Der Distelfink (nach einem Roman von Donna Tartt)

Es ist ein aktueller Film; er läuft noch in den Kinos (Stand 30.09.19).
Ich rate: Schaut ihn euch an!

Ist es sinnvoll – so könnte man sich fragen -, einen Film zu sehen, dessen Handlung man schon zweimal als Hörbuch genossen hat?

Ja, es ist sinnvoll. Literaturverfilmungen leben davon, sich an einer Vorlage zu orientieren. Für viele Menschen entsteht die Motivation zum Kinobesuch genau aufgrund der vorherigen Leseerfahrung. Man weiß, was kommt und wie es ausgeht. Aber man ist gespannt auf die filmische Umsetzung und darauf, wie eigene Fantasien mit den realen Kinobildern korrespondieren.
Aber natürlich haben auch diese Filme den Anspruch, für sich selbst zu stehen und einen Genuss auch für diejenigen zu schaffen, die unvorbereitet kommen.

Ich fand das Buch “Distelfink” grandios und habe das an anderer Stelle auch begründet. Auf den Film war ich entsprechend gespannt, habe aber versucht meine Erwartung in Grenzen zu halten. Man will ja allzu großen Enttäuschungen vorbeugen. Nach wenigen Minuten war klar, dass es nicht darum gehen würde, Frustration zu managen, sondern Begeisterung und Ergriffenheit.

An diesen Film stimmt (fast) alles. Die Atmosphäre, die Figuren, die emotionale Dichte, die Botschaft.
Und obwohl das Buch so unglaublich treffend wiedergegeben wird, hat man das Gefühl, dass das Medium Film voll zur Geltung kommt. Statt “nur” einen abgefilmter Roman zu betrachten, darf man eine eigene Kunstform genießen. Das gelingt insbesondere dadurch, dass der Aufbau der Geschichte in stark veränderter Form dargeboten wird: Aus der weitgehenden Chronologie der literarischen Vorlage wird ein durch Zeitsprünge kunstvoll aufgebautes Puzzle. So wird aus dem vermeintlichen Nachteil des Mediums (der Verkürzung und Komprimierung) ein geniales Stilmittel, mit dem man schrittweise in die inhaltlichen Zusammenhänge eingeführt wird.

Distelfink ist ein leiser Film. Es geht darum, die emotionale Dynamik der Figuren sichtbar und verstehbar zu machen.
Da ich die Versuchung des Mediums kenne, visuelle Effekte zu nutzen und zu zelebrieren, habe ich mit einiger Sorge den Handlungssequenzen entgegen gesehen, die sich dafür angeboten hätten.
Volle Punktzahl! Alles, was hätte Action-Kino werden können, wurde auf das zum Verständnis notwendige Minimalmaß reduziert. Sehr beeindruckend!

Ich bin kein Fachmann für Schauspieler oder Regie-Details. Mein Maßstab ist die Gesamt-Wirkung.
Ich kann nur sagen: Wer das Buch liebt (oder lieben würde), der/die wird auch diesen Film mögen. Sie sind aus gleichem Holz geschnitzt.

Leider kann ich nicht beurteilen, was dieser Film auslöst, wenn man nicht schon vorher so tief in die Distelfink-Welt eingetaucht war.
Ich würde es aber gerne von euch erfahren (z.B. durch einen Kommentar an dieser Stelle).
 

“Der Gesang der Flusskrebse” von Delia OWENS

Ich stelle einen aktuellen amerikanischen Südstaaten-Roman vor.
Er erzählt die Geschichte einer sehr besonderen jungen Frau, die schon als recht junges Kind nach und nach von ihren Familienmitgliedern verlassen wurde und in weitgehender Isolation und eingebettet in unberührte Natur in einem Marschland an der Küste von South Carolina aufgewachsen ist.

Es geht zunächst um die Entwicklung dieses Mädchens zur jungen Frau unter Bedingungen, die man sich als verwöhnter Mitteleuropäer nicht ansatzweise vorzustellen vermag. Ihr Überleben beruht letztlich auf ein tiefes Eingebundensein in die umgebende Natur, deren ausführliche und emotionale Beschreibung einen Schwerpunkt der Darstellung bildet.

Zu den ganz wenigen Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, gehören irgendwann zwei männliche Wesen, die im weiteren Verlauf viel mit ihrem Glück bzw. Unglück zu tun haben. Hier wird wird der Entwicklungs- bzw. Naturroman zum Liebesroman.

Wegen einem dieser Männer landet sie als Erwachsene schließlich vor Gericht, was dazu führt, dass diese Story sich – ziemlich überraschend – letztlich noch in Richtung eines Kriminal- bzw. Gerichtsromans entwickelt.

Soweit – in aller Kürze – die Fakten.
Ist es ein lesenswertes Buch?

Aus meiner Sicht eindeutig “ja”!
Die Autorin schafft es wirklich gut, ihre Leser in eine extrem fremde Welt eintauchen zu lassen. Wobei sich diese Fremdheit auf ganz verschiedene Ebenen bezieht: auf die sehr besondere Landschaft, auf die intensive Einbettung in die Natur und auf die geradezu unfassbaren Sozialisationsbedingungen eines jungen Menschen und deren psychischen Folgen.
Die bildreiche und emotionale Sprache spielt bei diesem “Einfangen” des Lesers sicher eine große Rolle. Wer sich davon – und den z.T. auch ausschweifenden Naturschilderungen – nicht abschrecken lässt, bekommt als Gegenwert einen echten Ausstieg aus dem bundesdeutschen Norm-Alltag.
Es ist eine echte Perspektiverweiterung.

