“Die Illusion der Vernunft” von Philipp STERZER

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Psychiatrie-Professor STERZER hat hier ein Buch vorgelegt, in dem – über sein Fachgebiet hinaus – vor allem Erkenntnisse aus der (kognitiven) Psychologie, der Neuro-Wissenschaften und der Evolutions-Biologie zusammenfließen.
Herausgekommen ist dabei eine sehr spezielle Mischung, deren Inhalt und Schwerpunktsetzung aus dem Titel (und Untertitel) nicht abzuleiten ist.
Das große Thema des Buches ist die gemeinsame Sicht auf das Entstehen, den Wahrheitsgehalt (die Rationalität), die Funktionalität und den evolutionären Vorteil von Überzeugungen sowohl bei gesunden, als auch bei psychisch kranken Menschen.

Ganz eindeutig liegt der psychiatrische Interessensschwerpunkt des Autors im Bereich der Schizophrenie, insbesondere bei der häufig auftretenden Wahnsymptomatik. Grob gesagt behandelt STERZER solche Wahnideen als eine Sonderform von Überzeugungen und untersucht, in welchem Umfang diese den gleichen “Gesetzmäßigkeiten” und Dynamiken unterliegen wie die ganz “normalen” Überzeugungen von Durchschnittsmenschen.
Ihn interessiert dabei insbesondere, warum (in beiden Fällen) so häufig offensichtlich “irrationale” (empirisch nicht haltbare) Überzeugungen entstehen und sich gegen massive Widerstände (andere Meinungen, Fakten, eigene Erfahrungen) behaupten.
Erklärungen findet der Autor in (allseits bekannten) kognitiven Verzerrungstendenzen, in grundlegenden neurologischen Mechanismen und in den evolutionären Überlebensvorteilen.

Die zentralen Thesen von STERZER ranken sich um die “Predictive-Processing-Theorie”, also der Sichtweise, dass unser Gehirn eine (ziemlich geniale) Vorhersage-Maschine ist, die permanent damit beschäftigt ist, aufgrund bisheriger Wahrnehmungen und Erfahrungen die zukünftigen Ereignisse (Sinnesreize) zu antizipieren. Meldungen an die höheren Hirnzentren finden nur bei Abweichungen von den Prognosen statt – was eine sehr effiziente Möglichkeit darstellt, das Gehirn zu entlasten.

Der Autor will ganz allgemein Abweichungen von der “Rationalität” enttabuisieren und entpathologisieren: Unser Säugetier-Gehirn ist nicht auf Wahrheit oder Vernunft programmiert, sondern auf Nützlichkeit für Überleben und Fortpflanzung. Da heiligt der Zweck oft die Mittel: Bestimmte Verzerrungen und Irrationalitäten können durchaus einen evolutionäre Vorteil mit sich bringen (z.B. die Konzentration auf mögliche Gefahren und das “übertriebene” Erkennen von Mustern, Kausalitäten bzw. Absichten).
In diesem Zusammenhang wirbt STERZER mehrfach zu Selbstkritik und Toleranz: Sind wirklich nur die Überzeugungen anderer Menschen mit soviel Irrationalität getränkt und so immun geben Logik und Empirie?

STERZER bietet ein hochinteressantes, didaktisch gut aufbereitetes und allgemeinverständliches Buch, das lobenswerter Weise stark interdisziplinär ausgerichtet ist. Viele Beispiele sind alltagsbezogen; Fachchinesisch wird weitgehend vermieden.
Einschränkend wäre allerdings zu bemerken, dass der Autor sich an einigen Stellen doch ein wenig festbeißt und dann auch eine gewisse Redundanz entsteht (manche Schlussfolgerungen liest bzw. hört man dann doch ein paarmal zu oft…).
Auch wird nicht für jede/n Leser/in der doch sehr starke Bezug auf (schizophrene) Wahnsymptomatik so interessant und relevant sein: Man muss schon ein gewisses Interesse an dieser psychiatrischen Störung mitbringen, um in vollem Umfang von den Ausführungen zu profitieren.

Trotzdem: “Die Illusion der Vernunft” ist ein anregender Ausflug in die Kognitionswissenschaften; da man von STERZER gut begleitet wird, ist er durchaus auch für wenig geübte Reisende geeignet.

“System Error” von Solveig ENGEL

Bewertung: 3 von 5.

Es liegt voll im Trend, Bücher über den – aktuellen oder drohenden – Überwachungsstaat zu schreiben. Man muss nicht lange nach einem Stoff suchen, wenn man sich z.B. die aktuellen digitalen Systeme in China als Anregung nimmt.
Es fehlt dann nur noch ein passender Plot – und schon ist der nächste warnende Blick in die nähere Zukunft fertig.

In diesem krimi-affinen Roman geht es um einen ganz besonderen Big-Data-Algorithmus, der in der Lage ist, Verbrechen nicht nur aufzuklären, sondern letztlich sogar vorherzusagen. Entwickelt wird dieser geniale Code in einer privaten Firma, die durch zwei Teilhaber getragen wird, die sich im Laufe der Story zu unerbittlichen Gegnern entwickeln.
Während Marow einer echten Berufung folgt und der absoluten Korrektheit seiner Software verpflichtet ist, denkt der windige Kyle eher an Geld und Macht.

Als zentrale Bewährungsprobe für die Genialität des Verbrecher-Aufspür-Codes dient die Entlarvung eines bis dahin unbescholtenen Journalisten. Nach diesem spektakulären Erfolg stand dem Siegeszug des Programms nichts mehr im Wege. Kaum jemand zweifelte noch an seiner Schuld…
(Ganz nebenbei gerät dieser Ravi noch in eine rechtsterroristische Verschwörung; die Schilderung seiner Einschleusung in den inneren Kern ist dermaßen hanebüchen, dass es einem die Sprache verschlägt).
Mit von der Partie sind u.a. ein rechtslastiger Investor und ein Innenminister, der von der totalen Sicherheit für seine Bürger und Wähler denkt.

