“Der Datenschutz ist unantastbar. Ihn zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt” (Grundgesetz Art. 1 – in der Fassung von 2020)

Wir leben in einer total verrückten Welt – das ist vielleicht nicht unbedingt eine neue Erkenntnis. Deutschlands Umgang mit der Corona-Epidemie schreibt dazu jedenfalls gerade ein neues Kapitel.

Kein Mensch kann mir erklären, warum wir als Gesellschaft bereit sind, alle möglichen verbrieften Grundrechte (in einer Talkshow wurde die Zahl 19 genannt) zugunsten des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung einzuschränken – nicht aber das Recht auf “Informationelle Selbstbestimmung”.
Damit ist der Datenschutz offenbar zu einer Mega-Norm aufgestiegen, an dem vorrangig die Grundsatzfrage “sind wir eine freie Gesellschaft?” festgemacht wird.
Diese Irrationalität kostet uns Milliarden von Euro und Menschenleben.

Bin ich jetzt den Verschwörungstheoretikern in die Hände gefallen?

Nein, die Zusammenhänge sind klar und für jede/n nachvollziehbar:
Eine verpflichtende App, die nachgewiesene Infektionen bzw. Kontakte zu Infizierten automatisch an die Gesundheitsbehörden melden würde, könnte einen entscheidenden Beitrag zur Eindämmung leisten. Infektionsketten könnten schneller und sicherer nachverfolgt und unterbrochen werden. Vermutlich wäre die Ausbreitung schon im Sommer weitgehend gestoppt worden.
Entsprechende Beispiele gibt es im asiatischen Raum.

Die geradezu wahnhafte Angst der Deutschen um den Missbrauch ihrer Corona-Daten steht im diametralen Gegensatz zu dem sonstigen Umgang mit personenbezogenen Daten. Google & Co lassen grüßen.
Aber da sind ja nur Konzerne – und nicht der “böse” Staat mit seinen “Big-Brother”-Allüren…

Komischer Weise wollen wir alle von diesem Staat gerettet werden, gesundheitlich und finanziell. Nur darüber, ob er den Virus effektiv nachverfolgen kann, möchten wir nach Gutdünken, nach einem diffusen Freiheits-Gefühl, entscheiden.

Ich wage die Vorhersage: Wenn man in 10 oder 20 Jahren auf diese Zeit zurückblicken wird, dann wird es die Datenschutz-Neurose sein, die am meisten Unverständnis auslösen wird.
Vermutlich wird es die teuerste Neurose aller Zeiten werden…

Mit wunden Fingerkuppen

sitze ich seit vier Tagen vor meinem Smartphone und warte auf die erlösende (Zwischen-)Nachricht, dass zumindest zahlenmäßig eine Klarheit erreicht wurde.
So schlimm war es noch nie…

Selbst ein Bundeskanzler Merz würde mich nicht so bedrohen wie vier weitere Jahre Trump. Ich will es einfach nicht! Es geht irgendwie um die ganze Welt, es geht aber auch um vier Jahre meines Restlebens.
Ich möchte in dieser Zeit Zeuge einer – zumindest in Grundzügen – positiven Entwicklung sein: es soll um Anstand, Kooperation und Nachhaltigkeit gehen.
Es darf einfach nicht sein, dass wegen ein paar Zehntausend Trump-Fans zu viel die globaler Politik noch jahrelang durch Machogehabe, Egoismus und Ignoranz im wichtigsten Land des Westens geprägt wird.

Selbst wenn die Grundzüge der amerikanischen Politik und Wirtschaft sicher auch unter Biden nicht verändert werden: Es darf einfach nicht das Signal an die Welt geben, dass sich diese Form von Charakterlosigkeit und Selbstbezogenheit als erfolgreiches Modell der “demokratischen” Welt stabilisiert.

Ich möchte, dass die Putins, Erdogans, Bolsonaros, Orbás und Jingpins in den nächsten Jahren nicht weiter entspannt mit dem Finger auf die USA und den Westen zeigen können.

Es ist absolut bedeutsam, ob sich die USA zum Kampf gegen die drohende (schon stattfindende) Klimakatastrophe bekennt.

Daher werde ich heute so oft und so lange über mein Smartphone-Display wischen, bis die Biden-Zahl die 270 erreicht bzw. überschritten hat. Und dann will ich sie weiter Richtung 300 wachsen sehen – aber das brauche ich dann nicht mehr minütlich zu verfolgen…

Bitte schont meine Fingerkuppen!

“Ruth Bader Ginsburg” von Helena Hunt (Hrsg.)