Gibt es auch was zu meckern?
Ich war ein wenig überrascht (und vielleicht auch minimal enttäuscht), dass sich der Charakter des Buches in der zweiten Hälfte spürbar veränderte: Ging es zunächst scheinbar um eine ruhige und intensive Milieustudie über ein berührendes Einzelschicksal, mutierte der Roman dann doch eine wenig in “gewöhnlichere” Formen – bis hin zu einem eher krimitypischen Knaller am Ende.

Trotzdem: für mich ein besonderes Lese- bzw. Hörerlebnis!

“Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch” von Abbas KHIDER

Es gibt nette Menschen, die schenken mir – ohne jeden Anlass – zwischendurch ein Buch, weil sie denken, dass es mich interessieren könnte.
Über so ein Buch schreibe ich jetzt, weil ich es – so zwischendurch – gestern Abend und heute früh gelesen habe.

Es geht mal nicht um Nachhaltigkeit oder Literatur. Es geht um die Sprache selbst. Explizit um die deutsche Sprache. Und zwar aus Sicht eines aus dem Irak stammenden Intellektuellen, der sich zunächst als betroffener Fremdling, dann als Profi (Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Deutschland) mit den Besonderheiten des Deutschen auseinandergesetzt hat.

Das Ergebnis ist ein kleines Juwel.
Mit dem Lesen gewinnt man ein anderes (tieferes) Verständnis der eigenen Sprache, einen Einblick in die Mühen, Deutsch als Fremdsprache zu lernen und ein Gefühl dafür, wie man sich als hochintelligenter und gebildeter Mensch ausländischer Abstammung in diesem unseren Lande fühlt.
Lehrreich, amüsant und auch ein wenig verstörend.

Die – sehr kreative Grundidee: Der Autor schlägt eine recht durchgreifende Vereinfachung der grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache vor. Aber nicht so ganz allgemein, sondern ganz konkret. Er liefert nicht weniger als eine neue Grammatik, die das Erlernen (und die Anwendung) dieser Sprache enorm vereinfachen würde.
Er tut das mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit – wohl wissend, dass seine Anregungen ganz sicher nicht umgesetzt werden. Es ist also eine augenzwinkernde Ernsthaftigkeit. Er entwickelt so etwas wie eine sprachliche Utopie, die aus dem “Monster” (deutsche Sprache) eine bezwingbare Herausforderung machen könnte.

Es geht um Deklinationen, um Pronomen, um Adjektive, um Satzstellungen, um Verbformen.
KHIDER analysiert die unlogischen Kompliziertheiten und macht Alternativvorschläge. Das hört sich sehr trocken und nur mäßig relevant an – wie ein rein theoretischer Beitrag zur Germanistik.

Es gibt jedoch – wie schon angedeutet – zwei Mehrwerte (angeblich gibt es den Plural nicht; ich benutzte ihn trotzdem; Sprache muss sich auch entwickeln…):

1.  Natürlich verfolgt der Autor ein verstecktes Ziel – so denke ich wenigstens. Dadurch, dass er die Ungereimtheiten unserer Sprache entlarvt (um sie vermeintlich zu beseitigen), erklärt er die geltende Grammatik auf eine unterhaltsame Weise. Sozusagen über Bande gespielt. Er legt die Strukturen unter ein Vergrößerungsglas und macht sie so bewusst – auch den Lesern, die sich an ihre letzte Deutschstunde nur mit Mühe erinnern können.

2.  KHIDER versteht es, seine sprachanalytischen Betrachtungen mit seinen Erlebnisse als Neuankömmling bzw. als inzwischen längst integrierter “Fremderscheinender” in humoristischer Weise zu vermischen. Man bekommt einen Eindruck, wie ein Mensch, der (ca.) 95% der ihm begegnenden Deutschen intellektuell weit überlegen ist, sich in diesen Interaktionen fühlt. Dabei fällt kein böses Wort. Der Autor liebt die sanfte, ironische Darstellung – selbst wenn es um Rechtsradikale geht.

Also: Ein Büchlein, das man mit Genuss liest, wenn man Sprache mag und einen ungewohnten Blick auf den holprigen Weg der Integration werfen will.

“Die smarte Diktatur” von Harald WELZER

Ist es wirklich sinnvoll, immer mehr von PRECHT, HÜBL, HARARI, LESCH, YOGESHWAR oder eben WELZER zu lesen? Also immer genauer zu erfahren, welche Trends und Risiken unsere nahe und fernere Zukunft bereithält?
Ich weiß nicht ob es sinnvoll ist; mir bringt es immer wieder auch Vergnügen (neben den Bedrohungsgefühlen, die auch ausgelöst werden): Ich kann meine eigenen Positionen ausdifferenzieren und meine Argument schärfen. Neue Teilperspektiven runden das Bild ab.
Offen bleibt, wie weit solche verfestigten Überzeugungen zum Handeln führen (ein paar Klima-Demos waren es immerhin inzwischen).

Was bietet nun WELZER in diesem Buch (aus dem Jahre 2016)?

Nun, wie der Titel nahelegt, konzentriert er sich auf einen Aspekt der vieldiskutierten Mega-Trends: die Digitalisierung.
Er tut das in einer sehr pointierten Weise: Er nimmt ganz eindeutig Partei und besetzt die Rolle des Mahners und Warners. Er will noch mehr: WELZER will auch aufrütteln, aktivieren, zum Widerstand mobilisieren. Weil er konkrete Gefahren erkennt – nicht in einer nahen oder fernen Zukunft, sondern aktuell, hier und heute.
Diese Gefahren umfassend zu beschreiben, ist sein Ziel; dafür zieht er alle ihm zur Verfügung stehenden Register. Das zu lesen – die Bewertung schon mal vorweg – war für mich äußerst anregend und gewinnbringend, und zwar mehr als ich das (bei diesem Thema) ursprünglich erwartet hatte.