Wie fast immer geht es in dem Roman um “Gut gegen Böse”; wie leider so oft verläuft dieser Kampf ein wenig holzschnittartig und klischeehaft. In “System Error” geht es um gute und böse Programme und Programmierer, um Verrat und Intrigen, um Moral und Korruption.
Es geht auch um eine Welt, die sich nach absoluter Berechenbarkeit und Sicherheit sehnt und um eine Digitalisierung, die scheinbar unaufhaltbar in einen gesellschaftlichen Abgrund führt.

Allerdings trägt ENGELs Roman aufgrund seiner inhaltlichen Konstruktion wenig zu dem – eigentlich ja sehr spannenden – Grundsatzkonflikt zwischen “Freiheit und Sicherheit” bei: Letztlich sind es finstere Machenschaften eines Einzelnen, die das Überwachungs-System scheitern lassen – nicht die digitale Datenanalyse selbst. Man hätte gerne erfahren, was denn aus der seriösen Version des großen “Cyb-Systems” geworden wäre.
Der Showdown am Ende des Romans wirkt ein wenig aufgesetzt und kann zur Grundproblematik auch nichts mehr beitragen.

Obwohl ENGEL den Roman sprachlich ansprechend ausgestaltet, überzeugt die Geschichte inhaltlich insgesamt nicht wirklich. Man kann sich als Leser/in zwar in der Skepsis gegen Big-Data bestätigen lassen – einige Aspekte des Plots wirken aber wenig überzeugend.

“Freiheitsgeld” von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 3 von 5.

ESCHBACH nimmt uns diesmal mit in eine Welt, in der es zwar ein bedingungsloses Grundeinkommen (das Freiheitsgeld) gibt, gleichzeitig aber auch extreme Unterschiede zwischen der Durchschnittsbevölkerung, einer hervorgehobenen Aufsteigerklasse und einer mächtigen und steinreichen Elite.
Wir ahnen es schon: So ganz harmonisch wird es in diesem System nicht zugehen…

Getragen wird die Geschichte von folgenden Personen: dem alten politischen Erfinder des Freiheitsgeldes, einem (ebenfalls in die Jahre gekommenen) journalistischen Kritiker, einem Ermittlungsbeamten, seiner Frau und seinem etwas abgedrehten Bruder und schließlich einem Physiotherapeuten und seiner Familie.
Wir schreiben das Jahr 2064, haben selbstfahrende Autos, etwas aufgemotzte Smartphones und befinden uns in einer deutlich veränderten Umgebung, in der riesige Schutzzonen dem Klimawandel entgegenwirken sollen.
Seit 30 Jahren sichert das Freiheitsgeld allen Bürgern ein einigermaßen gutes Auskommen. Arbeiten müssen nur die Menschen, die entweder reich werden wollen oder sich gerne in einer bezahlten Tätigkeit entfalten wollen.
Zwei Todesfälle, die kurz hintereinander passieren, bringen das Ganze ins Laufen. Die Story mischt munter die Handlungsfäden der beteiligten Figuren. Dabei gibt es bekannte Erzähl-Muster und auch ziemlich abstruse Aspekte, die man nicht wirklich bräuchte.

ESCHBACHs Meta-Thema ist ohne Zweifel das Grundeinkommen: Tut es den Menschen und der Gesellschaft wirklich gut, wenn für den eigenen Lebensunterhalt keine eigenen Anstrengungen und Leistungen erbracht werden müssen?
Der Autor bezweifelt das offensichtlich. Einmal auf der psychologischen Ebene, auf der Anstrengung, Leistung und Selbstwirksamkeit bedeutsame Aspekte darstellen. Darüber hinaus konstruiert ESCHBACH in seinem Roman ein perfides Ausbeutungssystem, das letztlich die Vorzüge der “Freiheit” der finanziellen Absicherung in Frage stellt. So richtig überzeugend wirkt das nicht.

Der Roman hält sich mit der Darstellung der technischen und gesellschaftlichen Veränderungen der nächsten 40 Jahre ziemlich zurück. Es scheint so, als ob es dem Autor nicht besonders wichtig gewesen wäre, hier viel Fantasie zu investieren.
Es gibt jedoch eine deutliche Neigung zu nostalgischer (vor-digitaler) Technik, die insbesondere die Funktion hat, private Schutzräume für Informationen in einer totalüberwachten Welt zu erhalten.

Dieser Roman packt zwar mit dem Grundeinkommen ein gesellschaftlich relevantes Thema an, verliert sich aber teilweise in überflüssigen Nebengleisen. Stellenweise bekommt er den Charakter eines missionarischen Plädoyers gegen das Freiheitsgeld.
Die Sache mit der geheimen Elite erscheint ein wenig aufgesetzt.

ESCHBACH weiß auch mit diesem Roman zu unterhalten; seine treuen Fans werden nicht enttäuscht sein. Begeisterung löst dieses Buch aber nicht aus.

“Der Klon” von Jens LUBBADEH

Bewertung: 3.5 von 5.

Auf die Versuche, die geschichtliche Singularität Adolf Hitler in die zeitgenössische Unterhaltungsliteratur einfließen zu lassen, habe ich bisher eher mit Distanz und Skepsis reagiert. So habe ich auch diesen in der nahen Zukunft (2033) spielenden Roman mit gemischten Gefühlen begonnen.
Vorweg sei deshalb gesagt: Es findet keine Banalisierung der Nazi-Schreckensherrschaft und der Figur Hitler statt.