Bewertung: 4 von 5.

Die 1933 geborene Juristin, zuletzt Richterin am Obersten Gerichtshof der USA, ist im September 2020 gestorben. Dieser Umstand hat aus zwei Gründen auch internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Einmal war Ginsburg in Amerika eine hochgeschätzte und verehrte Symbolfigur für den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit, zum anderen war ihr Tod die Basis eines umstrittenen Nachbesetzungsverfahrens in den letzten Monaten der Amtszeit von Donald Trump.

Dieses Buch besteht fast ausschließlich aus – meist eher kurzen – Zitaten, die aus ihren Reden, Aufsätzen und Urteilsbegründungen zusammengetragen und – nach bestimmten Kategorien geordnet – dargeboten werden.
Erklärtes Ziel der Herausgeberin ist es somit, diese beeindruckende und couragierte Frau, eine Ikone für das liberale Amerika, für sich selbst sprechen zu lassen.
Ergänzt wird diese Zitatensammlung nur durch einen kurzen historischen Abriss ihrer privaten und beruflichen Biografie. Als Besonderheit sticht dabei hervor, dass den Stationen dieses Lebenslaufes auch eine Reihe von besonders bedeutsamen Gerichtsverfahren zugeordnet werden. Auch an diesem Punkt wird noch mal deutlich, dass Ginsburg nicht nur eine sehr besondere Karriere in einem extrem männerdominierten Bereich der Gesellschaft durchlaufen hat, sondern eben auch Rechtsgeschichte geschrieben hat: Sie hat durch ihre Haltung und ihre Arbeit Amerika zu einem anderen, zu einem gerechteren Land gemacht – nicht nur, aber besonders für seine weiblichen Bürger.
Dass Ginsburg keine fanatische Feministin war, sondern Ungerechtigkeit und Diskriminierung in einem umfassenden Ansatz bekämpfen wollte und bekämpft hat, hat ihren Einfluss sicher noch zusätzlich vergrößert.

Das Bild von Ginsburgs Leben und Schaffen setzt sich in diesen kurzen Textausschnitten mosaikartig zusammen. Es gibt keinen verbindende oder erklärende Begleitung, niemand führt einen durch Themen und Stationen.
Trotzdem entsteht nach und nach ein recht plastisches Bild dieser Person.
Das liegt vor allem daran, dass die Zitate inhaltlich sehr breit gestreut sind und durchaus auch sehr persönliche Informationen (über Familie, Erkrankungen und Ideale) beinhalten.
Extrem beeindruckend sind vor allem die Passagen, in denen Ginsburg die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen schildert, mit denen sie in den ersten Jahren und Jahrzehnten auf dem mühsamen Weg durch Universitäten, Anwaltskanzleien und Gerichte konfrontiert war. Es wird immer wieder ersichtlich, welcher Mut, welcher Idealismus und welche Zähigkeit notwendig waren, in dieser erstarrten, konservativen und z.T. frauenverachtenden Männerwelt zu bestehen – auch bei noch so viel Kompetenzen und Erfolgen.
Dass dabei auch private Schicksalsschläge zu verkraften waren, macht die Geschichte dieser Frau noch berührender.

Dieses Buch muss man nicht an einem Stück lesen. Es ist eine Fundgrube und sicher auch eine Ermutigung bzw. Inspiration für Menschen (sicher besonders für Frauen), die Interesse an dieser herausragenden Persönlichkeit haben oder Beispiele für die Rolle der Justiz bei der Weiterentwicklung einer Gesellschaft suchen.

Sicher gibt es auch Leser/innen, die eine ausformulierte (Auto-)Biografie vorziehen würden und die vorgelegte Zitatensammlung eher als eine Art “redundantes Stückwerk” erleben würden. Man sollte schon wissen, worauf man sich mit diesem Buch einlässt.

Menschen und Juristen/Juristinnen wie Ginsburg werden weiterhin dringend gebraucht. Nicht nur, aber auch nicht zuletzt in den USA.

“Die Macht der Clans” von Thomas HEISE und Claas Mayer-HEUER

Bewertung: 4 von 5.

Clan-Kriminalität ist zu einem Aufreger-Thema geworden – nicht an erster Stelle, aber doch mit spürbar wachsender Bedeutung. Es gibt inzwischen einige Spezialisten, die es in dem gut abgeschirmten Bereich der Großfamilien-Systeme zu erstaunlicher Expertise gebracht haben. Die beiden Autoren dieses Buches, beide erfahrene Journalisten, gehören ohne Zweifel dazu.