Für Menschen wie mich (und das gilt wohl für mein gesamtes Umfeld) ist WELZER einer von den Guten: überzeugter Demokrat, weltoffen und liberal, solidarisch und umweltbewusst. Er ist auf der einen Seite Kind eines antiautoritären Zeitgeistes (Jahrgang 1958, natürlich ein bisschen spät für die 68iger), sieht aber in handlungsfähigen staatlichen Institutionen (einschließlich der Sicherheitsdienste) eine notwendige Voraussetzung zum Erhalt von persönlicher Freiheit.
So weit, so “richtig”!
Er bringt nur eine Eigenschaft mit, die mir den Zugang zu seinen Überlegungen potentiell hätte erschweren können: Er hat keinerlei persönliche Affinitäten zu der digitalen “Wunderwelt”. Er kennt also nicht den speziellen Reiz, den digitale Hilfsmittel – insbesondere konzentriert in den aktuellen Smartphones – ausüben können. Er ist nicht fasziniert vom Funktionieren. Für ihn kann zwar digitale Technik nützlich und dienlich sein, sie besitzen aber keinen “Eigenwert”. WELZER guckt lieber seinem Kater beim autonomen Leben zu als auf das Display eines Google- oder Applegerätes.
Diese Kröte hatte ich also zu schlucken: Ich musste mich jemandem argumentativ anvertrauen, der die eigenen Ambivalenzen nicht teilt.

Hut ab! WELZER hat mich “eingefangen”. Auf der Überzeugungsebene, nicht auf der Handlungsebene. Ich werde mein Smartphone nicht abschaffen und auch nicht fast alle Apps deinstallieren. Aber ich werde bewusster beobachten, mich und andere.

Komische Rezension! Man weiß immer noch nicht, was eigentlich in dem Buch steht.
Ihr habt ja Recht!

Ich will motivieren, dieses Buch zu lesen; gleichzeitig weiß ich, dass nur die wenigsten dazu kommen werden. Deshalb hier ein paar Grundthesen:

  1. Die vermeintlich so innovativen und fortschrittlichen Digital-Konzerne bzw. ihre Gründer und Propheten lösen ihre Versprechen nicht ein: Statt der immer perfekteren neuen Welt (mit immer “unbegrenzteren” Möglichkeiten) bieten sie eine neue Extremvariante hinsichtlich der Konzentration von Reichtum und Macht (letztlich auch politischer) in sehr wenigen Händen.
  2. Die angeblich so “smarte” digitale Welt verbraucht nicht nur selbst ungeheure Mengen an Ressourcen und Energie, sondern hält steht fast ausnahmslos im Dienste einer weiter ungebremsten Wachstums- und Konsummaschinerie. Sie ist damit nicht die Lösung für die großen Menschheitsaufgaben (z.B. Klima), sondern ein Teil des Problems.
  3. Die von den Nutzern der digitalen Angebote (also Suchmaschinen, Internetshopping, Vergleichs- und Bewertungsportale, Facebook & Co, …) freiwillig gelieferten Daten schaffen eine zutiefst antidemokratische Macht in den Händen der Datensammler und -auswerter.
  4. Die digitale Glitzerwelt der immer ausgefalleneren Gadgets verschleiert den Blick dafür, dass die wesentliche Dinge  des Lebens (Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Wohnen, Gemeinschaft und Liebe) hoffnungslos analog sind – und bleiben werden.
  5. Die (freiwillige) Offenlegung der ganz persönlichen Vorlieben, Wünsche und Ziele (z.B. bei Amazon) greift langfristig auf eine kaum zu überschätzende Art die Privatheit eines jeden Menschen an. Dinge für sich oder in einem vertrauten Kreis zu halten, kommt unmerklich völlig aus der Mode.
  6. Während bei uns (z.B. in Europa) die digitale Revolution mit alle ihren Kontroll- und Überwachungsoptionen auf eine entwickelte Zivilgesellschaft stößt, in der es zumindest einen Basis-Schutz durch Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung gibt, ergeben sich für die noch (oder wieder) autokratisch regierten Staaten unglaubliche Möglichkeiten, von denen frühere Diktaturen nicht zu träumen wagten.

Das mag als Kostprobe reichen. Man merkt: Es geht um den drohenden Verlust unserer Identität als autonome Bürger mit einer geschützten Privatheit. Es geht um die freiwillige Aufgabe der so hart erkämpften Freiheitsrechte im Tausch gegen eine letztlich belanglose Konsum- und Spielwelt, die kaum ein wirklich menschheitsrelevantes Problem zu lösen vermag.

Noch ein paar Worte zu den Konsequenzen:
Prinzipiell ganz einfach: WELZER will gerne die digitale Technik nutzen. Er will nur vorher (demokratisch) entscheiden, was denn bitte die angestrebten Ziele sind. Er glaubt nicht daran, dass sich schon die richtigen Ziele herausbilden, wenn man nur der Technik den ungebremsten Raum gibt.
WELZER will und anregen, weniger Daten zu liefern (und wenn, dann eher systemverstörende).
Der Autor denkt, dass es Zeit ist, schon jetzt aktiv zu werden. Er hat eine Sympathie für Aktionen, die mit Spaß und etwas Anarchie für eine Gegenwelt eintreten. Er möchte, dass der Prozess des Engagierens schon ein Teil der Lösung ist.

