“Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz” von Oliver HOFFMANN

Bewertung: 2 von 5.

“Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz” von Oliver Hoffmann ist ein Buch, bei dem sich sehr früh Fragen stellen, die deutlich über die üblichen Kriterien einer Sachbuchrezension hinausgehen. Es geht nicht primär um Stilfragen, nicht um Detailkritik einzelner Argumente und nicht einmal um die fachliche Qualifikation des Autors – die zumindest vom akademischen Grad unbestritten ist. Es geht um die irritierende Tatsache, dass ein etablierter Wissenschaftsverlag eine Publikation vorlegt, deren formale und inhaltliche Anlage das Lesen in einer Weise erschwert, die man als Zumutung bezeichnen muss.

Der zentrale strukturelle Eindruck dieses Buches ist Redundanz – und zwar in einem Ausmaß, das alle anderen Beurteilungskriterien überlagert. Argumente, Formulierungen und Thesen werden nahezu unverändert wiederholt, nicht nur zwischen Kapiteln, sondern innerhalb von Abschnitten und sogar von einzelnen Seiten. Bestimmte Formulierungen (“Die modernen KIs können große Datenmengen analysieren und sehr gut Muster erkennen”) kann man als Lesender nach wenigen Seiten nicht nur auswendig herbeten, sondern sogar mit großer Sicherheit für den nächsten Abschnitt vorhersagen.
Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Leser oder eine Leserin ohne die Verpflichtung zur Rezension dieses Buch tatsächlich vollständig und aufmerksam liest, ohne irgendwann in ein bloßes Querlesen oder selektives Überfliegen zu verfallen. Redundanz kann, richtig eingesetzt, der Präzisierung dienen oder komplexe Argumente absichern. Hier jedoch erreicht sie ein groteskes Niveau, das den Text strukturell lähmt.

Dabei ist die Grundintention des Autors ausdrücklich ernst zu nehmen. Hoffmann verfolgt eine klare Mission: Er möchte dafür sensibilisieren, dass spezifisch menschliche Kompetenzen – Autonomie, Selbstreflexion, Empathie, moralische Verantwortung, Werteorientierung – nicht vorschnell einem technologischen Fortschrittsnarrativ geopfert werden. Er plädiert für eine nüchterne, kritische Einschätzung von KI-Systemen, warnt vor Überhöhung, vor einem naiven KI-Hype und vor der Illusion, maschineller Output könne menschliches Verstehen, Erleben und soziale Beziehung tatsächlich ersetzen. Diese Stoßrichtung ist legitim, wichtig und gesellschaftlich relevant. Man spürt zudem deutlich, dass der Autor auch persönlich von diesem Anliegen getragen ist.

Das Problem beginnt dort, wo Überzeugung mit Wiederholung verwechselt wird. Die zentralen Thesen dieses Buches ließen sich ohne Substanzverlust auf wenige Seiten verdichten. Die Ausweitung auf fast 300 Seiten wäre nur dann gerechtfertigt, wenn sie durch empirische Befunde, differenzierende Beispiele, Gegenargumente oder neue Perspektiven getragen würde. Genau das geschieht jedoch nicht. Stattdessen werden Behauptungen wiederholt, Fragen gestellt, um sie mit inhaltsgleichen Antworten wieder zu schließen, und Argumentationsschleifen erzeugt, die keinen zusätzlichen Erklärungswert liefern.

Besonders irritierend ist dabei die wissenschaftliche Anlage. Hoffmann zitiert außerordentlich fleißig – fast inflationär. Doch sämtliche Literaturverweise stammen aus der Zeit vor der Revolution generativer KI. Keine einzige Quelle bezieht sich auf Entwicklungen nach 2020, geschweige denn auf die Umbrüche seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022. Für ein Buch, das 2025 erschienen ist und sich explizit mit dem Verhältnis von Psychologie und KI befasst, ist diese Leerstelle nicht plausibel zu erklären. Produktionsverzögerungen reichen als Begründung nicht aus. Hier wird Aktualität nicht nur verfehlt, sondern systematisch ausgeblendet – ein Umstand, der weniger dem Autor allein als vielmehr dem Verlag angelastet werden muss.

Auch inhaltlich zeigt sich eine problematische Vereinfachung. Das dem Buch zugrunde liegende Menschenbild operiert mit einem erstaunlich unkritischen Autonomiebegriff. Implizit wird suggeriert, menschliches Handeln sei vor der KI primär das Ergebnis freier, innerer Abwägungen gewesen, während nun erstmals die Gefahr der Fremdbestimmung drohe. Historische, soziale, kulturelle und psychologische Prägungen menschlichen Verhaltens werden dabei weitgehend ignoriert. Das Ergebnis ist ein überzeichnetes Schwarz-Weiß-Schema: hier die autonome, selbstbestimmte Menschheit, dort die drohende Entfremdung durch KI-Maschinen. Eine solche Vereinfachung ist analytisch unhaltbar – und eines Psychologie-Professors nicht würdig.