Zwischen einer allgemeinen Einleitung in die Thematik – insbesondere ihre Entstehungsgeschichte – und einem kurzen Ausblick auf die Zukunft bietet das Sachbuch vor allem Eines: Jede Menge konkrete Beispiele, penibel recherchiert unter intensiver Nutzung polizeilicher Ermittlungsakten.

Tatsächlich besteht die eigentliche Leistung des Buches darin, abstrakte Erkenntnisse zu den Strukturen, Machtverhältnissen und Funktionsweisen der bekanntesten arabisch-stämmigen Clans in personengebundene Geschichten zu übersetzen. Es werden jede Menge Namen genannt, Verwandtschaftsverhältnisse dargelegt, Vorstrafenlisten aufgerollt und Vermögensverhältnisse offengelegt. Teilweise werden die (kriminellen) Lebensläufe der Clan-Größen über über viele Jahre hin beschrieben, angefangen mit Jugendstraftaten bis hin zum Beherrschen ganzer Stadtviertel.

Geschaut wird auch auf die andere Seite, auf die Anstrengungen des Staates und seiner Behörden, dem kriminellen Treiben Einhalt zu gebieten. Hier halten die Autoren ihre Enttäuschung – manchmal wohl auch Fassungslosigkeit – nicht hinter dem Berg.
Sie beschreiben das anfängliche Versagen bei der Aufgabe, die (bevorzugt aus dem Libanon) stammenden Flüchtlinge bzw. Asylbewerber zu integrieren; diese Herausforderung stellte sich bereits in den 80er-Jahren.
Was dann in den nächsten 30 Jahren angesichts stetig wachsender Probleme passierte, wird als eine toxische Mischung von Ignoranz, Verdrängung, Feigheit, political correctness, Multi-Kulti-Naivität, Justizversagen und Resignation dargestellt.
Inzwischen – so sind die Autoren überzeugt – werde zwar die Größenordnung der Misere erkannt, für eine nachhaltige Lösung könnte es aber schon fast zu spät sein.

Das Buch baut zwar auf einer enormen Faktenmenge auf, den Autoren geht es aber ganz eindeutig darum, eine Botschaft zu vermitteln und Einfluss zu nehmen. Sie sind keine neutralen Berichterstatter, sondern legen ganz bewusst – und immer wieder auch süffisant – den Finder in die Wunde. Es regt sie auf, dass sich unser Staat vorführen lässt von der offen zur Schau gestellten, auf extremer Familienloyalität und Gewaltbereitschaft basierender Parallelmacht. Und so führen die beiden Journalisten unseren Staatsapparat vor: seine Trägheit, seine grenzenlose Toleranz, seine Inkonsequenz, seine Schwäche.
Sie werden beispielsweise nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen mit dicken Autos und einem aufwändigen Lebenswandel weiter unbeirrt Sozialleistungen abgreifen, dass Gerichte in einer geradezu absurden Weise Strafverfahren einstellen bzw. skandalös milde Urteile aussprechen und dass auch bekannte und gemeingefährliche Serienstraftäter letztlich nicht abgeschoben werden (können).

Wenn den Autoren etwas gelingt, dann Folgendes: Sie machen sehr konkret deutlich, dass die von uns so geschätzten Freiheitswerte zu Regelungen (bei Asyl, Sozialleistungen, Strafrecht und Datenschutz) geführt haben, die auf der Voraussetzung basieren, dass die von ihnen betroffenen Menschen eine Art minimale Identifikation oder Grundsolidarität mit unserem Gemeinwesen empfinden. Wenn genau dies aber nicht der Fall ist, weil abgeschottete Parallelgesellschaften mit einem archaischen Rechts- und Ehrverständnis den Staat ausschließlich als Melkkuh betrachten – dann läuft unsere Liberalität ins Leere und wird letztlich verachtet und verlacht (nach dem Motto: “Wie soll man einen Staat respektieren, der so mit sich umgehen lässt?”).

Letztlich machen die Autoren so auch etwas deutlich, was sie an keiner Stelle aussprechen: Das Staatsversagen gegenüber den kriminellen Machtstrukturen ist durchaus ein Faktor, der Politikverdrossenheit und Populismus schürt. Das Weggucken und das Wegducken der staatlichen Ordnung wird von den Menschen als ungerecht und skandalös erlebt. Wer selbst mit dem Sozialamt zu tun hat, will es einfach nicht hinnehmen, dass stadtbekannte Drogendealer oder Bordellbesitzer und ihre zahlreichen Familienmitglieder jeden Monat Stütze von einem hilf- und zahnlosen Staat kassieren. Wer wundert sich da noch über die Buch-Verkaufszahlen eines gewissen Herrn Sarrazin und die Wahlerfolge einer bestimmten Partei?!