Schlusswort:
Das Buch konnte “Fridays for Future” nicht mehr berücksichtigen. WELZER hätte diese Bewegung sicher als bespielhaft gewürdigt (auch wenn es hier nicht um das Digitale geht).
Ich bin nicht in allen Aspekten ganz seiner Meinung. Ich sehe nicht in jeder Überwachungskamera auf Bahnhöfen eine Gefahr für die Demokratie. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob es wirklich antisolidarisch ist, wenn sich ein bestimmtes Risikoverhalten auf Krankenkassenbeiträge auswirkt.
Solche Details wären sicher zu diskutieren.
Genauso wie die Tatsache, dass bestimmte technische Möglichkeiten nicht nur Spaß machen, sondern auch schöpferische und kreative Möglichkeiten wecken. Nicht jeder muss Freude daran finden, seinen Kater zu beobachten.

“Die aufgeregte Gesellschaft” von Philipp Hübl

Schon wieder ein Sachbuch!
Warum tue ich mir das an, statt – zumindest auf Reisen – mal Zerstreuung in einem gut geschriebenen Krimi zu suchen?
Nun, ich habe das gelegentlich versucht, dann eher mit Science-Fiktion als mit Krimis. Einige davon sind in anderen Blogbeiträgen auch besprochen.
Aber meine Erfahrung ist: Für mich ist nichts anregender oder spannender als durch ein didaktisch gelungenes Sachbuch neue Perspektiven auf die Welt geöffnet zu bekommen und diese damit wieder ein kleines Stück besser verstehen zu können. Mit diesem Genuss können die üblichen Unterhaltungsliteratur-Genres nur in Ausnahmefällen mithalten.

In diesem Sinne und nach diesem Anspruch ist das hier besprochene Buch ein “großer Wurf”!
Es verbindet in einer – für mich beeindruckenden Weise – psychologische, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse zu einem griffigen Modell, das einen erstaunlich breiten Erklärungswert aufweist und dabei insbesondere auf brandaktuelle Themen fokussiert wird.

Das größte Problem an diesem Buch ist der Titel. Er gibt nur einen minimalen  Hinweis auf die tatsächlich behandelten Themen. Er täuscht den potentiellen Käufer/Leser – allerdings nicht, weil er zu viel, sondern weil er zu wenig verspricht.
Mein Vorschlag würde z.B. lauten: “Wie Moralpsychologie und
-philosophie politische und gesellschaftliche Trends erklären können”.
(Dann erübrigt sich natürlich der Untertitel).

Genau darum geht es nämlich. Der Autor entwickelt – auf der Basis der “Moralwissenschaften” ein Schema bzw. eine Schablone, die sich ziemlich gut dazu eignet, – auf den ersten Blick – ganz unterschiedliche Phänomene zu verstehen.

Bzgl. der Grundfrage, ob Moral (und die daraus abgeleiteten politischen Überzeugungen) ihre Basis eher in den Emotionen oder in vernunftbasierten Abwägungen haben, schlägt sich HÜBL zunächst ganz klar auf die Seite der gefühlsmäßigen Reaktionen bzw. Bewertungen.
Er identifiziert insgesamt sechs relevante emotional verankerte Grundtendenzen. Drei davon (Fürsorge, Fairness und Freiheit) ordnet eher einem “progressiven” Weltbild, die drei anderen (Autorität, Loyalität und Reinheit) sind für ihn Ausdruck einer konservativen Grundeinstellung.
Das hört sich vielleicht (zu)  einfach an, entwickelt sich aber  im Laufe des Buches zu einem extrem hilfreichen, facettenreichen  und plausiblen Ordnungsprinzip.

Der Autor schaffte es tatsächlich, mit diesen Grundfarben einen erstaunlich großen Ausschnitt der  – so komplexen und unübersichtlichen – Welt so zu kolorieren, dass sich neue und gut strukturierte Bilder abzeichnen.  Immer wieder denkt man: “Ja, das ist stimmig; genau so könnte man das sehen!”

Ich muss mich bremsen! Am liebsten würde ich hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Argumentationsstränge darbieten. Aber das wäre schade!
Ich will zum Lesen dieses Buches motivieren und keineswegs den Eindruck erwecken, dies hätte sich durch eine ausführlichen Rezension erübrigt.
Vielleicht beispielhaft nur eine Facette: Spannend sind die – für mich überraschenden – Zusammenhänge zwischen dem Gefühl “Ekel” und bestimmten moralischen Regeln und Haltungen (diskutiert unter der Überschrift “Reinheit”).

Das Selber-Lesen lohnt sich auf deshalb unbedingt, weil der Autor auch ein guter Didaktiker ist. Er schreibt wie ein erfahrener Wissenschafts-Journalist, strukturiert, stellt Zusammenhänge her, fasst zusammen.
Einfach toll!

Ja, ein persönliches Anliegen treibt den Autor auch um. Besser gesagt, zwei.

Einmal holt HÜBL die zu Beginn etwas in den Hintergrund gedrängte Vernunft und die darauf basierenden “autonomen” Entscheidungsmöglichkeiten des Menschen am Ende in sein Gesamtbild hinein. Das stimmt ihn letztlich hoffnungsvoll, weil es Weiterentwicklung ermöglicht – individuell und gesellschaftlich.

