“Der neue Gott” von Claudia PAGANINI

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine spannende Fragestellung mitten im KI-Hype: Ist die Künstliche Intelligenz auf dem Weg, traditionelle Gottesbilder zu ersetzen? Steuern wir also zu Beginn des 3. Jahrtausend unserer Zeitrechnung auf eine neue Form der Göttlichkeit zu?

Dass die Autorin diese Frage ernst und wörtlich meint, lässt sich zunächst daran ablesen, dass sie Philosophin und Theologin ist. Für sie ist der Bezug zur Begrifflichkeit “Gott” also nicht nur eine publikumswirksame Metapher, sondern sehr konkret hinterlegt.
Noch deutlicher wird dann der theologische Bezug, wenn man in den Text einsteigt: PAGANINI liefert für den Rahmen ihrer Betrachtungen zur Rolle der KI nämlich nicht weniger als einen ziemlich detaillierten religionsgeschichtlichen Grundkurs. Sie führt die Leserschaft durch die kulturellen Stufen der Ausgestaltung von Göttlichkeit – beginnend bei ersten animistischen Naturgeistern bis hin zu den weltumgreifenden monotheistischen Gottesfiguren.

Die Autorin hat sich für die Untersuchung ihrer Hypothese eine Systematik ausgedacht, die einer Wissenschaftlerin zur Ehre gereicht: Sie hat sich die Grunddimensionen der alleinherrschenden Götter (in Christentum, Islam und Judentum) vorgenommen und diese einzeln mit den Eigenschaften verglichen, die man (angeblich) inzwischen den KI-Systemen zuschreibt.
PAGANINI schreibt also über “Allgegenwärtigkeit”, “Allwissenheit”, “Allmächtigkeit”, “Transzendenz”, “Nahbarkeit”, “Gerechtigkeit”, “Sinnstiftung” und “Fürsorglichkeit”.
Und sie tut das wiederum in einer bemerkenswerten Detailtiefe: Bevor sie diese Aspekte in der KI-Welt untersucht, greift sie noch einmal tief in die Theologie, um die Dimensionen dort zu unterfüttern.

Die von ihr herausgearbeiteten Schnittmengen zwischen alten Göttern und dem neuen KI-Gott sind durchaus nachvollziehbar und anregend.
Allerdings stimmt die Gewichtung nicht: Um sich schlaue Gedanken über die göttlichen Attribute der KI zu machen, ist es schlichtweg nicht notwendig, die jeweils betrachtete Dimension über die gesamte Religionsgeschichte zu verfolgen. An dieser Stelle bekommt man als Leser/in eher den Eindruck, dass die Autorin einfach aus der Tiefe ihres Fundus schöpfen will. Der Fragestellung des Buches hingegen nützt es eher wenig.

Ganz überzeugend ist der Ansatz von PAGANINI trotz aller Detailkenntnis und Systematik letztlich nicht. Göttlichkeit lässt sich als Summe der zugeschriebenen Attribute – also durch die hier angewandte Schablone – nicht allumfassend definieren. Vor allem wird von gläubigen Menschen Göttlichkeit mit einer emotionalen Gesamtbedeutung unterlegt, die sich nicht aus Einzelbausteinen zusammensetzen lässt. Auch der Aspekt der “letzten Erklärung” für die Erschaffung des Universums lässt sich in das KI-Modell kaum integrieren. So bleibt die spannende Frage nach dem “neuen Gott KI” letztlich doch zu einem guten Teil unbeantwortet.

Eine spannender Alternativansatz wird übrigens von dem Historiker und Bestseller-Autor HARARI vertreten: Für ihn beinhaltet die Übernahme der Sprachfähigkeit durch die aktuellen KI-Modelle letztlich auch das Potential, völlig neue Religions-Narrative zu generieren. Die so geschaffene neue Göttlichkeit würde dann nicht auf den Funktionen der KI selbst beruhen, sondern auf die Ausgestaltung neuer Glaubens-Systeme, die perfekt auf die Bedürfnisse einzelner Menschengruppen zugeschnitten sein könnten.
Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, welche Perspektive mehr prognostische Kraft einfaltet.

Das Buch von PAGANINI ist vor allem für die Leserschaft eine Empfehlung, die bei der Reflexion über den Charakter, die Möglichkeiten und Risiken der KI gerne noch einen ausführlichen theologischen Nachhilfeunterricht mitnehmen.
Für die Meinungsbildung über das Gesamtphänomen KI liefert PAGANINI ganz sicher einen lesenswerten Beitrag.

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“Die Macht der Musik” von Ullrich Fichtner

Bewertung: 4.5 von 5.