Man kann sich daran stören, dass es immer wieder die gleichen Abläufe sind, die da erzählt werden. Man kann sich fragen, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn es bringt, in den verschiedenen Clans all die Straftaten und (oft fehlenden) Verurteilungen aufzuzählen. Man kann sicher auch kritisieren, dass die Autoren mit mancher Formulierung auch bewusst “Stimmung machen”, also mit Emotionen spielen. Es gibt auch eine Prise “Reißerisches” in der Darstellung.
Ich hätte mir ein wenig mehr grundlegende Analyse und etwas weniger “Sex and Crime” gewünscht, insgesamt noch ein wenig mehr Sachlichkeit. Denn die Situation spricht eigentlich für sich selbst und bräuchte kein sprachliches Aufheizen.

Unterm Strich wurde hier ein sehr informatives Buch vorgelegt, das insbesondere Lerser/innen ansprechen wird, die gesellschaftliche Fragestellungen gerne auf der Ebene von Einzelfällen und -schicksalen vermittelt bekommen.
Nach diesem Buch kann wohl niemand mehr ernsthaft behaupten, dass die ganze Problematik nur hochgeredet würde. Wer das tatsächlich (noch) denkt, sollte dieses Buch lesen.

The Day Before

Die meisten historischen Momente bekommen ihre Wertung nachträglich zugeschrieben – weil sie einfach passieren (z.B. der Mauerfall oder 9/11).
Die gerade stattfindende Wahl in den USA ist ein historisches Ereignis mit Ansage: Das Ergebnis kann das Schicksal unserer und der nächsten Generation entscheidend beeinflussen.

Ist das nicht eine Übertreibung? Ich glaube nicht!

Eine Wiederwahl Trumps würde die Chancen schwächen, der drohenden Klimakatastrophe entgegenzutreten. Sie würde das politische und moralische Klima in Amerika und weltweit negativ beeinflussen und internationale Kooperation erschweren. Sie wäre ein Triumph für Egoismus und Charakterlosigkeit, für Lügen, Inkompetenz und Wissenschaftsfeindlichkeit.
Dieser Mann könnte in den nächsten vier Jahren Entscheidungen fällen und verhindern, die viele Millionen anderer Menschen mit noch so vielen Bemühungen nicht ausgleichen könnten.

Es ist nicht auszuschließen, dass die USA in den nächsten Tagen und Wochen in ein Chaos von Konflikt und Gewalt geraten. Damit wäre niemandem gedient, aber vielen geschadet. Auch wenn man Amerika nicht besonders mag – man sollte diesem Land eine solche Situation nicht wünschen.

Es gibt nur eine Variante, die so etwas wie eine echte Trendwende zum Positiven beinhalten könnte: Die Demokraten brauchen einen glasklaren Sieg – so eindeutig, dass der Schock darüber die aufgeheizten Trump-Fanatiker zum Schweigen bringt.

Ich bin kein naiver Biden-Fan. Es ist traurig, dass dieses große Land keine andere Führungspersönlichkeit zu bieten hat. Auch ich weiß, dass die Probleme Amerikas über die Person Trump hinausreichen. Aber im Moment kann man nur hoffen, dass es einen ersten Schritt in eine positive Richtung gibt.

Es ist kein theoretisches Interesse, mit dem ich dem nächsten Morgen entgegensehe. Ich fühle mich persönlich beteiligt. Vermutlich werde ich in der Nacht irgendwann Smartphone oder TV einschalten.
Ein bisschen Angst habe ich vor diesem Moment…

“Das Zeitalter der Angst” von Pete TOWNSHEND

Bewertung: 4 von 5.

Es mangelte mir ganz sicherlich nicht an Motivation, mich diesem Roman zuzuwenden. Von seiner Existenz zu erfahren, ihn herunterzuladen und die ersten Zeilen zu lesen war eine Sache von wenigen Stunden. Wenige Tage später schreibe ich diese Zeilen.