Etwas konkreter – und aus meiner Sicht geradezu in perfekter Weise – macht der Autor im Schlussteil deutlich, dass er die verschiedenen moralischen Grundreaktionen keineswegs nur mit wissenschaftlicher Neutralität betrachtet. Seine Sympathie für eine offene, freiheitliche und von der Tendenz eher “weibliche” Zukunftsperspektive wird aber natürlich auch nachvollziehbar aus den Befunden abgeleitet.
Und es ist geradezu ein Genuss, die Zusammenhänge zwischen autoritären bzw. rechtslastigen Einstellungen und eines stark auf emotionale Reaktionen reduzierten moralischen Urteils so überzeugend dargeboten zu bekommen.
Hier wird das, was man schon immer dazu gefühlt und gedacht hat, wirklich toll zusammengefasst. Unideologisch und nachvollziehbar.
Wer etwas nachdenkt (nachdenken kann), landet nicht im rechts-autoritären Sumpf! (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ach ja; ein guter Rezensent findet immer etwas Kritisches.
Nun: Wie jedes Ordnungsschema ist auch das von HÜBL nicht perfekt oder gar “wahr”. Manches wird vielleicht zu schnell “passend” gemacht. Geschenkt!
Ich würde sofort gerne ein besseres und überzeugendes Buch über diese Thematik lesen, wenn es das denn gäbe.
Ich bitte um Hinweise!

Übrigens: Den Zugang zu dem Buch hat mir der Auftritt des Autors im “Philosophischen Radio” bei WDR 5 geschaffen.

“1Q84” von Haruki MURAKAMI (1 – 3)

Bildergebnis für 1q84

Was bringt jemanden dazu, einen Roman mit der Gesamt-Hörzeit von 47 Stunden innerhalb von ca. 3 Jahren ein zweites Mal zu hören?
Entweder handelt es sich um eine Stück genialer Literatur oder man unterliegt irgendeiner speziellen Sucht.
Ein wenig süchtig bin ich wirklich nach “meinem” Japaner (dazu auch hier). Aber jetzt soll es um diesen besonderen Roman (von 2012) gehen.

Es ist nicht ganz einfach zu erklären, warum dieser dreiteilige Roman so lang ist. Die Handlung ließe sich sicherlich auf einen mittellangen Band komprimieren. Doch entspräche nicht dem Erzählstil von MURAKAMI.
Der Autor liebt die Redundanz. Er webt und lullt einen geradezu ein in diese sehr besondere Welt des Jahres 1984. Und diese Welt besteht – typisch MURAKAMI – aus zwei Ebenen: einer “realen” und eine irgendwie “mystischen”.

Der Autor liebt das Spiel mit diesen beiden Dimensionen. Er betreibt es auf eine ganz besondere Weise: Er hat einen sehr nüchternen und sachlichen Erzählstil, liebt die Schilderung von Details und schafft durch die fast gebetsmühlenhafte Wiederholung von bestimmten “Kernaussagen” einen vertrauten Rahmen, in dem die Geschichte und der Leser immer wieder ihren Halt finden. Ein bisschen so, wie das wiederholte Aufgreifen von Grundthemen in einem musikalischen Opus.
Das Raffinierte dabei ist, dass er auch die fantastischen, irrealen Aspekte seiner Geschichte so unaufgeregt und selbstverständlich erzählt wie normale Alltagsabläufe. So gewöhnt man sich als Leser auch an abstruse Gegebenheiten bzw. Abläufe und akzeptiert sie als irgendwie “echt”.
Das ist nicht zu vergleichen mit einem “Fantasy”-Stil. Es ist das geradezu lautlose Einschleichen der Irrealität in den ganz normalen Alltag – und der Autor schafft es, dass man jeden Widerstand dagegen unterlässt. Man gibt sich hin – auch weil man durch die Redundanz fast in eine Art meditative Trance verfällt.

Ach so. Worum geht es eigentlich?
Es gibt zwei Protagonisten, zwischen denen ein – fast unerträglich weiter – Spannungsbogen aufgespannt wird.
Der eine ist ein junger Schriftsteller (Autoren lieben es offenbar, über Autoren zu schreiben), der durch seine halb-legale Mitarbeit dazu beiträgt, dass der fantastische Roman eines jungen Mädchens zu einem Bestseller wird.
Die junge Frau ist eine Fitness-Trainerin, die als Nebenjob bestimmte krimineller Handlungen vollzieht – im Dienste einer guten Sache.
Die schon in der Kindheit vorhandene Verbindung zwischen den beiden wird in einem komplexen Plot miteinander verwoben. Und wie das Schicksal so spielt vollzieht sich das mithilfe der – ziemlich abgedrehten – Fantasy-Erzählung des jungen Mädchens, die in die echte Welt hineinsickert.
Man könnte auch sagen: Fiktion wird zur Realität, Realität zur Fiktion. Und dann noch mal kräftig durchschütteln!

Das Gemisch ist irgendwie einzigartig! Man liebt es oder man hasst es.

Wenn man dieses Buch gelesen und genossen hat, unterscheidet man sich von allen anderen  Menschen durch eine Besonderheit: Man weiß, was es bedeutet, einen zweiten Mond am Himmel zu sehen. Er ist das Symbol für die “zweite” Ebene.

1Q84 fordert Ausdauer und Geduld. Es schenkt ein Leseerlebnis der besonderen Art.
(Wenn es mir vergönnt sein sollte, werde ich es vielleicht in zehn Jahren nochmal genießen).

“Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima” von Malena ERNMAN

Ich stand diesem Buch, das die weltweit bekannte Klima-Aktivistin Greta auf dem Umschlag zeigt, zunächst recht skeptisch gegenüber. Sollte da schnelles Geld gemacht werden mit der Berühmtheit von Greta als Erfinderin der Schüler-Streiks – obwohl das Buch ja von ihrer Mutter verfasst wurde und einen Zeitraum schildert, der vor dem Streik liegt? Sollte es sich gar um eine Mogelpackung handeln – schnell zusammengeschustert, um den Hype auszunutzen? Zumal das Buch bei etwas weniger großzügigem Layout durchaus noch mindestens 30 Seiten dünner sein könnte als es die 250 Seiten vorgeben?