LUBBADEH verbindet in seinem Roman die ethische Problematik des Klonens von Menschen mit der politischen Bedrohung durch das Erstarken einer Rechts-Partei in Deutschland.
Nur so viel sei verraten: Es wurde (in Südkorea des Jahres 2008) tatsächlich erfolgreich versucht, Hitler zu klonen – mit dem langfristigen Ziel, ihn dann als Erwachsenen in die Dienste der Partei bzw. des rechten Umschwungs zu stellen.
Erzählt wird eine ziemlich verworrene Geschichte, in der neben dem Klon-Wissenschaftlern auch zwei Parteiführer, ein ebenfalls geklontes Brüderpaar und eine um Aufdeckung bemühte Journalistin die Hauptrollen spielen.
Der Autor lässt es sich nicht nehmen, auch die realen Parteien (mit ihren Original-Namen) in das Ränkespiel um die Macht zu schicken; nur die Rechten heißen anders (obwohl natürlich jede/r weiß, wer gemeint ist).

Das Klonen selbst wird nicht nur an der Stelle hinterfragt, wo es um den “Ersatz” für früh verstorbene eigene Kinder geht; noch heftiger wird um die Frage gestritten, im welchem Umfang die (identischen) Gene die Persönlichkeit eines Menschen festschreiben, sein zukünftiges Verhalten determinieren oder sogar die Schuld des “Vorgängers” in sich tragen.
Ganz unabhängig von der Exzentrik der kurvenreichen Story bietet damit dieser Polit-Thriller durchaus einen interessanten thematischen Background an.

Der Roman entwickelt einen beträchtlichen Drive, arbeitet mit Spannungsbogen und hält Überraschungen bereit (die aufmerksame Leser/innen schon recht früh erahnen).
Das Einweben des Plots in den – etwas fortgeschriebenen – deutschen gesellschaftlichen und politischen Alltag erscheint mir gut gelungen.
Der Autor vermutet, dass sich eine breite Stimmung gegen die Klima-Politik ausbilden wird, die dem Rechtsruck den Boden bereitet (was nicht die unrealistischste Perspektive sein mag).

LUBBADEHs Buch bietet spannende und – phasenweise – auch anregende und informative Unterhaltung- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Allerdings sollte man nicht allzu empfindlich gegenüber extremen Ausschlägen und Wendungen sein. Es ist kein Roman der Nuancen und Differenzierungen – es geht es recht heftig zur Sache (zum Glück allerdings ohne Gewaltexzesse). Dass man gelegentlich (zumindest innerlich) den Kopf schütteln wird, sollte man einplanen.

“Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl” von Florian AIGNER

Bewertung: 4.5 von 5.

Ich habe es zunächst ein wenig unterschätzt, dieses locker-flockig aufgemachte Sachbuch. Neue Erkenntnisse habe ich kaum erwartet, mich auf eine interessante Vermittlung gefreut. Aber AIGNER bietet mehr als nur einen neuen Aufguss bekannter Selbstverständlichkeiten.

Mit dem Begriff der “Liebeserklärung” aus dem Untertitel ist die Richtung vorgegeben: Hier meldet sich ein Fan der Wissenschaft zu Wort. Seine Mission: Er will für die Wissenschaft werben, indem er Wissenschaft erklärt – die Prinzipien, die Methoden, die Entwicklung, die Grenzen.
Er tut das auf eine sehr strukturierte und leserfreundliche Art: Man fühlt sich gut geführt, erkennt jederzeit den roten Faden und hat immer wieder Anlass, über die humorvollen Beispiele zu schmunzeln.

Die größte Überraschung kommt gleich am Anfang: AIGNER startet mit einem – durchaus gehaltvollen – Ausflug in die Mathematik. Das dient gleich zwei Zielen: Einmal demonstriert der Autor anhand der unbezweifelbaren Eindeutigkeit bzw. logischen Stringenz mathematischer Axiome und Formeln den Unterschied zu den schrittweisen Erkenntnisprozessen der Wissenschaft. Zum anderen stellt AIGNER auch das fruchtbare Zusammenspiel zwischen Naturgesetzen und ihrer Darstellung in der kulturübergreifenden Sprache der Mathematik dar.
Natürlich werden in diesem allgemeinverständlichen Sachbuch grundlegende empirische Methoden, die verschiedenen Wege zur Bildung von Theorien und der statistische Rahmen für die Prüfung von Hypothesen ausführlich erklärt. Ein bisschen Erkenntnistheorie ist auch dabei.

Einen Schwerpunkt setzt AIGNER bei der Verteidigung der Wissenschaft (als Königsweg zum Weltverstehen) gegenüber mehr oder weniger unseriösen Angriffen von Zweiflern und Gegnern. Er demonstriert an den großen Umbrüchen insbesondere der Physik und Astronomie, dass gerade die Weiterentwicklung und Selbstkorrektur zu den Qualitätsmerkmalen des wissenschaftlichen Vorgehens gehört. Darüber hinaus macht der deutlich, dass frühere Theorien sich in der Regel oft nicht als “falsch”, sondern als “nur begrenzt gültig” erwiesen haben. Anders gesagt: Die meisten unserer Alltagsphänomene sind weiterhin auch ohne Relativitätstheorie und Quantenmechanik erklärbar.
AIGNER widmet sich auch den Unterschieden zwischen Naturwissenschaften und der Erforschung komplexer sozialer und psychologischer Phänomene.

