“Unser soziales Gehirn” von Nicole STRÜBER

Bewertung: 4.5 von 5.

Wieviel zwischenmenschliches Miteinander braucht der Mensch?
Dieser Frage widmet sich Nicole STRÜBER in ihrem Buch Unser soziales Gehirn aus einer explizit neurowissenschaftlichen Perspektive. Die Autorin, Neurobiologin und (frühere) Psychologieprofessorin, spannt dabei einen Bogen über alle Lebensphasen hinweg: von der Geburt, über frühkindlichen Bindung, Jugend, Partnerschaft, Berufsleben – bis zum sozialen Miteinander im Pflegeheim. Ihr Anliegen: aufzuzeigen, welche biologischen Mechanismen die sozialen Prozesse im Gehirn steuern – und welche Folgen es hat, wenn diese Systeme dauerhaft vernachlässigt werden.

Im Mittelpunkt steht das Hormon Oxytocin, das in der populären Wahrnehmung oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. STRÜBER zeigt eindrucksvoll, dass es dabei keineswegs nur um Wohlfühlchemie geht. Oxytocin beeinflusst zentrale Bereiche des sozialen Verhaltens: Vertrauen, Empathie, Bindung, Mitgefühl. Es wirkt beruhigend auf das Stresssystem, fördert die emotionale Resonanz und kann – im besten Fall – ein Verstärker für kooperatives und prosoziales Handeln sein. Auswirkungen sind inzwischen auch für die körperliche und psychische Gesundheit nachgewiesen – sogar für die Demenz-Prophylaxe.

Die Autorin bezieht sich auf eine große Bandbreite empirischer Studien, in denen etwa hormonelle Reaktionen auf soziale Nähe, Blickkontakt, gemeinsames Tanzen oder körperliche Berührung gemessen wurden. Dabei beschreibt sie nicht nur die Befunde, sondern häufig auch die Versuchsaufbauten – ein Ansatz, der das Buch an vielen Stellen den Charakter eines populärwissenschaftliches Fachbuch verleiht. Gleichzeitig bleibt der Stil durchgehend lesbar: dem wissenschaftlichen Anspruch (durch zahlreiche Literaturverweise) steht als Gegengewicht ein lockerer, journalistisch-persönlicher Schreibstil gegenüber.

Besonders engagiert wirkt STRÜBERs kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen: Sie diagnostiziert eine wachsende Entfremdung im Sozialen, bedingt durch digitale Kommunikationsformen, chronische Reizüberflutung und insbesondere durch die Versuchungen der Social-Media-Welt. Ihr wissenschaftlich fundierter Appell lautet: Unmittelbare, körperlich-sinnliche soziale Begegnung ist keine freiwillige Kür, sondern biologisch notwendig.

Dass die Autorin inhaltlich in die Tiefe gehen kann, zeigen exemplarisch ihre Ausführungen zu den „Schattenseiten“ des Oxytocins (das auch für die Ausgrenzung von Menschen verantwortlich ist, die nicht der eigenen Bezugsgruppe angehören), ihre kritische Stellungnahme zu der Tabuisierung von Körperkontakt in Pädagogik und Jugendhilfe (aus Gründen einer überzogenen Missbrauchsprophylaxe) und ihre Auseinandersetzung mit den Befunden über die (nachgewiesene) Wirkung von elektronischen Pflege- und Betreuungsapparaten (die ebenfalls eine Oxytocin-Ausschüttung bewirken können).

Nicht ganz frei von Schwächen bleibt das Buch dennoch: Der immer wieder bemühte Begriff der „Engelskreise“ als positiver Gegenentwurf zu „Teufelskreisen“ wirkt stilistisch unglücklich (infantil-verkitscht) und passt nicht zu einem sachlich-wissenschaftlichen Anspruch. Auch der emotionale Appellcharakter mancher Passagen (insbesondere des Schlussteils) könnte bei kritischeren bzw. rationaleren Lesern doch als ein wenig zu missionarisch empfunden werden.

Trotzdem: Unser soziales Gehirn ist ein gehaltvolles und gut lesbares Sachbuch, das sowohl informiert als auch Denk- und Handlungsimpulse liefert. Es gelingt STRÜBER, den Wert sozialer Verbundenheit auf eine fundierte biologische Grundlage zu stellen – und damit eine wichtige Perspektive in einer Zeit zu liefern, in der zwischenmenschliche Nähe längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Der Pinguin, der fliegen lernte” von Eckart von HIRSCHHAUSEN

Bewertung: 3.5 von 5.

Wie wird man einem Buch gerecht, das so charmant daherkommt, dass man es beinahe kritiklos mögen muss – und das gleichzeitig auf so wohlvertrauten und ziemlich breitgetretenen Pfaden wandelt? Eckart von HIRSCHHAUSEN hat mit „Der Pinguin, der fliegen lernte“ erneut ein Werk vorgelegt, das seiner Leserschaft mit einer Mischung aus Humor, lebensnahen Anekdoten und psychologischer Selbsthilfe anspricht – durchaus unterhaltsam, im besten Sinne menschenfreundlich und sicher für viele auf der Suche nach Orientierung hilfreich.