Nach dem Lesen komme ich zu einem anderen Urteil. Dieses Buch verdient es durchaus, gelesen zu werden! Man sollte nur wissen, was einen erwartet.

Berichtet wird – wie schon gesagt – aus der Perspektive von Gretas Mutter, einer international bekannten schwedischen Opernsängerin. Sie nennt die anderen drei Familienmitglieder zwar als Mitautorin – wohl aber eher pro forma.
Geboten wird kein zusammenhängender Text, keine chronologische Erzählung, kein Sachbuch. In insgesamt 92 recht kurzen “Szenen” wird episodenhaft aus dem Leben der vierköpfigen Familie (plus Hund) berichtet.
Dabei werden folgende Themen berührt:
– Recht ausführlich wird die recht spektakuläre Krankheitsgeschichte der beiden Mädchen, Greta und Beata, und die damit verbundenen extremen Belastungen der Familie in einem offenbar phasenweise überforderten Gesundheits- und Schulsystem dokumentiert. Bei Greta geht es dabei hauptsächlich um Autismus, bei Beata u.a. um ADHS; in beiden Fällen in sehr spezifischer Ausprägung.
– Es wird dargestellt, wie es Thema “Klima-Wandel” eine zunehmende und letztlich die zentrale Bedeutung für die gesamte Familie gewinnt und letztlich in die Entscheidung Gretas mündet, einen Klima-Schulstreik zu beginnen.
– Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe inhaltliche Statements, die die drohende Klima-Katastrophe selbst darstellen und mit immer wieder neuen Argumenten auf die Notwendigkeit eines sofortigen und radikalen Umsteuerns in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und im Alltagsleben eines jeden Einzelnen hinweisen.

Es handelt sich um einen durch und durch subjektiven Erlebnis- und Überzeugungsbericht! Hier wird nicht nüchtern abgewogen oder diplomatisch formuliert. Hier schreibt sich eine Mutter, Künstlerin und Bürgerin eines reichen und selbstbewussten Landes (Schweden) ihr Leid, ihre Wut, ihre Überforderung und ihre letzte Hoffnung aus dem Herzen. Leidenschaftlich und ungefiltert. Im Laufe des Buches outet sich die Autorin selbst als erwachsene ADHS-lerin.
Sie ist besorgt, enttäuscht, manchmal auch verzweifelt. Über das Chaos in ihrer Familie, über die Defizite im medizinischen Hilfesystem und über Politiker, Wirtschaftsführer und Journalisten, die die Wahrheit über die Klima-Risiken verschweigen oder beschönigen.

Während des Lesens fragt man sich, was das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, also die Krankheiten in der Familie mit der Entwicklung zu einer Familie mit extrem ausgeprägtem Klimakatastrophen-Bewusstsein.
Man kann darüber nur spekulieren. Es könnte sein, dass die “störungsspezifische” Wahrnehmung der Welt und die mit den Krankheiten verbundenen Extremerfahrungen die Familie aus den üblichen Mainstream-Bahnen von Verleugnung und Relativierung geworfen hat. Konfrontiert mit den existentiellen Nöten, die die Familie permanent ans Limit führt, ergeben sich möglicherweise andere Prioritäten.
Muss man vielleicht sogar selbst ein wenig “schräg” sein wie Greta, um die Widersprüche und Verrücktheiten im Umgang mit der Bedrohung unseres Planeten in aller Konsequenz zu erfassen und in Handlung umzusetzen?

Warum nun dieses – eher strubbelige – Buch lesen?
Nun, man bekommt eine Idee, warum eine Greta zu dieser Greta geworden ist. Und man bekommt einen anderen, unmittelbareren Zugang zum Klima-Thema als es durch ein Sachbuch erreicht werden kann. Dieser Zugang ist emotionaler, subjektiver – vermittelt aber auch noch einmal grundlegende Informationen zum Stand der Dinge.
Und natürlich wird man konfrontiert mit der eigenen – viel gemäßigteren – Haltung und den damit verbundenen Inkonsequenzen.

Wer ein Greta-Fanbuch oder eine strukturierte Biografie erwartet, wird enttäuscht werden. In Schweden hat die Autorin Promi-Status; dieses potentielle Motiv für einen Kauf scheidet hier bei uns aus. Einige Ausführungen beziehen sich logischerweise auf spezifisch Schwedische Verhältnisse.

Ich finde das Buch insgesamt anregend und nützlich.
Der Erlös wird natürlich gespendet – wie könnte es bei dieser Familie auch anders sein…

“Abendland” von Michael Köhlmeier

Der – nicht nur vom Umfang – beeindruckende Roman hat schon ca. zehn Jahre auf dem Buckel. Ich bin zufällig in meinem Hörbuch-Account auf die begeisterten Kritiker-Stimmen gestoßen.

Der Autor ist ohne Zweifel ein begnadeter Erzähler. In den Lebensgeschichten der ca. fünf Haupt-Protagonisten und den – in literarischen Seitenarmen – ausgeführten Episoden aus dem Leben einiger weiterer Figuren steckt der Stoff für eine ganze Reihe von eigenständigen Romanen. In gewisser Weise fühlt man sich beim Lesen fast überschüttet von Themen, Perspektiven und Erfahrungen, die in das zeitgeschichtliche Gefüge des letzten Jahrhunderts eingebettet werden.