Erhellend und amüsant sind die Beispiele, mit deren Hilfe AIGNER das Prinzip “Wissenschaft” von Versuchen abgrenzt, die Welt mithilfe religiöser, esoterischer oder verschwörungstheoretischer “Weisheiten” zu erklären. Zurecht kritisiert er in diesem Zusammenhang auch die Neigung vieler Medien, haltlose Positionen quasi gleichberechtigt der wissenschaftlichen Expertise gegenüberzustellen.
Erfrischend klar arbeitet der Autor heraus, dass die Beweislast immer dort liegen muss, wo Behauptungen aufgestellt werden, die bewährte und empirisch unterlegte Sichtweisen in Frage stellen; wenn ich Positionen vertrete, die vom Prinzip her nicht beweis- oder widerlegbar sind, befinde ich mich außerhalb einer seriösen Diskussion.

Auch die Grenzen und Schattenseiten des Wissenschaftsbetriebs bleiben nicht unerwähnt; Wissenschaftler sind weder Heilige, noch wären sie dazu geschaffen oder befugt, moralische oder politische Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Auch strukturelle Bedingungen sind z.T. so ausgelegt, dass z.B. systematische Verzerrungen bei den veröffentlichten Untersuchungen entstehen können.
AIGNER warnt auch davor, emotionale, spirituelle oder künstlerische Erfahrungen und Lebensbereiche gegen die Wissenschaft auszuspielen: All diese Phänomene haben natürlich ihre eigene Berechtigung – können auch durchaus auch Gegenstand empirischer Forschung sein.

Insgesamt wirkt das Plädoyer für die Wissenschaft als konkurrenzloses Erkenntnisprinzip der Menschheit absolut überzeugend. Am ehesten könnte man die Auseinandersetzung mit dem Vorwurf vermissen, dass ja (zweifellos) Wissenschaft und Technik auch sehr problematische Entwicklungen (Raubbau an der Natur, Atombomben) ermöglicht haben. Ein kleiner Schwenker in diese Richtung hätte dieses extrem informative und nützliche Buch zusätzliche abgerundet.
Es eignet sich sehr gut dazu, der – oft unqualifizierten und oberflächlichen – Wissenschaftsfeindlichkeit eine starke aufklärerische Stimme entgegenzusetzen.


“Das Ende des Kapitalismus” von Ulrike HERRMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Mein Titelvorschlag wäre gewesen: “Warum das mit dem grünen Wachstum nicht funktionieren kann.”
Aber egal: Dieses Buch hat es in sich und es berührt eine äußerst brisante und absolut zentrale Zukunftsfrage: Stimmt die Geschichte (modern: “das Narrativ”) von dem anpassungsfähigen Kapitalismus, in dem sich – auf der Basis grüner Energiegewinnung und zukünftiger Innovationen – Wirtschaftswachstum von CO2- und Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt und sich so gleichzeitig sowohl Nachhaltigkeit als auch Wohlstandsvermehrung erreichen lassen. Können wir uns also (nach der Bewältigung der Folgen des Ukraine-Krieges) einigermaßen entspannt auf die versprochene Transformation (“Dekarbonisierung”) unserer Wirtschafts- und Lebensweise einstellen, ohne schwerwiegende Einschränkungen verkraften zu müssen?
Die Antwort von Ulrike HERRMANN lautet: “Nein!”

Der Weg zu dieser Antwort will erarbeitet sein. Die Autorin (eine bekannte taz-Redakteurin) bietet in ihrem Buch gleich mehrere Lektionen kompaktes Wissen. Sie hat sich offenbar vorgenommen, ihre Leser/innen in die Lage zu versetzen, ihrer Argumentation inhaltlich zu folgen. Dafür scheut sie nicht davor zurück, erstmal den Kapitalismus zu erklären.
Nein, das ist nicht polemisch gemeint: Sie tut es wirklich!
HERRMANN erklärt, wie es losging, damals in England. Wie das war, mit den ersten Maschinen in der Textilindustrie. Warum es dort und nicht woanders passierte. Warum Kredite zu Geldvermehrung und Wachstum führen. Welche Rolle die Kolonien und der Sklavenhandel spielten (eine erstaunlich geringe). Welche Fortschritte und Wohltaten das kapitalistische Wirtschaften den Menschen gebracht hat. Usw.
Am Ende dieser Lerneinheit steht fest: Kapitalismus geht nur mit (Wirtschafts-)Wachstum – eine Regel ohne Ausnahme!

Der zweite Themenblock ist dem Ziel der aktuellen Zukunftspolitik gewidmet: Wie sähe ein nachhaltiges Wirtschaften aus? Was ist mit “grünem Wachstum” gemeint? Auf welchen Annahmen und Voraussetzungen baut es auf? Und vor allem: Sind diese überhaupt realistisch?
Auch hier bringt HERRMANN jede Menge Informationen ein, macht aber gleichzeitig (mit Zahlen hinterlegt) deutlich, dass sie die Kalkulationen, Erwartungen und Hoffnungen in hohem Maße für unrealistisch hält: Weder könne die für eine wachsende Wirtschaft notwendige (regenerative) Energie gewonnen, beschafft und verlässlich gespeichert werden, noch sei es möglich, die notwendigen Rohstoffe und sonstigen Ressourcen dauerhaft bereitzustellen. Den Hinweis auf die “zukünftigen Innovationen” hält sie für unseriös: Es verbliebe – angesichts der galoppierenden Klimakrise – gar nicht die Zeit, neue Technologien zu entwickeln, zu erproben und dann flächendeckend einzuführen; zumal das alles wiederum mit enormen Ressourceneinsatz verbunden wäre.