Zentrales Motiv ist, wie der Titel verrät, ein Tier: der Pinguin. Was zunächst nach einer Kindergeschichte klingt, entpuppt sich als Symbol für das menschliche Bedürfnis nach dem „richtigen Platz im Leben“. Der scheinbar unbeholfene Vogel, an Land zum Scheitern verurteilt, zeigt im Wasser, was in ihm steckt – ein Bild, das HIRSCHHAUSEN als Metapher für persönliche Potenzialentfaltung ins Zentrum stellt. Dass es nicht darum geht, „fliegen zu lernen“, sondern das passende Element zu finden, zieht sich als roter Faden durch alle sieben Kapitel.
Nachdem der Ausganspunkt geklärt ist, werden weitere Fragen gestellt: „Was macht dir Freude?“, „Wer ist dir wichtig?“ oder „Traust du dich ins kalte Wassen?“

Der Autor bleibt sich treu: In gewohnt lockerer Weise verbindet er unterhaltsame Geschichten mit psychologischen Erkenntnissen. Immer wieder streut er kluge, teils witzige Formulierungen ein, die im Gedächtnis bleiben. Inhaltlich bewegt sich das Ganze allerdings überwiegend im Bereich dessen, was man aus früheren Veröffentlichungen von Hirschhausen (und von vielen anderen Ratgebern) bereits kennt – wer also seine bisherigen Bücher gelesen hat, wird hier wenig wirklich Neues entdecken.
Der Autor lässt dabei von den Pinguin-Analogien nicht ab: Mit einiger Kreativität schafft er immer wieder Bezüge zum Verhalten dieser putzigen und sehr sozialen Tiere.

Ein echtes Highlight ist die visuelle Gestaltung. Die Pinguin-Fotografien – eingefangen vom renommierten Tierfotografen Stefan Christmann – verleihen dem Buch einen besonderen Charme. Die Bilder sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern verstärken die emotionale Botschaft und laden zum Blättern und Verweilen ein.

Unterm Strich ist „Der Pinguin, der fliegen lernte“ ein freundlich-optimistischer Impulsgeber – gut geeignet als Geschenk für Menschen, die sich nochmal auf einen Weg machen wollen – oder denen man einen solchen Move zumindest wünschen würde. Ob man das Buch als substanzielle Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung sieht oder eher als sympathisch verpackte Sammlung altbekannter Lebensweisheiten, hängt wohl vom jeweiligen Bedarf und den Vorerfahrungen ab. Überfordert wird wohl durch diese Lektüre sicher niemand: Nebenwirkungen sind bei dieser gut verträglichen Dosis Selbstreflexion nicht zu befürchten.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Seelenzauber” von Steve AYAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Schon der poetisch aufgeladene Titel dieses Buches macht deutlich, dass es sich um eine besondere Form der Geschichtsschreibung handelt – nicht um nüchterne Wissenschaftshistorie, sondern um eine eher an Stimmungen und Personen gebundene Erzählung über ein Jahrhundert Psychotherapie. Tatsächlich nimmt uns Steve Ayan mit auf eine Zeitreise, die sich in weiten Teilen wie ein biografisches Gesellschaftspanorama liest – mit dem Zentrum im berühmten Wiener Salon Sigmund Freuds. Dass das Buch im Untertitel von einer „Bilanz des Jahrhunderts der Psychologie“ spricht, wirkt dabei fast schon wie eine bewusste Irreführung: Im Kern geht es nicht um die Psychologie als Ganzes, sondern um die Entwicklung und innere Dynamik der Psychotherapie, genauer gesagt – um die Psychoanalyse und ihre Verästelungen.

Ayan folgt der Entstehung und Differenzierung der psychoanalytischen Bewegung mit großer Detailverliebtheit. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf Theorien und kulturellen Einbettungen, sondern vor allem auf den Persönlichkeiten: Freud, Jung, Adler, Reich, Rank – sie alle treten in ihren Eigenheiten, Eitelkeiten, Neurosen und Konflikten auf die Bühne. Das macht den Text lebendig, bisweilen fast romanhaft – und doch bleibt man als Leser irgendwann erstaunt zurück: Wo bleibt der Rest der Psychotherapie?

Erst spät und eher zögerlich widmet sich Ayan den anderen großen Schulen: dem amerikanischen Behaviorismus, der Gesprächs-, Gestalt- oder der Verhaltenstherapie.
Und selbst dort schlägt immer wieder der Bezug zur Analyse durch. Kaum glaubt man, der Blick wende sich nun gleichberechtigt anderen Richtungen zu, ruft Ayan doch wieder die alten psychoanalytischen Grabenkämpfe auf – oft mit einer fast klatschhaften Freude an persönlichen Dramen. Dass er dabei keineswegs als unkritischer Bewunderer Freuds auftritt, macht die Lektüre nicht weniger widersprüchlich. Im Gegenteil: Ayan formuliert sehr klar alle bekannten Schwächen der Psychoanalyse – ihre wissenschaftliche Unschärfe, die unzureichende empirische Evidenz, ihre teils sektiererischen Züge. Warum dann immer wieder diese Rückkehr zu genau dieser Welt?