Erzählt wird aus der Perspektive eines Schriftstellers, der den Auftrag erhält, über das facettenreiche Leben eines recht bekannten, kosmopolitischen und sehr wohlhabenden Mathematikers ein Buch zu schreiben. Da dieser vielschichtige Mann über Jahrzehnte hinweg so etwas wie der “Gönner” seiner eigenen Familie war, handelt dieses Buch auch – und überwiegend – von den Verflechtungen zwischen dem Auftraggeber und der eigenen (Familien-)Biografie des Literaten.
Die Rahmenhandlung wird durch einen letzten Besuch des Ich-Erzählers bei seinem gefühlten “Zweit-Vater” kurz vor dessen Tod definiert. In einer Reihe von langen Sitzungen entsteht durch die Berichte des Alten nach und nach ein Bild der Lebensläufe und Ereignisse – wobei sich einzelne Zeitsegmente wie Puzzlesteine langsam zu einem Gesamtbild zusammensetzen.

Einige Themen dominieren diesen Roman und machen ihn damit für die entsprechenden Interessenten besonders lohnend: Der erzählende Schriftsteller stammt aus einer Wiener Musiker-Familie; dabei geht es – nach einem Start in der Volksmusik – insbesondere um Jazz. Im Zentrum steht die kurvenreiche und letztlich tragische Karriere seines Vaters, eines begnadeten  – aber auch alkoholabhängigen – Gitarristen, der zwischenzeitlich mit den amerikanischen Jazz-Giganten zusammenspielt.
Das Leben des Auftraggebers selbst spielte sich u.a. zwischen Wien, Lissabon, Deutschland und New York ab. Da er – trotz eines frühen Reichtums und einer bemerkenswerten Wissenschafts-Karriere – nie das ganz große Genie wurde, war sein Leben immer wieder darauf bezogen, die Fäden zu ziehen und Einfluss zu nehmen auf andere, vermeintlich “echtere” Genies. Er wirkte im Hintergrund durch sein Geld uns seinen Einfluss und hatte ansonsten durchaus komplizierte Beziehungen zu einigen Frauen.
Das alles erfährt man sehr genau – und erfährt damit auch eine ganze Menge über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im 20. Jahrhundert.

Der eigentliche Grund, dieses anspruchsvolle Buch zu lesen, sollte aber die Begeisterung für das Kunstmittel “Sprache” sein. Letztlich kommt es auf die Inhalt, auf den Plot gar nicht so sehr an – beeindruckend ist, wie vor den Augen des Lesers die Protagonisten zum Leben erweckt werden. Nach diesen 700 Seiten kennt man die Figuren, man sieht sie plastisch vor sich, man hat an ihren Leben und Leiden teilgenommen. Aus den Buchstaben und Wörtern ist ein fassbarer und fühlbarer Ausschnitt der Welt entstanden. Toll!
So etwas muss man können – und Köhlmeier kann es!

Kritik? Ja, bei 700 Seiten gibt es auch Längen. Nicht alles hätte ich so detailverliebt gebraucht.
Aber ich würde es jederzeit wieder lesen. Echte Literatur muss wohl zwangsläufig ein wenig herausfordernd sein. Das unterscheidet sie von Romanen zur Unterhaltung bzw. zum Zeitvertreib (gegen die natürlich nichts einzuwenden ist).

“Allein gegen die Schwerkraft – Einstein 1914 – 1918” von Thomas De PADOVA

Ich gebe es zu: Es war ein Spontankauf vom Wühltisch.
Aber der Vollständigkeit halber soll das Buch in meiner Liste doch kurz Erwähnung finden.

Der Autor verfolgt das Ziel, die bahnbrechenden Beiträge des mathematischen Genies Albert Einstein zur theoretischen Physik in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang des ersten Weltkrieges zu stellen.
Zu diesem Zweck beschreibt er seine Schaffensjahre in Berlin, wo man dem aus er Schweiz stammenden Gelehrten optimale Bedingungen für seine Arbeit in Aussicht gestellt hatte.
Mit großer Gründlichkeit beschreibt der Autor die Verflechtung folgender Ebenen:
– die schrittweise und an Umwegen reiche Ausarbeitung der Allgemeinen Relativitätstheorie
– die privaten Lebens- und Beziehungsverhältnisse von Einstein (zwischen zwei Frauen)
– die komplizierten Beziehungen zu den prägenden Vertretern der Berliner wissenschaftlichen Community
– den Einfluss des Kriegsereignisse auf die Gelehrten-Szene und auf Einstein selbst

Was hatte ich nun davon, mich auf ungefähr 280 Seiten mit dieser – nicht unbedingt alltagsnahen – Thematik zu befassen?
Nun – zuallererst ist mir Einstein als (zeitgeschichtliche) Person näher gekommen und sympathischer geworden. Er war nicht nur ein genialer Denker (ähnlich wie der kürzlich verstorbene Stephen Hawking), sondern auch ein prinzipiengesteuerter, unabhängiger kritischer Bürger, der mit seiner pazifistischen und humanistischen Haltung der – leider auch in Gelehrtenkreisen verbreiteten – nationalistischen Kriegseuphorie dauerhaft widerstand.
Auch einige Facetten der Relativitätstheorie sind mir nun vertrauter als vorher – wobei dankenswerter Weise die Bezüge zum aktuellen Forschungsstand (insbesondere in der Astro-Physik) immer wieder mal verdeutlicht werden (Stichworte: “Schwarze Löcher” und “Gravitationswellen”).

Ich will aber nicht verhehlen, dass für einen “Normalverbraucher” wie mich die Detailtiefe der Ausführungen – insbesondere was die privaten und beruflichen Beziehungen Einsteins zu seinem Umfeld angeht – oft weit über die tatsächliche Bedürfnislage hinausgeht. So genau muss das alles wohl kaum jemand wissen, der sich nicht gerade hauptberuflich oder hobby-leidenschaftlich mit den angesprochenen Themen auseinandersetzt.