Woher stammt diese Zielstrebigkeit?
Nun, der Autor ist mir nicht nur als Schriftsteller (durch eine erste Veröffentlichung 1985 und seine Autobiografie von 2012) bekannt. Pete TOWNSHEND ist einer der prägenden Rockmusiker der letzten (fast) 60 Jahre, der mit seiner Band THE WHO Musikgeschichte geschrieben hat. Dies gilt im doppelten Sinne des Wortes – denn TOWNSHEND hat mit seiner Band hat nicht nur ganze Generationen (“My Generation”) beschallt, sondern hat auch hunderte von Song-Texten verfasst – u.a. für zwei stilbildende Konzeptalben (“Tommy” und “Quadrophenia”).
Bedeutsam für dieses Buch ist dabei noch eine Besonderheit: TOWNSHEND – gestartet als Kunststudent – hatte schon immer einen ausgeprägten Sinn auch für visuelle und ästhetische Reize, spielte also auf einer breiten kulturellen Klaviatur. An die Stelle der Inszenierung der frühen Auftritte als Zerstörungsorgien traten später aufwändige Lasershows und die Einbeziehung von Spielfilmen und Musicals als zusätzliche Darstellungsformen.
Kurz gesagt: TOWNSHEND war nie der Malocher-Rocker oder der Mädchen-Schwarm, sondern hatte immer einen gewissen intellektuellen Anstrich. Auch die zerhackten Gitarren waren für ihn ein zu Marketing-Zwecken eingesetztes Kunst-Happening.
Das berufsspezifische Drogenproblem hat er allerdings nicht ausgelassen; bei Ihm ging es schwerpunktmäßig um Alkohol; die andere Seite seiner Sinn-Suche war auf die spirituelle Welt des indischen Mystizismus gerichtet (sein Guru hieß Meher Baba).

Dem aktuellen Roman nähert man sich am besten über die ungewöhnliche Zusatzbezeichnung auf dem Cover; dort heißt es: “Ein Kunstroman”.
Bei einem der beiden ganz großen Themen dieses Buches geht es um die Verschmelzung der unterschiedlichen Kunstformen, u.a. um die Frage, wie innere Bilder (Fantasien, Träume, Erscheinungen, drogeninduzierte Halluzinationen) in Worte (Texte) und schließlich in Klänge (Musik) ausgedrückt/übersetzt werden können.
In diesem Bereich liegt wohl am ehesten die literarische Kraft dieses Romans. TOWNSHEND schildert die Vermischung von Bildern und Klängen in einer sprachgewaltigen Wucht, die wohl ihresgleichen sucht. Diese assoziativen Wort- und Satzkaskaden lassen sich wohl nur auf dem Hintergrund eigener einschlägiger (Drogen-)Erfahrungen erschaffen.

Auch dieser spektakuläre Aspekt des Romans ist aber – so wie die anderen thematischen Schwerpunkte – in einen erzählerischen Rahmen eingesponnen. Der Ich-Erzähler (ein erfolgreicher Kunsthändler) schaut aus einer sicheren zeitlichen Distanz auf einen turbulenten Abschnitt seines eigenen Lebens zurück. Dabei richtet sich der Spot auf eine Gruppe von insgesamt ca. einem Dutzend miteinander verwandten oder gut bekannten Personen, die sich rund um eine Hauptperson, den Sänger und Musiker Walter gruppieren, dessen Patenonkel und Mentor der Erzähler ist. Weitere männliche Protagonisten sind Walters Vater, seine Bandkollegen und der Manager. Wichtiger sind aber eine Reihe von (allesamt irgendwie sehr erotischen) Frauen, die meisten davon (wie die Tochter des Erzählers) jung und alle in Walter verliebt. Aber das mit dem Alter ist so eine Sache: Das geht nämlich ein bisschen durcheinander – und daran ist der Erzähler nicht ganz unbeteiligt.

Tatsächlich nehmen die unterschiedlichen Liebessehnsüchte und -affären innerhalb dieser ziemlich abgeschlossenen Biotops einen beträchtlichen Raum ein. Dabei geht es um alte Sünden und deren (lange unentdeckten) Spätfolgen, es geht um Schuld, Verantwortung, Eifersucht, Verführung, das Begehren von älteren Männern und späte Liebe.
Braucht man das? Ist das literarisch ansprechend?
Ich habe da so meine Zweifel.

Ja, es gibt noch ein Thema, das da so am Rande mit anklingt.
Es geht um unterschiedliche Musikstile und deren Verankerung in persönlichen Biografien. Wir bekommen Kontakt zu einem Hoch-Kultur-Musiker (Organisten), zu einer bodenständigen Kneipen-Rock-Truppe und zu Rockmusikern, die ihr Spektrum und ihre Ausdrucksformen künstlerisch erweitert haben.
Hier geht es auch um die (magische?) Verbindung zwischen Musiker und Publikum – wie sie sich gegenseitig spüren, brauchen und manchmal auch aussaugen oder miteinander verschwimmen.