Ein möglicher Grund liegt auf der Hand: Die Protagonisten der Psychoanalyse liefern mit ihren exzentrischen, oft toxischen Persönlichkeitszügen das dramatischere Material. Das verführt – aber es verzerrt auch.
An einigen Stellen gerät AYANs Auswahl der behandelten Figuren ins Groteske: Dass etwa Rudolf Steiners esoterische Denkgebäude ausführlich dargestellt werden, lässt einen am thematischen Fokus des Buches zweifeln. Fragwürdiger wird es auch, wenn zum Abschluss marxistisch inspirierte Therapiekonzepte angerissen werden – ohne echten Erkenntnisgewinn.

Doch dann kommt das Schlusskapitel – und es versöhnt. Hier gelingt AYAN ein stimmiges Resümee: Der weite Weg von Freuds Sofa bis zur modernen, pragmatischen Dienstleistungspsychotherapie wird in klarer Sprache mit einem kompetenten Blick für die großen Entwicklungslinien zusammengefasst. Trotz seiner Schlagseite bleibt Seelenzauber ein lesenswertes Buch – vor allem für Leserinnen und Leser, die ein starkes Interesse an der psychoanalytischen Welt und ihren historischen Verwicklungen mitbringen. Wer sich weniger für Persönlichkeitsgeschichten und innerprofessionelle Eitelkeiten begeistert, wird zumindest eine unterhaltsame Geschichtsstunde erleben.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“See der Schöpfung” von Rachel KUSHNER

Bewertung: 3 von 5.

Es gibt Bücher, bei denen man sich nach der Lektüre beinahe schuldig fühlt, weil man den allgemeinen Begeisterungssturm nicht teilen kann. Wenn ein Werk von der Literaturkritik mit Lob überhäuft und für namhafte Preise nominiert wird, wächst der Druck, sich diesem Urteil anzuschließen. Und das eigene abweichende Urteil löst Zweifel aus: Hat man etwas übersehen? Oder ist man einfach nicht empfänglich für den besonderen Ton, den diese Literatur anschlägt?

Im Zentrum dieses Romans steht eine Ich-Erzählerin, die im Auftrag einer privaten Organisation eine Gruppe französischer Umweltaktivisten infiltriert. Die 34-jährige Sadie hat ihr Handwerk einst beim FBI gelernt. Ihre Tarnungen sind perfekt, ihre Loyalität gilt einzig dem Auftraggeber (und ihrem Honorar) – moralische Bedenken oder gar Skrupel kennt sie nicht. Diese Konstellation eröffnet eine reizvolle Prämisse: eine Agentin ohne ethischen Kompass, die sich auch persönlichste Beziehungen strategisch zunutze macht, um ihre Ziele zu erreichen.

Bemerkenswert ist, mit welcher Detailtreue und psychologischen Tiefe einige Mitglieder der Aktivistengruppe beschrieben werden – besonders eine Figur sticht durch ihre radikale Entwicklung hervor. Der Text erlaubt Einblicke in extreme Rückzugs- und Fantasiewelten, die weit über das hinausgehen, was man als bloße politische Radikalisierung verstehen würde. Eine zusätzliche Ebene bringt die spekulative Idee ins Spiel, die Welt hätte sich womöglich ganz anders entwickelt, wenn sich nicht der Homo sapiens, sondern der Neandertaler durchgesetzt hätte. Alte Mythen des Landstrichs, in dem die Handlung spielt, dienen als Projektionsfläche für diese evolutionäre Alternativgeschichte.

Auch sprachlich hebt sich der Roman zweifellos vom Mittelmaß der Unterhaltungsliteratur ab. Der Stil ist anspruchsvoll, pointiert, gelegentlich philosophisch grundiert.
Und doch bleibt der Gesamteindruck zwiespältig. Die einzelnen inhaltlichen Ebenen – politische Milieustudie, persönliche Tragödien, anthropologische Spekulation – greifen zwar textlich ineinander, ergeben aber letztlich kein überzeugendes kohärentes Ganzes.
Die Protagonistin bleibt durch ihr berechnendes, empathieloses Verhalten schwer zugänglich, fast schon abstoßend. Die Darstellung der Aussteiger-Szene changiert zwischen Romantisierung und Kritik, findet jedoch keinen klaren Standpunkt. Der Einfluss gescheiterter Lebenswege, Alkohol- und Drogenmissbrauchs wird nicht verschwiegen; gemischt werden diese Aspekte in einer wenig überzeugenden Weise mit einem stabilen antikapitalistischen gesellschaftliche Gegenentwurf.

So bleibt ein Buch, das sich bewusst vom literarischen Mainstream absetzt, aber in seiner etwas zerrissen wirkenden Komplexität nicht restlos überzeugt. Thematisch und sprachlich anspruchsvoll, ja – aber nicht in dem Maße bemerkenswert, wie es der Konsens der literarischen Kritikerszene vermuten lässt.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Parts Per Million” von Theresa HANNIG

Bewertung: 2.5 von 5.

(Achtung: Spoiler-Warnung! Einigen könnten in dieser Rezension die Hinweise auf den Handlungsverlauf zu weit gehen; wer sich den Spannungsbogen in vollem Umfang erhalten möchte, sollte die Rezension vielleicht eher im Nachhinein lesen und mit dem eigenen Eindruck abgleichen.)