Es gibt sie, die Themen, die unangefochten im Mittelpunkt des aktuellen gesellschaftlichen Interesses stehen: Zu nennen wären da im Moment (Anfang 2026) die geopolitischen Veränderungen und Bedrohungen, die Frage der militärischen Macht, das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen, die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Sicherung unserer Sozialsysteme. Dazu kommt das Mega-Thema “KI”, das unaufhaltsam in alle Lebensbereiche einsickert.
Ist das die Zeit, ein Buch über Musik zu schreiben und zu lesen?
Der bekannte SPIEGEL-Journalist Ullrich FICHTNER hat diese Fragen für sich – und seine potentiellen Leserschaft – mit “ja” beantwortet.

In einem Satz könnte man es so sagen: Die Breite und der Tiefgang dieser sprachgewaltigen Reise durch das schier grenzenlose Universum der Musik vermittelt ein bemerkenswertes Leseerlebnis, das wohl kaum einen Musikfan unberührt und unbefriedigt zurücklassen wird.

Tatsächlich ist es die unglaubliche Vielfalt der betrachteten musikalischen Facetten, die einem als erstes den Atem verschlägt. Angesichts seiner eigenen – meist eher begrenzten – geschmacklichen Schwerpunktsetzungen, erscheinen die Offenheit, die Zugangswege und das Detailwissen des Autors fast übermenschlich. Man fragt sich ernsthaft: “Kann ein einzelner Mensch das alles auf sich vereinen? Kann man gleichzeitig Freund von und Experte für so viele – offensichtlich unvereinbare – Musikstile, Genres, Traditionen sein?
FICHTERs Antwort könnte diese Gegenfrage sein: “Wieso ‘unvereinbar’?

Wenn es eine zentrale Botschaft in diesem Buch gibt, dann folgende: Es gibt nur das eine große Menschheits-Phänomen ‘Musik’, das zentral und unwiederbringlich in Biologie und Kultur des Menschen eingebrannt ist.
Vor diesem Hintergrund gibt es für FICHTNER keine ‘gute’ und keine ‘schlechte’, keine ‘niveauvolle’ oder ‘banale’ Musik. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit steht, was Musik mit dem Menschen macht, was sie für ihn bedeutet, welchen Funktionen sie dienen kann.
Der Autor weiß ohne Zweifel viel über Musiktheorie, über die Kulturgeschichte der Musik, über die wirtschaftlichen Verwertungsmechanismen. Er teilt dieses Wissen auch mit uns.

Aber seine zentrale Botschaft ist eine andere: Er will erreichen, dass wir diesem ‘Schatz’ die Aufmerksamkeit schenken, die ihm zukommt.
Zwar tun wir das auf bestimmten Ebenen: So ist Musikberieselung überall präsent, die wirtschaftliche Bedeutung ist in Zeiten, wo Tourneen der Weltstars erstmals Milliarden einspielen, unübersehbar.
Gleichzeitig aber – so redet FICHTNER uns immer wieder ins Gewissen – vernachlässigen wir aufs Sträflichste die Möglichkeiten, die der verstärkte Einsatz der Musik in den Bereichen Erziehung, Bildung, Psychohygiene, Gesundheitsprophylaxe, Therapie, Resozialisierung und Rehabilitation spielen könnte. So hält er es beispielsweise für skandalös, dass ausgerechnet in Zeiten des digitalen Overflows ein beträchtlicher Teil der schulischen Musikbildung schlicht dauerhaft ausfällt.
Natürlich belegt FICHTNER seine Thesen in diesem Bereich mit entsprechenden Untersuchungen bzw. Befunden.

Über so etwas extrem Sinnliches wie Musik zu schreiben, ist schon prinzipiell eine Herausforderung. FICHTNER ist auf diesem Gebiet wahrlich ein Virtuose! Dass er es schafft, die passenden Worte für extrem unterschiedliche Musikrichtungen zu finden, ist wirklich bewundernswert.
Der Autor lässt wohl keinen Musikliebhaber mit seinen Vorlieben am Wegrand stehen: So sitzt der Wagnerianer mit dem Deep Purple-Fan in einem Boot, und zusammen steuern sie zuerst zum Klassik-Festival und dann zum Welt-Musik-Treffen. Zwischendurch gehen sie alle zusammen ins Kino und erfreuen sich an der Disney-Gassenhauern für die ganze Familie.

Sehr gut funktioniert auch seine Idee, sich durch die Leserschaft zu verschiedenen typischen Schauplätzen von Musikveranstaltungen begleiten zu lassen. So reist man mit FICHTNER rund um die Welt: zum Jazz-Festival nach Montreux, in die elitäre Klassikwelt ins Schloss Elmau, zum ewig jungen Gitarrenlehrer der Nation nach Duisburg, zum Mahler-Festival nach Amsterdam.
Einer ist offenbar überall zu Hause: Ullrich FICHTNER – und seine Liebe zur Musik!