Nun könnte man vielleicht befürchten, HERRMANN würde aufgrund ihrer Analysen dafür plädieren, den Traum von der Nachhaltigkeits-Wirtschaft zu begraben – und stattdessen mit fossiler und Atom-Energie weiterzumachen. So könnte dann wenigstens der Kapitalismus und sein Wachstum gerettet werden.
Weit gefehlt!
Die Autorin hält ein radikales Schrumpfen unserer Wirtschaft für die einzige(!) Möglichkeit, einer Klima-Katastrophe zu entgehen. Und zwangsläufig wäre mit dieser – ökologisch alternativlosen – Entscheidung der (auf Wachstum angewiesene) Kapitalismus obsolet.

Im letzten Teil des Buches unternimmt HERRMANN einen wahrlich wagemutigen Versuch: Zunächst konstatiert sie, dass es noch keine wirtschaftswissenschaftliche Idee dazu gibt, wie ein Übergang in eine Schrumpf-Wirtschaft (“Post-Wachstums-Wirtschaft”) ohne katastrophale Verwerfungen gestaltet werden könnte. Dann traut sie sich aus der Deckung und stellt ein historisches Eingreifen des Staates als eine (grobes) Modell dar: Die englische Kriegswirtschaft im zweiten Weltkrieg.
Als zeitgemäße Nachfolgerin präsentiert sie das Konzept einer “Überlebenswirtschaft”, in der es zwar eine gesicherte (und gerechte) Grundversorgung für alle, aber (natürlich) keinen Flugverkehr, kaum noch private Autos und sehr viel weniger Fleisch auf den Tellern – dafür eine Kreislaufwirtschaft und eine “Sharing Economy” (man teilt sich den Besitz vieler Güter) geben würde. Das Leben wäre nicht schlechter, aber bescheidener (insbesondere für die vorher privilegierten Menschen, die sich einen besonders großen CO2-Fußabdruck geleistet hatten).
Um deutlich zu machen, dass damit keine Rückkehr in Steinzeit-Höhlen verbunden wäre, stellt sie in Aussicht, dass man sich vielleicht etwa auf einem Wohlstandniveau des Jahres 1978 einpegeln könnte.
Ein echter Hammer!

Man könnte jetzt einwenden, dass man sich mit solchen Szenarien aus jeder ernsthaften Diskussion verabschieden würde. Man kann den shit-storm schon förmlich brausen hören.
Man könnte ins Feld führen, dass man mit solchen Provokationen die wachsende Akzeptanz bzgl. des Transformationsprozesses eher gefährden könnte (“Dann lieber alles so lassen, wie es ist”).
Man kann aber auch ganz anders argumentieren und bewerten: Ist es nicht dringend notwendig, dass endlich mal (auch in einer breiten Öffentlichkeit) mit einer angemessenen Radikalität die These in Frage gestellt wird, dass wir unsere ökologische Irrfahrt ohne Einschränkung und Verzicht stoppen könnten?
Niemand wird davon ausgehen, dass hier eine Blaupause für die konkrete Realpolitik des nächsten Jahrzehnts vorgelegt wurde. Keiner wird sich wundern, dass die Auswirkungen für Renten und Sozialsysteme genauso wenig durchgerechnet wurden wie die internationalen Folgewirkungen.
Aber ist es möglicherweise nicht viel “verrückter”, an untauglichen Konzepten und toxischen Ritualen festzuhalten, nur weil man sich einfach nicht traut, in Alternativen zu denken? Wäre eine solidarische und nachhaltige “Überlebenswirtschaft” tatsächlich schlimmer als ein ökologisches Desaster, das dann unvermeidlich zu einem ungesteuerten wirtschaftlichen Zusammenbruch führen würde?

Ulrike HERRMANN gebührt Anerkennung dafür, dass sie dieses informative und provokante Buch in den Ring geworfen hat – wohl wissend, dass man sich genussvoll auf sie stürzen wird. Vielleicht wird damit eine Diskussion angestoßen, die bisherige Denkverbote zumindest lockert.

“Das rationale Tier” von Ludwig HUBER

Bewertung: 5 von 5.

Wir haben es hier mit einem Fachbuch zu tun, das auf fast 600 Textseiten (mit ca. 100 Fußnoten und fast 1200 Literaturhinweisen) eindrücklich einen Anspruch anmeldet: Hier wird etwas Umfassendes zum Thema gesagt!
Nach der Lektüre befindet man sich als (interessierter und leicht vorgebildeter) Leser in einer Mischung von Staunen, Hochachtung und Begeisterung. Diese Gefühle bzw. Bewertungen beziehen sich gleichermaßen auf die dargestellten Inhalte, wie auf die Vermittlungs-Leistung des Autors.

Die zentrale Fragen der vergleichenden Kognitions-Biologie lassen sich leicht formulieren:
– Welche der (traditionell als typisch menschlich angesehenen) Fähigkeiten rund um das Denken und das Bewusstsein sind auch bei Tieren vorhanden?
– Bei welchen Tiergattungen findet man welche Kompetenzen in welchem Ausmaß?
– Mit welchen Methoden lassen sich solche Erkenntnisse gewinnen?
– Welche Erkenntnisse gewinnen wir aus den Tierforschungen für das Verständnis unserer höheren geistigen Fähigkeiten?
– Was lernen wir daraus über die Schnittmengen zwischen Menschen und (anderen) Tieren?
– Welche Konsequenzen könnten (oder sollten) wir daraus für den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen ableiten?

Angesichts der geradezu erschlagenden Komplexität des Themas gelingt dem Autor eine gut nachvollziehbare Strukturierung; HUBER ist nicht nur ein leidenschaftlicher Forscher, sondern auch ein vorbildlicher Didaktiker.
Nach einem kurzen historischen Abriss und einer Einführung in das Thema “Rationalität bei Tieren” geht es um zunehmend anspruchsvolle Teilfunktionen: Werkzeuggebrauch, Kausalverständnis, Gedächtnis und Planung, Gedankenlesen, Sprache und Bewusstsein.