Theresa Hannigs neuer Roman “Parts Per Million” knüpft erzählerisch an die reale Situation der Autorin an: Ein Folgeprojekt ihres erfolgreichen Romans („Pantopia“) steht aus, Inspiration ist rar. Dann gerät die Ich-Erzählerin zufällig in eine Protestaktion von Klimaklebern. Was zunächst wie eine bedeutungslose Episode erscheint, entwickelt sich zur Initialzündung für eine weitreichende persönliche Transformation, die das Privat- und Familienleben der Protagonistin völlig durcheinanderwirbelt.

Die Protagonistin tastet sich zunächst neugierig und beobachtend an die Szene heran, beginnt zu recherchieren und lässt sich zunehmend hineinziehen in eine Welt, in der moralische Dringlichkeit und politischer Aktionismus eine explosive Mischung eingehen. In mehreren Stufen wandelt sich ihre Rolle: Von der interessierten Außenstehenden zur aktiven Mitstreiterin bis hin zur zentralen Figur einer radikalisierten Gruppierung, die mit immer drastischeren Mitteln gegen die “Klimakiller” unserer Gesellschaft vorgeht.

HANNIG strukturiert ihren Roman auch als warnende Aufklärung: Jedes Kapitel beginnt mit einer realen, alarmierenden Klimanachricht – ein erzählerisches Stilmittel, das die – unzweifelhafte – Dringlichkeit des Themas betont. Im Zentrum steht jedoch nicht der Klimawandel selbst, sondern die Frage, wie weit Aktivismus gehen darf bzw. vielleicht auch muss.
Zunächst dominiert das Ideal der Gewaltfreiheit, doch mit wachsender Frustration über die Wirkungslosigkeit symbolischer Aktionen verschiebt sich das moralische Koordinatensystem der Gruppe zunehmend. Gewalt wird nicht nur als Mittel zur Aufmerksamkeitserzeugung eingesetzt, sondern auch als eine Art Erziehungsmittel (Strafe) und zur Erzeugung konkreter Angst („ich könnte der Nächste sein“). Wirklich erschreckend ist jedoch die Radikalität, mit der die physische Ausübung der Gewalt als emotional befriedigend beschrieben wird.

An dieser Stelle beginnt der Roman problematisch zu werden. Die Grenzverschiebung in Richtung Gewalt wird erzählerisch kaum kritisch begleitet, sondern nimmt Züge einer geradezu sadistischen Gewaltorgie an.
Zwar wird ganz am Ende ein Kontrollverlust – und somit ein Scheitern der Strategie – dargestellt, eine inhaltliche Reflexion über Schuld, Verhältnismäßigkeit oder moralische Grenzen bleibt aber weitgehend aus. Weder wird diskutiert, inwieweit einzelne Akteure allein durch autonome „Willensentscheidungen“ – also im engeren Sinne „schuldhaft“- zu schädlichem (Klima-)Handeln veranlasst werden, noch ob und wann auch brutalste Gewalt gegen Personen auf einer höheren ethischen Ebene legitimierbar sein könnte.

Auch die Entwicklung der Hauptfigur wirkt da an entscheidenden Stellen konstruiert. Die Entwicklung von einer gutmeinenden und verantwortungsvollen linksliberalen Autorin und Mutter zur brutalen Akteurin in einer klimakämpferischen Terrorzelle bleibt psychologisch wenig überzeugend. Hier fehlt es an innerer Logik und Tiefe, um diese Wandlung wirklich nachvollziehbar zu machen; ohne den Bezug auf entsprechende biografische Prägungen wirkt das Ganze sehr unglaubwürdig.

Was als spannender Beitrag zur Diskussion um Klimaaktivismus begonnen hatte, verliert sich zusehends in einem erzählerischen Extremismus, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. “Parts Per Million” ist ein aufrüttelndes, aber letztlich unausgewogenes Buch, das die moralischen Dilemmata des militanten Aktivismus zwar aufgreift, sie aber erzählerisch nicht zu Ende denkt. Die notwendige Balance zwischen Empathie, Analyse und Kritik bleibt auf der Strecke. Vielleicht ist das alles genau so gewollt – aber schwer verdaulich und unausgegoren ist es trotzdem.
Mit viel gutem Willen kann man den Roman zwar durchaus als provokante Mahnung und Warnung vor dem Phänomen des Öko-Terrorismus betrachten; er lässt das Publikum aber an entscheidenden Stellen ziemlich ratlos zurück. Stellenweise liest sich der Text wie eine konkrete Anleitung zu organisierter Klima-Militanz – inklusive Social-Media-Strategie. Warum sich HANNIG dann auch noch so detailliert in Gewaltlust-Szenarien hineinsteigert, bleibt ihr Geheimnis.
An diesen Irritationen kann auch das persönliche Nachwort der Autorin nichts mehr ändern.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Der Mensch im Tier” von Norbert SACHSER

Bewertung: 5 von 5.

Manchmal begegnet man einem Buch, bei dem man als Rezensent eigentlich nur eines möchte: Fünf Sterne zücken und den Rest sich sparen. Norbert SACHSERs Werk “Der Mensch im Tier” ist genau so ein Fall. Es liefert eine beeindruckend umfassende und dabei wunderbar zugängliche Darstellung der verhaltensbiologischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte – ohne akademische Hürden, aber auch ohne oberflächliche Vereinfachungen.