Vielleicht ist es schon deutlich geworden: Dieser Roman ist durchaus vielschichtig – manchmal im besten Sinne künstlerisch, manchmal sperrig und irritierend, manchmal auch verblüffend kitschig. Er ist sicher eher ein literarisches Werk als ein Unterhaltungsroman.

Im meinem Bekanntenkreis kenne ich maximal eine Person, der ich dieses Buch empfehlen könnte. Es ist schon sehr “speziell”. Eine hohe Anfangsmotivation ist wohl notwendig. Für die meisten Leser wird die wohl über die Bedeutung des Autors Rock-Star generiert werden.
Ich bin sehr gespannt, ob man in den Feuilletons diesen Roman als literarisches Ereignis zur Kenntnis nimmt.

Übrigens: Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen (aufgerundet auf 4)


Wie war das nochmal mit den Masken…..???

Ja, ich weiß!
Jeder darf auch mal Fehler machen, man muss nicht auf alles gleich mit einem shitstorm reagieren, wir sollten nicht alles skandalieren.

Aber – es gibt auch öffentliche Auftritte, die sind so peinlich, unerklärlich und gefährlich, dass eine Empörungsreaktion nicht nur verständlich, sondern sogar notwendig erscheint.

Es geht noch mal um den Ärztekammerpräsident Reinhardt, der bei Lanz seine weitgehenden Zweifel an dem Sinn und der Wirksamkeit von Masken nicht nur einmal, sondern – auf wiederholtes Nachfragen – in zunehmend verschwurbelter Form mehrfach geäußert hat. Dabei hat er später zwar z.T. seiner ersten Aussage widersprochen, letztlich aber immer weitere Argumente (“Vermummungs-Gebot”) angeführt, die alle aktuellen Bemühungen zur Eindämmung von Corona konterkariert haben.

Das macht dieser oberste Ärzte-Vertreter zu einem Zeitpunkt, wo die “zweite Welle” gerade in alle Statistiken schwappt und jede Menge Untersuchungen über die Wirksamkeit letztlich aller Masken vorliegen.

Gerade lese ich, dass Herr Reinhardt der Erstunterzeichner einer Erklärung mehrerer Fachgesellschaften ist, die sowohl den Nutzen von Masken als bewiesen ansieht als auch die dringende Empfehlung zu deren Gebrauch gibt.

Es ist ja okay, dass er sowas unterschreibt – aber wo lag der Zettel mit der Rücktrittserklärung?
Wer soll diesen Menschen denn bitte noch ernst nehmen, worauf soll seine Autorität noch beruhen?

In solchen Momenten wünsche ich mir so etwas wie einen traditionellen Begriff von “Ehre”. Fehler können passieren – aber ab einer bestimmten Größenordnung übernimmt man dann auch die Verantwortung. So hätte jemand, der von seiner Funktion her einer Elite angehört, sogar in dieser Situation noch ein gesellschaftliches Vorbild sein können.

Ist unsere Zukunft prechtig oder (th)elendig?

Gestern war es endlich so weit; mein Wunsch ging in Erfüllung: Bei Lanz trafen PRECHT und THELEN aufeinander – mit der Erwartung, dass sie ihre unterschiedlichen Visionen über unsere Zukunft in einem kontroversen Dialog austragen.
Grundlage dafür waren ihre beiden jüngsten Veröffentlichungen (s. PRECHT, THELEN).

Eine gefühlte Ewigkeit musste man warten, bis eine unsägliche und total überflüssige Diskussion über den Nutzen von Masken bei der Corona-Bekämpfung endlich vorbei war.
Was dann geboten wurde, war mir viel zu kurz und eher oberflächlich.

Natürlich konnte THELEN seine Technik-Fantasien (“Hyperloop”) und seine Bewunderung für die großen Digital-Pioniere einbringen. PRECHT trat moderat und (etwas zu) defensiv auf. Er machte deutlich, dass es ihm weder um einen Feldzug gegen Amazon, Google & Co, noch um eine allgemeine Innovationsverweigerung geht. Er machte auf die Gefahren der enormen Machtkonzentration in den wenigen Mega-Konzernen aufmerksam, brachte Beispiele für “Big-Data” und verdeutlichte, dass er insgesamt weniger Heil von einer rein technologischen Zukunftsbewältigung erwartet.
Einig war man sich dann, dass es dringend Investitionen in eine deutsche bzw. europäische Digital-Offensive geben sollte – und zwar in Bereichen, die noch nicht “uneinholbar” besetzt sind. So war der Ausklang relativ harmonisch.