Ähnlich problematisch ist der Umgang mit der Frage nach der praktischen Wirksamkeit von KI-gestützten Interaktionen. Dass KI kein Bewusstsein, kein Selbsterleben und keine emotionale Tiefe besitzt, ist korrekt – und unstrittig. Doch die entscheidende Frage lautet: Kann der simulierte soziale Output dennoch hilfreich, unterstützend oder wirksam sein? Diese Frage wird zwar gelegentlich gestellt, aber nie ernsthaft beantwortet. Stattdessen verweist der Autor immer wieder auf das fehlende Selbsterleben der Maschine – ein argumentativer Kurzschluss. Empirische Studien, die die Wirkung von KI-Dialogen auf emotionale Befindlichkeit, Verhalten oder subjektive Unterstützung untersuchen, existieren. Sie werden jedoch nicht herangezogen. Ein akademisch hochqualifizierter Autor stellt relevante Fragen, verzichtet aber auf die wissenschaftlichen Methoden, die seine Disziplin zur Beantwortung bereithält. Unerklärlich!

So bleibt am Ende ein Buch mit ehrenwertem Anliegen, aber gravierenden Schwächen: formal überladen, inhaltlich redundant, methodisch erstaunlich unscharf und wissenschaftlich unzeitgemäß. Die Psychologie und die Künstliche Intelligenz verteidigt das Menschliche mit großem Pathos – unterminiert dieses Anliegen jedoch durch argumentative Vereinfachung und verlegerische Nachlässigkeit. Für ein Sachbuch aus einem renommierten Wissenschaftsverlag ist das nicht nur zu wenig, sondern völlig unakzeptabel.

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“Was wir wissen können” von Ian McEwan

Bewertung: 3.5 von 5.

Der bekannte britische Autor ist für psychologisch ausgefeilte Geschichten bekannt, die sich oft die Grenzen von gesellschaftlichen und moralischen Fragestellungen heranwagen. Es werden dabei immer wieder in kreativer und mutiger Form Entwicklungen zu ende gedacht und es wird dabei gerne auch an üblichen Tabugrenzen gerüttelt.

Mit dem aktuellen Roman nimmt McEwan eine extrem ungewöhnliche Perspektive ein:
Er schaut aus dem Jahre 2119 auf unsere (gegenwärtige) Epoche zurück und betrachtet eine private Episode aus dem britischen Künstlermilieu mit einer Akribie, die noch über Detailverliebtheit hinausgeht: Es ist Detailversessenheit!
Der Autor schafft dafür eine Rahmenhandlung, in der der junge Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe aus 200jährigen Distanz das Schaffen des Dichters Francis Blundy erforscht. Insbesondere geht es dabei um ein verschollenes und mythenumwobenes Gedicht, das der berühmte Poet seine Frau Vivien gewidmet und geschenkt hat.
In diesem Zusammenhang führt die Auswertung von Archivmaterial (insbesondere von Tagebucheinträgen und Briefen) dazu, dass nicht nur einzelne Begebenheiten rund um das Gedicht minutiös rekonstruiert werden, sondern auch sehr intime Beziehungsgeschichten des Künstlerehepaares ans Tageslicht kommen.

Die Stärke dieses Romans liegt für mich eindeutig in seiner Perspektive: Die Entscheidung, eine zerstörte Zukunft auf unsere Gegenwart zurückblicken zu lassen, eröffnet einen ungewohnten Blick auf das Hier und Jetzt. Die Archivsuche in der Rahmenhandlung, die Rekonstruktion einer fast „mythischen“ Vergangenheit und die Frage, was von unserem Leben, unseren Debatten und Eitelkeiten überhaupt bleibt, ist konzeptionell reizvoll. Gerade diese Metaebene – wie sich Geschichte über Dokumente, Fragmente und blinde Flecken erzählt – sorgt zunächst für ein hohes Maß an intellektueller Faszination.