SACHSER gelingt hier ein Glanzstück des Wissenschaftsjournalismus: gut strukturiert, detailreich und mit einem Tiefgang, der nie ins Spezialistentum abgleitet. Stattdessen nimmt er seine Leserschaft mit auf eine Reise durch die Tierwelt, bei der sich altbekannte Vorstellungen Schritt für Schritt als überholt erweisen. Tiere, das wird hier deutlich, sind weitaus kompetenter, komplexer und – ja – auch individueller, als es noch vor wenigen Jahrzehnten selbst in Fachkreisen angenommen wurde.

Ob es um Problemlösen, Werkzeuggebrauch, Denkprozesse, Kommunikation oder moralische Intuitionen geht – SACHSER zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie sehr sich das Bild von unseren tierischen Mitgeschöpfen gewandelt hat. Dabei ist besonders faszinierend, dass diese Fähigkeiten nicht nur bei den “üblichen Verdächtigen”, also höheren Säugetieren oder Primaten, beobachtet wurden, sondern auch in der Vogelwelt – deren Intelligenz auf einem evolutionär ganz anderen Weg entstanden ist. Die Vorstellung, dass die Natur verschiedene Pfade zur Intelligenz eingeschlagen hat, ist nicht nur spannend, sondern auch erkenntnistechnisch revolutionär.

Das Buch ist reich an Beispielen für verblüffendes Tierverhalten und die kreativen Methoden, mit denen diese wissenschaftlich untersucht werden. Und erfreulicherweise verzichtet der Autor auf Selbstdarstellung oder biografische Abschweifungen – hier steht der Forschungsstand im Mittelpunkt, nicht der Forscher.

Kurz: Der Mensch im Tier ist ein vorbildlich geschriebenes Sachbuch, das man nicht nur mit Gewinn liest, sondern gerne auch ein zweites Mal aufschlägt. Für alle, die sich für Evolution, Biologie und die großen Fragen nach dem, was uns wirklich von anderen Tieren unterscheidet – oder mit ihnen verbindet –, ist dieses Buch ein echter Volltreffer.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Die Vermessung unserer Gefühle” von Dr. Jesus MARTIN-FERNANDEZ”

Bewertung: 4 von 5.

Wie viel kann man aus einem geöffneten Gehirn über den Menschen erfahren? Eine ganze Menge – zumindest, wenn man dem jungen, engagierten Neurochirurgen Jesus MARTIN-FERNANDEZ folgt, der mit seinem Buch nicht nur einen faszinierenden Einblick in die moderne Gehirnchirurgie gibt, sondern auch ein leidenschaftliches Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der neurologischen Medizin formuliert. Dabei geht es ihm nicht nur um den Fortschritt in der praktischen Arbeit, sondern um nicht weniger als ein erweitertes Verständnis des komplexesten Zellhaufens, den die Evolution auf diesem Planeten jemals hervorgebracht hat.

In klarer, auch für Laien verständlicher Sprache schildert er eine hochspezialisierte OP-Technik, bei der Patienten während der Tumorentfernung wach bleiben. Elektrische Reize, kognitive Aufgaben, Bewegungsübungen und emotionale Erkennungstests – das OP-Team beobachtet dabei, wie das Gehirn auf Stimulationen reagiert, um jene Regionen zu identifizieren, die für essentielle Funktionen zuständig sind. Nur was keine kritischen Ausfälle provoziert, wird entfernt – auch wenn Tumorreste verbleiben müssen. Der Gewinn an Lebensqualität ist beachtlich.

Diese „funktionelle Kartografie“ widerspricht dem klassischen Bild lokalisierter Funktionszentren. Martin-Fernandez stellt diesem überkommenen Konzept ein neues, dynamisches Verständnis entgegen, das er anhand zahlreicher Fallbeispiele eindrücklich belegt. Dabei gelingt ihm der Spagat zwischen wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Zugänglichkeit – ein echtes Lehrstück für Wissenschaftskommunikation.

Doch das Buch ist mehr als ein medizinischer Erfahrungsbericht. Es ist auch das Selbstporträt eines jungen Arztes, der von einer Idee und einer Mission getrieben ist – und dem es gelungen ist, in wenigen Jahren zu einer international gefragten Kapazität seines Fachs zu werden. Martin-Fernandez gewährt intime Einblicke in seine berufliche Entwicklung, seine internationalen Konferenzerfahrungen und die Belastungen des Klinikalltags. Seine Aufzeichnungen – von ihm selbst mehrfach Tagebuch genannt – wurden oft geschrieben in Momenten größter Erschöpfung nach stundenlangen Operationen oder Fachvorträgen – und wirken dadurch direkter und authentischer als ein Schreibtisch-Text.

Diese Intensität seines beruflichen Engagements allein wäre schon bemerkenswert. Doch Martin-Fernandez überrascht noch mit einer weiteren Facette: Parallel zu seiner Karriere in der Medizin absolviert er eine Ausbildung zum Dirigenten, produziert musikalische Werke für Opernaufführungen. Auch hier ist Perfektion sein Maßstab, Kreativität sein Antrieb. Es entsteht das Porträt eines Menschen, der mit kaum versiegender Energies zwischen Wissenschaft und Kunst pendelt – hochintelligent, hochkreativ, hochproduktiv.