Da sich bei der Fülle von Ergebnissen und Erkenntnissen ein inhaltlicher Einblick von vorneherein verbietet, soll hier das Methodische im Fokus stehen. Es ist nämlich wirklich unglaublich beeindruckend, mit welcher Kreativität und Akribie die Tierforscher in ihren Untersuchungs-Designs vorgehen. Dabei geht es nicht nur darum, den unterschiedlichen Arten (Menschenaffen, Affen, Vögeln, Ratten, Hunden, Insekten, …) bestimmte Leistungen zu entlocken, sondern die Experimente so zu gestalten, dass jeweils andere Erklärungsmöglichkeiten (z.B. instinktives oder zufälliges Verhalten) möglichst weitgehend ausgeschlossen werden können. Dabei kommen so komplexe und raffinierte Versuchsanordnungen zustande, dass man geradezu die Köpfe der beteiligten Wissenschaftler/innen rauchen sieht…

HUBER führt mit großer Übersicht und Ruhe durch das Labyrinth von Fragestellungen, Erkenntnissen und Alternativ-Hypothesen. Er selbst schlägt sich weder ganz auf die Seite derjenigen, die eher schnell einen Nachweis rationaler Fähigkeiten sehen, noch gibt der den Zweiflern recht, die jede letzte Unsicherheit dafür nutzen, die tierischen Kompetenzen kleinzuargumentieren.
Trotzdem wird seine Grundhaltung deutlich: HUBER ist überzeugt davon, dass in den letzten Jahrzehnten große empirische Evidenz dafür gefunden wurde, dass die kognitiven Fähigkeiten vieler Tiere in der Vergangenheit stark unterschätzt wurde. Dafür gibt es in allen Kapiteln (s.o.) eindeutige Hinweise bzw. Beweise.

Die große Stärke des Buches liegt auch darin, dass HUBER immer einen Rahmen schafft, bevor er sich ins Getümmel von Beobachtungen und Experimenten stürzt: Er klärt Begriffe, vermittelt Zusammenhänge, ordnet ein. Gleichzeitig scheut er sich nicht, einzelne Untersuchungen über mehrere Seiten detailliert zu beschreiben. Dieser Wechsel der Perspektiven macht den Text lebendig und verständlich.

Natürlich spürt man immer wieder den Spannungsbogen: Man wartet darauf, wie sich der Autor denn wohl abschließend zu der entscheidenden Frage des “Tier-Bewusstseins” äußern würde. Nach ein paar hundert abgewogenen HUBER-Seiten rechnet aber wohl niemand mehr mit einem “Knaller”…
Der Autor lässt sich nicht drängen: Er sortiert den Themenbereich, differenziert die Teilaspekte, schafft Verbindungen zwischen den angebotenen Definitionen. Einen besonderen Raum gibt der Autor auch den strukturellen und funktionalen Unterschieden zwischen den verschiedenen Gehirnen.
Eindeutig ist und bleibt, dass nur dem Menschen ein selbstreflektierendes Bewusstsein zugeschrieben werden kann, das auch das eigene Sein und Denken zum Gegenstand haben und darüber sozial kommunizieren kann. Dagegen mehren sich die Hinweise auf (mehr oder weniger ausgebildete) “nichtsprachliche Selbstmodelle”, auf deren Basis bestimmte Formen von Selbstwahrnehmung, Planung, Gefühlsausdruck und Kommunikation möglich sind (einmal ist auch von “moralanalogen” Fähigkeiten die Rede).
All dem liegt die Gewissheit zugrunde, dass auch Sprache, Hineinversetzen in andere und (Selbst)Bewusstsein Phänomene sind, die sich in der Evolution kontinuierlich bzw. schrittweise entwickelt haben: Der Geist ist eben nicht unvermittelt in den Menschen gesprungen!

Es wäre kaum anders vorstellbar: Natürlich endet dieses Grundlagenwerk nicht ohne eine Betrachtung der Konsequenzen für den Umgang des Menschen mit den “rationalen” Mitgeschöpfen (ihre Leidensfähigkeit steht sowieso außer Frage).
Sinniger Weise erweitert HUBER bei der Diskussion tierethischer Fragen den Fokus von den Tierversuchen auch auf unsere Nutztiere: Seine Erkenntnisse über die sozialen Bedürfnisse und Fähigkeiten von Schweinen stehen wohl nicht zufällig ganz am Ende seiner Ausführungen – denn hier ist der Widerspruch zwischen unserem Wissen und unserem Verhalten besonders groß.

HUBER hat ein 5-Sterne-Fachbuch geschrieben. Es ist kaum vorstellbar, dass in dem Bereich der Kognitionsbiologie in den nächsten Jahren jemand an diesem Werk vorbeikommt.

“Die geliehene Schuld” von Clair WINTER

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein zeitgeschichtlicher Roman, der sich einem problematischen Thema der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte annimmt: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Nazi-Größen nach Kriegsende im Ausland untertauchten – und einige von ihnen sogar im Auftrage der Alliierten weiter tätig waren?
Einige Antworten auf diese Fragen hat Claire WINTER in eine kunstvoll konstruierte Familiengeschichte eingewoben.