Was mir eindeutig gefehlt hat, war ein mutigeres Gegenmodell zum Steigerungs-Mindset von THELEN. Es reicht mir nicht, dass man auf den Zeitdruck und auf die zusätzliche Notwendigkeit von Einschränkungen und Verboten hinweist.
Wo blieb z.B. die Frage nach dem gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen von all den Produkten, die THELEN und seine Szene “cool” finden? Wer redet darüber, dass es zuerst um die Grundversorgung der demnächst ca. 10 Milliarden Menschen gehen muss? Welches wirklich existenzielle Menschheitsproblem wird z.B. dadurch gelöst, dass man viele Milliarden in ein futuristisches Verkehrsmittel (Vakuum-Röhre) steckt, dass dann (nachdem unglaubliche Ressourcen verbraucht wurden) eine kleine Elite von Menschen weitgehend CO2-neutral mit 1400 km/h von X nach Y bringt?
Warum weist PRECHT nicht stärker darauf hin, dass Ziele und Prioritäten für unsere Zukunft doch möglichst durch geplante gesellschaftliche Entscheidungen zustande kommen sollten – und eben nicht durch Marktmechanismen bzw. durch das, was gerade technisch möglich erscheint.

Ganz offensichtlich kann PRECHT immer dann punkten, wenn er konkrete Vorschläge macht – z.B. bzgl. einer Sondersteuer auf den Online-Handel. Dann wird deutlich, dass THELEN zwar “im Prinzip” ähnliche Werte und Prinzipien vertritt (“es wäre schön, wenn die Städte nicht veröden würden”), aber eben keinen Gedanken darauf verschwendet, wie man die (unerwünschten) Folgen der Digitalisierung bändigen könnte. Dafür bleibt keine Zeit, denn da wartet ja das nächste coole Produkt und alle wollen es schnell haben…

Man hätte gerne mitdiskutiert…

Den relevanten Ausschnitt der Sendung gibt es hier.

(Das Wortspiel in meiner Überschrift finde ich übrigens “cool”)


“Quantenträume” von Hao JINGFANG u.a.

Bewertung: 5 von 5.

Vom HEYNE-Verlag wird ein Sammelband mit 15 chinesischen Science-Fiction-Kurzgeschichten vorgelegt. Den Erzählungen wird jeweils ein kurzes Autoren-Profil vorangestellt. Eingerahmt wird das Ganze durch ein Vorwort des weltbekannten Autors Cixin LIU (“Die drei Sonnen”) und einer kurzen, aber informativen Nachbetrachtung.

Zentrales Thema der Stories ist die Künstliche Intelligenz (im Folgenden – wie allgemein üblich – mit “KI” abgekürzt). Die Mehrzahl der ausgesuchten Texte befasst sich in irgendeiner Form mit den Irrungen und Wirrungen, die sich zwischen Menschen und ihren intelligenten Robotern ergeben.
Aufgrund der breiten Streuung der Autoren ergeben sich Einblicke in sehr unterschiedliche Erzählstile, in denen mal eher das Technische, meist aber das Menschliche im Vordergrund steht. Die Geschichten sind in den letzten 20 Jahren entstanden und stammen aus der Feder (besser: aus der Tastatur) von mehr oder weniger etablierten Autoren zweier Generationen. Allen gemeinsam ist, dass sie für nationale Literaturpreise schon mindestens nominiert waren; einige haben es auch schon zu internationaler Beachtung gebracht.

Mit der diffusen Erwartung eines ahnungslosen Neugierigen war ich darauf gespannt, ob und wie fremd mir wohl der chinesische Blick auf die KI erscheinen würde. Möglicherweise könnte sich ja ganz schnell eine “typische”, irgendwie “gleichgeschaltete” – vermutlich aber auf jeden Fall total optimistische Haltung herauskristallisieren. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Chinesischen Führung, innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte zur führenden KI-Weltmacht zu werden.

Erlebt habe ich dann eine echte Überraschung.
Die Geschichten sind erfrischend vielfältig, einige sind technisch-verspielt, andere ernsthaft-doppeldeutig, wiederum andere total witzig. Sie zeigen Perspektiven, die eher eine entspannte, manchmal auch kritische Distanz zur KI-Welt bezeugen als irgendeine Form der naiven Verherrlichung.
Um es anders zu sagen: Die Erzählungen sind ziemlich “normal”. Die meisten der geschilderten Figuren könnten – mit anderen Namen ausgestattet – auch in westlichen Ländern agieren. Die Frage, ob und unter welchen Umständen sich die KI-Roboter gegen ihre “Herren” wenden könnten, ist genauso wenig kulturgebunden wie die ethische Frage, ab welchem Punkt eines “Ich-Bewusstseins” denn den Kunstwesen eigene Persönlichkeitsrechte zustehen müssten.