Allerdings hat dieser Tagebuchcharakter auch seinen Preis. Die Begeisterung des Autors für seine Tätigkeit ist so überbordend, dass zentrale Thesen und Prinzipien in einem Maße wiederholt werden, das mitunter auch den gutwilligsten Leser nerven wird. Bereits nach dem ersten Drittel des Buches hat man das Gefühl, die Kernaussagen auswendig zu kennen. Hier hätte ein Lektorat straffer eingreifen können – oder sollen.
Überhaupt: Der Autor kratzt immer wieder mal an der Grenze zum “too much” – es ist eben ein sehr persönliches Werk – kein neutrales Sachbuch. Und der Autor selbst steht immer wieder im Zentrum der Betrachtungen.

Doch bei aller Kritik fällt es schwer, dem Autor daraus ernsthaft einen Vorwurf zu machen. Denn immer wieder öffnet er dem Leser emotionale Räume, spricht respektvoll und fast zärtlich über seine Patienten und seine Helfer im OP-Team. Seinen wissenschaftlichen Widersachern (Vertretern der fest lokalisierten Gehirnzentren) begegnet er mit Respekt – allerdings auch mit der Überzeugung, den wissenschaftlichen Fortschritt auf seiner Seite zu wissen. Auch die Hochachtung, die er seinem Mentor entgegenbringt, verleiht dem Text eine besondere menschliche Tiefe.

Am Ende bleibt ein Buch, das eine ungewöhnliche Mischung bietet – aus wissenschaftlicher Innovation, persönlicher Leidenschaft und intensiver Selbstreflexion. Wer bereit ist, die wirklich ausgeprägte Redundanz zu ertragen, wird mit einem Leseerlebnis über „menschliche Medizin“ belohnt, das sowohl informiert, intellektuell stimuliert als auch emotional berührt.


Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Das Ministerium der Zeit” von Kaliane BRADLEY

Bewertung: 3.5 von 5.

Zeitreisen waren schon immer ein dankbares Szenario für alle Arten von Zukunftsromanen. Immer wieder reizten – neben den technischen Visionen – auch die hochphilosophischen Spekulationen darüber, ob man durch Interventionen in der Vergangenheit Einfluss auf die Gegenwart nehmen könnte.

BRADLEY wählt einen recht individuellen und kreativen Weg in die Thematik:
Sie konstruiert einen Plot, in dem eine junge Frau (die Ich-Erzählerin) als Angestellte einer britischen Regierungsbehörde die Aufgabe hat, einen Zeitreisenden (den Polarforscher Graham Gore) eine Weile zu betreuen. Zusammen mit einigen anderen Personen (aus anderen historischen Epochen) wurde er unfreiwillig Versuchsperson in einem einmaligen Geheim-Experiment.
Aus dem Jahre 1847 wird Graham in das London des 21. Jahrhunderts katapultiert und bekommt – neben einer offiziellen fachlichen Behandlung – eine private Alltagsbegleitung. Die Protagonistin dieses Romans ist diese “Brücke” (zwischen dem im 19. Jahrhundert geprägten Offizier und der Moderne).

Der Roman wird auf der einen Seite durch einen Handlungsstrang getragen, in dem sich die Vorgänge in der staatlichen Behörde und zwischen den Zeitreisenden und ihren Begleitern in einer zunehmend komplexen Form kreuzen und schließlich heftig eskalieren.
In wie weit diese ganzen Entwicklungen inhaltlich und logisch überzeugend sind, soll hier nicht weiter kommentiert werden. Zweifel sind aber angebracht…

Der eigentliche Reiz des für diese Story gewählten Kontextes liegt aber auf einer anderen Ebene (und soll wohl dort auch liegen): Die Autorin interessiert sich für die psychologische und emotionale Dynamik, die sich bei den Zeitreisenden selbst und zwischen ihnen und ihren (sehr privaten) Betreuern abspielt.
Was bedeutet es wirklich – so fragt man sich auch als Leser/in – von einem Moment zum anderen in eine völlig andere historische Wirklichkeit zu geraten – und dort so ziemlich alle Selbstverständlichkeiten zu verlieren, die das bisherige Leben und damit auch die eigene Identität getragen haben?

Die Vorfreude auf die Schilderung einer solchen extremen Irritation und auf die Beschreibung der kaum zu überschätzenden Herausforderung an die Anpassungsleistungen eines psychischen Systems – diese Erwartung wird nur in geringem Umfang erfüllt. Man gewinnt sehr schnell den Verdacht, dass die Vorstellungskraft und/oder die sprachlichen Möglichkeiten der Autorin einfach nicht ausreichen, um wirklich nachvollziehbar zu machen, wie tief der innere Graben zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Fühlen und Denken von Graham ist.
So bleiben – bei allen vorhandenen Ansätzen – die Fragen nach seinem inneren Erleben weitgehend offen: Der Bruch mit dem gelebten Sein bzw. die Integration der neuen Erfahrungen gelingt dem Zeitreisenden erstaunlich schnell. Und natürlich bezieht sich diese Eingewöhnung letztlich auch auf die ganz persönliche Beziehung zwischen Graham und seiner “Brücke”.