Einer Protagonistin, Marie Weißenburg, wird die Wahrheit über ihren Vater durch ihre Mutter und ihren beiden Brüder vorenthalten. Der Roman erzählt von der schmerzhaften Entdeckung der wahren Hintergründe, die weit über ein Familiendrama hinausreichen.
Doch der Bogen wird weiter gespannt: Im erweiterten Bekanntenkreis von Marie sind zwei Journalisten (Jonathan und Vera) auf der Spur von Fluchtwegen und kriminellen Machenschaften von Alt-Nazis. Weiter kompliziert wird die ganze Angelegenheit dadurch, dass englische und amerikanische Besatzer unterschiedliche Interessen bzw. Ziele verfolgen. Und im Hintergrund bekommt man mit, wie im Umfeld von Adenauer – für den Marie als Sekretärin arbeitet – gerade unser Grundgesetz gebastelt wird

Geboten wird ein durchaus anregendes Gebräu von historischer Aufklärung, Spannung und Liebesgeschichten – wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Ambivalenzen bzgl. der Loyalität gegenüber “Tätern” in der eigenen Familie gesetzt wird. Die persönliche Reifung von Marie von einer “kleinen Schwester” zu einer engagierten und charakterstarken jungen Frau bekommt viel Raum.
Auf politischer bzw. zeitgeschichtlicher Ebene wird bewusst gemacht, wie weit unter dem Label “Antikommunismus” die Zusammenarbeit amerikanischer Stellen mit Teilen der Nazi-Elite (besonders in den Geheimdiensten) ging.

Bzgl. des “Herz/Schmerz-Faktors” und der immer wieder recht pathetischen (auch mal kitschverdächtigen) Sprache teilen sich wohl die Geister: Wer so einen Roman liest, muss einfach wissen, dass bestimmte Klischees bedient werden, um einen bestimmten Publikumsgeschmack zu treffen. Hier wird Geschichte personalisiert und emotionalisiert – das muss aber nicht verkehrt sein. Man muss es nur mögen (oder in kauf nehmen).
Wer historische Romane für sich als passenden Zugang zur Zeitgeschichte entdeckt hat, wird von diesem Buch sehr wahrscheinlich nicht enttäuscht werden.

“A Perfect Match” von Guido F. GEBAUER

Bewertung: 4.5 von 5.

Mein Gesamturteil:
Ein praktischer, anwendungsfreundlicher und gleichzeitig seriöser Ratgeber für Menschen, die eine Partnerschaft suchen und sich dabei auch in der Online-Welt umschauen wollen.

GEBAUER ist ein gründlicher Mensch: Schrittweise, logisch strukturiert und mit didaktischem Geschick begleitet er die Partnersuchenden durch den gesamten Prozess – von der Entscheidung („Ja, ich will wirklich eine Beziehung“) bis zur Erhaltung der Beziehungsqualität im Alltag („So kann ich es auf Dauer hinbekommen“).
Der Autor bedient eine ganze Reihe von Ebenen parallel: Er gibt Anleitungen zur Selbstreflexion, gibt sachliche Informationen zu allgemeinen Beziehungsthemen, untermauert wichtige Fragestellungen mit empirischen Daten und gibt handfeste Tipps für die Auswahl von Vermittlungs-Angeboten, für die Selbstdarstellung im Netz und für die Beziehungs-Anbahnung.
Man könnte fast sagen: Ein „Rundum-Sorglos-Paket“ für den Weg zum Beziehungs-Glück!

Der Autor zeigt sich in seinem Ratgeber durchaus als Fachmann mit klaren Haltungen und Empfehlungen. Gespeist werden diese aus zwei Quellen: Er ist Psychologe und ist selbst ein einer Partner-Agentur tätig. Eine Vermischung zwischen fachlicher Beratung und kommerziellen Eigeninteressen ist aber an keiner Stelle spürbar. Indirekt steckt natürlich – zwischen den Zeilen – die Botschaft, dass er sich ganz bestimmt dafür einsetzt, dass in seinem Verantwortungsbereich die formulierten Regeln und Maßstäbe eingehalten werden.

Sympathisch ist beispielsweise, dass GEBAUER sich kompromisslos für Ehrlichkeit und Authentizität einsetzt – sowohl bei der Selbstdarstellung im Netz, als auch in der Phase des Datings (also der Partnerauswahl bzw. Beziehungsanbahnung). Auch, dass man während einer ernsthaften Beziehungsanbahnung nicht unbekümmert weitere „Eisen im Feuer“ hält, gehört zu seinen Fairness-Regeln.
Gleichzeitig warnt GEBAUER ganz offen vor den Risiken, die im Bereich der Online-Partnersuche (sowohl emotional als auch finanziell) lauern. Dabei differenziert er sorgfältig zwischen den verschiedenen Plattformen: Dating-Apps, Online-Partnerbörsen und Partnervermittlungen.
Sicherlich hilfreich sind auch Hinweise darauf, dass eine zu enge Festlegung auf bestimmte Auswahlkriterien (Aussehen, Alter, Wohnort, materielle Rahmenbedingungen) letztlich die Chancen eines „Matches“ (eines Treffers) stark einschränken könnte.

Überhaupt schlägt der Autor immer wieder vor, sich von starren und unhinterfragten „Beziehungs-Bildern“ zu lösen: Liebe/Partnerschaft kann ganz unterschiedlich aussehen (auch dazu gibt es jede Menge Infos) und muss weder mit einer himmelhochjauchzenden Verliebtheitsorgie beginnen, noch muss sie in das Standardmodell einer streng-monogamen und zusammenwohnenden Beziehung münden.

Gebauer macht an verschiedenen Stellen deutlich, dass sich Beziehungsglück nicht von alleine einstellt. Er verlangt von seinen Lesern/Leserinnen zunächst einmal Ehrlichkeit vor sich selbst: Bin ich wirklich beziehungsbereit? Habe ich die Motivation, mich offen zu zeigen, mich ernsthaft einzulassen, geduldig zu sein und auch Kompromisse einzugehen? Schleppe ich vielleicht noch Hypotheken mit mir herum, die ich besser vorher angehen sollte (z.B. ein Suchtproblem)?
An anderer Stelle nimmt der Psychologe seine Schützlinge sehr direkt an die Hand und beschreibt in fast oberlehrerhaften Form, wie eine „Profildarstellung“ in einer Online-Agentur genau gestaltet werden sollte.

