschrecken lassen.

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“Demokratie braucht Erziehung” von Herbert RENZ-POLSTER und Ulrich RENZ

Bewertung: 4.5 von 5.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Dieses Buch ist kein Erziehungsratgeber im klassischen Sinn. Wer konkrete Alltagstipps für das familiäre Zusammenleben erwartet, wird enttäuscht sein – und verfehlt zugleich den Anspruch, den die Autoren mit ihrem Text verfolgen. Herbert Renz-Polster und Ulrich Renz interessieren sich für die großen Zusammenhänge: für den Einfluss frühkindlicher Beziehungserfahrungen auf unsere späteren politischen Haltungen – und damit letztlich für die Frage, wie sich die Demokratie in einer Gesellschaft langfristig erhalten lässt.

Dabei bleibt das Buch nicht bei wohlklingenden Allgemeinplätzen stehen. Vielmehr gelingt es den Autoren, ihre Thesen nachvollziehbar und eindrucksvoll mit einer Vielzahl von wissenschaftlichen Befunden, psychologischen Studien und gesellschaftlichen Beobachtungen zu untermauern. Die Leserinnen und Leser werden nicht belehrt oder ideologisch vereinnahmt – im Gegenteil: Man fühlt sich eingeladen, einem stringenten und überzeugenden Argumentationsweg zu folgen, der von der individuellen Erfahrung bis zur gesellschaftlichen Verantwortung reicht. Ohne dass das Buch je polemisch oder übergriffig wird, macht es dabei eines sehr deutlich: Es geht hier um mehr als um Pädagogik. Es geht um die Zukunft unserer offenen Gesellschaft.

Eine der stärksten Thesen des Buches: Menschen, die in ihrer frühen Kindheit kein verlässliches Beziehungsnetz erleben konnten – die sich allein gelassen, bedroht oder machtlos gefühlt haben – sind später besonders empfänglich für autoritäre Denkweisen. Was oft als „politische Meinung“ erscheint, hat tiefere Wurzeln. Populistische und demokratiefeindliche Haltungen, so das Argument, sind nicht primär das Ergebnis rationaler Überzeugung – sie sind emotionale Reaktionen auf alte Verletzungen. Diese Perspektive verschiebt den Blick – weg von moralisierenden Urteilen über „die da rechts“ hin zu einer tiefergehenden Frage: Wie geht eine Gesellschaft mit den seelischen Biografien ihrer Mitglieder um?

Das zentrale Argument: Kinder, die in frühen Jahren Vertrauen, Resonanz und sichere Beziehungen erleben, entwickeln mit größerer Wahrscheinlichkeit ein demokratisches Selbstverständnis – sie sind weniger anfällig für autoritäre Verlockungen und populistische Vereinfachungen. Umgekehrt kann ein Mangel an emotionaler Sicherheit dazu führen, dass Menschen später nach einfachen Wahrheiten, klaren Hierarchien und harten Abgrenzungen verlangen. Demokratie, so die Autoren, ist nicht nur ein institutionelles Gerüst – sie ist auch ein emotionales Fundament, das in der Kindheit gelegt wird.

All das ist für viele vermutlich nicht völlig neu. Aber die Stärke des Buches liegt auch nicht im revolutionär Neuen, sondern in der Klarheit, Zugänglichkeit und Eindrücklichkeit, mit der dieses Thema aufgearbeitet wird. Wer sich bislang kaum mit den langfristigen Folgen frühkindlicher Erfahrungen beschäftigt hat, findet hier einen hervorragenden Einstieg. Und wer bereits mit diesen Themen vertraut ist, wird die Lektüre dennoch als bereichernd und bestätigend empfinden.
Sprachlich finden die Autoren eine leserfreundliche Mischung zwischen niederschwelliger Führung und wissenschaftlicher Seriosität – so, wie man sich das für ein allgemeinverständliches Sachbuch wünscht.

Am Ende steht ein sehr lesenswertes Buch, das nicht nur informiert, sondern motiviert und ermutigt. Es ist ein Plädoyer für eine Erziehungskultur, die mehr ist als Anpassung und Leistung – nämlich eine Schule der Demokratie, im besten Sinne des Wortes.

Einschränkend sei erwähnt, dass es inhaltlich eine doch sehr große Übereinstimmung mit dem Vorgänger-Buch von RENZ-POLSTER gibt: Wer dieses Buch (“Erziehung prägt Gesinnung“) kennt, kann sich das hier besprochene Buch sparen.
Im Vergleich hat es allerdings Verbesserungen in der Sprache und der Strukturierung gegeben.

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