So ganz überzeugend ist dieser Roman also auf beiden Analyseebenen nicht.
Das ist insbesondere deshalb ein wenig schade, weil die Grundidee wirklich eine Menge Potential in sich trägt.
Das könnte auch ein Grund dafür sein, sich dem Buch – trotz seiner Schwächen – mit Interesse zuzuwenden: Er verschafft eine Menge Anlass, sich selbst Gedanken über diese extrem ungewöhnliche Situation zu machen. Was spricht dagegen, auch solche Wege weiterzudenken, die von der Autorin nicht gegangen werden?

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Wie KI dein Leben besser macht” von Franz HIMPSL und Dirk von GEHLEN

Bewertung: 3.5 von 5.

Manchmal stellt sich bei einer Buchbesprechung die Aufgabe, über die – durchaus vorhandenen – Qualitäten eines Buches schreiben zu müssen, das bei einem selbst eher Enttäuschung hervorgerufen hat.
Das KI-Buch von HIMPSEL/von GEHLEN ist dafür ein Beispiel.

Fangen wir mit den Enttäuschungen an:
Für meinen Geschmack verfehlt dieses Buch, das zum “Ausprobieren und Weiterdenken” anregen soll, das Gleichgewicht zwischen allgemeinen, eher abstrakten Betrachtungen auf der einen – und den “50 klugen Impulsen zu den praktischen Potentialen von KI” auf der anderen Seite.
Anders formuliert: Für Leser, die wirklich ins Tun kommen wollen, wird erheblich zu viel über KI geplaudert und erheblich zu wenig konkrete Anleitung gegeben. So dauert es z.B. geschlagene 40 Seiten, bis der erste praktische Tipp spendiert wird: Man solle beim “Prompten” am besten selbst ausprobieren und experimentieren.
Für den ein oder anderen mag das an dieser Stelle schon ein wenig die Geduld strapaziert haben – für ein doch recht dürftiges Ergebnis…

Die insgesamt 50 Kurz-Kapitel spannen einen weiten Schirm auf, unter dem sich ganz unterschiedliche Aspekte von KI-Anwendungen versammeln können. Diese Perspektiv-Vielfalt ist erstmal vielversprechend. Gelegentlich zweifelt man aber schon an der thematischen Stringenz, wenn man sich plötzlich einer Kurzeinführung in das Konzept der “Emotionalen Intelligenz” ausgesetzt sieht oder man mit der erstaunlichen Erkenntnis konfrontiert wird, das Schreiben dabei hilft, unsere Gedanken zu strukturieren.

Und die Stärken des Buches?
Das Buch bietet einen (extrem) niederschwelligen Zugang zur Welt der Künstlichen Intelligenz. Es wurde offenbar für Menschen geschrieben, die noch ein wenig unentschieden hinsichtlich der Frage sind, ob sich eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema auch für sie lohnen könnte. Die Heranführung an den technischen Aspekt der KI wird geradezu in homöopathischer Dosierung verabreicht. Nach dem Motto: Bloß keine Widerstände wecken, sonst wird das Buch vielleicht sofort entsorgt!
Die Annäherung an KI erfolgt eindeutig aus einer kultur- bzw. geisteswissenschaftlichen Perspektive: Erstmal vorsichtig das Umfeld erkunden, einen kontextuellen Rahmen schaffen, Ängste abbauen. Dann in ganz kleinen Schritten anfangen…
Und siehe da: Es tut überhaupt nicht weh!
Man könnte diese Herangehensweise als eine Art “Systematische Desensibilisierung” für potentielle KI-Phobiker betrachten: Wenn man so nett und harmlos über seine Sache schwadronieren kann, dann kann es so schlimm nicht werden.

Ja, es gibt auch auch auf der praktischen Ebene ein paar interessante Anregungen. Hier lugt dann das Vorhaben der Autoren um die Ecke, den Alltagsbezug der KI auch für Anfänger fassbar und nachvollziehbar zu machen.
So kann man z.B.:
– die gleiche Frage mehrfach dem gleichen oder parallel verschiedenen Chatbots stellen,
– einen Chatbot als Sparring-Partner bei kontroversen Fragen nutzen,
– mit wenig Aufwand spezialisierte Chatbots für individuelle Zwecke bauen,
– Texte zusammenfassen, strukturieren oder sich vorlesen lassen,
– sich durch spezielle Tools seine Stimme klonen lassen oder aus seinen Texten kleine Podcasts herstellen lassen,
– usw.
Vermutlich schaffen es die Autoren mit diesen insgesamt 50 Angeboten, bei jedem Leser bzw. jeder Leserin irgendwo anzudocken.

Und das Resümee:
HIMPSL und von GEHLEN haben einen gefälligen und unterhaltsamen Hemmschwellen-Abbauer für das Thema der Stunde geschrieben. Die dafür passende Zielgruppe lässt sich schnell definieren. Anzumerken bleibt aber auch hier, dass die Autoren auf dem Weg zur praktischen Umsetzung keine Hilfen – in Form von konkreten Anleitungen – bereitstellen. Die Vorbereitung findet eher auf der Ebene von Haltungen und Motivation statt – nicht auf der (technischen) Handlungsebene.
Für Menschen, die schon eine Weile in der KI-Welt unterwegs sind, eignet sich dieses Buch ganz eindeutig nicht.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

“Die Evolution der Gewalt” von Harald MELLER et al.