Insgesamt wird deutlich, dass sich die Online-Partnersuche in wichtigen Punkten von der Alltags-Situation unterscheidet: Viele grundsätzliche Entscheidungen werden zu einem frühen Zeitpunkt gefällt – lange bevor es um einen konkreten Menschen geht. Im echten Leben muss man alles gleichzeitig beachten und sortieren: die strukturellen und die emotionalen Ebenen.
Andersherum mutet die systematische Vorbereitung auf die (irgendwann später) stattfindende Begegnung ein wenig so an, als würde man eine wichtige Konsumentscheidung (z.B. für eine Wohnung oder ein Auto) treffen.
Vermutlich muss man das für sich selber mal ausprobieren. Die Schwelle dafür zu senken – das ist dem Autor in diesem Buch ganz sicher gelungen!

“Herr aller Dinge” von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 5 von 5.

ESCHBACH gehört zu den erfolgreichen Vielschreibern dieses Landes. Seine Romane loten gerne Grenzen aus: geschichtliche, technische, logische und menschliche. Fast alle seine Geschichten überschreiten die normale Alltagsrealität und bieten so eine besondere Form der gehobenen Unterhaltung.
Dieser Roman stammt aus dem Jahr 2011 und ist unbestreitbar eines seiner Meisterwerke.

Wir begleiten das erst in Japan, später in den USA beheimatete Genie Hiroshi von seiner Kindheit bis ins reife Erwachsenenalter. Dabei lassen ihn zwei schicksalhafte Besonderheiten nicht los: Sein Traum, durch die Entwicklung einer neuen Roboter-Technologie die Welt (zum Besseren) zu verändern, und die wechselvolle und dramatische Beziehung zu seiner Kindheits-Freundin Charlotte, die auf eine sehr spezielle Art auch die Frau seines Lebens wird.

ESCHBACHs Erzähl-Energie scheint in diesem Roman geradezu unerschöpflich zu sein. Schon die empathisch geschilderte Kinderfreundschaft, die Standesunterschiede kreativ überwindet, lässt einem Hiroshi und Charlotte ans Herz wachsen. Spätestens nach der Studienzeit ist man als Leser/in dem weiteren Geschehen völlig ausgeliefert: Man will, dass der Computer-Freak mit seinen Nano-Robotern den großen Durchbruch schafft
Die vier Lebensabschnitte der beiden Protagonisten, die genauer betrachtet werden, haben fast schon den Charakter von eigenständigen Erzählungen.

Der Bogen von realer Wissenschaft (Paläontologie, Astrologie, Nano- und Computertechnologie) bis zu den hier ausgebreiteten Zukunftsfantasien wird von ESCHBACH weit gespannt. Und doch hat man das Gefühl, das die reichlich gebotene Science-Fiction hier nicht als Selbstzweck zum Einsatz kommt. Alles ist in einen “Roten Faden” eingewebt, der sich im Lebensthema des Protagonisten manifestiert.
ESCHBACH scheut sich dabei nicht, seinen Figuren partiell auch übermenschliche Fähigkeiten zuzuschreiben oder sich in sehr weitgehende kosmische Spekulationen vorzuwagen. Gleichzeitig schafft er es, der Erzählung immer wieder eine Bodenhaftung zu verleihen, sie auf die menschliche Erfahrungs-und Gefühlswelt zu beziehen.

Der Roman spielt konsequent mit dem Thema Weltverbesserung durch wissenschaftlich-technologischen Fortschritt. In seiner omnipotenten Vision ist Hiroshi davon überzeugt, dass die unbegrenzte Verfügungsmöglichkeit über alle Güter die Lösung aller Menschheitsprobleme darstellen würde – also will er Maschinen bauen, die buchstäblich ALLES herstellen können.
Die Frage, ob sein erstrebtes Geschenk an die Menschheit diese positive Utopie tatsächlich erfüllen könnte, wird in dem Roman leider nur gestreift. Man würde ESCHBACH gerne fragen, ob er – nach 10 Jahren Nachhaltigkeits-Diskussion – noch genauso eindeutig darauf setzen würde, dass “jeder alles” haben sollte.
Dass eine so unfassbar mächtige Technologie durch reale Menschen kaum beherrschbar sein würde – das wird mehr als deutlich.

Natürlich: Wir sprechen hier nicht über einen literarisches Kunstwerk im Sinne der “Hochkultur”. ESCHBACH schreibt anregende Unterhaltungsliteratur, bei der es manchmal auch das ein oder andere überflüssige Klischee und die üblichen Überzeichnungen auf der Gut/Böse-Dimension gibt. So ist z.B. der schon zu Uni-Zeiten eingeführte Gegenspieler ein solcher Unsympath, dass man wirklich nicht nachvollziehen kann, warum er Charlotte für sich gewinnen konnte. Auch muss man eine Weile mit den doch sehr pubertären Welten des amerikanischen Studentenlebens zurechtkommen.

Doch solche kleinen Dämpfer können den Gesamteindruck nicht stören:
Selten sind Spannung, Emotionalität und technische Zukunftsvisionen so anregend, fantasievoll und facettenreich zu einem unterhaltsamen Gesamtkunstwerk vermengt worden. Den am Ende drohenden Ausschluss aus der Welt von Hiroshi und Charlotte erlebt man fast als einen aggressiven Akt bzw. als einen echten Verlust, der ein wenig “Trauerarbeit” erfordert.