Es macht echtes Vergnügen, diese 15 Geschichten zu lesen. Man erhält ein unterhaltsames Potpourri von Ideen, Konstellationen und Stilen. Langeweile oder gar Überdruss ist ausgeschlossen. Und themenspezifische Denkanstöße bekommt man auch – auf eine lebendige und anregende Weise.
Man muss kein Nerd sein, um die Geschichten zu genießen; vermutlich kann man aber mit einem erweiterten Hintergrundwissen die ein oder andere Anspielung noch besser verstehen.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr gelungenes Projekt, mit dessen Hilfe es auf bequeme Art möglich wird, in eine sonst nicht so leicht zugängliche literarische Welt einzutauchen. Und schön aufgemacht ist das Buch auch noch.
Empfehlenswert!

“Vakuum” von Phillip P. PETERSON

Bewertung: 3 von 5.

Von Haus aus ist PETERSON Ingenieur im Bereich Raumfahrt, inzwischen ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor. Das ist sicher keine schlechte Kombi.

Es geht in dem Buch um nicht weniger als den kompletten Weltuntergang. Schuld ist ein kosmisches Phänomen, das mit der Ausbreitung eines Vakuums zu tun hat.
Weitere Angaben zur Basis-Handlung verbieten sich aus meiner Sicht, denn sie wären eine Vorwegnahme von Ereignissen, die Teil des Spannungsbogens sind.
Nur so viel: Es gibt noch eine zweite Erzähl- und Zeitebene. Und irgendwo und irgendwie sollte es doch eine Verbindung geben…

Es werden einige Protagonisten eingeführt, die dem Plot den notwendigen persönlichen Touch geben. Natürlich laden einige dieser Figuren den Leser zur Identifikation ein. Ihr Schicksal ist mit dem Erkennen der Gefahr bzw. mit den Anstrengungen verbunden, einen Ausweg aus der tödlichen Bedrohung zu finden.
Es geht dabei u.a. um engagierte Wissenschaftler/innen, promiskuitive Raumfahrer, sterbende Mütter, mehr oder weniger verantwortliche Politiker und eine Ehe, die eigentlich gescheitert ist, aber…
Kurz gesagt: Es geht – welch Überraschung – auch angesichts des totalen Lockdowns menschlich, allzu menschlich zu.

Auch um Technik geht es – wie auch sonst. Um sehr besondere Technik, deren Plausibilitäts-Niveau sicherlich zu größeren Kontroversen zwischen den Freunden des Genres führen könnten.
Wie so oft: Man muss ich halt einlassen – oder es sein lassen!
(Obwohl: Das mit dem handwerklichen Schweißen der Stahlplatten – das ist schon grenzwertig; ebenso die Antriebstechnologie).

Doch auch den psychologischen und sozialen Prozessen wird einige Aufmerksamkeit gewidmet: PETERSON versucht sich auszumalen, wie die Menschheit auf die Bedrohung reagiert – und wie viel Einfluss darauf man vielleicht durch geeignete Öffentlichkeitsarbeit bzw. Zwangsmaßnahmen nehmen kann.

Mir persönlich hat der Auftakt am besten gefallen, also der Weg bis zum vollständigen Erkennen der dramatischen Ausgangslage. Da fühlt man sich gut mitgenommen: Es entstehen die Handlungsstränge und man freundet sich langsam mit den agierenden Personen an.
Bei der Figur des geläuterten Playboy-Astronauten gibt es dann den Versuch, eine differenzierte, mehrschichtige Figur zu gestalten. Na ja…

Zu Gute halten muss man dem Roman schon, dass die zweite Dimension (wo und wann sie immer spielt) die Sache zusätzlich komplex und reizvoll macht. Da stecken ein paar schöne Ideen drin. Nett konstruiert!

Insgesamt ist das alles gute, solide Kost, aber sicher kein literarischer Leckerbissen. Vieles ist auch ein wenig zu erwartungsgemäß. Besondere Herausforderungen stellen sich weder inhaltlich oder erzähltechnisch, noch sprachlich – am ehesten noch hinsichtlich der Plausibilität (aber darüber sprachen wir ja schon).
Kalkulierbare Unterhaltung – es gibt sicherlich anspruchsvollere Science-Fiction.