Bewertung: 4 von 5.

Dies ist eines der Bücher für Menschen, die alles ganz genau wissen wollen.
Den drei Autoren (Historiker, Archäologe, Verhaltensforscher) würde es leicht fallen, ihre Kern-Erkenntnisse und Basis-Aussagen in einem Thesenpapier oder in einem kurzen Artikel nachvollziehbar darzustellen. Tatsächlich tun sie genau das an mehreren Stellen Ihres Textes und letztlich auch in ihrem Manifest-artigen Schlusskapitel.
Warum schreiben sie stattdessen ein 360-Seiten-Buch?
Weil sie ganz offenbar ein leidenschaftliches Interesse daran haben, jede ihre Aussagen und Schlussfolgerungen mit möglichst vielen und detaillierten Indizien und Fakten zu untermauern. Es geht Ihnen darum, nicht nur Ergebnisse zur kriegerischen Natur des Menschen darzubieten (wenn das auch vermutlich das Hauptziel war), sondern sie haben sich der Mission verschrieben, auch den mühsamen Weg der wissenschaftlichen Erkundung in allen Facetten zu beschreiben.
Und weil sie alles so akribisch und faktenverliebt ausführen und dabei auch immer wieder in die größeren Zusammenhänge einordnen, setzen sich die einzelnen Bausteine Ihrer Argumentationskette dann letztlich – wie im Untertitel erwähnt – zu einer (themenspezifischen) Menschheitsgeschichte zusammen.

Auf zwei Haupt-Pfaden verfolgen die Autoren die Spuren von Gewalt und Krieg:
– Als evolutionäre Anthropologen erkunden sie die biologischen Wurzeln unserer Spezies, auch auf dem Hintergrund unserer Verwandtschaft zu anderen Primaten.
– Aus zahlreichen archäologischen (später auch kulturellen) Zeugnissen entwickeln sie eine (in sich kohärente) Theorie der Gewalt- und Kriegsbereitschaft des Menschen.

Wie schon angedeutet: Es werden keine fertigen Hochglanzbilder präsentiert. Stattdessen schaut man zahlreichen weltweit tätigen Spezialisten förmlich dabei zu, wie sie aus winzigen Bruchstücken (z.B. Skelettfunden, Grabbeigaben und ersten Zeichnungen) ein zunehmend feiner strukturiertes Mosaik über die Rolle spontaner oder organisierter Gewaltausübung in der Menschheitsgeschichte zusammenfügen. Im wahrsten Sinne eine “Knochenarbeit”!

Die eigentliche Arbeit der Autoren lag darin, die kaum zu übersehende Zahl von Einzel(be)funden zu einer stimmigen Gesamt-Theorie zu bündeln.
In aller Kürze könnte sie lauten:
Über den weitaus größten Teil seiner Evolutionsgeschichte war der Mensch zwar kein gewaltfreies Wesen, aber er lebte ganz offensichtlich in recht egalitären und kooperativen Gemeinschaften, weitestgehend ohne organisierte Gruppengewalt. In dieser Hinsicht unterschied er sich offenbar eindeutig von seinen Vettern, den Schimpansen.
Zu einer wahrhaft kriegerischen Spezies entwickelte sich der Mensch durch die Veränderung sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Strukturen im Rahmen von allmählicher Sesshaftigkeit, Arbeitsteilung, Eigentumsbildung, Machtkonzentration und patriarchalen Gesellschaftsregeln
. Das alles spielte sich in den letzten 10 000 Jahren ab – also einem winzigen Bruchteil unserer Entwicklungsgeschichte.
Die Autoren weigern sich hartnäckig, aus dieser “Momentaufnahme” auf die grundlegende – und damit unveränderliche- kriegerische Natur des Menschen zu schließen – zudem der teilweise atemberaubenden Grausamkeits-Verherrlichung auch gegenläufige kulturelle Strömungen entgegenstehen.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Text – obwohl gut lesbar und didaktisch gekonnt geschrieben – gelegentlich auch Herausforderungen beinhaltet. Nicht jeder Leser wird sich wiederholt für die exakten Ausprägung von Spuren interessieren, die vermeintliche Waffen in Knochenfragmenten hinterlassen haben. Nicht jede Leserin wird Gefallen daran finden, gezeichnete oder schriftlich überlieferte Grausamkeits-Rituale exakt geschildert zu bekommen. Manchmal hat Detailverliebtheit auch einen Preis…

Dass die Autoren sich nicht nur ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten und Sichtweisen präsentieren wollen, zeigt sich in ihren abschließenden “Zwölf Lektionen”: Dort fassen sie nicht nur ihre Befunde zusammen, sondern leiten daraus auch den Appell ab, sich den erkannten Einflüssen und Dynamiken in Richtung “Normalisierung des Krieges” engagiert zu widersetzen. Aus ihrer Sicht stehen die Chancen für diesen Weg gar nicht schlecht – weil wir eben nicht gegen eine unveränderliche kriegerische Natur ankämpfen müssen.
So kann dieses Buch nicht nur Wissen erweitern, sondern im besten Fall auch zum Einsatz für eine friedlichere Welt ermutigen.

Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht.
Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.