Um dieses Buch in vollem Umfang zu genießen, sollte man wohl zwei Voraussetzungen mitbringen: Irgendeine musikalische Leidenschaft (egal welche) und die Bereitschaft, sich auf ganze andere musikalische Welten zumindest für eine Kapitellänge einmal einzulassen.
Zugegebener Weise ist letzteres nicht immer ganz einfach: FICHTNERs sprachliche Kürübungen sind zwar ohne Zweifel beeindruckend; aber in dieser Detailtiefe seitenlang über musikalische Facetten informiert zu werden, die völlig außerhalb des eigenen Spektrums liegen, ist auch eine Herausforderung. Da darf man vielleicht ein paar Abschnitte auch mal überfliegen…

Haben Sie schon länger nicht über Musik nachgedacht, obwohl sie doch eigentlich Musik lieben? Dann könnten sie sich den Gefallen tun und dieses Buch lesen!

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“Little Addictions” von Catherine GRAY

Bewertung: 4 von 5.

Die Szene der Selbsthilfeliteratur hat sich in den letzten 10-20 Jahren gewandelt:
Früher konnte man davon ausgehen , dass es in Bezug auf wissenschaftliche Seriosität einen deutlichen Unterschied zwischen einem etablierten journalistischen Zugang und einer Betroffenen-Sichtweise gab. Inzwischen löst sich dieser Unterschied immer häufiger in Luft auf.
Dieses Buch von Catherine GRAY ist ein überzeugendes Beispiel dafür.

GRAY ist im Bereich kleinen und großen Süchte ganz eindeutig eine Betroffene. Sie macht nicht nur keinen Hehl daraus, sondern sie benutzt dieses Insider-Wissen als Roten Faden bei ihrer Reise durch die “Kleinen Abhängigkeiten (die im Untertitel dann noch als “schlechte Angewohnheiten” verniedlicht werden).
Sie spricht nicht nur sehr eindeutig von Ihrer (überwundenen) Alkohol-Sucht, sondern macht ihre (unterschiedlichen) Erfahrungen und Gefährdungsniveaus für alle besprochenen Bereiche zum Thema. Das Spektrum ist breit gefächert und deckt sowohl stoffgebundene (Alkohol, Nikotin, Koffein, Cannabis, hochverarbeitete Lebensmittel), als auch verhaltensbezogene problematische “Gewohnheiten” ab (Glücksspiel, Medien, Pornogafie, Beziehungen/Sex, Konsum, usw.).

Entscheidend für die Qualität und Wirkung des Buches ist jedoch die Kombination von Authentizität (“ich war/bin ein teil der Szene; ich weiß wie sich das anfühlt, ich bin alles andere als eine “Heilige”) und solider Fachkunde. Und so, wie GRAY auf der Erfahrungsebene aus dem Vollen schöpfen kann, hat sie auch im Bereich der fachlichen Vertiefung einiges zu bieten: Sie hat sich nicht nur in die psychologischen und neurophysiologischen Grundlagen eingelesen, sondern hat auch zahlreiche Gespräche mit Experten und Expertinnen geführt (u.a. in einer etablierten Entzugsklinik).
So erfahren wir eine Menge über die Arbeits- und Wirkungsweise unserer neuronalen Belohnungszentren, über sinnvolle Selbstkontroll-Strategien und therapeutische Methoden.

Für die Seriosität ihres Textes spricht auch die klare Unterscheidung zwischen “kleinen” und “großen” Abhängigkeiten. Sie gibt konkrete Hinweise, wann eine problematische Angewohnheit sich zu einem ernsthalten gesundheitlichen Risiko auswächst und professionelle Hilfe benötig.

Somit ist die Zielgruppe für diese informative und alltagsnahe Publikation klar zu umreißen: Es sind Menschen, denen ein rein sachbezogener Zugang zum Thema zu “trocken” wäre und die sich lieber von jemandem ansprechen und motivieren lassen, der den “alltäglichen Wahnsinn” mit all seinen Verlockungen und Versuchungen selbst durchlebt und durchlitten hat.
Hier, gegenüber Catherine GRAY, muss sich wirklich niemand seiner Schwächen schämen. Selbst wenn man schon viel Selbstachtung verloren haben sollte – die Autorin zeigt, dass man nicht alleine ist und – was noch wichtiger ist – dass man sich auch von ziemlich weit unten wieder hocharbeiten kann. Und GRAY vergisst auch nicht, auf die Mitverantwortung derjenigen hinzuweisen, die die entsprechenden “Suchtmittel” herstellen, bewerben und nicht regulieren bzw. extrem leicht zugänglich machen.
Wer allerdings nur die Sachinformation sucht, den werden all die persönlichen Erfahrungen und Bekenntnisse aus einem “bewegten” Leben vermutlich eher nerven.

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