Gleichzeitig ist genau hier das Problem: Die Materialfülle, mit der der Roman seine Figuren, ihre Biografien, die literarischen Bezüge und vor allem den berühmten Sonettenkranz ausleuchtet, wirkt zunehmend erdrückend. Was anfangs wie eine detailreiche, lustvoll komponierte Textwelt beginnt, kippt im Verlauf in eine beinahe groteske Konzentration auf Einzelheiten. Man fragt sich als Leser: Wozu diese Überfülle? Was ist der übergeordnete Sinn all dieser minutiös ausgeleuchteten Szenen und Informationen – außer der demonstrativen Gelehrsamkeit der Konstruktion selbst?

Besonders interessant ist die Zeichnung des intellektuell-künstlerischen Milieus, in dem sich die zentrale Figurenkonstellation bewegt. Die Liebesaffären, heimlichen Neigungen und Parallelleben werden nicht als bloß oberflächliche Eskapaden geschildert, sondern als ernsthafte, teils geistig grundierte Beziehungen. Zugleich bleibt dieses Milieu deutlich vom „normalen Leben“ abgehoben: eine Oberschicht aus Dichtern, Intellektuellen und Kunstschaffenden, die sehr mit sich selbst, ihren Projekten und Befindlichkeiten beschäftigt ist. Der Dichter Francis erscheint dabei als narzisstische Figur, die sich und ihre Kunst zum Zentrum der Welt erklärt – eine Figur, die ebenso kritisch wie glaubwürdig gezeichnet ist, zugleich aber den Eindruck verstärkt, dass sich der Roman sehr stark um sich selbst und seine eigene Künstlichkeit dreht.

Die politische und ökologische Dimension ist klar markiert: Die erzählte Zukunft ist das Resultat mehrfacher Katastrophen – Klimadesaster, Kriege, ein begrenzter Atomschlag –, und die Zivilisation erreicht nie wieder den Stand unserer Gegenwart. Dass Francis als naiver, ignoranten Klimawandelleugner inszeniert wird, ist dabei kaum subtil: Hier wird deutlich, wie sehr dem Text die drohende Klimakatastrophe als moralischer und politischer Bezugspunkt am Herzen liegt. Der Konflikt zwischen ihm und seiner Frau Vivien erhält dadurch eine zusätzliche Schärfe: Es prallen nicht nur Charaktere, sondern auch Haltungen zur Realität, Verantwortung und Zukunft aufeinander.

Erzählerisch ist der späte Perspektivwechsel hin zu Vivien einer der interessantesten Züge des Buches. Wenn ihre Aufzeichnungen auftauchen und der Leser die Ereignisse noch einmal aus ihrem Blickwinkel erlebt, entsteht ein produktiver Kontrapunkt zur vorher stark auf Francis fokussierten Darstellung. Plötzlich verschiebt sich der Fokus, die vermeintlichen Gewissheiten werden relativiert, und man ahnt, wie brüchig das ist, „was wir wissen können“. Umso bedauerlicher ist, dass diese neue Perspektive in der Rahmenhandlung nicht wirklich weiterverarbeitet wird und der Roman in einem relativ abrupten Schluss endet, der eher Ratlosigkeit erzeugt als einen starken, nachhallenden Schlusspunkt.

Im letzten Teil, in dem die Erzählung zunehmend in Richtung einer Kriminalgeschichte kippt, verstärkt sich der Eindruck einer gewissen Unwucht: Die Mischung aus dystopischer Zukunftsvision, Milieustudie der intellektuellen Oberschicht, Liebesgeschichte(n), poetologischem Spiel um den Sonettenkranz und Krimimomenten bleibt zwar originell, aber nicht wirklich aus einem Guss. Zurück bleibt ein Leseeindruck, der zwischen Bewunderung für die Konstruktion und Ermüdung durch die Detailversessenheit schwankt. Die kreative Anlage, die ungewöhnliche Perspektive und die thematische Ambition sind unbestreitbar; doch der Roman wirkt in seiner Gesamtdramaturgie unfertig und unrund.

Fazit: Was wir wissen können ist ein anspruchsvoller, ideenreicher Roman, der Leserinnen und Leser anspricht, die Lust auf komplexe Erzählarchitekturen, literarische Spiegelungen und ein stark intellektualisiertes Milieu haben – und die bereit sind, sich durch eine sehr hohe Dichte an Informationen zu arbeiten. Wer hingegen eine klar fokussierte, erzählerisch geschlossene Geschichte erwartet, wird sich von der Detailfülle, der Überpräsenz des Sonettenkranzes und dem abrupt wirkenden Schluss eher überfordert und ein wenig unbefriedigt zurückgelassen fühlen.

(Transparenzhinweis: Der Bewertungsteil der Rezension wurde auf der Grundlage eines diktierten Basistextes mit Hilfe einer KI ausformuliert).

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