So kann ich dieses Buch wohl nur Menschen empfehlen, die gerne intensiv in zeitgeschichtliche  Zusammenhänge eintauchen und nicht darüber nachdenken (müssen), ob sie die dafür investierte Zeit wirklich “über” haben.
Für diese Leser trägt dieses Buch sicher ein Stück zum Weltverständnis bei.
(Im Nachhinein bin ich nicht ganz sicher, ob ich wirklich zu der Zielgruppe gehöre).

“Die große Transformation” von Uwe Schneidewind

Der Titel könnte auch einen Science-Fiktion-Roman schmücken – aber es ist (mal wieder) ein reales Zukunftsbuch.
Was unterscheidet es von den vielen anderen Büchern dieser Art, von denen einige auch in diesem Blog schon besprochen wurden (1, 2, 3, 4)?

Das lässt sich relativ einfach erklären: Während die anderen Bücher Fakten und Trends zusammentragen und die Notwendigkeit aufzeigen, sich auf die anstehenden Risiken und Herausforderungen (Digitalisierung, Klimawandel, usw.) möglichst bald einzustellen, macht das Buch von Schneidewind (und seinem Wuppertaler Institut) den Weg und die Prozesse der Umsteuerung zum Thema. Die Ausgangslage und die Ziele werden also weitgehend vorausgesetzt, es geht um die Umsetzung.

Damit ist auch die Zielgruppe für dieses Handbuch definiert: Es richtet sich weniger an den einzelnen Bürger und Konsumenten, sondern an die (potentiellen) Gestalter der Veränderungsprozesse, die als unvermeidlich bzw. ethisch geboten angesehen werden. Also an Muliplikatoren, Sozialwissenschaftlicher, Politiker, Aktivisten, Verbände, usw.
Es geht nicht um Faktenwissen, sondern um System- und Veränderungswissen.
Um es kurz zu sagen: Das Buch analysiert und beschreibt – sozusagen auf der Meta-Ebene – Wege und Methoden, wie die als dringend notwendig erachtete “Zukunftskunst” vermittelt und erworben werden kann. Eine solche Zukunftskunst wäre ein Potpourri an Kompetenzen, Einstellungen und Verhaltensmustern, das den einzelnen und die ganze Gesellschaft befähigen könnte, die anstehenden Aufgaben der Transformation zu leisten.

Es gibt eine zentrale Zielsetzung, die als Vorgabe über dem gesamten Buch schwebt: Die Autoren verschreiben sich (Achtung: Wortspiel) mit vollem Engagement einem moralischen Anspruch: Die Erde soll für (alle!) demnächst ca. 10 Milliarden Menschen ein Ort werden, in dem ein menschenwürdiges Dasein möglich ist. Also ein Leben, in dem die Grundbedürfnisse und Menschenrechte gesichert sind. Und zwar – und jetzt kommt sozusagen der zusätzliche Anspruch – auch für künftige Generationen!
Es geht also um Gerechtigkeit UND Nachhaltigkeit.

Wie gesagt: Es wird nicht für dieses Ziel geworben, es wird vorausgesetzt. Dem kann ich gut folgen; ich wüsste keinen logischen oder ethischen Grund, der gegen dieses Ziel sprechen könnte.
Das Besondere ist nun, dass die Lösung nicht einer politischen oder ideologischen Heilslehre, nicht in einem gesellschaftlichen Umsturz und nicht in einer bloßen idealistischen Utopie gesehen wird. Statt dessen geht es ganz systematisch in kleinen, realistischen und zum Teil schon erprobten Schritte ans Arbeiten. Gucken, was es gibt, was schon funktioniert, welche Kräfte man bündeln könnte, welche Akteure bereit stehen, welche Institutionen man nutzen kann, usw.
Nach und nach entsteht so ein Netzwerk von Ideen, Prozessen und Beteiligten, die an ganz unterschiedlichen Stellschrauben drehen – auf ein gemeinsames Ziel hin.

Man wird fragen: Wo um Himmels willen soll denn bitte die Einsicht und Bereitschaft der Menschen herkommen, auf lieb gewonnene Gewohnheiten und ererbte Privilegien zu verzichten, zum Wohle des Ganzen?
Nun, genau um diesen kulturellen Wandel, um die Veränderung von Vorstellungen über ein “gutes” Leben geht es auch in diesem Buch. Prioritäten können sich ändern; man kann diesen Prozess anstoßen, begleiten erleichtern.
Beispiel: Wenn Städte in Zukunft menschen- und nicht mehr autogerecht sein sollen, dann müssen Stadtplaner, Mobilitätsmanager und Wirtschaftsfachleute zusammenarbeiten. Und gleichzeitig muss es “schick” werden, eben kein eigenes Auto mehr zu besitzen – so wie es in den urbanen Zentren von der jungen Generation schon vorgelebt wird. Solche Trends können Wege in die Nachhaltigkeits-Lebensweise weisen.

Es wird vielleicht schon an meinem Schreibstil der Rezension deutlich: Es geht um eine insgesamt eher trockene, abstrakte Materie. Es wird strukturiert und systematisiert, es gibt Listen und Schaubilder, Zusammenhänge werden beschrieben. Es gibt eine gewisse Redundanz und ein großes Bedürfnis nach Vollständigkeit. Nicht jede/r wird mit so einer Lektüre die kostbare Freizeit füllen wollen.
Aber es gibt Alternativen zum Durcharbeiten eines solchen Fachbuches.
So gibt es eine Internetseite, ein informatives Video in Kurz– und Langfassung und ein Podcast aus der Reihe “Philosophisches Radio” von WDR 5.
Ich empfehle insbesondere den Podcast: In ca. 50 Minuten bekommt man einen guten Eindruck von der gesamten Thematik – auf recht unterhaltsame Weise.